Der Baum und das Eichhörnchen

Er senkte seine Blätter und weinte, dieser Traum hatte ihn wieder unheimlich traurig gemacht. Die Tränen liefen den dunkelbraunen Stamm herunter und bildeten einen kleinen braunen Fluss, der den Berg hinablief.

Ein hellbraunes Eichhörnchen hüpfte, wie jeden Morgen, den Weg entlang und erschrak. Ein Fluss kam ihm entgegen, brauner als es selbst. Er sah schmutzig aus, überhaupt nicht klar. Viel Rinde schwamm ihn ihm, das Wasser war trüb und roch morsch.

Das Eichhörnchen hüpfte den Wasserlauf hinauf, um seinen Ursprung zu erforschen, und hielt vor einem großen, kräftigen Baum ein. Das Wasser tropfte nur so von ihm herab, lief den Stamm herunter und nahm immer mehr von der lockeren, losen Rinde mit. Schmutzig sah die Rinde aus.

Das Eichhörnchen fragte den Baum, warum soviel Wasser den Stamm herunterläuft, und der Baum hörte auf zu weinen, lauschte staunend. Jemand hatte den Weg bis zu ihm gefunden. Und jetzt sagte er, dass er einen schlechten Traum gehabt hätte, was ihn zum Weinen gebracht hat.

Das Eichhörnchen berichtete dem Baum, wie schmutzig das Wasser geworden war, was als Fluss unaufhaltsam den Berg hinablief, und der Baum wurde wieder traurig.

Emsig begann das Eichhörnchen die schmutzige Rinde vom Baume abzuknabbern und zur Seite zu legen.

"So," - sagte es ganz stolz, als es damit fertig war - "jetzt wird der Fluss, den du weinst, nicht mehr so schmutzig werden, wenn er die Straße hinunterläuft. Er ist ganz klar."

"Ja, sicherlich," - dachte der Baum - "aber niemand wird mehr erkennen, dass ich traurig bin, wenn das Wasser, was den Hang herunterläuft, immer klar und rein ist, niemand wird zu mir kommen, um zu schauen. Es wird niemanden interessieren, wo das Wasser herkommt. Und die Rinde, die du mir so fleißig abgeknabbert hast, war mein Schutz."

Aber der Baum war dem Eichhörnchen nicht böse, es konnte nicht alles wissen. Und schließlich hatte es das ja nur gut mit ihm gemeint.

Und als das Eichhörnchen ihn an den Zweigen anfasste und fragte, ob er ein Stückchen des Weges mitkommen möchte, freute sich der Baum, hörte ganz mit dem Weinen auf und hob seine schönen grünen Blätter wieder. Das Eichhörnchen hüpfte auf ihn, und der Baum lief los. Er nutzte seine Wurzeln dazu, welche die Gestalt eines einzigen riesengroßen Fußes hatten.

Laut auftretend machte er sich auf den Weg, ging über den menschenleeren Markt, dann eine Wiese entlang, schließlich, laut patschend, durch einen Fluss. Dem Eichhörnchen war es nun doch etwas zu viel des Lärmes, es sprang herab.

"Halt ein, großer Baum," - sprach es - "ich möchte dir etwas zeigen."

Sofort blieb der Baum stehen. Und das Eichhörnchen zeigte in den Fluss, durch welchen der Baum grad noch laut und zügig gelaufen war. Der Boden war aufgewirbelt, das Wasser in Bewegung. Der Baum, etwas nassgeworden, schaute in den Fluss.

"Siehst du etwas?" - fragte ihn das Eichhörnchen.

"Nein," - antwortete enttäuscht der Baum - "nichts sehe ich."

Er blickte in das Wasser, sah ganz kurz mal verzerrt darin das Eichhörnchen, in die Breite war es gezogen, fast musste der Baum darüber lachen, aber das Bild war so unwirklich, und die Wellenbewegung wischte es auch sofort wieder weg.

"Machen wir Pause." - sprach das Eichhörnchen und setzte sich an den Rand des Flusses.

Der Baum blieb, nichts verstehend, stehen und schaute das Eichhörnchen an, was bewegungslos und ganz still dasaß. Diese Ruhe wollte der Baum nicht stören, indem er wieder laut und derb im Fluss auftrat, und so blieb er regungslos auf seinem großen Fuße am Flussrand neben dem Eichhörnchen stehen, die Wurzeln begannen, sich im Erdboden zu verankern.

"Siehst du etwas?" - fragte irgendwann wieder das Eichhörnchen, eine Ewigkeit musste wohl an Zeit vergangen zu sein, es schien, die Stimme kam diesmal von ganz weit weg, der Baum vernahm sie leise.

Das Eichhörnchen saß noch immer regungslos da. Still war es rundum. Das Wasser war zur Ruhe gekommen, der Grund nicht mehr aufgewühlt. Sauber und klar war das Wasser jetzt, wie ein Spiegel lag der Fluss vor ihnen, hatte jemand seinem Lauf Einhalt geboten?

Der Baum schaute erstaunt hinein, seine Augen wurden immer größer, stolz streckte er seine vielen grünen Blätter nach oben und zu allen Seiten, seine Krone wurde breiter und breiter, er spendete dem Eichhörnchen immer mehr Schatten, was auch diesem zu gefallen schien, es sträubte gemütlich das schöne hellbraune Fell.

"Ja, Eichhörnchen," - sagte der Baum - "jetzt habe ich etwas gefunden, ich kann mich selbst in diesem ruhigen Wasser sehen, als würde ich in einen Spiegel schauen."

Und eine Weile blieben beide noch an dieser Stelle, das Eichhörnchen, still im Schatten dieses schönen Baumes sitzend, und der Baum, am Flussrand stehend und sich stolz betrachtend. Es hatte ihm noch nie jemand gesagt, dass er so wunderschöne Blätter und Zweige hat, und jetzt sah er sich selbst in dieser Stille, die herrschte.

Etwas platschte in den Fluss, es musste wohl ein Steinchen gewesen sein, ein Hund sprang hinterher, ihn aus dem Wasser zu retten, bellte dabei, das Bild verschwamm, der Baum verzerrte sich, das Wasser war in Bewegung geraten.

"Komm, Eichhörnchen," - sagte jetzt der Baum - "lass uns weitergehen, ich kann nun nichts mehr sehen in dem Flusse."

Und das Eichhörnchen hüpfte auf den Baum, der sich, als der Hund mit dem Steinchen in der Schnauze verschwunden war, wieder auf den Rückweg machte.

Kräftig und laut trat er auf, es dröhnte unter seinem großen Fuße.

Das Eichhörnchen ärgerte sich. Es sprang herunter von dem Baume, hielt diesen fest, dass er stehenblieb, dann hob es einige der Wurzeln nach oben, band sie an dem Stamme fest. Jetzt war der Fuß nicht mehr so kräftig, die Auftrittfläche nicht mehr so groß, es dröhnte nicht mehr so bei jedem Schritt, den der Baum machte.

Aber der Baum wurde immer langsamer, er konnte mit diesem kleine Fuße die große Last, die sich darauf befand, nicht lange tragen, und er kam kaum mehr vorwärts. Immer lustloser lief er, bis er ganz stehenblieb. Auf einem großen Markt stellte er sich hin, mitten auf den Parkplatz, wo sonst Autos standen, er konnte sich aber nicht festhalten, weil Asphalt unter seinem kleinen Fuße war, so konnte er seine Wurzeln nicht schlagen.

Wieder wurde der Baum traurig, senkte seine Blätter, weinte, er wusste, dass er jetzt kümmerlich aussah und niemand ihn anschauen würde.
Und alle würden über ihn schimpfen, weil er den Parkplatz wegnahm.

"Komm weiter," - sprach das Eichhörnchen - "hier können wir nicht stehenbleiben." - und der Baum lief zusammengekrümmt und lustlos weiter.
Ein Hund kam vorbei, bellte ihn, rundherum flitzend, an, es schien, er lachte ihn aus, wollte nach ihm jagen.

Jetzt sank der kräftige Baum ganz in sich zusammen und versteckte sich hinter einer Säule, dass niemand ihn mehr sehen sollte.

"Was mach ´ ich nur?" - dachte das Eichhörnchen - und dann hatte es eine Idee.

Es sprang herab vom Baume, kam etwas später wieder, füllte alles mit dem weichesten Erdboden, den es hatte finden und tragen können, auf, band die Wurzeln vom Stamme des traurigen Baumes los, so dass der Fuß wieder schön groß wurde, streichelte den Baum über seine braune Rinde und hüpfte wieder zwischen all seine grünen Blätter.

"Komm, großer Baum," - sprach es - "lass uns weitergehen. Du darfst ganz kräftig und laut auftreten, so wie du es immer tust. Mach ´ dir keine Sorgen mehr deswegen, das geht in Ordnung so."

Der Baum traute seinen Ohren nicht, stand auf, lief, erst vorsichtig, dann immer mutiger werdend, los. Kräftig trat er auf. Es war nicht zu hören auf diesem weichen Untergrund, für den das Eichhörnchen sorgte. So konnte der Baum gut laufen, und es machte ihm sehr viel Spaß.

Bald kamen sie wieder an seinem Heimatstandort an, und der Baum verankerte fest seinen großen Fuß wieder im weichen Waldboden.

"Ich komme morgen früh wieder zu dir." - sagte das Eichhörnchen und sprang von der Krone des Baumes herunter.

"Darauf werde ich warten und mich sehr freuen." rief der Baum ihm hinterher, es war schon weit davongehüpft.

Und in der immer wärmer werdenden Sonne stand der Baum, wärmte sich, beobachtete von oben alles, was an diesem Tage um ihn herum und auch weit weg geschah, breitete seine Blätter dabei, schattenspendend für die Waldgräser, die sich unter seiner Krone, neben seinem großen Fuße befanden, aus, und sah irgendwann, über den Wipfeln der viel jüngeren Bäumchen, die Sonne untergehen.

Zufrieden senkte auch er nun seine Blätter und schlief ein.

Er freute sich sehr auf den nächsten Tag und hoffte, das Eichhörnchen in den frühen Morgenstunden wiederzusehen. Diese Hoffnung lies ihn diese Nacht etwas sehr Schönes träumen, und er weinte.

Am nächsten Morgen hüpfte das Eichhörnchen wieder den Weg entlang, wollte nach seinem Freunde schauen, ein klarer kleiner Wasserlauf floss ihm entgegen.

Das Eichhörnchen blieb sitzen, schaute hinein, sah sich selbst, und es war zufrieden mit dem, was es aus diesem wunderschönen Baume gemacht hatte. Flink hüpfte es weiter, auf seinen Baum, der sich so sehr auf diesen Morgen gefreut und auf ihn gehofft hatte, versteckte sich in seiner Krone, und gemeinsam werden sie sicher wieder etwas Schönes unternehmen heute.

Die Geschichte  habe ich selbst geschrieben, und ich möchte nicht, dass sie im I-Net oder anderswo kopiert und verbreitet wird. Ich möchte die Geschichte gerne hier im Regenbogenwald zum Lesen zu Verfügung stellen.

(eingesandt vom kleinen Sternchen, Danke!)

Regenbogenwald e.V.

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