Ursachen, Folgen und Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch

Sexueller Missbrauch im Kindesalter

Ursachen, Folgen und Präventionsmöglichkeiten

Autorin: Tina Schneider - Pädagogische Hochschule Heidelberg 2001

Buchtipp:

Kristian Ditlev Jensen

Ich werde es sagen - Geschichte einer mißbrauchten Kindheit

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Inhalts√ľbersicht

1. Einleitung

Sexueller Missbrauch von Kindern ist in den letzten Jahren zu einem hei√ü diskutierten Thema geworden. Berechtigte Emp√∂rung und Aufregung begleiten jeden Fall von sexuellen √úbergriffen auf Kinder, der der √Ėffentlichkeit bekannt wird. Sexueller Missbrauch geh√∂rt zum Lebensalltag sehr vieler M√§dchen und Jungen. Man kann davon ausgehen, dass etwa jedes dritte bis vierte M√§dchen und jeder neunte bis zw√∂lfte Junge sexuell missbraucht wird. Der T√§ter ist nur in Ausnahmef√§llen der "fremde b√∂se Mann" vor dem M√§dchen und Jungen gewarnt werden. Der Missbrauch findet in der Regel innerhalb der eigenen Familie und im nahen sozialen Umfeld der Kinder statt. Es sind die Menschen, die das M√§dchen oder der Junge vielleicht liebt, die das Kind kennt und denen es vertraut.

Alle Fachleute, die sich n√§her mit der Thematik befassen sind sich einig, dass gegen das Inzesttabu hunderttausendfach versto√üen wird, dass jedoch das Dar√ľber-Sprechen ein Tabu ist. In Deutschland ist es vor allem dem Engagement der Frauenbewegung zu verdanken, dass das Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern mehr und mehr in die √Ėffentlichkeit gedrungen ist. Nach einer Untersuchung des Bundeskriminalamtes von 1985 werden j√§hrlich 300.000 Kinder sexuell missbraucht. In etwa 70 - 75% der F√§lle sind die leiblichen V√§ter, und andere v√§terliche Bezugspersonen, die ihre Kinder missbrauchen. Es wurde ebenso aufgedeckt, dass nicht M√§dchen im Pubert√§tsalter am h√§ufigsten Opfer sexuellen Missbrauchs werden, sondern M√§dchen im Alter von deutlich unter zehn Jahren. Die h√∂chste Missbrauchsrate findet sich bei Kindern im Alter zwischen sieben und zw√∂lf Jahren.

Die Fakten sprechen daf√ľr, dass jeder Grundschullehrer w√§hrend seiner Berufst√§tigkeit konkret mit sexuell missbrauchten Sch√ľlern konfrontiert wird. Oftmals sind Lehrer neben den Eltern die einzigen Erwachsenen zu denen die Kinder regelm√§√üig Kontakt haben und m√∂glicherweise Vertrauen aufbauen k√∂nnen. Die Funktion der Schule ist sicherlich nicht, dass jeder Lehrer als Therapeut oder Sozialarbeiter arbeitet. In der Schule gibt es vielmehr die M√∂glichkeit, durch pr√§ventive Unterrichtsinhalte dem sexuellen Missbrauch entgegenzuwirken.

Lehrer sollte sich mit dieser Thematik auseinandersetzen und f√ľr versteckte Hinweise bei sexuell missbrauchten M√§dchen und Jungen sensibilisiert werden. Die Hilferufe misshandelter Kinder sind sehr leise und oft verschl√ľsselt. Nichts sehen, nichts h√∂ren, nichts sagen ¬≠ durch dieses Verschlie√üen werden den Opfern Wege zur Hilfe verbaut. Diese Kinder k√∂nnen sich meist aus eigener Kraft nicht Hefen. Die seelischen und k√∂rperlichen Sch√§den zeichnen sie ein Leben lang. Nur wenn wir unsere Augen und Ohren √∂ffnen und uns f√ľr diese Kinder einsetzen, gibt es eine Chance.

Die M√§dchen und Jungen werden √ľberredet, gen√∂tigt und gezwungen, durch alle erdenklichen Handlungen der sexuellen Befriedigung des Mannes zu dienen ¬≠ und das nur h√∂chst selten begrenzt auf einmal, sondern wiederholt und oft √ľber Jahre hinweg. Missbrauchte Kinder werden ihrem K√∂rper und ihrer Seele enteignet und werden ihr ganzes Leben darunter leiden, wenn sie keine Hilfe erhalten.

Bei sexuellem Missbrauch von Kindern handelt es sich immer um eine Gewalttat und niemals um ein Kavaliersdelikt, wie so viele Missbraucher es gerne gesehen haben möchten. Sexueller Missbrauch ist nicht eine gewalttätige Form von Sexualität, sondern eine sexuelle Form von Gewalttätigkeit.

Die hohen Dunkelziffern bei Kindesmisshandlungen, sexuellem Missbrauch von Kindern und Kinderpornographie zeigen, dass unsere Gesellschaft noch nicht in ausreichendem Ma√üe bereit ist, Hilferufe und Signale der Kinder aufzunehmen und Hilfe anzubieten. Der Bericht einer Leiterin einer Beratungsstelle f√ľr sexuell missbrauchte Kinder besagt, dass Kinder bis zu siebenmal ihre Not Erwachsenen erz√§hlen m√ľssen, bevor ihnen Glauben geschenkt und geholfen wird.

Die hier vorliegende Arbeit habe ich aufgeteilt in einen theoretischen Teil, der √ľber die Problematik des sexuellen Missbrauchs einen √úberblick geben soll, und in einen Teil der sich mit der Praxis besch√§ftigt. In diesem Teil werden Grundteil f√ľr pr√§ventive Erziehung sowie Material zur erzieherischen Pr√§ventionsarbeit beschrieben.

Im Theorieteil werden nach dem Versuch einer Definition zunächst die juristischen Aspekte und die verschiedenen Ausprägungsformen dargestellt. Im anschließenden Kapitel sollen die gängigsten Erklärungsansätze vorgestellt sowie mögliche Ursachen aufgezeigt werden. Daraufhin soll sowohl die Situation der sexuellen Missbrauchsfälle in Deutschland als auch die Charakteristik der Opfer und Täter dargestellt werden. Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit den Symptomen und Folgen des sexuellen Missbrauchs, in dem neben anderen zwischen physischen und psychischen Anzeichen unterschieden wird. Im letzten Kapitel werden sowohl primäre als auch sekundäre Präventionsmöglichkeiten vorgestellt.

2. Begriffserklärung

Inzwischen gibt es eine Reihe von Begriffen, die entweder bestimmte Aspekte zum Thema hervorheben oder zum Teil synonym verwendet werden: Sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung, sexuelle Grenz√ľberschreitung, sexuelle Bel√§stigung, sexuelle Misshandlung.

Unter dem Begriff sexueller Missbrauch haben vor ungef√§hr 10 Jahren betroffene Frauen aus Amerika ihre Gewalterfahrung aus der Kindheit in die √Ėffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland gebracht. Er beinhaltet eine w√∂rtliche √úbersetzung zum amerikanischen sexual abuse.

Der Begriff sexueller Missbrauch hat sich in der √Ėffentlichkeit eingeb√ľrgert. Obwohl zu bemerken ist: wenn von einem sexuellen Missbrauch gesprochen wird, setzt dies m√∂glicherweise voraus, dass es auch einen akzeptablen sexuellen Gebrauch von M√§dchen und Jungen gibt. Also k√∂nnte man von dem Begriff sexuelle Gewalt" sprechen:

Es gibt keinen Begriff, der umfassender und differenzierter sowohl die Analyse der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse als auch den Erfahrungshintergrund der Betroffenen wiederspiegelt und so unmissverständlich den Zusammenhang von Gewalt und Sexualität benennt.

2.1 Definition in der Fachliteratur

In der Fachliteratur und in den wissenschaftlichen Untersuchungen zum Themenbereich sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" werden sehr unterschiedliche Definitionen verwendet. Diese reichen von sehr eng gefassten, bei der nur durch Drohung oder körperliche Gewalt erzwungenen sexuellen Übergriffe mit Körperkontakt als sexueller Missbrauch gelten, bis hin zu solchen, bei denen jede Handlung (auch Blicke und Worte), die ein Kind als sexuellen Missbrauch erlebt, sexueller Missbrauch ist.

Im wesentlichen wurde sexueller Missbrauch bis Heute aus vier Blickwinkeln betrachtet und definiert: aus individualisierenden, der psychoanalytischen, der familientheoretischen und der feministischen Perspektive.

Definition beinhaltet ein Wissen um das Erleben und die Sicht sexuell ausgebeuteter Mädchen und Frauen und ein Wissen um die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse zwischen den Geschlechtern sowie zwischen den Generationen.

In der Fachliteratur gibt es keine Einheitlichkeit √ľber den Begriff sexueller Missbrauch von Kindern. Um eine umfassende Definition zu erhalten, die alle erforderlichen Aspekte beinhaltet, m√∂chte ich im Folgende verschiedene Definitionen aufz√§hlen, die dazu erforderlich erscheinen:

Sexueller Missbrauch ist immer eine Gewalttat. Diese Form der Gewalt reicht von der Nichtachtung der pers√∂nlichen Integrit√§t bis zur Versklavung. Frauen und M√§dchen werden auf ein frei verf√ľgbares Sexualobjekt reduziert, (auch Jungen, seltener M√§nner) die Zerst√∂rung ihrer Pers√∂nlichkeit wird in Kauf genommen. Pers√∂nliche Grenzen, der eigene Wille, sowie die W√ľrde und das Recht auf k√∂rperliche und seelische Unversehrtheit werden missachtet, Vertrauen und Sicherheit zerst√∂rt und das Gef√ľhl der Zugeh√∂rigkeit zur Welt au√üer Kraft gesetzt. Sexueller Missbrauch ist damit ein zentraler Angriff auf die Identit√§t".

Sexuelle Gewalt an Kindern ist immer ein Ausnutzen von Macht und Autorität und von körperlicher oder beziehungsbedingter Überlegenheit. Abhängigkeit und Vertrauen der Mädchen und Jungen werden ausgenutzt, Kinder werden massiv unter Druck gesetzt und zur Geheimhaltung verpflichtet. Sie werden damit zur Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt".

Der Begriff ¬īsexuelle Gewalt an Kindern¬ī beinhaltet das ganze Spektrum sexueller Gewalthandlungen, von scheinbar harmlosen Ber√ľhrungen bis zu den unterschiedlichen Formen der Penetration".

Dazu geh√∂ren auch das Ber√ľhren und die ¬īfachm√§nnischen¬ī Begutachtungen der sich entwickelnden Rundungen, das betasten der Brust oder des Brustansatzes, verbunden mit absch√§tzigen oder auch wohlwollenden Qualit√§tsurteilen, dass das M√§dchen jetzt zur Frau und somit als Sexualobjekt attraktiv wird".

Rosemarie Steinhage bezieht in ihrer Definition des sexuellen Missbrauchs auch die Absicht des T√§ters mit ein: Sexueller Missbrauch beginnt dort, wo M√§nner sich bewusst am K√∂rper des M√§dchens befriedigen oder sich von ihnen befriedigen lassen. Sexuelle Handlungen an M√§dchen und Jungen sind vom T√§ter immer beabsichtigt. Sexueller Missbrauch ist niemals eine zuf√§llige Begebenheit, sondern immer geplant. Sexuelle √úbergriffe auf M√§dchen und Jungen passieren M√§nnern nicht aus Versehen, durch Zufall oder unbemerkt, sondern sind Handlungen, die der T√§ter sich √ľberlegt hat und bewusst ausf√ľhrt. Voraussetzung f√ľr den sexuellen Missbrauch durch eine nahestehende Person ist das Vertrauen des M√§dchens und Jungen zum T√§ter. Dar√ľber hinaus intensivieren T√§ter die Beziehungen durch emotionale und k√∂rperliche Aufwertung ihrer Person. Sexueller Missbrauch bedeutet, dass der T√§ter das Vertrauen, die Abh√§ngigkeit und Sexualit√§t des Kindes missbraucht und kindliche Gef√ľhle f√ľr seine Interessen benutzt. Sexuelle √úbergriffe geschehen immer unter Ausnutzung der Macht¬≠ und Autorit√§tsstellung seitens der T√§ter. In diesem Sinne ist sexueller Missbrauch immer Gewaltanwendung, auch wenn keine k√∂rperliche Gewalt zur Durchsetzung der Interessen des T√§ters notwendig ist".

Eine andere Definition des sexuellen Missbrauchs von Kindern, die auch von den Experten allgemein akzeptiert wird und oft zitiert wird stammt von C. Henry Kempe, der als anerkannte Autorität auf diesem Gebiet gilt: Sexueller Missbrauch von Kindern findet dann statt, wenn Kinder oder Adoleszente, die noch keine sexuelle Reife erreicht haben, in sexuelle Handlungen einbezogen werden, die sie noch nicht richtig verstehen und beurteilen können und denen sie, weil es ihnen an Reife fehlt, nicht klaren Verstandes zustimmen können; oder aber es handelt sich um sexuelle Handlungen, die die sozialen Tabus von Familienrollen verletzen".

Wie man sieht, ist die zun√§chst banal erscheinende Frage Was ist sexueller Missbrauch?" nicht so leicht zu beantworten. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Definitionsfrage ist folglich sowohl f√ľr die √∂ffentliche Definition als auch f√ľr wissenschaftliche Untersuchungen von besonderer Bedeutung. Zum einen, weil nur so die verschiedenen Untersuchungsergebnisse eingeordnet und verglichen werden k√∂nnen, was zu mehr Sachlichkeit in der √∂ffentlichen Kontroverse f√ľhren k√∂nnte. Zum anderen, weil dadurch die Voraussetzungen der Untersuchungen transparenter werden. Als erster Schritt auf dem Weg zu einer Definition sexuellen Missbrauchs an Kindern werde ich deshalb kurz einzelne Definitionskriterien vorstellen.

2.2 Die Definitionskriterien

wissentliches Einverständnis

Das wissentliche Einverst√§ndnis wird von den meisten Sozialwissenschaftlern als Definitionsgrundlage verwendet. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist, dass bei Erwachsenen nach geltendem Recht eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung dann gegeben ist, wenn eine Person an einer anderen Person ohne deren Zustimmung sexuelle Handlungen ausf√ľhrt. Bei Kindern ist die Frage nach der Zustimmung sehr viel schwieriger zu beantworten. Wenn ein M√§dchen der Aufforderung ihres Onkels, sich f√ľr ihn auszuziehen nachkommt ¬≠ kann man dann von Zustimmung des M√§dchens reden?

Die zwei wesentlichen Voraussetzungen des wissentlichen Einverst√§ndnisses sind bei Kindern nicht erf√ľllt. Kinder haben nicht den gleichen Informationsstand wie die Erwachsenen. Sie k√∂nnen die soziale Tragweite sexueller Beziehungen nicht erfassen. Kinder sind unerfahren, haben einen anderen Entwicklungsstand. Sie k√∂nnen nicht beurteilen, wer f√ľr sie der ¬īrichtige¬ī Sexualpartner sein k√∂nnte. Kinder wissen nicht, wie eine sexuelle Beziehung normalerweise abl√§uft. Die Liebe und Zuneigung Erwachsener ist f√ľr die Kinder etwas Sch√∂nes, Wichtiges. Sie brauchen diese Liebe und Zuneigung. Au√üerdem sind Kinder auch rechtlich von Erwachsenen abh√§ngig. Es entsteht zwischen Erwachsenen und Kindern ein strukturelles Machtgef√§lle. Die T√§ter nutzen ihre Macht und √úberlegenheit aus, um ihre Bed√ľrfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Die M√§dchen und Jungen werden zu Sexualobjekten degradiert. Fazit: Demnach ist jeder sexuelle Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen sexueller Missbrauch und der Aspekt des wissentlichen Einverst√§ndnis kann deshalb kein Kriterium f√ľr eine Definition sein.

Die Folgen des sexuellen Missbrauchs als Definitionskriterium Sexueller Missbrauch sollte unabhängig von den möglichen Folgen definiert werden, denn nicht jeder sexuelle Missbrauch muss unbedingt traumatisch sein. Es gibt Kinder, deren Psyche fähig ist sexuellen Missbrauch ohne Beeinträchtigungen der seelischen und sexuellen Entwicklung zu verarbeiten. Dazu kommt, dass längst nicht alle Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten auf sexuellen Missbrauch reagieren.

Missachtung des kindlichen Willens

Ein entscheidendes Kriterium f√ľr einen sexuellen Missbrauch scheint zu sein, dass die sexuellen Handlungen gegen den Willen des Kindes ausgef√ľhrt werden. Eine Definition darf aber nicht nur davon abh√§ngig gemacht werden, ob die sexuellen Kontakte gewollt oder ungewollt sind. Zu sagen, sie h√§tten es gewollt kann f√ľr die Opfer n√§mlich ein wichtiger Schutzmechanismus sein, sie entwickeln so ihre eigene √úberlebensstrategie und geben sich der Illusion hin, sie h√§tten Einfluss auf die Situation. Daraus l√§sst sich schlie en, dass es falsch w√§re sich auf eine Definition zu st√ľtzen, die ausschlie√ülich darauf beruht, dass es sich nur dann um sexuellen Missbrauch handelt, wenn die sexuelle Handlung gegen den Willen des Kindes geschieht.

Sich missbraucht f√ľhlen

Genauso zu bem√§ngeln ist die Methode, nur Erlebnisse als sexuelle Gewalt zu definieren, durch die sich Menschen sexuell missbraucht f√ľhlen. Es kommt vor, dass M√§dchen und Jungen, die eindeutig sexuell missbraucht wurden, sich nicht gerne als Opfer f√ľhlen. Viele Menschen lehnen es strikt ab, sich als Opfer sexuellen Missbrauchs zu sehen. Tatsache ist aber, dass der Missbrauch stattfand.

"Sexueller Missbrauch kann stattfinden auch wenn das Opfer sich nicht missbraucht f√ľhlt."

Altersunterschied zwischen Opfer und Täter

In verschiedenen Untersuchungen wird ein Altersunterschied von 5 Jahren zwischen Opfer und T√§ter als Definitionskriterium verwendet. Jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einer mindestens 5 Jahre √§lteren Person wird als sexueller Missbrauch definiert. An diesem Definitionskriterium ist zu bem√§ngeln, dass es sexuellen Missbrauch durch Gleichaltrige nicht ber√ľcksichtigt. Au√üerdem darf man nicht vergessen, dass es auch m√∂glich ist, dass j√ľngere Kinder √§ltere Kinder sexuell missbrauchen. Nur einen Altersunterschied von 5 Jahren zum Definitionskriterium zu machen schlie√üt also ebenfalls einen betr√§chtlichen Teil der Missbrauchsf√§lle aus, denn nach neueren Untersuchungen fangen viele der erwachsenen Sexualstraft√§ter bereits in ihrer Kindheit und Jugend an, andere sexuell zu missbrauchen.

Zwang und Gewalt

Es ist nicht nur k√∂rperliche Gewalt gemeint, sondern auch psychische. "Wenn du was erz√§hlst, habe ich dich nicht mehr lieb, stirbt deine Mama..." z√§hlen ebenso dazu wie k√∂rperliche Misshandlungen. Tatsache ist, dass viele T√§ter gar keine Gewalt anwenden m√ľssen - aufgrund der emotionalen Abh√§ngigkeit. "Warum ich meinen Vater nicht daran gehindert habe, all die Jahre √ľber, hat einen ganz einfachen Grund. Er h√§tte dann vielleicht aufgeh√∂rt mich zu lieben. Und er war der Einzige, der das tat." K√∂rperliche Gewalt oder offene Drohungen sind kein allgemeines Definitionskriterium, denn so werden ebenfalls viele F√§lle sexueller Gewalt ausgelassen.

Es muss abschließend gesagt werden, dass ein einzelnes Definitionskriterium nicht ausreicht um alle Fälle sexuellen Missbrauchs zu erfassen. Eine Kombination verschiedener Kriterien ist wichtig, denn es gibt immer Grenzfälle.

Zusammenfassend wird unter sexuellem Missbrauch von Kindern jede Handlung verstanden, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner k√∂rperlichen, seelischen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Die Missbraucher nutzen ihre Macht- und Autorit√§tsposition aus, um ihre eigenen Bed√ľrfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Diese Definition beinhaltet alle wesentlichen Aspekte. Gegen√ľber anderen Definitionen hebt diese das Machtgef√§lle zwischen T√§tern und Opfern hervor. Dabei ist nicht nur die rein k√∂rperliche √úberlegenheit ausschlaggebend, sondern andere F√§higkeiten, die Kinder erst entwickeln m√ľssen. Bemerkenswert erscheint die Sichtweise, nach der ein Kind einem T√§ter auch dadurch ausgeliefert ist, dass es aufgrund seiner Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Wie immer die Definition sexuellen Missbrauchs von Kindern auch lauten m√∂ge, so steht allgemein f√ľr jeden Menschen fest, dass Kinder naturgem√§√ü liebevoll, z√§rtlich und anh√§nglich sind und die Zuwendung Erwachsener suchen. Wenn dann aber ein Erwachsener ein Kind als Sexualobjekt oder Sexualpartner benutzt, dann handelt es sich um ein ungeh√∂riges und unverantwortliches Verbrechen.

2.3 Vergleich Kindesmisshandlung ­ sexueller Missbrauch

Diese beiden Formen der Gewalt gegen Kinder haben viele Gemeinsamkeiten. Ich möchte jedoch kurz auf die Unterschieden verweisen, um die Interventionsmöglichkeiten besser anwenden zu können.

Sexueller Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung ¬≠Pl√§doyer f√ľr einen sicheren Opferschutz

Der Begriff sexuelle Kindesmisshandlung" l√§sst den Schluss zu, sexuelle Ausbeutung von Kindern sei lediglich eine Sonderform der Kindesmisshandlung" und folglich seien Konzepte der Arbeit bei k√∂rperlicher Gewalt und Kindesvernachl√§ssigung ohne weiteres auf die Problematik des Missbrauchs √ľbertragbar. Es handelt sich dabei aber um einen Irrtum, der f√ľr das Opfer verheerende Folgen hat.

Denn mit ihm wird die Unterschiedlichkeit der Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen sexueller und k√∂rperlicher Gewalt gegen M√§dchen und Jungen √ľbersehen ¬≠ auch wenn einzelne Kinder und Jugendliche im Alltag h√§ufig von beiden Formen betroffen sind.

Sexuelle Gewalt erfahren aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation häufiger Mädchen, denn sie unterliegen einem doppelten Macht- und Abhängigkeitsverhältnis.

Wird ein Kind geschlagen, so hinterl√§sst die Gewaltanwendung fast immer k√∂rperliche Verletzungen. Das Kind hat blaue Flecken und / oder kommt mit einer Gehirnersch√ľtterung ins Krankenhaus. Eine Ausrede lautet h√§ufig, es sei von der Treppe heruntergefallen oder habe sich gesto√üen.

Sexueller Missbrauch hinterl√§sst selten sichtbare Spuren, was dazu f√ľhrt, dass der Zweifel des Opfers an der eigenen Wahrnehmung verst√§rkt wird.

Die Vertrauenspersonen wissen nur selten von dem sexuellen Missbrauch. Das Opfer bleibt alleine

Bei körperlicher Misshandlung sieht es anders aus. Die Kinder weinen und schreien, wenn sie geschlagen werden. Das Umfeld (Nachbarschaft usw.) hört mit."

Kindesmisshandlung entsteht h√§ufig als spontane Reaktion, wenn die Erwachsenen sich √ľberfordert f√ľhlen (√Ąrger am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, beengte Wohnverh√§ltnisse usw.).

Auch körperliche Gewalt wird häufig mit zunehmender Misshandlungsdauer ritualisiert, doch sind die ersten Gewaltanwendungen meist Spontananwendungen.

Der sexuelle Missbrauch von M√§dchen und Jungen ist im Gegensatz dazu eine von Anfang an geplante Tat. √úber Zuwendung, Drohungen, Erpressungen und die Isolation des Kindes zieht der T√§ter das Opfer systematisch in eine Geheimhaltungsallianz und macht es sich gef√ľgig.

Die Unterschiedlichkeit zeigt sich zudem in der Tatsache, dass Männer und Frauen nur in Ausnahmefällen neben den eigenen auch noch Kinder aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis misshandeln.

Es wurde beobachtet, dass pr√ľgelnde Eltern h√§ufig den Wunsch haben die Misshandlung zu beenden. Einige bitten selbst bei Beratungsstellen um Unterst√ľtzung. Bei sexuellem Missbrauch kommt es dazu fast nie.

Die Missbraucher zeigen sich selten gest√§ndig, sie leugnen die Tat. Fast nie haben sie ein Schuldbewusstsein und sind nur in Ausnahmef√§llen bereit, die Verantwortung f√ľr ihre Tat zu √ľbernehmen.

2.4 Juristische Aspekte zum sexuellen Missbrauch

Im Strafgesetzbuch in den Paragraphen 174 bis 178, den sogenannten Straftaten gegen die sexuellen Selbstbestimmung, hat der Gesetzgeber festgelegt, was unter sexuellen Gewalttaten zu verstehen ist und welche Straftaten er hierf√ľr vorsieht. Der folgende √úberblick √ľber die juristischen Aspekte des sexuellen Missbrauchs soll Grundlageninformationen vermitteln.

Ausz√ľge aus dem Strafgesetzbuch: 13. Abschnitt, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

§ 173 - Beischlaf zwischen Verwandten

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.


§ 174 - Sexueller Mißbrauch von Schutzbefohlenen

(1) Wer sexuelle Handlungen

1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensf√ľhrung anvertraut ist,

2. an einer Person unter achtzehn Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensf√ľhrung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverh√§ltnisses untergeordnet ist, unter Mi√übrauch einer mit dem Erziehungs-, Ausbildungs-, Betreuungs-, Dienst- oder Arbeitsverh√§ltnis verbundenen Abh√§ngigkeit oder

3. an einer Person unter achtzehn Jahren, die sein leiblicher oder rechtlicher Abkömmling ist oder der seines Ehegatten, seines Lebenspartners oder einer Person, mit der er in eheähnlicher oder lebenspartnerschaftsähnlicher Gemeinschaft lebt,

vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen l√§√üt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu f√ľnf Jahren bestraft.

(2) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu f√ľnf Jahren wird eine Person bestraft, der in einer dazu bestimmten Einrichtung die Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensf√ľhrung von Personen unter achtzehn Jahren anvertraut ist, und die sexuelle Handlungen

1. an einer Person unter sechzehn Jahren, die zu dieser Einrichtung in einem Rechtsverh√§ltnis steht, das ihrer Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensf√ľhrung dient, vornimmt oder an sich von ihr vornehmen l√§sst oder

2. unter Ausnutzung ihrer Stellung an einer Person unter achtzehn Jahren, die zu dieser Einrichtung in einem Rechtsverh√§ltnis steht, das ihrer Erziehung, Ausbildung oder Betreuung in der Lebensf√ľhrung dient, vornimmt oder an sich von ihr vornehmen l√§sst.

(3) Wer unter den Voraussetzungen des Absatzes 1 oder 2

1. sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder

2. den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, daß er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt,

um sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(4) Der Versuch ist strafbar.

(5) In den Fällen des Absatzes 1 Nummer 1, des Absatzes 2 Nummer 1 oder des Absatzes 3 in Verbindung mit Absatz 1 Nummer 1 oder mit Absatz 2 Nummer 1 kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn das Unrecht der Tat gering ist.


§ 176 - Sexueller Mißbrauch von Kindern

(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen läßt.

(3) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr zu erkennen.

(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu f√ľnf Jahren wird bestraft, wer

1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,

2. ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt, soweit die Tat nicht nach Absatz 1 oder Absatz 2 mit Strafe bedroht ist, 3. auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt, um

a) das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder

b) um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.

(5) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu f√ľnf Jahren wird bestraft, wer ein Kind f√ľr eine Tat nach den Abs√§tzen 1 bis 4 anbietet oder nachzuweisen verspricht oder wer sich mit einem anderen zu einer solchen Tat verabredet.

(6) Der Versuch ist strafbar; dies gilt nicht f√ľr Taten nach Absatz 4 Nr. 3 und 4 und Absatz 5.


§ 177 - Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

(1) Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen l√§sst oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu f√ľnf Jahren bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer anderen Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wenn

1. der Täter ausnutzt, dass die Person nicht in der Lage ist, einen entgegenstehenden Willen zu bilden oder zu äußern,

2. der T√§ter ausnutzt, dass die Person auf Grund ihres k√∂rperlichen oder psychischen Zustands in der Bildung oder √Ąu√üerung des Willens erheblich eingeschr√§nkt ist, es sei denn, er hat sich der Zustimmung dieser Person versichert,

3. der Täter ein Überraschungsmoment ausnutzt,

4. der Täter eine Lage ausnutzt, in der dem Opfer bei Widerstand ein empfindliches Übel droht, oder

5. der Täter die Person zur Vornahme oder Duldung der sexuellen Handlung durch Drohung mit einem empfindlichen Übel genötigt hat.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen, wenn die Unfähigkeit, einen Willen zu bilden oder zu äußern, auf einer Krankheit oder Behinderung des Opfers beruht.

(5) Auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr ist zu erkennen, wenn der Täter

1. gegen√ľber dem Opfer Gewalt anwendet,

2. dem Opfer mit gegenw√§rtiger Gefahr f√ľr Leib oder Leben droht oder

3. eine Lage ausnutzt, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist.

(6) 1In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren zu erkennen. 2Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder vollziehen lässt oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung), oder

2. die Tat von mehreren gemeinschaftlich begangen wird.

(7) Auf Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren ist zu erkennen, wenn der Täter

1. eine Waffe oder ein anderes gef√§hrliches Werkzeug bei sich f√ľhrt,

2. sonst ein Werkzeug oder Mittel bei sich f√ľhrt, um den Widerstand einer anderen Person durch Gewalt oder Drohung mit Gewalt zu verhindern oder zu √ľberwinden, oder

3. das Opfer in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung bringt.

(8) Auf Freiheitsstrafe nicht unter f√ľnf Jahren ist zu erkennen, wenn der T√§ter

1. bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug verwendet oder

2. das Opfer

a) bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder

b) durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt.

(9) In minder schweren Fällen der Absätze 1 und 2 ist auf Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu drei Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 4 und 5 ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren Fällen der Absätze 7 und 8 ist auf Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen.


§ 178 - Sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung mit Todesfolge

Verursacht der Täter durch den sexuellen Übergriff, die sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung (§ 177) wenigstens leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe lebenslange Freiheitsstrafe oder Freiheitsstrafe nicht unter zehn Jahren.

Au√üer den genannten befassen sich noch einige Paragraphen des Strafgesetzbuches mit Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung". Dennoch kommt es bei Kindesmissbrauch recht selten zu einer Verurteilung nach diesen Paragraphen. Das h√§ngt damit zusammen, dass die Strafbest√§nde entweder Gewaltanwendung voraussetzen oder durch Drohung mit gegenw√§rtiger Gefahr f√ľr Leib und Leben" erfolgt sein m√ľssen. Doch bei sexuellem Missbrauch ist nur selten sichtbare Gewalt erforderlich. T√§ter setzen, insbesondere innerhalb der Familie, auf ihre Macht, die Abh√§ngigkeit und die Liebe der Kleinen zu ihnen. Und psychische Gewalt hinterl√§sst keine sichtbaren Spuren. Das Gleiche trifft f√ľr die Drohungen zu. Aus der Sicht der T√§ter ist es gar nicht notwendig, ihre Opfer unter Drohungen mit gegenw√§rtiger Gefahr f√ľr Leib und Leben zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Die Androhungen von Aussagen wie: Du kommst ins Heim, dann hab ich dich nicht mehr lieb oder das machen alle V√§ter mit ihren T√∂chtern bewertet das Gericht nicht als gegenw√§rtige Gefahr. Selbst wenn der T√§ter droht das Kind umzubringen, wenn es etwas erz√§hlt bezieht sich diese Drohung auf die Geheimhaltung, wird also nicht eingesetzt um die Tat zu begehen.

Um nicht ganz in diesem Paragraphendschungel zu resignieren, möchte ich dies an einem Beispiel besser verdeutlichen, bei dem wohl jeder meinen sollte, dass hier unzweifelhaft eine Vergewaltigung vorliegt.

Der 26 Jahre alte Werner H., zweiter Ehemann von Anette H., nutzt den Kinobesuch seiner Frau, um sich an der 8-jährigen Stieftochter Maria zu vergehen. Er legt sich zu dem Kind, das vom Sofa aus einen Kinderfilm ansieht.

Er erkl√§rt ihr, dass das alle Papis so machen, und dringt in sie ein. Aufgrund seinen erheblichen K√∂rpergewichts und aus Angst, er k√∂nnte ihr noch Schlimmeres antun, l√§sst die Kleine es √ľber sich ergehen.

Im streng juristischen Sinne haben wir es nicht mit einer Vergewaltigung zu tun, da Werner H. weder massiv droht noch mit physischer Gewalt ihren Widerstand bricht. Unsere tatsachenorientierte Rechtsprechung tut sich schwer mit dem Begriff der psychischen Gewalt.

Wenn wir unsere Aufgabe, Kinder vor sexueller Gewalt zu sch√ľtzen, ernst nehmen, dann gibt es gute Gr√ľnde, das man sich mit den gesetzlichen Bestimmungen ausnimmt. Insbesondere, um die Kinder vor zus√§tzlichem Schaden durch das Ermittlungsverfahren zu sch√ľtzen, bedarf es neben einf√ľhlsamen Anw√§lten auch guter Kenntnis der jeweiligen Rechtsbestimmungen, insbesondere auch der Strafprozessordnung. Au√üerdem: Ob ein Erwachsener sich unbekleidet vor Kindern zeigt oder ein sadistischer T√§ter brutal und r√ľcksichtslos ein Kind vergewaltigt; in beiden F√§llen handelt es sich um sexuellen Missbrauch nach ¬ß 176 StGB.

Die Aufdeckung konkreter F√§lle sexuellen Missbrauchs macht also h√§ufig Entscheidungen erforderlich, deren rechtliche Tragweite oft nicht ausreichend √ľberblickt werden. Wird der Polizei bekannt, dass ein sexueller Missbrauch vorliegt, muss sie dem nachgehen. Man hat nicht die M√∂glichkeit, die Anzeige zur√ľckzuziehen.

Das Wohlergehen des Kindes sollte an allererster Stelle vor einer m√∂glichen Strafe des T√§ter stehen, da eine Sekund√§rtraumatisierung durch das Strafverfahren nicht ausgeschlossen werden kann. F√ľr das betroffene Kind werden immer bestimmte Konsequenzen erwachsen, denn der gerichtliche Weg ist langwierig und auf jeden Fall sehr belastend.

3. Formen des sexuellen Missbrauchs

Die Formen sexueller Missbrauchshandlungen reichen von sexualisierter Sprache √ľber scheinbare Ber√ľhrungen, oraler, analer und vaginaler Vergewaltigung bis zu sadistischen Qu√§lereien. Die folgenden Kategorisierungen sollen einen √úberblick √ľber die verschiedenen Formen des sexuellen Missbrauchs geben. Wichtig dabei ist, dass die Intensit√§t eines sexuellen Missbrauchs nichts dar√ľber aussagt, wie sch√§digend es f√ľr die Kinder ist. Je nach pers√∂nlichem Erleben kann ein als wenig intensiv angef√ľhrter Missbrauch unter Umst√§nden erheblich gr√∂√üeren Schaden anrichten als einer, der als sehr intensiv beschrieben wird. Hier nun die √úbersicht √ľber Formen und Intensit√§t sexuellen Missbrauchs:

Sexueller Missbrauch ohne Körperkontakt

Der Täter entblößt sich vor dem Kind.

Das Kind wird gezwungen sich Pornos anzusehen.

Der Täter beobachtet das Kind beim Ausziehen, beim Baden, macht Photos usw.

Weniger intensiver sexueller Missbrauch

Der Täter versucht, das Kind an den Geschlechtsteilen anzufassen.

Der Täter fasst dem Opfer an die Brust etc.

Sexualisierte K√ľsse und Zungenk√ľsse.

Intensiver sexueller Missbrauch

Das Kind muss dem Täter seine Geschlechtsteile zeigen.

Der Täter befriedigt sich vor dem Kind.

Das Kind muss sich vor dem Täter sexuell befriedigen.

Der Täter fasst dem Kind an die Geschlechtsteile.

Das Kind muss dem Täter an die Geschlechteile fassen.

sehr intensiver sexueller Missbrauch

Versuchte oder vollendete vaginale Vergewaltigung.

Versuchte oder vollendete anale Vergewaltigung.

Das Kind (der Junge) wird gezwungen, den Täter anal zu penetrieren (mit dem Penis einzudringen).

Versuchte oder vollendete orale Vergewaltigung.

Das Kind wird gezwungen, den Täter oral zu befriedigen.

Bei den bisher beschriebenen Formen gehen wir von sexuellen Begegnungen zwischen m√§nnlichen T√§tern und einzelnen Kindern aus. Das ist tats√§chlich die h√§ufiger Form sexueller Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene. Dar√ľber hinaus gibt es die sexuelle Gewalt an Kindern durch weibliche T√§ter sowie die sexuelle Vermarktung von Kindern in der Pornoindustrie, durch die ungeheure Gewinne erzielt werden. In den letzten Jahren haben als Kulturreisen getarnte Urlaubsfahrten nach Asien, Afrika und osteurop√§ische Staaten erheblich zugenommen. Fast haben wir uns an die euphemetisch als Sextourismus beschriebene allt√§gliche sexuelle Gewalt gew√∂hnt, die aber keineswegs harmloser als in Deutschland begangene Taten sind.

Was hier beschrieben wurde sind also die verschiedenen Formen sexuellen Missbrauchs. Dass sexueller Missbrauch viele Gesichter hat, zeigt die Aufzählung der Formen. Damit man einen besseren Eindruck davon gewinnen kann, wie verschiedenartig sexuelle Gewalt gegen Kinder sein kann, möchte ich von einige Betroffenen berichten:

Stefan, 13 Jahre alt, f√§hrt seit 3 Jahren mit seiner Pfadfindergruppe in den Oster- und Sommerferien ins Zeltlager. Im letzten Sommer ist der neunzehnj√§hrige Gruppenf√ľhrer Klaus-Peter einige Male nachts zu ihm in den Schlafsack gekrochen. Zuvor hat er die anderen seiner Gruppe auf eine Nachtwanderung geschickt oder Stefan unter einem Vorwand in sein Zelt gelockt. Sobald sie allein waren, hat er ihn am Penis gestreichelt und ihn gebeten, dasselbe bei ihm zu tun. Als Gegenleistung gew√§hrte er ihm einige Verg√ľnstigungen im Lager. Damit Stefan sein Geheimnis nicht weiter erz√§hlt, hat Klaus-Peter ihn jedes Mal nach dem Vorfall erlaubt, eine von seinen Zigaretten zu rauchen. Sobald Stefan die Zigarette aufgeraucht hatte, pflegte Klaus-Peter zu sagen: So, wenn du was sagst, werde ich deinen Eltern erz√§hlen, dass du geraucht hast. Weil ich der Sippenf√ľhrer und √§lter bin als du, werden sie mir mehr glauben als dir!

Jasmin ist ein selbstbewusstes und lebendiges Kind, das mehrere Geschwister hat und unbefangen auf andere Menschen zugeht. Manchmal besucht sie nachmittags ihre gleichaltrige Freundin Sonja, die nur wenige H√§userecken entfernt wohnt. Dabei kommt es gelegentlich vor, dass sie sich mit dem 69 Jahre alten Gro√üvater der Freundin unterh√§lt. Zu Hause berichtet sie ihrer zwei Jahre √§lteren Schwester, dass der Opa von Sonja richtig nett ist und ihr manchmal gesch√§lte Karotten gibt, die sie gerne isst. Vor ein paar Tagen war sie mit Sonjas Gro√üvater allein in der Wohnung, weil ihre Freundin etwas aus der Apotheke holen musste. Da hat der Gro√üvater sie zu sich gewunken und sie an der Scheide und am Popo gestreichelt. Dann hat er zu ihr gesagt: Schau mal, was ich hier habe! Jasmin wollte schon zugreifen, weil es so aussah, als wenn er eine Karotte in der Hand hielt. Als sie bemerkte, dass es sich tats√§chlich aber um seinen aufgerichteten Penis handelte, wich sie erschrocken zur√ľck. Bevor die Freundin wieder kam zeigte er ihr unanst√§ndige Photos und erkl√§rte, dass sie ins Heim m√ľsse, wenn sie verraten w√ľrde, was sich heute zugetragen habe.

Während die ersten zwei Fälle eher am Anfang einer Missbrauchs-Beziehung stehen, beschreibt die folgende Schilderung einen langjährigen Leidensweg.

Karin ist 16 Jahre alt und besucht die neunte Klasse der Hauptschule. Aufgrund mangelnder schulischer Leistungen ist sie bereits einmal sitzen geblieben. In den letzten Jahren fiel sie wiederholt durch Ladendiebst√§hle auf; mehrfach hat sie versucht, sich das Leben zu nehmen. Mit 14 Jahren war sie bereits schwanger und wurde gezwungen abzutreiben. Karin wird seit ihrem sechsten Lebensjahr von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht. Anfangs hat er sie ¬≠ wenn die Mutter au er Haus war ¬≠ zu Bett gebraucht und sich zu ihr gelegt. Zuerst empfand Karin es als angenehm, wenn ihr Stiefvater bei ihr blieb, damit ich nicht solche Angst habe." Doch sp√§ter hat er sie immer so komisch zwischen den Beinen gestreichelt und seinen Finger in ihre Scheide geschoben. Das hat manchmal sehr wehgetan. Noch vor der Pubert√§t ist er dazu √ľbergegangen, sie regelm√§√üig zu vergewaltigen. Mal drohte er damit, dass die Familie nicht genug zu essen hat, wenn er ins Gef√§ngnis muss. Dann wieder machte er ihr gro√üz√ľgige Geschenke, kaufte ihre CDs, sch√∂ne leider und Schminksachen, um bei n√§chster Gelegenheit anzuk√ľndigen, dass er sie beide umbringen wird, wenn sie etwas erz√§hlt.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder kann aber auch Formen annehmen, die scheinbar harmlos sind und sich auf den zweiten Blick als problematisch zeigen.

Florian und Jens sind beide sieben Jahre alt und gute Freunde. Manchmal pfeift Flori, wie Jens seinen Freund nennt, bereits um drei Uhr unter seinem Fenster, damit sie gemeinsam im Wald R√§uberbande spielen k√∂nnen. Auf dem Weg zum Wald kommen sie an einem alten Sandsteinhaus vorbei, in das ein kinderloses Ehepaar wohnt. Seit ein paar Wochen werden sie des √Ėfteren zu einem Glas Cola eingeladen. Florian und Jens finden das Ehepaar K√∂ster sehr nett, vor allem auch deshalb, weil sie bei ihnen √∂fters am Computer spielen d√ľrfen. Vor einigen Tagen fragte Frau K√∂ster, ob sie nicht mal Lust h√§tten, Krankenhaus" zu spielen. Dazu sollten sie sich ausziehen, w√§hrend Herr K√∂ster ein paar Fotos machen wollte. Jens und Florian willigten ein, und es war f√ľr sie auch ganz harmlos. Hinterher durften sie zur Belohnung in der Badewanne toben, w√§hrend Herr K√∂ster einige weitere Fotos machte.

Es fordert nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, was mit den Fotos geschieht. Vermutlich werden sie in einigen Wochen in einem Magazin f√ľr P√§dophile oder im Internet auftauchen...

Wenn wir die Beispiele zusammenfassen, erkennen wir folgende vier Formen sexuellen Missbrauchs:

Ein junger Erwachsener männlichen Geschlechts missbraucht einen Jungen, der sich in oder kurz vor der Pubertät befindet.

Ein alter Mann missbraucht ein sehr junges Mädchen, dass noch Jahre von ihrer Geschlechtsreife entfernt ist.

Der Stiefvater missbraucht die ihm anvertraute Tochter der Ehefrau √ľber Jahre mit zunehmender Brutalit√§t.

Ein gesch√§ftst√ľchtiges Ehepaar fertigt Fotos m√§nnlicher Kinder im vorpubert√§ren Alter f√ľr eine p√§dosexuelle Zeitschrift oder zur Vermarktung im Internet an.

3.1 Grenzziehung zwischen Zärtlichkeit und sexuellem Missbrauch

F√ľr Au√üenstehende ist es oftmals schwer, die Grenzen zwischen liebevoller k√∂rperlicher Zuneigung und sexuellem Missbrauch zu erkennen. Dies ist jedoch aus dem Grunde so bedeutsam, als dass nicht jeder k√∂rperlicher Kontakt zwischen Erwachsenen und Kind mit Misstrauen betrachtet werden darf. Z√§rtlichkeiten zwischen Eltern und Kindern sind wichtig. Kinder k√∂nnen sich gef√ľhlsm√§√üig nur gesund entwickeln, wenn sie W√§rme, Liebe und Z√§rtlichkeit erfahren. Sexueller Missbrauch dagegen hat selbstverst√§ndlich nichts mit Liebe und Z√§rtlichkeit zu tun! Aber wo ist die Grenze, ist es noch Z√§rtlichkeit und K√∂rperkontakt oder schon sexueller Missbrauch.

Die Grenze wird durch die Absicht des T√§ters eindeutig festgelegt. Sexueller Missbrauch entsteht nicht fliesend aus dem liebevollen K√∂rperkontakt mit einem Kind. Es ist ein bewusstes Vorgehen. Der sexuelle Missbrauch beginnt da, wo Erwachsene k√∂rperliche N√§he zu Kindern herstellen, um eigene sexuelle Bed√ľrfnisse zu befriedigen. Ausschlaggebend ist die Absicht des Erwachsenen, aus z√§rtlich- spielerisch erscheinenden Ber√ľhrungen sexuelle Handlungen entstehen zu lassen.

Kinder haben sehr feine Antennen daf√ľr, zwischen liebevoller Zuwendung und sexuellem √úbergriff zu unterscheiden. Sie f√ľhlen, wenn Erwachsene sie benutzen m√∂chten und nicht als Person an ihnen interessiert sind. So sp√ľrt ein M√§dchen sehr genau, ob der Onkel ihr im Schwimmbad beim ankleiden hilft, weil es noch Schwierigkeiten damit hat, oder ob er ihren K√∂rper betrachten und ber√ľhren will. Eines sollte klar sein: Die Verantwortung liegt niemals und unter keinen Umst√§nden bei dem missbrauchtes Kind. Die Schuld f√ľr sexuelle Gewalt und Ausbeutung liegt immer und ausschlie√ülich beim T√§ter!

4. Ursachen des Missbrauchs

Sexueller Missbrauch ist das Ergebnis vielfältiger Ereignisse und Entwicklungen. Ursachen von sexuellem Missbrauch können in unserem gesamtgesellschaftlichen System, in den sozialen Lebensbedingungen und dem Lebensumfeld in der Familie und Familiengeschichte liegen.

Zur Beantwortung der Frage, warum es √ľberhaupt zum sexuellen Missbrauch kommt, wurde und wird auch heute noch durchgehend von einer krankhaften Pers√∂nlichkeit des T√§ters ausgegangen. In den Medien wird immer wieder der perverse, abnorme und geistesgest√∂rte T√§ter beschrieben, der nicht in der Lage ist, seinen √ľbersteigerten Geschlechtstrieb zu unterdr√ľcken. Aufgrund einer angeborenen oder erworbenen St√∂rung, verbunden mit mangelnder Intelligenz wird der Mann zum Tier, das √ľber das Kind herf√§llt.

Wir bekommen ein Bild des T√§ters, das dazu beitr√§gt, den Tatbestand des sexuellen Missbrauchs in den Bereich der seltenen Vorkommnisse auszusondern. Dies entspricht in keinem Fall der Realit√§t. Wenngleich es auch den Triebt√§ter gibt, so erfolgt sexueller Missbrauch von Kindern in der Regel durch unauff√§llige, psychisch nicht von der Norm abweichende Menschen, vor allem M√§nner, von Au√üenstehenden oft als flei√üige und treusorgende Familienv√§ter beurteilt, denen niemand den Missbrauch der eigenen Tochter zutrauen w√ľrde.

In der Regel wird der familienorientierte oder der feministische Ansatz herangezogen, um eine Erkl√§rung f√ľr sexuellen Missbrauch zu geben. Ich m√∂chte in meiner Arbeit auf folgendes n√§her eingehen:

Der familienorientierte Ansatz

Der sozialpsychologische Ansatz

Der feministische Ansatz

4.1 Familienorientierter Ansatz

Systemorientierte Erkl√§rungsans√§tze sehen den sexuellen Missbrauch als ein Symptom gest√∂rter Interaktionsmuster innerhalb eines Familiensystems. Der familienorientierte Ansatz ist ein Teilgebiet der Systemtheorie. Inzestfamilien werden von den Familientherapeuten als dysfunktional oder als zerr√ľttet bezeichnet. Das familienorientierte Modell sieht keine linearen Begriffe von Ursachen und Wirkung und somit wird die Schuldfrage vernachl√§ssigt. Alles im System Familie ist aufeinander in Wechselwirkung bezogen. Verhalten l√§sst sich nicht mehr auf einzelne Individuen zur√ľckf√ľhren ¬≠ alle im System Beteiligten √ľbernehmen gleich viel Verantwortung. Die Begriffe Opfer und T√§ter verlieren in der Systemtheorie ihre Bedeutung. Inzestsituation ist Kennzeichen einer Familie in Krise".

Die Inzestdynamik wird auf die emotionalen Defizite aller Beteiligten zur√ľck gef√ľhrt; alle Familienmitglieder haben kollusiv ihren aktiven oder passiven Anteil an der Aufrechterhaltung des Missbrauchs. Deshalb muss sich ein Hilfsangebot an alle Mitglieder einer Familie richten. Familie im hier verstandenen Sinne meint stets die faktisch existierende Lebensgemeinschaft von Erwachsenen und Kinder, ob diese nun gesetzlich legimitiert ist oder nicht. Die Familientherapeutin Larson sieht als Hauptproblem der von sexuellem Missbrauch betroffenen Familien den Umgang mit Grenzen an. Sie bestimmt Merkmale, die bei diesen Familien auf Probleme mit Grenzbereichen hinweisen.

Soziale Isolation

Larson spricht von besonders starren Grenzen zwischen sich und der Umwelt." Sie isolieren sich von der sozialen Umwelt, um das Familiengeheimnis zu wahren. Diese Isolationstendenz f√∂rdert die Tatsache, dass sich die Familie als zentrale Quelle f√ľr die Befriedigung ihrer Bed√ľrfnisse betrachtet.

Rollenumkehr

Durch die soziale Isolation sind die einzelnen Familienmitglieder besonders abh√§ngig voneinander. Das hat zur Folge, dass es zu einer Verwischung der Generationsgrenzen kommt, und damit h√§ufig zu einer Rollenumkehr unter Familienmitgliedern. Von Kindern wird erwartet, dass sie Erwachsenenrollen √ľbernehmen, wie z.B. Haushaltsf√ľhrung, Versorgung j√ľngerer Geschwister. Kinder haben auf einmal die Aufgabe, alle unbefriedigten Bed√ľrfnisse der Erwachsenen zu stillen; Sexualit√§t ist dabei nur eines von vielen.

Symbolische Beziehungsstrukturen zwischen den Familienmitgliedern

Die Grenzen zwischen Familienmitgliedern verwischen sich und beginnen diffus zu werden. Autonomie muss geopfert werden, um trotz der geringen Ressourcen innerhalb der Familie Unterst√ľtzung zu erhalten. Nur so kann ein Gef√ľhl des Zusammenhalts entstehen, welches die Familienmitglieder symbiotisch aneinander binden. Ein einzelnes Familienmitglied glaubt nur √ľberleben zu k√∂nnen wenn ein anderes Familienmitglied ebenfalls √ľberlebt.

Larson begr√ľndet so auch das Verhalten der M√ľtter, die oft trotz Kenntnis vom Missbrauch nichts dagegen unternehmen. Die Angst, aufgrund einer Anzeige verlassen zu werden und die eventuell daraus folgende existenzielle Bedrohung hindert die Frauen, das Familiengeheimnis offen zu legen.

Verwischung der intrapsychischen Grenzen

Um die Beziehungsmuster aufrecht zu erhalten, entwickeln die Familienmitglieder Abwehrmechanismen. Durch Verleugnung und Rationalisierung von Gef√ľhlen werden diese allerdings auf Dauer in ihrer Realit√§tswahrnehmung stark beeintr√§chtigt. Der Teufelskreis der Isolation wird so immer weiter gef√∂rdert.

Der dargestellte familienorientierte Ansatz geht von einer Konstellation gleichgestellter Familienmitglieder aus. Hier wird zum einen das Machtgef√§lle zwischen Kindern und Eltern negiert, zum anderen auch das Ungleichgewicht zwischen den Eheleuten. Der Ansatz ber√ľcksichtigt keinerlei gesellschaftliche Gr√ľnde. So wird dar√ľber hinweggesehen, dass Gleichberechtigung von Frauen und M√§nnern in unserer patriarchalischen Gesellschaft noch keine Realit√§t ist.

Kritik an diesem Modell dreht sich besonders um die Frage, ob durch die Theorie von der dysfunktionalen Inzestfamilie der Vater als T√§ter entschuldigt wird, indem der Mutter und der Tochter eine Beteiligung bei der Entstehung des Missbrauchs angelastet werden. Familientheoretiker betonen jedoch, dass dem T√§ter durchaus die volle Verantwortung f√ľr sein Verhalten zugewiesen werden kann und soll. Sicherlich spielen die gest√∂rten Familienbeziehungen bei innerfamili√§rem Missbrauch eine wichtige Rolle. Es bleibt die Frage, ob sie wirklich die Ursache des sexuellen Missbrauch und nicht vielmehr eine Folge des Missbrauchs sind.

4.2 Sozialpsychologischer Ansatz

Die Sozialpsychologie untersucht allgemein betrachtet menschliches Verhalten in Abh√§ngigkeit von dem jeweilig sozialen Kontext. Das rollenspezifische Verhalten der Familienmitglieder zueinander und die Analyse und Erkl√§rung innerfamili√§rer Gewaltstrukturen sind hier relevant. Im Gegensatz zum psychoanalytischen Ansatz, der die Krankheit einer Person zum Ausgangspunkt der Intervention macht gehen sozialpsychologische Ans√§tze von einer Familiekrise aus, die in ihrer Gesamtheit zu erfassen und zu bearbeiten sind. Weder die Symptome des Missbrauchs noch die Tat oder der T√§ter stehen im Vordergrund, sondern vielmehr die multifaktoriell bedingte Krise, die wiederum das Verhalten der Familienmitglieder bestimmt. Wenn diese Krise erfolgreich behandelt wird, so wird angenommen, dass auch die Voraussetzungen f√ľr Misshandlungen eliminiert worden sind. Sexueller Missbrauch wird hier als eine Form der Kindesmisshandlung verstanden.

Wolff, ein f√ľhrender Vertreter der sozialpsychologischen Misshandlungsforschung, analysiert Gewalthandlung sowohl aus soziologischer als auch psychologischer Sicht. Gewaltf√∂rmige gesellschaftliche Strukturen pr√§gen demnach die Gewalt in der Familie. Insofern seien alle Formen menschlichen Zusammenseins von Gewalt gekennzeichnet.

Hartwig f√ľhrt aus, dass Wolff bei der innerfamili√§ren Gewalt von einem Unterschichtph√§nomen ausgeht, wobei durch soziale Deklassierung, beengte Wohnsituation, Arbeitslosigkeit und soziale Isolation der Familien ein √§u√üerer Druck erzeugt wird, der sich schlie√ülich innerfamili√§r auf der Ebene der Generationshierarchie gegen die Kinder richtet. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommen andere Theorien, die Kindesmisshandlungen im Kontext des Erziehungsalltag untersuchen. Es wird die Sensibilisierung der Eltern f√ľr Gewalt gefordert und auf die Gefahren der Repression im erzieherischen Handeln hingewiesen. Wolff unterscheidet zwei Formen der Misshandlung, einerseits die situative und andererseits die familiengeschichtlich eingebundene. Danach erfolgen situative Misshandlungen h√§ufig im Affekt und resultieren aus einer allgemeinen √úberforderungssituation der Eltern, sie sind langfristig geplant.

W√§hrend familiengeschichtlich eingebundene, d.h., stetig wiederkehrende Misshandlungen dagegen grunds√§tzlich aus einer ablehnenden Haltung gegen√ľber dem Kind resultieren. Gewalthandlungen in Familien haben einen Doppelcharakter von Sinnlichkeit: Beziehungswunsch und Selbstverletzung einerseits, Destruktivit√§t und Entsprachlichung andererseits.

Die Anwendung der Thesen zur Kindesmisshandlung auf sexuellem Missbrauch ist v√∂llig unzul√§ssig. Sexueller Missbrauch hat wenig mit der sozialen Lage einer Familie zu tun. Sexueller Missbrauch ist kein Ph√§nomen der Unterschicht, er tritt in allen Schichten und gesellschaftlichen Gruppen auf. V√∂llig absurd erscheint es, dass hier sexueller Missbrauch als strukturelle Vernachl√§ssigung bezeichnet wird, werden hier doch offensichtlich die Bed√ľrfnisse eines Familienmitglieds- des Vaters ¬≠ auf Kosten der Tochter befriedigt.

4.3 Feministischer Ansatz

In der b√ľrgerlichen Fachliteratur ¬≠ au er der feministischen ¬≠ gibt es f√ľr den innerfamili√§ren Missbrauch unterschiedliche Erkl√§rungsstereotypen:

Der Vater war sexuell frustriert. Dabei hat er sich in den Mitteln vergriffen. Er war einsam und verunsichert und suchte Nähe und inneren Halt in der Beziehung zur Tochter.

Die Tochter w√ľnschte sich die Zuneigung des Vaters, wenn auch nicht in der Form, wie der Vater das wollte. Oder weniger bed√§chtig: Die Tochter hat ihn verf√ľhrt.

Die Mutter hat sich sexuell zur√ľckgezogen, den Mann frustriert und hat ihre Tochter in die Rolle der Partnerin gedr√§ngt.

Sexueller Missbrauch ist ein Missbrauch von Macht, den vor allem M√§nner gegen√ľber M√§dchen, also gegen√ľber Schw√§cheren aus√ľben.

Susan Brownmiller kommt in ihrer Analyse √ľber Vergewaltigung zu folgender Feststellung:

Männer vergewaltigen niemanden, die/der sich in der gleichen Machtposition wie sie selbst befinden".

David Finkelhors Untersuchung stimmt mit dieser These √ľberein. Diese zentrale Bedeutung und Funktion der meisten sexuellen Misshandlungen liegt in der Befriedigung m√§nnlicher Dominanz und Herrschaftsbed√ľrfnisse. Es geht also um die Aus√ľbung von Gewalt und Macht.

Das starke Ungleichgewicht der Besitzverh√§ltnisse in unserer patriarchalischen Gesellschaft sichert nicht nur den M√§nnern die gr√∂√üere Macht im √∂ffentlichen Leben, sondern gibt ihnen auch im Privatleben die M√∂glichkeit, Frauen und M√§dchen ihren Willen aufzuzwingen. Sexualit√§t ist in unserer Gesellschaft noch weitgehend gekennzeichnet durch die Unterordnung des weiblichen Lustempfindens. Es herrscht die weit verbreitete Ansicht, Frauen m√ľssten ihren ehelichen Pflichten nachkommen. So kommt es vor, dass M√§nner sich h√§ufig Partnerinnen suchen, die j√ľnger und schw√§cher als sie sind. Je gr√∂√üer die Macht des Mannes und je mehr seine Partnerin zu ihm aufsieht, desto geringer die Gefahr, dass sie sich als autonomes Subjekt verh√§lt und ihm ihre Gunst nach belieben schenkt oder verweigert. So gesehen, kann eine Tochter als die ideale Partnerin erscheinen: In keiner anderen Beziehung ist das Machtgef√§lle gr√∂√üer als zwischen Vater und Tochter. Ebenfalls lassen sich bei keinem anderen Wesen die Autonomiebestrebungen leichter ignorieren und unterdr√ľcken,

T√∂chter aus Familien, in denen der Vater das Sagen hat, autorit√§r strukturierte Familien, haben keine Vorbilder eines partnerschaftlichen Umgangs zwischen den Geschlechtern. Es fehlt ihnen an Vorbildern einer weiblichen Selbstbestimmung. Dies hat zur Folge, dass M√§dchen aus solch autorit√§r strukturierten Familien sowohl innerhalb als auch au√üerhalb der Familie besonders gef√§hrdet sind, sexuell missbraucht zu werden. In Identifizierung mit ihren M√ľttern und anderen Frauen lernen insbesondere M√§dchen aus patriarchalisch strukturierten Verwandtschaftssystemen schon fr√ľh, dass Frauen in allen Lebensbereichen benachteiligt und abh√§ngig sind. Sie haben sexuelle √úbergriffe von M√§nnern zu dulden. Frauen m√ľssen sich zur√ľcknehmen und ¬≠ vor allem ¬≠ Aushalten und Schweigen.

Hier nur ein kurzes Beispiel dazu. Eine alltägliche Szene beim Verwandtschaftsbesuch:

Anne, 8 Jahre alt, muss gegen ihren Willen mit zum sonnt√§glichen Besuch der Gro√üeltern. Jeden Sonntag das gleiche Spiel. Opa dr√ľckt ihr einen widerlichen nassen Kuss mitten auf den Mund. Alle m√ľssen es doch sehen! Warum hilft mir denn niemand?" Keiner versteht, dass sie Opa nicht mehr mit einem Kuss begr√ľ√üen m√∂chte; inzwischen hat sie es aufgegeben, sich zu wehren. In der Verwandtschaft gilt sie als verstockt und unfreundlich.

M√§dchen unterliegen einem doppelten Gewaltverh√§ltnis ¬≠ als Kind und aufgrund ihres Geschlechts. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die traditionelle Rollenverteilung innerhalb der Familie manifestiert die Ohnmacht von M√§dchen. Als Ern√§hrer der Familie glauben M√§nner oftmals, ein Recht zu haben, sich von Frau und Tochter bedienen und umsorgen zu lassen. Ich kann mit meiner Tochter machen was ich will." Die sexuelle Ausbeutung ist Ausdruck dieses m√§nnlichen Besitzdenkens und eine √úberspitzung patriarchalischer Gesellschaft ¬≠ und Familienstrukturen. Die Inzest- oder Missbrauchsfamilie stellt demnach nicht einen abnormen Einzelfall einer zerr√ľtteten oder kranken Familie dar, sondern den leider allzu h√§ufigen Extremfall der Normalfamilie.

Sie ist Ausdruck einer Gesellschaftsstruktur, die Missbrauchern eine Position sichert, in der sie praktisch ungestraft Kinder und Jugendliche ¬≠ besonders M√§dchen ¬≠ zur Befriedigung ihrer Macht ¬≠ und Dominanzbed√ľrfnisse ausbeuten k√∂nnen.

4.4 Biographische Faktoren

Obgleich auch Frauen M√§dchen und Jungen sexuell missbrauchen, besteht in der Fachdiskussion inzwischen ein breiter Konsens dar√ľber, dass auch bei Missbrauch an Jungen in der Regel die T√§ter ganz normale" M√§nner sind und keine krankhaft veranlagten Einzelg√§nger.

Wie kommt die Gewalt in den Mann?

Als Ergebnis empirischer Studien werden M√§nnlichkeitsproblematik, eine Aggressionsproblematik, eine St√∂rung des Selbsterlebens und eine Beziehungsproblematik als urs√§chlich f√ľr das T√§terverhalten aufgezeigt.

Amerikanische Forschungsergebnisse belegen, dass ein Teil der T√§ter selber als Junge sexuell missbraucht wurde. Es ist wichtig, diesen Zusammenhang bei der Entwicklung therapeutischer Hilfen zu ber√ľcksichtigen, doch ebenso wichtig ist es aufzuzeigen, dass nicht jedes m√§nnliche Opfer zum T√§ter wird. Unsere Gesellschaft produziere Missbraucher schneller, als Irgendjemand diese einfangen oder heilen k√∂nne. M√§nner lernten von Geburt an, das Privilegien ihr Recht und Aggression ihre Natur sei. M√§nner lernten zu nehmen, weniger zu geben, lernten Probleme mit Sex und der Darstellung ihrer Macht zu l√∂sen.

So pr√§gt das in unserer Kultur herrschende M√§nnlichkeitsideal das Bild vom m√§nnlichen Eroberer, der das Nein einer Frau nicht ernst zu nehmen hat, sondern als deren Wunsch nach Sexualit√§t fehlinterpretiert. Sie will es angeblich. M√§nner erhalten f√ľr Eroberungen Bewunderung, Frauen Verachtung. So gelten √§ltere M√§nner, die sich junge Frauen suchen, zum Beweis m√§nnlicher Potenz, als toller Hecht ¬≠ √§ltere Frauen mit j√ľngeren Partnern hingegen l√§cherlich.

Die geschlechtsspezifische Sozialisation macht M√§nner anf√§llig f√ľr Gewalt, Vergewaltigung, Einsch√ľchterung und sexuellen Missbrauch. Die Sexualisierung von Macht, Intimit√§t und Zuneigung, zu weilen auch von Hass und Verachtung, ist Teil m√§nnlicher Sozialisation.

Das Machtungleichgewicht erm√∂glicht M√§nnern gerade im nahen sozialen Umfeld einen selbstverst√§ndlichen Zugang zu M√§dchen. √úber die Ausbeutung der von ihnen abh√§ngigen Kinder und Jugendlichen wiederum befriedigen M√§nner ihr Macht- Dominanzbed√ľrfnis, manifestiert somit das Machtungleichgewicht. Die meisten M√§nner sind keine Missbraucher, doch die meisten M√§nner zeigen sich gegen√ľber ihrem gewaltt√§tigen Geschlechtsgenossen eher r√ľcksichtsvoll, haben Verst√§ndnis daf√ľr, dass ein Mann den Reizen der Verf√ľhrerin nicht widerstehen konnte.

M√§nnliche Sexualit√§t wird h√§ufig als eine unkontrollierbare Kraft betrachtet, die akzeptiert werden muss. M√§dchen und auch Jungen werden nicht nur als f√ľr ihren eigenen Schutz verantwortlich angesehen, sondern sie sollen auch noch darauf achten, dass sie nicht zuf√§llig einen Mann erregen, denn dieser k√∂nnte dann ja nicht mehr Herr seiner Triebe sein!

Feministinnen vertreten die Position, jeder Mann sei ein potentieller Vergewaltiger. Weiter gehen sie davon aus, dass jeder Mann sexuelle Gewalt aus√ľben kann. Demnach kann eine Frau keinem Mann √ľber den Weg trauen.

Josephine Rijnaarts zeigt, dass menschliches Verhalten immer Ergebnis einer Wechselwirkung zu individueller Handlungsfreiheit und gesellschaftlichen Strukturen seien. Zwar verleihe die patriarchalische Gesellschaftsstruktur M√§nnern Macht √ľber Frauen und Kindern, doch sei Macht besitzen nicht gleichbedeutend mit Macht missbrauchen.

Psychische Neigung ist kein unz√§hmbarer Trieb. Pers√∂nliche Verantwortung trennt das eine vom anderen. Denn bei allem Verst√§ndnis f√ľr das jeweils individuelle Schicksal eines T√§ters ist und bleibt die pers√∂nliche Verantwortung eines jeden Mannes, die ihm gegebene Macht nicht zu missbrauchen, und das Recht jedes Kindes auf sexuelle Selbstbestimmung zu achten! Der feministische Ansatz beobachtet und untersucht die Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Menschen und dem sozialen Gebilde, in dem wir leben, recht pr√§zise. Doch indem die Theoretikerinnen der Frauenbewegung sich einseitig auf die Bek√§mpfung des m√§nnlichen versteifen, gelingt die Abl√∂sung von allzu formalisiertem Denken nicht immer. Der m√§nnliche Machtanspruch sollte aber nicht zur Ursache erkl√§rt werden, sondern als Teil des Erkl√§rungssystems dienen.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist ein multifaktorielles Geschehen, dass zahlreiche Einzelaspekte enthalten. Sexueller Missbrauch hat niemals eine einzige Ursache, sondern stellt sich als eine ungl√ľckliche Mischung von vielen Ursachen dar. Hierbei spielt die Beziehungsf√§higkeit des T√§ters eine gro√üe Rolle. In der therapeutischen Arbeit hat die Beziehungsf√§higkeit des T√§ters einen hohen Stellenwert. Im Laufe eines Lebens formt sich die menschliche Seele zu einer unverwechselbare Pers√∂nlichkeit. Wir werden nicht nur durch unsere Kindheit, sondern auch durch viele aktuell wirksame Einfl√ľsse gepr√§gt. Letztlich entscheidend f√ľr eine sexuell gest√∂rte Entwicklung sind die pers√∂nliche Situation und die Lebenslinie des T√§ters.

Ich möchte einige Faktoren aufzählen, die dazu beitragen können, dass Männer und Frauen Täter werden.

Eigene Missbrauchserfahrungen ­ doch nicht alle Opfer werden zu Tätern. Eine besondere Gefährdung liegt dann vor, wenn sich das Opfer mit dem Täter identifiziert, das heißt seine Taten als gerechtfertigt ansieht.

Eine extrem frauenverachtende, mitunter gewaltbereite Einstellung, die selbst junge Mädchen als bereitwillig ansieht.

Schwer gest√∂rte Familienverh√§ltnisse, belastende Lebenswege ¬≠ fr√ľhe Heimkarrieren, Alkohol- und Suchtmittelmissbrauch in der Familie,

Misshandlungen, Vernachl√§ssigung, erlebte Gewaltt√§tigkeiten. Beziehungs- und Kontaktst√∂rungen, starre Familienregeln, wenig Offenheit √ľber Sexualit√§t, verklemmter, stark moralisierender und k√∂rperfeindlicher Erziehungsstil.

Persönlichkeitsstörungen: Neigungen zum Perfektionismus, paranoide Persönlichkeitsstörungen.

Eine pädophile Fixierung.

Sexuelle Inkompetenz ¬≠ das hei√üt, ein Mensch ist aus k√∂rperlich ¬≠ seelischen Gr√ľnden, etwa nach Unfall, durch Hirnsch√§digung, bei K√∂rperbehinderung oder aus anderen Gr√ľnden, nicht in der Lage, erwachsene Sexualit√§t zu Leben.

Das alles sind Merkmale, die in einer bestimmten Kombination und Stärke dazu beitragen können, dass sich Männer oder Frauen an Kindern vergreifen. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand gibt es jedoch keine eindeutige Täterpersönlichkeit. Die Suche nach bestimmten Merkmalen, etwa Aussehen, Alter, Schichtzugehörigkeit und vielem mehr, hat kein Ergebnis gebracht. Ob ein Mensch zum Sexualstraftäter wird, ist letztlich von seiner persönlichen Lebensgeschichte abhängig.

5.1 Ausmaß und Dunkelziffer

Das wahre Ausma√ü von sexuellem Missbrauch l√§sst sich aufgrund der sehr hohen Dunkelziffer schlecht erkennen. Die Dunkelziffer liegt bei den an Kindern begangenen Missbrauchshandlungen besonders hoch. Man sch√§tzt, dass noch etwa acht ¬≠ zehnmal mehr Kinder betroffen sind, als bekannt wird. Die Gr√ľnde daf√ľr sind vielseitig: H√§ufig ist ein Kleinkind, zu Aussagen noch nicht f√§hig, Opfer der Tat. Das gr√∂√üere Kind scheut sich, Angaben zu machen, vor allem dann, wenn der Vater als T√§ter in Frage kommt. Das Kind l√§uft sogar Gefahr, f√ľr den Zerfall der Familie und f√ľr die nach der Verurteilung des Vaters aufkommende Not verantwortlich gemacht zu werden. Das Kind wird als der schuldige Teil angesehen und manchmal sogar als kleine Hure oder phantasievolle L√ľgnerin bezeichnet.

Die Opfer werden selten oder √ľberhaupt nicht dem Arzt in seiner Praxis vorgestellt, schon aus der Sorge heraus, es k√∂nnten Anzeigen erfolgen. Nachfolgende Untersuchungen, Begutachtungen und Vernehmungen im Ermittlungsverfahren gegen den T√§ter werden f√ľr die ganze Familie als peinlich und unangenehm angesehen und sollen deshalb vermieden werden. Diese Tatsachen sprechen deutlich daf√ľr, dass die tats√§chliche Zahl von sexuellem Kindesmissbrauch weit √ľber der Zahl der bekannt gewordenen F√§lle liegt. Aus diesem Grund wird allgemein davon ausgegangen, dass in der Bundesrepublik Deutschland j√§hrlich ca. 300.000 Kinder sexuell missbraucht werden.

5.2 Psychogramme der Täter

Es sind keine √§u√üeren Merkmale, die Missbrauchst√§ter, von anderen M√§nnern unterscheiden. Sie sind unauff√§llige, ganz normale M√§nner, die ein Leben wie jedermann f√ľhren, und keineswegs jene Sonderlinge, Monster oder Psychopaten, als die sie die √Ėffentlichkeit gerne sehen m√∂chte. Ob vergewaltigender Vater oder Onkel, √ľbergriffiger Nachbar oder Priester ¬≠ Kindesmissbraucher sind keine Au√üenseiter der Gesellschaft, sonder Durchschnittsmenschen. Sie entstammen jeder Schicht, verf√ľgen √ľber die verschiedensten Bildungsgrade, √ľben die verschiedensten Berufe aus, sind ebenso h√§ufig arbeitslos wie andere M√§nner und haben √§hnliche Freizeitgewohnheiten. Nichts, aber rein gar nichts deutet darauf hin, das jemand ein Kindersch√§nder ist. Nicht einmal f√ľr die engste Familie. Deshalb kann man niemandem von vorneherein als T√§ter ausschlie√üen. Es gibt √úberlegungen, dass diese M√§nner in ihrer Kindheit selbst sexuell missbraucht wurden. Sie wollen sp√§ter nicht mehr Opfer sein, sondern identifizieren sich mit der Macht und werden auch zum T√§ter. Nicht jeder Mann jedoch, der ein Kind sexuell missbraucht, ist fr√ľher Opfer eines sexuellen Missbrauchs gewesen.

So gen√ľgt es nicht, sich darauf zu beschr√§nken, den P√§dophilen einfach als pervers abzustempeln. Es ist vielmehr seine Pers√∂nlichkeitsstruktur und seine Handlungsweise zu verstehen. Das soll nicht hei en, sie jemals zu rechtfertigen, aber so kann ihm begegnet bzw. dem Opferschutz Rechnung getragen werden, sowohl im Falle einer Ersttat als auch einer Wiederholungstat. Der Glauben, es sei m√∂glich, eine eindeutige Perversion zu diagnostizieren, die dann ebenso eindeutig einer gesicherten Behandlung zugef√ľhrt werden kann, stellt sich als Irrtum heraus. Entscheidend ist vielmehr die Kenntnis der psychischen Struktur der T√§ter und das Wissen um die menschliche Triebdynamik.

5.2.1 Geschlecht der Täter

Die angesichts der zunehmenden Diskussion √ľber Frauen als T√§terinnen wichtige Frage, ob und inwiefern das Geschlecht des T√§ters f√ľr das Ausma√ü der Traumatisierung eine Rolle spielt, ist bisher fast v√∂llig ignoriert worden. Bei den wenigen Untersuchungen, die dieser Problematik nachgingen, zeigte sich ein Trend in die Richtung, dass Jungen sexuellen Missbrauch durch M√§nner negativer erleben als sexuellen Missbrauch durch Frauen.

Sexueller Missbrauch an Kindern wird nach dem Ergebnis fast aller Studien haupts√§chlich durch M√§nner ausge√ľbt. Was also das Geschlecht des T√§ters angeht, liegen die Zahlen zwischen 93,2% und 99% f√ľr m√§nnliche T√§ter und 1,0% bis 6,8% f√ľr weibliche T√§ter. Auch in ausl√§ndischen Studien liegt der Anteil von Frauen als T√§terinnen meist unter 10%.

In den letzten Jahren wurde in Deutschland verst√§rkt √ľber sexuellen Missbrauch durch Frauen diskutiert. Dadurch k√∂nnte es f√ľr M√§nner einfacher geworden sein, sich einzugestehen, dass ein Junge durch eine Frau sexuell missbraucht werden kann. Dies widersprach bislang allem, was ein Junge √ľber Geschlechtsverh√§ltnis gelernt hat. War es f√ľr M√§nner schon schwierig genug, einen sexuellen Missbrauch durch einen Mann f√ľr sich zu akzeptieren, d√ľrfte es bei einem durch eine Frau ver√ľbten noch wesentlich schwieriger gewesen sein.

5.2.2 Alter der Täter und Täterinnen

√úber den 1991 bei der Polizei aufgezeigte F√§lle von sexuellem Missbrauch (¬ß176 StGB, BRD einschlie√ülich neuer Bundesl√§nder) waren rund 20% der Beschuldigten j√ľnger als 21 Jahre (vgl. Bundeskriminalamt 1991).

Nach verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen liegt das Alter der T√§ter im Wesentlichen unter 40 Jahre und meist Anfang bis Mitte 30. Hinsichtlich der Altersstruktur der T√§ter zeigen die Studien also, dass etwa ein Drittel der T√§ter selbst noch Kinder oder Jugendliche sind. Nur etwa ein Zehntel ist √ľber 50 Jahre. Der √ľberwiegende Teil der T√§ter ist zwischen 19 und 50 Jahre alt.

Daraus ergibt sich, dass viele Kinder und Jugendliche durch Gleichaltrige sexuell missbraucht werden; nach der Russel-Studie wurden beispielsweise 15% der innerfamiliären Frauen durch gleichaltrige Familieangehörige missbraucht.

Nur wenige Studien beschäftigen sich mit der Frage, ob das Alter des Täters einen Einfluss auf die Folgenentwicklung beim Opfer hat. Die wenigen Studien allerdings kamen alle zu dem gleichen Schluss, dass das Trauma durchschnittlich umso größer ist, je älter der Täter war. Übereinstimmend stellen sie fest, dass im Durchschnitt das Trauma mit dem Altersunterschied zwischen Opfer und Täter wächst.

5.2.3 Schichtzugehörigkeit

Bei sexueller Gewalt wird häufig vermutet, dass Täter und Opfer meistens aus sozial benachteiligten Schichten stammen. Diese Annahme bestätigt sich lediglich durch Betrachtungen sexueller Gewaltdelikte, die angezeigt bzw. bei denen ein Urteil gesprochen wurde. Gewaltdelikte in der Mittel- oder Oberschichtkommen wesentlich seltener zur Anzeige als Sexualdelikte in der Unterschicht. Der höhere soziale Status ermöglicht eine Verschleierung und Geheimhaltung des Delikts. Selektive Stichproben zeigen keine bedeutsamen Schichtunterschiede.

In der neueren Literatur und auch in offiziellen Informationsbrosch√ľren sind die T√§ter als sozial bestens integriert beschrieben. Die T√§ter sind M√§nner aller sozialer Schichten. M√§nner, wie sie uns tagt√§glich begegnen, als Elternteil, Nachbar oder als Kollege, als Hausmeister, Zahnarzt, Beamte, Handwerker, Arbeiter oder Akademiker. Die Annahme, dass sexueller Missbrauch ein Problem der unteren sozialen Schichten ist, wurde noch bis vor wenigen Jahren selbst von Wissenschaftlern angenommen.

Nach einer neueren Studie von Bange stammen 50 % der Opfer sexuellen Missbrauchs aus der Oberschicht und der oberen Mittelschicht. Etwa ein Drittel werden der unteren Mittelschicht zugeschrieben und nur ein Zehntel ist der Unterschicht zuzuordnen.

5.2.4 Strategien der Täter

Sexuelle Gewalt an M√§dchen und Jungen geschieht nicht aus Versehen, im Affekt oder ohne das dem T√§ter klar ist, was er tut. Die Taten sind in der Regel bewusst geplant, strategisch angelegt und zielstrebig durchgef√ľhrt. Budin und Johnson und Conte, Wolf und Smith haben T√§terinterviews durchgef√ľhrt und diese gebeten, ihr ideales Opfer und ihre Strategien zu beschreiben. Es werden Kinder ausgew√§hlt, bei denen mit geringem Widerstand und geringem Entdeckungsrisiko gerechnet werden muss. H√§ufig werden passive, ruhige, verst√∂rte, einsame Kinder ¬≠ m√∂glichst aus gest√∂rten Familienverh√§ltnissen ausgew√§hlt. Kinder, die bereits sexuelle Gewalterfahrungen gemacht haben, sind leider besonders leichte Opfer.

Allerdings muss hier vor einer Verallgemeinerung gewarnt werden. Es sind nicht nur bed√ľrftige, emotional deprivierte Kinder, sonder auch Kinder, die einen offenen und freundlichen Eindruck machen und vertrauensvoll auf Erwachsene zugehen. Hier setzen die T√§ter auf die Vertrauensseeligkeit dieser Kinder.

Zum Abschluss m√∂chte ich einen Auszug aus einem T√§terinterview vorstellen. Ich war sehr ersch√ľttert, als ich las, mit welcher Raffinesse die T√§ter wehrlose und verletzliche Kinder identifizieren, wie bewusst sie diese Verwundbarkeit ausnutzen.

"Nimm dich ihrer an, sei nett zu Ihnen. Ziele auf Kinder ab, die kein gutes Verh√§ltnis zu ihren Eltern haben. Oder suche Kinder, die bereits Opfer waren. Suche nach irgendeiner Art von Mangel. Ich w√ľrde ein Kind suchen, das nicht sehr viele Freunde hat, weil es dann leichter sein wird, es zu beeinflussen und sein Vertrauen zu gewinnen. Halt Ausschau nach einem Kind, das leicht zu manipulieren ist. Es wird alles mitmachen was Du sagst. Ich w√ľrde es Glauben machen, dass ich jemand bin, dem es vertrauen und mit dem des sprechen kann. Als Missbraucher kannst du ein Kind aussuchen und anfangen, dem Kind besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden darauf anspringen und leicht manipulierbar sein. Wenn die Eltern die trauen, dann kannst Du es auch einrichten, dass sie dich als Babysitter nehmen. Du wirst allein mit dem Kind sein, und das Kind wird seine Eltern nicht m√∂gen. W√§hle Kinder aus, die ungeliebt sind. Versuche nett zu ihnen zu sein, bis sie dir vertrauen und erwecke den Eindruck, dass sie von sich aus bereitwillig mitmachen. Benutze Liebe als K√∂der. Sag ihr, dass sie jemand besonderes ist. W√§hle ein Kind aus, dass bereits missbraucht wurde. Dein Opfer wird denken, dass diesmal weniger Schlimmes geschieht. Suche ein Kind aus, dass nach Hilfe sucht, dass verletzlich ist... Bring ihre Eltern dazu, den T√§ter zu vertrauen. Arbeite langsam. Bringe m√∂glichst viele Menschen, die dem Kind nahe stehen dazu, Dir zu vertrauen. Beobachte das Opfer, wenn er/sie freundlich ist, wenn sie anfangen mich ziemlich zu m√∂gen, dann wird es ungef√§hrlich sein zu versuchen, sie zu ber√ľhren... W√§hle ein isoliertes und stilles Kind. Sie wollen jemanden ganz f√ľr sich haben. Als erstes musst du dem Opfer totale Angst machen. Dann isoliere das Opfer, sodass niemand weiteres um es herum ist. Der n√§chste Schritt zielt darauf ab, das Kind glauben zu machen, dass alles in Ordnung ist, sodass sie nicht hinrennen und was erz√§hlen. Du kannst sie √ľberzeugen, dass es nichts Schlimmes damit auf sich hat, oder Druck auf das Kind aus√ľben, nichts zu berichten. Gebrauche Gewalt und Zwang".

Diese Schilderungen von Tätern entlarven es als Mythos, dass die Kinder die sexuellen Kontakte initiieren.

Es gibt jedoch nicht nur diese Art von T√§tern. Das zeigen allein die Unterschiedlichkeiten der durchgef√ľhrten Handlungen und das Spektrum der Machtmittel, die M√§nner anwenden. Den Prozess von Beziehungsaufbau nennen Conte u.a. auch, langsame Desensibilisierung. Zun√§chst erfolgen K√∂rperkontakte sehr langsam und in Form von sozial bewilligten Ber√ľhrungen wie z.B. in¬≠den-Arm nehmen. Es folgen scheinbar zuf√§llige Ber√ľhrungen der Brust und der Genitalien bis es schlie√ülich zu massiven √úbergriffen kommt. Kinder begreifen h√§ufig nicht, was passiert. Die T√§ter erkl√§ren, sie w√ľrden ein Spiel spielen, das Kind sexuell aufkl√§ren, oder sie tun so, als w√ľrde √ľberhaupt nichts besonderes passieren. Wenn die Kinder begreifen, woher ihr komisches Gef√ľhl kommt und warum sie das Zusammensein mit dem Mann in einigen Situationen genie√üen und in anderen nicht, f√ľhlen sie sich oft mitschuldig. Dieses Schuldgef√ľhl wird von den T√§tern gezielt verst√§rkt. Oftmals belohnen die T√§ter auch f√ľr die sexuellen Handlungen mit Geschenken, Geld, Privilegien und Zuwendung. Ebenso wird vom T√§ter h√§ufig die Isolation forciert. Dadurch wird das Kind abh√§ngiger vom T√§ter und hat gleichzeitig weniger Personen, an die es sich um Hilfe wenden kann.

5.2.5 Selbst erlebte sexuelle Gewalterfahrung der Täter

Der Prozentsatz der T√§ter, die selbst als Kind sexuelle Gewalt erfahren haben, schwankt zwischen 37% und 57%.In der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die selbst sexuelle Gewalt ausge√ľbt haben, muss stets die M√∂glichkeit in Betracht gezogen werden, dass sie √§hnliche Erfahrungen gemacht haben. Ebenso bei der Arbeit mit erwachsenen T√§tern.

Wie schlimm die Angst zum T√§ter zu werden f√ľr eine Betroffenen sein kann, verdeutlicht folgende Aussage: Was f√ľr mich aber am allerschrecklichsten ist, ist die Angst, dass ich genau dasselbe mit meinen oder mit anderen Kindern machen k√∂nnte. Ich glaube, wenn mir das passieren sollte, dass w√§re der einzige Punkt, wo ich sofort Selbstmord begehen w√ľrde. Das w√ľrde ich nicht aushalten."

5.2.6 Frauen als Täter

In letzter Zeit kommen mit steigender Tendenz Frauen und M√§nner in die Beratungsstellen, die von ihren M√ľttern, Tanten oder Babysitterinnen sexuell missbraucht wurden. Durch die vermehrte Medienberichterstattung und Hinweise auf Fortbildungen ist ein weiteres Tabu entkr√§ftet worden.

Ich merkte, dass es vielen Leuten unangenehm ist wenn ich meine Geschichte erz√§hle. Die Leute winden sich irgendwie. Es ist fast als w√ľrden sie mir nicht glauben. Ich kann nicht einfach meine Geschichte erz√§hlen, ohne sie anschlie√üend zu erkl√§ren. Die Leute denken gerne in Kategorien. Wenn Du also √ľber Frauen als Sexualt√§terinnen sprichst, zerst√∂rst du eine ganze Reihe von Mythen: Frauen haben keinen Sexualtrieb, Frauen sind sanft. Frauen sind passiv. Wie konnte eine Frau so etwas mit einem Kind machen?

Aber die Leute m√ľssen das h√∂ren. Sie m√ľssen h√∂ren: ich bin ein Inzest-Opfer und es war meine Mutter. Auch Frauen missbrauchen, und wenn wir das nicht aussprechen, kann keine Heilung erfolgen!".

Verschiedene Autorinnen gehen davon aus, dass es mehr T√§terinnen gibt als durch Untersuchungen aufgedeckt werden. Neben dem Argument, dass Jungen und M√§dchen bisher erst z√∂gerlich √ľber sexuelle Gewalt durch Frauen sprechen, f√ľhren sie folgende Gr√ľnde f√ľr ihre Meinung an.

Blair Justice und Rita Justice meinen, dass einige Formen sexueller Gewalt durch Frauen in der Diskussion nicht beachtet w√ľrden. Dazu z√§hlt zum Beispiel die sexualisierte K√∂rperpflege. Manchmal missbrauchen Frauen ihre Opfer auf offen sexuelle oder gewaltt√§tige Weise, aber h√§ufiger und typischer ist eher subtiler Missbrauch, ohne oder fast ohne den Einsatz von Gewalt. Missbrauch durch Frauen versteckt sich oft hinter Kuscheln und Schmusen und der t√§glich liebevollen F√ľrsorge. Diese Vergewaltigung ist oft verschwommener, weniger eindeutig. Aber sie hat die gleiche verheerende Wirkung.

Die Ergebnisse der Studie Wie M√ľtter ihre S√∂hne sehen" von Gerhard Amendt lassen solch These als begr√ľndet erscheinen. Dort zeigt sich beispielsweise, dass viele M√ľtter ohne medizinischen Gr√ľnde den Penis ihrer S√∂hne manipulieren, um einer Vorhautverengung vorzubeugen. Ebenfalls weist er darauf hin, dass der sexuelle Handlungsspielraum von M√ľttern und V√§tern sehr oft unterschiedlich definiert wird. Als Beispiel dazu: Der Blick von schr√§g oben aus der Nachbarwohnung von gegen√ľber. Ein Vater betupft vorsichtig die zarten Porzellanbr√ľste seiner elfj√§hrigen Tochter, w√§hrend ¬≠ gleiche Szene, gleicher Ort ¬≠ die Mutter den zw√∂lfj√§hrigen Sohn gewohnheitsm√§√üig in die Genitalhygiene einweist. Aus der Sicht des denunziationsbereiten Nachbarn k√∂nnte sich der Waschvorgang als unz√ľchtige Handlung des Vaters, begangen an der minderj√§hrigen Tochter darstellen, w√§hrend der entsprechende Vorgang von Mutterhand betrieben Chancen hat, unter Mutterliebe rubriziert zu werden".

Es wird auch angenommen, dass viele T√§terinnen √ľbersehen werden, weil sexuelle √úbergriffe durch Frauen h√§ufiger innerhalb der Familie stattfinden und Kinder √ľber sexuellen Missbrauch durch Angeh√∂rige am beharrlichsten schweigen.

Wie sexuelle Ausbeutung durch eine Mutter aussehen kann und wie sie vom betroffenen Opfer erlebt wird, illustriert folgende Aussage. 

Ja. Es war ekelhaft, ich muss damals ungefähr 10 Jahr alt gewesen sein. Sie legt eine Decke auf dem Boden aus und sagte: Komm wir turnen. Das war manchmal am Anfang lustig. Lustig? Jetzt wo sie fragen kommt mir in den Sinn, dass sie in diesen Monaten lieb und fröhlich war. Ich wurde belohnt, durfte dann mit einem Teller Brei ins Bett oder gemeinsam mit ihr ein Hörspiel anhören. Wir waren beide nackt. Sie lag auf dem Boden und wir turnten aufeinander rum... dann öffnete sie die Beine und wollte es von mir. Ich musste sie mit dem Mund befriedigen. Es war mir damals nicht so klar, dass das Unrecht war. Ich hatte große Angst".

Anmerkung: Der autobiographische Roman Still wie die Nacht" von Manfred Bieler illustriert wie schwerwiegend sexueller Missbrauch durch Frauen auf das Leben von Jungen wirken kann.

5.3 Psychogramm der Opfer

Nicht nur Kinderpsychiater und Psychologen stellen sich immer wieder die Frage, ob bestimmte Kinder in h√∂herem Ma√üe gef√§hrdet sind als andere Opfer von sexuellem Missbrauch zu werden. Nach Hunderten von F√§llen im Laufe der Berufspraxis ist die Versuchung gro√ü, eine Typologie zu entwickeln, in der Hoffnung, damit die Pr√§vention und den Opferschutz wirksamer zu unterst√ľtzen. Es scheint naheliegend, sich dabei am Lebensalter des Kindes zu orientieren und bestimmte Pers√∂nlichkeitsmerkmale herauszufiltern, die Einblick geben, wann und auf welche Weise ein Kind am besten gesch√ľtzt werden k√∂nnte. Allein, weder das Lebensalter noch die sozialen Umst√§nde der Herkunftsfamilie und des Umfeldes k√∂nnen daf√ľr sichere und eindeutige Kriterien liefern. Im Grunde ist es nur m√∂glich, je nach Alter einzelner Lebenssituationen zu beschreiben, in die ein Kind geraten kann und vor deren Gefahren daher rechtzeitig zu warnen ist.

5.3.1 Alter der Opfer

Ein Mythos, der bis Heute das Denken vieler Menschen √ľber sexuellen Missbrauch an Kindern bestimmt, lautet, dass nur pubertierende M√§dchen im Lolitaalter sexuell ausgebeutet werden. In keinem Alter sind Kinder vor sexuellen √úbergriffen gesch√ľtzt. In Wirklichkeit sind M√§dchen und Jungen jeden Alters gef√§hrdet. Jedes Alter kommt in Frage. Kinder werden im S√§uglings- und im Kleinkindalter, im Kindergarten- und Grundschulalter sowie in der Pubert√§t sexuell missbraucht.

In vielen F√§llen wird der sexuelle Missbrauch zwar erst im Alter von 15 bis 16 Jahren oder gar noch sp√§ter aufgedeckt, doch stellt sich in der Therapie oft sehr schnell heraus, dass er meist wesentlich fr√ľher begonnen hat. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (1985) sind 45% der Opfer noch keine 10 Jahre alt. Die Dunkelfelduntersuchungen belegen ebenfalls, dass sexueller Kindesmissbrauch oft lange vor der Pubert√§t anf√§ngt. Bei den M√§dchen liegt das Durchschnittsalter zwischen 9, und 11,4 Jahren und bei den Jungen schwankt das Durchschnittsalter zwischen 9,8 und 12 Jahren.

5.3.2 Geschlecht der Opfer

Nicht nur M√§dchen sondern auch Jungen werden sexuell missbraucht. Nach Pr√§valenzsch√§tzungen erfahren etwa 2- bis 4-mal so viele M√§dchen wie Jungen sexuelle Gewalt. In diese Richtung deuten auch Untersuchungen mit Zufallsstichproben aus der Allgemeinbev√∂lkerung. Im Durchschnitt befinden sich dort rund 70% weibliche und 30% m√§nnliche Opfer. In neuen Untersuchungen kommt man zu der Annahme, dass etwa jedes vierte M√§dchen und jeder 12 Junge in der Bundesrepublik Deutschland sexuell missbraucht werden. Aus den Untersuchungsergebnissen geht √ľbereinstimmend hervor, dass f√ľr M√§dchen ein wesentlich gr√∂√üeres Risiko besteht, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, als f√ľr Jungen. Jedoch wird deutlich, dass auch f√ľr Jungen die Bedrohung durch sexuelle Gewalt erheblich ist.

5.3.3 Männliche Opfer

Sexuelle Gewalterfahrungen sind keine Seltenheit, sondern totgeschwiegener Alltag im Leben vieler Jungen. Insgesamt erscheint die Annahme realistisch, dass etwa jeder zw√∂lfte Junge sexuell missbraucht wird. Es fehlen Berichte sexuell missbrauchter M√§nner und es gibt auch nur wenige Ver√∂ffentlichungen, die sich explizit mit Jungen als Opfer sexueller Gewalt auseinandersetzen. Warum f√§llt es offenbar schwerer, Jungen als Opfer sexueller Gewalt wahrzunehmen? Und warum gibt es bisher kaum Erfahrungsberichte sexuell missbrauchter M√§nner? Zum einen liegt es an der gesellschaftlich tief verwurzelten Rollenerwartung. Man erwartet von Jungen, dass sie stark und aktiv sind, Situationen kontrollieren und beherrschen. Und: sie m√ľssen sich wehren k√∂nnen.

Von Jungen wird sehr fr√ľh eine Selbstst√§ndigkeit gefordert. Ein richtiger Junge wird mit seinen Problemen alleine fertig und braucht keine Hilfe von anderen. Jungen werden dazu erzogen, ihre Gef√ľhle zu kontrollieren, sich im Griff zu haben. Sie m√ľssen sich stets durchsetzen k√∂nnen. Und genau ein solcher Junge entspricht dem Bild eines ganzen Kerls. Ruhiges, sanftes und √§ngstliches Verhalten wird oft noch abgewertet. Ein zur√ľckhaltender und eher passiver Junge gilt als Memme, hat keinen Mumm in den Knochen und ist ein Feigling. Ein Junge, der sich nicht wehren kann, gilt als unm√§nnlich. Aus dieser Rollenerwartung erkl√§rt sich, warum Jungen als Opfer sexuellen Missbrauchs √ľbersehen werden und nat√ľrlich auch, warum es Jungen schwer f√§llt, √ľber den sexuellen Missbrauch zu berichten. Dazu kommt, dass m√§nnliche Sexualit√§t im Jugendalter als etwas Positives und Abenteuerliches dargestellt wird.

Sexuelle Erlebnisse zwischen Jungen und Männern werden als Spielerei abgetan, die zwischen Jungen und Frauen dagegen als aufregend oder besonderes Erlebnis bezeichnet.

Da Jungen ebenso wie M√§dchen √ľberwiegend von M√§nnern sexuell missbraucht werden, kommt das Tabu der Homosexualit√§t hinzu. Dieses Tabu ist von zentraler Bedeutung f√ľr die Besch√§ftigung mit dem sexuellen Missbrauch von Jungen: Die Jungen f√ľrchten sich davor, homosexuell zu sein. Eltern leugnen den sexuellen Missbrauch ihres Sohnes aus Angst, ihr Sohn gelte als homosexuell. Sexuelle Gewalt gegen Jungen kommt genau wie bei M√§dchen in allen Schichten vor und steht in keinem Zusammenhang mit Alkohol-, Drogen- oder sonstigen auff√§lligen seelischen Problemen des T√§ters. Im Unterschied zu M√§dchen werden Jungen h√§ufiger on Personen missbraucht, die nicht der unmittelbaren Familie angeh√∂ren, z.B. Gruppenleiter, √§ltere Jungen u.s.w.. Oft besteht auch ein autorit√§res Verh√§ltnis zwischen den Jungen und dem T√§ter.

Lange Zeit gab es so gut wie keine Untersuchungen √ľber die Auswirkungen sexuellen Missbrauchs auf Jungen und M√§nner. Obgleich etwa ein Viertel aller missbrauchten Kinder Jungen sind, werden sie kaum in den Untersuchungen ber√ľcksichtigt. Erst in den letzten Jahren sind ein paar Studien erschienen, die sich systematisch mit den psychischen und sozialen Auff√§lligkeiten sexuell missbrauchter Jungen befassen. Dabei zeigte sich, dass Jungen √§hnlich wie M√§dchen unter bedeutenden kurz-, mittel- und langfristigen Folgen leiden. Die Auswirkung sexuellen Missbrauchs von Jungen unterscheiden sich nur wenig von denen des sexuellen Missbrauchs an M√§dchen.

Es fing an, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Ich bin damals in eine Jugendgruppe eingetreten, in eine Pfadfindergruppe, mit sehr viel Spa√ü und Freude. Der Leiter dieser Pfadfindergruppe war ein Mann, der bei uns im gleichen Haus gewohnt hat. Er hatte Medizin studiert, seine Doktorarbeit fertig und war deswegen sehr angesehen. Er war an sich sehr sympathisch, freundlich und nett f√ľr meine Eltern, als Leiter der Jugendgruppe eine Vertrauensperson. Sie kannten ihn eben, er wohnte ja im gleichen Haus. Und zu dem bin ich dann ab und zu mal hoch gegangen, wenn zu Hause nichts weiter los war. Zu dem raufgehen oder zu irgendeinem Gruppentreffen gehen, das lief am Anfang ganz normal ab. Und irgendwann fing es dann an, dass er √úbergriffe gestartet hat, Kabbeleien. Er hielt meine Hand an sein Geschlechtsteil und fing an zu reiben. Damit kam ich √ľberhaupt nicht klar. Das war jemand zu dem ich Vertrauen gehabt habe, und es war eine Situation, in der ich vorher nie gewesen war. Das war sehr verwirrend. Ich konnte ihn in dem Moment nicht wegsto√üen, weil ich nicht wusste, ist es Spiel oder etwas anderes. Mit Sexualit√§t hatte ich bis dahin auch nie etwas zu tun gehabt. Er tat so, als wollte er mich aufkl√§ren. Dass das eben ganz normal sei, ich sollte aber keinem anderen Menschen davon erz√§hlen, weil es dann Schwierigkeiten g√§be. Das wurde dann immer aufdringlicher und unangenehmer, weil ich mit meinen Eltern eigentlich wenig zu tun hatte und diese Jugendgruppe mein Halt und meine Bindung war. Deswegen war ich √ľberhaupt nicht in der Lage zu sagen, das will ich nicht. Es war aussichtslos f√ľr mich".

5.4 Bekanntschaftsgrad zwischen Täter und Opfer

Im Bezug auf den Bekanntschaftsgrad gibt es zwei wesentliche Vorurteile:

Die Vorstellung, dass die Täter in der Regel Fremde seien.
Die Vorstellung, dass Väter hauptsächlich Täter seien.
Die Ergebnisse sind je nach zugrundeliegender Stichprobenart sehr unterschiedlich.

Wie aus der Abbildung ersichtlich wird ¬≠ entgegen beider Vorurteile ¬≠ wird der deutlich gr√∂√üere Teil der Jungen und M√§dchen (ca. 45 % bzw. 50%) von bekannten Personen missbraucht, die nicht zur Familie geh√∂ren. Ansonsten ist die Wahrscheinlichkeit bei Jungen gr√∂√üer als bei den betroffenen M√§dchen (rund 25%), dass sie sexuelle Gewalt von einem Fremden erfahren. Demgegen√ľber werden M√§dchen (mit ca. 30%) deutlich h√§ufiger von Familienmitgliedern ausgebeutet als Jungen (15%).

Eine genauer Differenzierung f√ľr die Begriffe ¬ībekannte, nicht verwandte T√§ter¬ī kann nicht gegeben werden. Dazu z√§hlen Freunde der Familie, Lehrer, Nachbarn, √Ąrzte, Jugendgruppenleiter, Erzieher, Pfarrer und viele mehr. Sexueller Missbrauch in der Kernfamilie unterliegt einer besonderen Dynamik und wird in der √Ėffentlichkeit und Wissenschaft mehr beachtet.

Dort, wo Kinder einen Schutzraum haben sollten und das größte Vertrauen haben sollten: Nämlich in ihrer Familie ­ dort kommt sexueller Missbrauch am häufigsten vor, besonders von Mädchen.

Nachtrag: Diese Aufschl√ľsselung gilt inzwischen schon als veraltet. Aktualisierte Statistiken gehen sowohl bei mi√übrauchten M√§dchen wie bei Jungen von einer Verteilung 30% direkte Verwandschaft, 60% n√§chstes Umfeld (Freunde/Bekannte, meist der Eltern und z.B. Betreuer/Erzieher/Kirche etc.) und 10% so genannter Fremdt√§ter aus.

5.5 Häufigkeit und Dauer des sexuellen Missbrauchs

300.000 F√§lle sexueller Gewalt an Kindern hat sich als Zahl so weit durchgesetzt, dass sie auch von offizieller Seite publiziert wird: In der Expertise des Ministeriums f√ľr Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. In der BRD liegen bisher keine wissenschaftlichen Untersuchungen √ľber die (j√§hrliche) H√§ufigkeit vor, sodass die einzigen Angaben dazu in den Statistiken der Kriminalpolizei √ľber angezeigte F√§lle zu finden sind. Die Zahl der bekannt gewordenen Taten darf jedoch nicht mit dem tats√§chlichen Ausma√ü sexueller Gewalt gleichgesetzt werden, denn wie bereits erw√§hnt ist bei sexuellen Straftaten die Dunkelziffer sehr hoch.

In der √∂ffentlichen Diskussion wird durch die unterschiedlichen Untersuchungsergebnisse √ľber die H√§ufigkeit sexueller Gewalt an Kindern Unsicherheit und Verwirrung gestiftet. Es sollten gro√ür√§umig angelegte wissenschaftliche Untersuchungen in Bezug auf die Inzidenz (Untersuchungen zur Inzidenz ermitteln, wie viele neue F√§lle innerhalb eines bestimmten Zeitraums ¬≠ hier ein Jahr ¬≠ auftreten) durchgef√ľhrt werden. Um die Unsicherheit und Verwirrung in Bezug auf die H√§ufigkeit zu beenden, muss es eine allgemeing√ľltige Definition von sexueller Gewalt an Kindern geben. Bei der Heranziehung von Zahlen und Fakten zur sexuellen Gewalt gegen Kinder sollte daher immer eine Klarstellung der Definition und ein Miteinbeziehen der forschungsmethodischen Bedingungen erfolgen. Die Prozentzahlen der Untersuchungen zu der Dauer von sexuellem Missbrauch unterscheiden sich vor allem zwischen den verschiedenen Untersuchungen:

Allgemeinbevölkerung: 70% aller sexuellen Übergriffe inner- oder außerhalb der Familie haben einmaligen Charakter, bei innerfamiliärer sexueller Gewalt sind 40% einmalige Handlungen.

Klinische Studien: Bei innerfamiliärem sexuellem Missbrauch wurden 17% einmalige Handlungen festgestellt.

Dies l√§sst sich dadurch erkl√§ren, dass l√§nger andauernde Missbrauchsbeziehungen f√ľr die Betroffenen meist traumatisierender sind und sie deshalb relativ h√§ufig Hilfe in klinischen Einrichtungen suchen.

Finkelhor errechnete, dass sexueller Missbrauch im Durchschnitt 31 Wochen andauert. Draijer ermittelte eine durchschnittliche Dauer der Mehrfachtaten von 3,8 Jahren. Bei T√§tern aus dem Bekanntenkreis reduziert sich in der Regel die Dauer. Je √§lter die M√§dchen der Erhebung waren, desto l√§nger wurden sie missbraucht. Die Missbrauchsdauer stieg kontinuierlich an. So wurden 25% der bis 5 Jahre alten, 36,9% der 6 bis 13 j√§hrigen, 52,2% der 14 bis 25 Jahre alten M√§dchen l√§nger als 1 Jahr, und viele von ihnen √ľber Jahre hinweg missbraucht.

Insgesamt verdeutlichen die Darstellung, dass viele Kinder √ľber einen weiten Teil ihrer Kindheit immer wieder sexuellen Missbrauch erfahren. Selbst wenn es sich um eine einmalige Tat handelt, so kann man nie wissen, ob es sich wiederholt.

5.6 Psychogramm des Systems

Bisher ist es wahrscheinlich selten vorgekommen, dass man tats√§chlich von einem Kind wei√ü, dass es sexuell missbraucht wird. Kinder geben zwar oft Andeutungen und Hinweise in der Hoffnung, dass man sie versteht und ihnen geholfen wird. Selbst wenn die Hinweise eindeutig sind, f√ľhlen sich die meisten Erwachsenen √ľberfordert durch ihre Ahnung oder ihr Wissen. Die Realit√§t wird h√§ufig ausgeblendet, der Missbrauch bagatellisiert, dem Kind eine Mitverantwortung zugeschoben oder ihm nicht geglaubt. Ob das Kind √ľberhaupt vom sexuellen Missbrauch erz√§hlt, h√§ngt vom Vertrauen ab, welches das Kind in bestimmte Erwachsene setzt.

5.6.1 Situation und Reaktion der Familie

Wie eine Familie damit umgeht, wenn der Verdacht besteht, dass ihr Kind sexuell missbraucht worden ist, h√§ngt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Hat das Kind gen√ľgend Vertrauen und beherrscht es eine Sprache, um √ľber den sexuellen Missbrauch eindeutig zu sprechen? Will die Familie verstehen, wovon das Kind spricht? Glaubt die Familie dem Kind, das den sexuellen Missbrauch erlitten hat? Eine entscheidende Rolle inwieweit ein Kind unterst√ľtzt wird, ist auch die N√§he zum T√§ter. Ist der T√§ter eine Autorit√§tsperson f√ľr die Familie? Sind sie unter Umst√§nden vom T√§ter finanziell abh√§ngig? Kommt der T√§ter aus der Nachbarschaft? Kennt die Familie ihn gar nicht, kaum oder geh√∂rt er der Verwandtschaft an? Diese unterschiedlichen Faktoren sind entscheidend f√ľr den Umgang der Familie mit dem Kind und dem T√§ter.

Der Täter ist unbekannt

Am ehesten kann ein Kind Unterst√ľtzung von seiner Familie erhoffen, wenn der T√§ter der Familie nicht bekannt ist. Die Familie wird sich mit voller Emp√∂rung und Entsetzen zur Anzeige entschlie√üen und den T√§ter zur Rechenschaft ziehen. Ihr Kind ist Opfer eines abartigen Triebt√§ters und Kindersch√§nders geworden und bedarf ohne wenn und aber Hilfe und Unterst√ľtzung.

Der Täter ist bekannt

Schon weniger Unterst√ľtzung von seiner Familie kann ein Kind erhoffen, wenn der T√§ter bekannt ist mit der Familie (wie z.B. Lehrer, Stadtrat, Hausmeister, Gruppenleiter usw.) Die M√∂glichkeit besteht aber, das alle Familienmitglieder sich mit dem Kind solidarisieren und die Familie mit Emp√∂rung reagieren kann. Aber, ob die Familie eine Strafanzeige erw√§gt, h√§ngt davon ab, welche Folgen die Familie aus der Bestrafung f√ľrchtet oder sich erhofft. Das ist ein angesehener Mann, wir kriegen nur Schwierigkeiten, gegen den kommt man sowieso nicht an; was sagen die Nachbarn, wenn das bekannt wird; nutzt es dem Kind, wenn der T√§ter bestraft wird. Das Kind hat schon genug mitgemacht, wollen wir es lieber schnell vergessen. Dies sind √úberlegungen, die eine Rolle spielen, dass der Missbrauch nicht an die √Ėffentlichkeit kommt.

Der Täter ist nah

Ganz schwierig ist es, wenn die Familie in irgendeiner Form abh√§ngig vom T√§ter ist. (z.B. Vermieter, Pfarrer, Erbonkel, Vorgesetzter) Kann sie dem Druck standhalten und f√ľr das Kind offen Partei ergreifen oder wird das Kind geopfert aus Angst vor den Konsequenzen, die die Familie zu tragen h√§tte?

Der Täter gehört zu uns

Der schwierigste Fall tritt ein, wenn der T√§ter aus dem engsten Familienkreis stammt. (z.B. Vater, Stiefvater, Bruder, Cousin, Onkel) Die Familie wird in einen inneren Konflikt gest√ľrzt. Konfrontation mit dem T√§ter ist erforderlich. Familienstreitigkeiten stehen bevor. Soll die Familie zum Kind halten und den T√§ter so behandeln wie es gesetzlich vorgeschrieben ist und zwar derart, dass er bestraft wird? Oder soll sie zum T√§ter halten, der ja auch Mitglied der Familie ist und von dem die Familie vielleicht (materiell) abh√§ngig ist. Deutlich wird, dass sich die beiden Verhaltensweisen ausschlie√üen und eine Entscheidung schwierig ist. Eine M√∂glichkeit f√ľr die Familie ist, dass sie den sexuellen Missbrauch als nicht geschehen ansieht und dar√ľber hinweg geht, weil die Konsequenzen der Familienmitglieder als zu schwerwiegend erscheint.

Betroffen durch den sexuellen Missbrauch sind letztendlich alle Familienmitglieder, da sie einer Familie angeh√∂ren, in der Dinge passiert sind, √ľber die √∂ffentlich nicht gesprochen werden darf. Der T√§ter sch√§mt sich in den seltensten F√§llen f√ľr seine Handlung. Bei allen anderen Familienmitgliedern bleibt ein Gef√ľhl von Scham zur√ľck. Sie waren an der Tat zwar nicht beteiligt, sie geh√∂ren aber zur Familie. Sie sch√§men sich, von so einem Vater abzustammen oder sich so einen Mann ausgesucht und geliebt zu haben. Schafft es eine Familie nicht, den sexuellen Missbrauch zu besprechen, m√ľssen die einzelnen Familienmitglieder ihr Leben lang dieses Familiengeheimnis wie einen Fluch mit sich tragen. Immer werden die Familienmitglieder sich als Au√üenseiter empfinden, weil sie aus einer Familie stammen, in der aus gesellschaftlicher Sicht Dinge passiert sind, die so schamvoll sind, dass sie verborgen werden m√ľssen.

5.6.2 Situation der Mutter

Wenn ein Kind sexuell missbraucht wird, werden schnell Stimmen laut, die der Mutter und Ehefrau Vorw√ľrfe machen. Man h√∂rt dann beispielsweise die Verwandten und Nachbarn nachdem der Mann von Frau X festgenommen wurde, weil er √ľber ein Jahr die 14 j√§hrige Tochter zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte:

Das h√§tte Frau X doch mitbekommen m√ľssen; vermutet haben wir das ja schon lange ¬≠ so wie die Tochter rumlief und was der ihr alles geschenkt hat!

Ist doch kein Wunder, wenn die Mutter so oft bei ihren Volkshochschulkursen ist und die h√ľbsche Tochter mit dem Vater allein l√§sst!

Verstehen kann man den Vater ja irgendwie; die hat ihn doch seit Jahren nicht mehr ins Bett gelassen!

Egal, wie Frau X sich verhält; immer wird ihr die Schuld gegeben.

Wenn sie sich selbstbewusst von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter abhebt, eigene Wege geht oder sich beruflich auf dem Laufenden hält, so hat sie den Mann und auch die Tochter allein gelassen. Wenn sie seine gewaltsame und egoistische Art und Weise wie er sich an ihrem Körper befriedigt, nicht mehr ertragen will, so hat sie ihm angeblich unausgesprochen die Erlaubnis erteilt, dass er sich jetzt die Tochter vornimmt.

Wer so denkt und spricht macht es sich sehr einfach. Tats√§chlich ist es so, dass sehr viele Ursachen beteiligt sind, wenn ein Missbrauch lange Zeit nicht aufgekl√§rt wird. Man spricht von Familiedynamik, wenn man die komplizierte Situation beschreiben will, in der es m√∂glich wird, dass ein sexueller Missbrauch manchmal so sp√§t aufgedeckt wird. Die Mutter als Schuldige zu betrachten ist genauso falsch, als wenn wir dem Opfer die Schuld f√ľr den Missbrauch zuschreiben.

Ich möchte an dieser Stelle ein Fallbeispiel vorstellen, dass uns die Situation der Mutter vielleicht etwas näher bringt.

Frau Br√ľckner hatte ihre Stelle als gelernte Rechtsanwalts- und Notariatsgehilfin in einer gro√üen Kanzlei aufgegeben, als sie mit Katarina schwanger war. Obwohl ihr der Beruf als damals 23j√§hrige viel brachte, entschied sie sich gern f√ľr ihre neue Rolle als Hausfrau und Mutter. Das fiel ihr umso leichter, als ihr der Chef bei Antritt des Erziehungsurlaubes erkl√§rte, dass er sie jederzeit wieder einstellen werde und er daran denke, sie sp√§ter in einer h√∂heren Position einzusetzen. Doch es kam anders als geplant. Kurz vor Ende des Mutterschaftsurlaubes wurde sie wieder schwanger, so dass sie ihre Stelle nicht antreten konnte. Ihr Mann hatte sich inzwischen zum Werksmeister in der Druckerei hochgearbeitet und konnte dort schlecht aufh√∂ren, da er gutes Geld verdiente, das sie f√ľr das neue Haus brauchten. Frau Br√ľckner musste sich also schweren Herzens entschlie√üen, auf ihre eigene Karrierew√ľnsche zu verzichten, um den inzwischen zur Welt gebrachten Stefan und die nun dreij√§hrige Katarina zu betreuen. Da sie sich aber trotzdem beruflich fit halten wollte, besuchte sie regelm√§√üig Abendkurse und Seminare, w√§hrend der Vater mit den Kinder zu Haus blieb.

Vermutlich denkt nun jeder: Na und eine v√∂llig normale Alltagsgeschichte, wie sie millionenfach vorkommt. Sicher. Doch mit der Zeit ver√§nderte sich die Lage. Der Vater hatte seine Arbeit, ein, zwei Hobbys, w√§hrend die Mutter sich um die Kinder sorgte und ihren Kursen nachging. Das alles h√§tte ohne weiteres l√§ngere Zeit so weiter laufen k√∂nnen. Doch dann begann die Beziehung sich zu ver√§ndern: Egon Br√ľckner, ein eigentlich ganz liebevoller, ihr aber an Lebendigkeit unterlegener Mann, wollte mehr als immer nur arbeiten. Fu√üball spielen und Modellautos fahren und ab und zu gemeinsam essen gehen; das alles war ja ganz sch√∂n. Aber eigentlich hatte er mehr vom Leben erwartet. Doch es kam schlimmer. Nach einem Autounfall konnte er wegen einer Beinverletzung nicht mehr Fu√üball spielen. Passiv auf dem Platz rumstehen wollte er auch nicht. Er begann sich als Kr√ľppel zu f√ľhlen, zog sich immer mehr zur√ľck und trank regelm√§√üig nach Feierabend Alkohol. Frau Br√ľckner zeigte viel Verst√§ndnis und gab sich M√ľhe, ihm das Leben zu erleichtern. Der Zeitpunkt ist nicht mehr genau auszumachen, doch irgendwann konnte sie seine selbstmitleidigen Vorw√ľrfe nicht mehr h√∂ren. Auch in sexueller Hinsicht f√ľhlte sie sich immer unwohler, da er sich auch im Bett als unf√§hig beschimpfte. Hinzu kam, dass sie seine st√§ndige Alkoholfahne immer ekelhafter und unertr√§glicher fand. So suchte sie h√§ufiger nach Ausreden, wenn er mit ihr schlafen wollte. Er hingegen reagierte mit heftiger Eifersucht und unterstellte, dass sie heimlich etwas mit anderen Kursteilnehmern habe.

Wenn sie dann einmal nachgab, bereute sie anschlie√üend die Begegnung, die sie oft als herzlos und mechanisch erlebte. An Trennung oder Scheidung hatte sie zwar auch schon gedacht, f√ľhlte sich ihm und den Kindern gegen√ľber aber verpflichtet. Er igelte sich immer mehr ein und wirkte zusehends einsamer. Selbst die Kollegen am Arbeitsplatz waren es leid, seine h√§ufig schlechte Laune zu ertragen, was sie ihn auch sp√ľren lie√üen. Kurzum: Die Situation war unertr√§glich. Der einzige Lichtblick in seinem tristen Alltag war die lebendige und immer h√ľbscher werdende Tochter Katarina, die √ľber seinen Alkoholkonsum und seine Launen hinweg sah. √úber Wochen und Monate war sie die fast einzige Person, die mit ihm mehr als ein paar Worte wechselte. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr schmuste er des √∂fteren abends mit ihr zusammen auf dem Sofa, ohne dass es zu sexuellen Ber√ľhrungen kam. Katarina empfand das anfangs als ganz angenehm, obwohl sie sp√ľrte, dass es sich eigentlich nicht geh√∂rte. Erst Monate sp√§ter kam es dazu, dass Katarina sich bei den abendlichen Schmusereien sexuell erregte, w√§hrend er bis dahin seine eigene Erregung verbergen konnte. Nach und nach gelang es ihm, sie in eine zunehmend intensiver werdende Missbrauchsbeziehung zu verstricken, √ľber deren Unrecht er sich nat√ľrlich im Klaren war.

Selbstverst√§ndlich bemerkte die Mutter die Ver√§nderung in Egons, aber auch in Katarina Verhalten. Gleichzeitig nahm sie erleichtert zur Kenntnis, dass Egon in den letzten Monaten weniger √ľber sein Leid klagte. Ihr war auch klar, dass Katarina und Egon sich seit l√§ngerem gut verstanden und am Wochenende richtig aktiv wurden. Mal gingen sie zum Schwimmen, dann kaufte er ihr sch√∂ne Kleider. Offensichtlich hatte er seine Krise √ľberwunden und begann nun, sich neu zu orientieren. Auch an dem Verhalten ihrer Tochter fiel ihr einiges auf. F√ľr ihr Alter zeigte sie sich in der letzten Zeit etwas kokett und etwas zu aufreizend. Andererseits befand sie sich mitten in der Pubert√§t und wollte vielleicht nur ihre Wirkung auf andere M√§nner ausprobieren.

Auch als ihr Sohn eine Bemerkung machte: Du Mami, was macht der Papi immer mit Katarina? Ist sie zwar etwas besorgt, doch sie streicht die grausige Vermutung rasch aus ihren Gedanken. Das w√ľrde sie ihm nun nie zutrauen. Leider irrte sie sich.

Wo liegt ¬≠ in diesem Beispiel ¬≠ die Schuld der Mutter? Darin, dass sie so eine Tat ihrem Ehemann nicht zutraut? Oder darin, dass sie sich auf Volkshochschulen weiterbildet? Oder vielleicht darin, dass sie auf Sexualit√§t mit ihrem egoistischen Mann keine Lust mehr hat? Sicherlich nicht! Die theoretischen m√∂glichen Vorw√ľrfe sind zahlreich. Doch der Mutter eine Schuld zu geben ist abwegig. Auch wenn M√ľtter die Aufgabe, ihre Kinder zu sch√ľtzen, nicht erf√ľllen, so sind sie dennoch nicht verantwortlich f√ľr den sexuellen Missbrauch. Wie sie sich auch verhalten, die Verantwortung liegt und bleibt immer beim jeweiligen T√§ter.

Andererseits gibt es aber auch tats√§chlich Situationen oder Familien, in denen sexueller Missbrauch bekannt ist, ohne das von der Mutter oder anderen Familienangeh√∂rigen etwas unternommen wird. Auch hier k√∂nnen die Gr√ľnde vielf√§ltig sein. Die Situation der M√ľtter, deren Kinder sexuell missbraucht werden kann man folgenderma√üen einsch√§tzen:

So kann es sein, dass

Die Mutter mit der Erziehung mehrerer, schwieriger Kinder hoffnungslos √ľberfordert ist und Andeutungen und Beobachtungen nicht ernst nimmt;

Die Mutter unter schweren Depressionen einer anderen physischen Krankheit leidet und viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist;

Die Mutter als Kind selbst sexuell missbraucht wurde und Angst davor hat, dass ihre eigene Erinnerung √ľber sie hereinbricht;

Die Mutter immer wieder auf die Beteuerung des Partners hereinfällt, nach der das Kind sich das Ganze nur einbildet;

Die Mutter Angst davor hat, dass ihre Verwandten sie wegen der Schande verachten, oder das die Familie auseinander bricht und sie daf√ľr die Schuld bekommt.

Ebenso kann es vorkommen, dass die Mutter schon etliche Anl√§ufe beim Jugendamt und beim Gericht unternommen hat, sie aber die Tat nicht beweisen konnte. Richtig w√§re es nat√ľrlich, wenn die Mutter die solche Taten vermutet ihren Gef√ľhlen trauen und sich gegen die T√§ter auflehnt. H√§ufig ist es jedoch so, dass in einer Familie, in der sexuelle Gewalt stattfindet, auch andere Dinge aus dem Gleichgewicht geraten sind. So herrschen in gest√∂rten Familien manchmal sehr starre Regeln, sie passen sich nur schwer an ver√§nderte Bedingungen an oder tauschen sich im Alltag kaum aus.

Es macht wenig Sinn nach den Fehlern des m√ľtterlichen Verhaltens zu suchen, viel mehr gilt es zu ergr√ľnden, was eine Mutter tun kann, damit es erst gar nicht zu sexuellem Missbrauch kommt bzw. wie sie sich verhalten sollte, falls ihr Kind Opfer sexuellen Missbrauchs wurde. Kinder werden auch Opfer sexuellen Missbrauchs, wenn die M√ľtter alles richtig gemacht haben. Das bedeutet, dass bei sexuellem Missbrauch von Kindern nicht zwangsl√§ufig irgendetwas in der Mutter-Kind-Beziehung nicht stimmt. Zusammenfassen kann gesagt werden, dass M√ľtter zum Schutz ihrer Kinder von sexuellem Missbrauch beitragen k√∂nnen und sollen, sie jedoch in 96% aller F√§lle keine Verantwortung f√ľr den Missbrauch selbst tragen. F√ľr den Umgang mit Kindern, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, ist es sehr wichtig, die Mutter als Besch√ľtzerin zu gewinnen und sie in dieser Rolle zu unterst√ľtzen.

Zum Abschluss m√∂chte ich noch kurz ein Beispiel vorstellen, welches zeigen soll, dass weitaus h√§ufiger als bisher wahrgenommen M√ľtter ihre T√∂chter und S√∂hne bewusst oder instinktiv sch√ľtzen bzw. zu sch√ľtzen versuchen.

"Bis zu meinem 33. Lebensjahr habe ich auf meine Mutter geschimpft. Warum hatte sie mich nicht gesch√ľtzt, als mein Vater mich vergewaltigte?" Im Rahmen meiner Therapie kamen mir fast 30 Jahre sp√§ter andere Erinnerungen wieder. Ich sah neue Zusammenh√§nge: Einige Monate nach dem sexuellen Missbrauch, meine Mutter hatte meine Schwester geboren, wurde bei meiner Mutter eine schwere Blutkrankheit diagnostiziert, eine Krankheit, an der sie dann 13 Jahre sp√§ter starb. Sie hatte mein Blut gesehen und bekam selbst eine Blutkrankheit! Ein Zufall...? Zun√§chst hie es, sie habe nur noch einige Wochen zu leben. Mutter hatte einen eisernen Lebenswillen. Ihr Ziel war es, so lange durchzuhalten, bis dass wir gro√ü waren. Auf ihrem Sterbebett bat sie mich, auf die kleinen gut aufzupassen, der Vater sei schlecht f√ľr die Kinder. Ich entdeckte noch einen Zusammenhang: Es gab viele Gr√ľnde, aus denen heraus ich auf meine Mutter w√ľtend war; einer war, dass ich nie ein eigenes Zimmer bekam. Ich musste mit meiner Schwester immer √ľber dem Elternschlafzimmer schlafen. Der Fu√üboden unseres Zimmers hatte Holzdielen und neben meinem Bett ging ein Heizungsrohr an der Wand entlang, ein Rohr, dass eine Etage tiefer neben dem Bett meiner Mutter weiter verlief. Mutter hatte die Angewohnheit, immer dann, wenn abends jemand in unser Zimmer lief und wir z.B. nur mal aufs Klo gingen und der Fu√üboden knarrte, gegen dieses Rohr zu klopfen."

"Meine Mutter hatte mich also doch gesch√ľtzt. Leider haben wir Frauen der Familie unsere Wut auf den T√§ter gegen uns selbst und gegeneinander gerichtet. Meine Mutter hatte nicht die Kraft und den Mut, ihn mit seiner Tat zu konfrontieren und sich von ihm zu trennen. Doch sie hat versucht, mich und meine Schwester wenigstens vor weiterem Missbrauch zu sch√ľtzen. W√§re meine Mutter doch 30 Jahre sp√§ter geboren! Heute h√§tte sie sicherlich mehr M√∂glichkeiten, sich Hilfe zu hohlen. Heute w√§re sie mir vielleicht eine bessere Mutter".

5.6.3 Situation der Geschwister

Sexueller Missbrauch durch Familienangeh√∂rige hat immer mehrere Opfer, denn auch die Geschwister werden in Mitleidenschaft gezogen. Ganz gleich, ob sie von dem Missbrauch wissen oder ob dieser ihnen verborgen bleibt ¬≠ auch sie sind Betroffene. Der Missbrauch hat mich einsam gemacht, denn ich habe nicht nur den Kontakt zu meiner Mutter, sondern ebenso den zu meinen Geschwistern verloren." M√§dchen, wie auch Jungen, die sexuell missbraucht wurden, beschreiben oft die Einsamkeit ihrer Kindheit. Das gemeinsame Geheimnis von Opfer und T√§ter st√∂rt die Beziehung zwischen den Geschwistern. Die Geschwister erleben, wie sich das Verhalten des Opfers aus, f√ľr sie unerkl√§rlichen Gr√ľnden, √§ndert, sie sp√ľren die Sexualisierung der Beziehungen innerhalb der Familie und ahnen, dass etwas vor ihnen geheim gehalten wird. H√§ufig reagieren sie mit Eifersucht, wenn das betroffene M√§dchen (Junge) zum Lieblingskind ernannt und z.B. mit Geschenken √ľberh√§uft wird. Verunsicherung und Aggressionen belasten in erheblichem Ma√üe das Vertrauensverh√§ltnis unter den Geschwistern.

Viele Geschwisterkinder f√ľhlen sich schuldig, weil sie die Schwester oder den Bruder nicht besch√ľtzen k√∂nnen und selber von dem sexuellen Missbrauch verschont bleiben. Wieder andere entfernen sich aus Angst vor dem T√§ter vom Opfer und √ľbernehmen die Sichtweise des T√§ters. Sie schreiben der Schwester oder dem Bruder die Schuld f√ľr das Verbrechen zu.

Es kommt in Familien h√§ufig vor, dass mehrere Kinder gleichzeitig missbraucht werden, ohne das die Opfer untereinander von ihrem gemeinsamen Leid wissen. Nach David Finkelhor sind in 35% der F√§lle von innerfamili√§ren Missbrauch an M√§dchen ebenso Geschwisterkinder betroffen. Bei m√§nnlichen Opfern geht man von 60% aus. Die Erfahrungen von Zartbitter lassen vermuten, dass die Prozentzahlen in der Realit√§t noch wesentlich h√∂her liegen. Wenn ein Sohn der Familie missbraucht wird, sind meist ebenso die Schwester Opfer sexueller Gewalt. Viele Opfer gehen den ebenso betroffenen Geschwistern aus dem Weg; sie k√∂nnen es nicht ertragen, der Wahrheit ins Auge zu sehen und die eigenen Schmerzen zuzulassen. Oftmals schaffen es Geschwister erst nach Jahren, miteinander √ľber den gemeinsamen sexuellen Missbrauch zu sprechen.

"Von meinem vierten Lebensjahr an wurde ich von meinem Vater sexuell missbraucht. Meiner Schwester, sie ist ein Jahr √§lter, passierte das Gleiche. Wir haben nie dar√ľber gesprochen. Jetzt bin ich 15 Jahre alt. Zu meiner Schwester hatte ich nie einen Draht, obwohl wir schon lange im gleichen Heim leben. Ich fand sie einfach bl√∂d. Vor 3 Woche habe ich sie mal darauf angesprochen. Es hat uns beiden gut getan, endlich einmal √ľber alles zu sprechen. Jetzt k√∂nnen wir pl√∂tzlich auch √ľber andere Sachen reden. Doch ich will jetzt in ein anders Heim, denn wenn ich meine Schwester nur sehe, muss ich immer an den ganzen Mist denken".

Viele Missbrauchsopfer machen die schlimme Erfahrung, dass sich die Geschwister von ihnen abwenden, sobald der Missbrauch aufgedeckt wird. Ich habe zwei Schwestern und zwei Br√ľder. Seitdem ich √ľber den sexuellen Missbrauch durch meinen Vater spreche, ist mein Kontakt zu meinen beiden Br√ľdern g√§nzlich abgebrochen. Ich soll ihrer Meinung nach doch die Vergangenheit auf sich beruhen lassen. Ihnen kommen selbst Erinnerungen mit denen sie nicht umgehen k√∂nnen; bei uns wurden die M√§dchen missbraucht und die Jungen gepr√ľgelt. Auch wollen die beiden nicht, dass Dritte von der Familientrag√∂die erfahren und sie wohlm√∂glich darauf ansprechen. Die Beziehung zu meiner Schwester ist auch zerbrochen. Ich sollte mich ihrer Meinung nach mit Vater und Mutter vers√∂hnen, zu ihr seien sie in der letzten Zeit sehr nett, er sei doch inzwischen ein alter Mann. Meine zweite Schwester schloss sich ebenso einer Wildwassergruppe an. Mit ihr verstehe ich mich gut. Bis auf die eine Schwester habe ich meine ganze Familie verloren.

Bisher wird in der Fachliteratur die Situation er Geschwister fast vergessen. Es ist eine Tatsche, dass das Miterleben von sexuellem Missbrauch in der Familie f√ľr Schwester und Bruder gleicherma√üen eine Traumatisierung sein kann wie f√ľr das Opfer.

6. Symptome und Folgen des sexuellen Missbrauchs

Immer wieder kommt die Frage auf, ob es nicht ein Symptom, eine bestimmte Veränderung gibt, die anzeigen, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde. Die Antwort lautet Nein. Ein eindeutiges Symptom gibt es leider nicht. Man kann einem Kind den Missbrauch nicht ansehen. Jedes Mädchen und jeder Junge entwickelt entsprechend seiner Persönlichkeit und Missbrauchssituation individuelle Reaktionen und Symptome. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Schädigungen umso schwerwiegender sind,

je größer die verwandtschaftliche Nähe ist (besonders bei Autoritäts- und Vaterfigur)

je länger der Missbrauch andauert;

je j√ľnger das Kind bei Beginn des Missbrauchs ist;

je größer der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer ist (und besonders bei Generationsunterschied);

je mehr Gewalt angedroht oder angewendet wird;

je vollständiger die Geheimhaltung ist;

je weniger sch√ľtzende Vertrauensbeziehungen bestehen. Der Missbrauch ereignet sich in v√∂lligem Schweigen und in Dunkelheit. Die grundlegende Missachtung und die Verletzung seiner k√∂rperlichen Integrit√§t konfrontieren das Kind immer mit Gef√ľhlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Das Kind wird in seinem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gesch√§digt; der erfolgten oder nicht erfolgten Therapie.

Die Sch√§digungsproblematik wurde in der Forschung kontrovers diskutiert. Es wurde jedoch nachgewiesen, dass je j√ľnger ein Kind bei Missbrauchsbeginn ist, je h√§ufiger und je l√§nger es missbraucht wurde, desto langanhaltender sind die Folgen.

Ebenfalls steht fest: der sexuelle Missbrauch ist ein traumatisches und damit lebensbestimmendes Ereignis. Die Vielzahl der Symptome und Folgen werden folgendermaßen unterteilt:

6.1. Physische Symptome

L√§ngst nicht jeder sexueller Missbrauch hinterl√§sst k√∂rperliche Verletzungen. Das britische Royal College of Physicians" geht in einer Expertise davon aus, dass sich bei zwei Dritteln der Kinder die mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch vorgestellt werden, keine k√∂rperliche Befunde erheben lassen (Jones/Royal College of Physicians 1996, Seite 81 in Bange/Deegener, Sexueller Missbrauch an Kindern ¬≠ Ausma√ü, Hintergr√ľnde Folgen). Wenn keine physischen Anzeichen zu erkennen sind, darf das aber auf keinen Fall als Beweis daf√ľr gelten, dass kein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Es gibt eine Reihe physischer Verletzungen und Anzeichen, die mit gro√üer Wahrscheinlichkeit auf sexuellen Missbrauch hinweisen.

Physische Anzeichen f√ľr einen sexuellen Missbrauch k√∂nnen sein:

Verletzungen im Genital- und Analbereich (z.B. unerklärliches Bluten, Scheiden- und Analrisse, Fremdkörper in der Scheide oder im After).

Bisswunden oder Bluterg√ľsse im Unterleib, an der Brust oder anderen erogenen Zonen.

Striemen oder blaue Flecken an der Innenfl√§che der Oberschenkel 

Pilzinfektionen, Juckreiz, Hautr√∂tungen, h√§ufige Entz√ľndungen im Genitalbereich.

Einen deutlichen Hinweischarakter haben bestimmte Geschlechtskrankheiten (z.B. Pilze, Herpes, Gonorrhoe, Aids).

Ein wichtiger Hinweis auf sexuellen Missbrauch kann die Schwangerschaft eines jugendlichen M√§dchens sein. Verschiedene Studien kommen √ľbereinstimmend zu dem Ergebnis, dass √ľber 50% der untersuchten schwangeren Jugendlichen sexuell missbraucht wurden.

Der Anteil der F√§lle, die medizinisch nachweisbar sind, liegt derzeit in Deutschland bei etwa 1-2%. Striemenartige Spuren an der Innenseite der Oberschenkel, Bisswunden, Brandwunden von Zigaretten und Verletzungen im Genitalbereich, sowie H√§matome an den erogenen Zonen sind in der Regel immer eine direkte Folge von sexueller Gewaltanwendung und nicht allein ein Zeichen von k√∂rperlicher Misshandlung. Es sollte noch gesagt werden, dass vielen √Ąrzten bis heute noch die notwendige klinische Erfahrung fehlt. Das ist der Grund daf√ľr, dass einige Mediziner die k√∂rperliche Verletzungen immer noch nicht mit sexuellem Missbrauch in Verbindung bringen.

In einer Medizinerausbildung sollte unbedingt die Diagnostik von sexuellem Missbrauch an Kindern gelehrt werden.

6.2 Psychosomatische Symptome

"Mein Zustand ist weiterhin unver√§ndert schleicht. Ich funktioniere wie eine Marionette. Mir f√§llt alles ersetzlich schwer. L√§ngst habe ich das Lachen verlernt. Die Depression ist in dieser Zeit mein st√§ndiger Gast. Inzwischen k√§mpfe ich beinahe jeden Tag mit Kopfschmerzen und √úbelkeit. Bin ich einmal schmerzfrei, habe ich stattdessen einen starken Druck im Gehirn. Jede Nacht wache ich in den fr√ľhen Morgenstunden mit gewaltigem Herzklopfen. Gepackt von gro√üer innerer Unruhe, w√§lze ich mich im Bett hin und her, bis ich ganz zerschlagen aufstehe. Kraftlos, mutlos, mit der Angst den kommenden Tag nicht zu √ľberstehen". M√§dchen und Jungen die sexuell missbraucht wurden reagieren h√§ufig mit psychosomatischen Beschwerden. Psychosomatische Beschwerden sind die nicht bewusst erlebten ¬≠ k√∂rperlich sichtbaren ¬≠ Anzeichen unverarbeiteter seelischer Kr√§nkungen und Verletzungen. Sie bringen dadurch ihre leidvollen Erfahrungen zum Ausdruck. 

Solche Symptome können sein:

Schlafstörungen

Die Nacht bleibt ein Problem. Ich habe Angst, mich in meinem dunklen, lichtlosen Zimmer aufzuhalten. Ich habe sogar Angst, nachts aus dem Fenster unseres Mietshauses zu schauen. Fr√ľher freute ich mich auf die Nacht. Vom 4. Stock aus sieht man die Sterne.... Ich m√∂chte die Nacht. Jetzt f√ľrchte ich mich vor der Nacht und vor allem... Ich werde mich in den Kleidern schlafen legen und ich werde auf der Hut sein. Lieber Gott, mach, dass er schlafen geht! Ich werde ganz fest denken: Geh schlafen und lass mich in Ruhe. Wenn ich das die ganze Zeit √ľber denke, wird es gehen. Ich bin eingeschlafen, ohne es zu merken. Er ist da. Alle N√§chte sind gleich. Ich habe ein st√§ndiges Bed√ľrfnis zu weinen, mich auszusch√ľtten. Auch Lust zu beissen. Mein Kopfkissen bekommt es zu sp√ľren. Die Schluchzer und die Bisse. Danach kommen der Schlaf und die Alptr√§ume".

Ein- und Durchschlafst√∂rungen k√∂nnen in der Regel bei solchen Kindern festgestellt werden, die abends oder nachts in ihrem Bett sexuell missbraucht wurden. Aus Angst vor neuen √úbergriffen lauschen sie jede Nacht, ob ihr Peiniger kommt um sich wieder an ihnen zu vergreifen. Die Kinder haben Angst die Kontrolle zu verlieren, Angst ungesch√ľtzt zu sein. Au√üerdem f√ľrchten sich die Kinder vor dem Schlafzimmer. Dies ist der Ort, an dem ihnen wehgetan wird.

Konzentrationsschwierigkeiten, Wahrnehmungsst√∂rungen sowie innere Abwesenheit und Tagtr√§ume k√∂nnen in diesem Zusammenhang ebenfalls Folge sexueller Gewaltanwendung sein. Durch das Verbot des T√§ters, sich jemandem anzuvertrauen, zu erz√§hlen was passiert ist, kann es zu Sprachst√∂rungen kommen. Das Kind findet keine Worte f√ľr das Geschehene. Es wei√ü nicht was und wie es √ľberhaupt etwas sagen soll. Es muss st√§ndig aufpassen was es sagen will, was zu pl√∂tzlichem Stottern, Stammeln oder sogar zu v√∂lligen Sprachverweigerungen f√ľhren kann. Sehr jungen Kindern fehlen manchmal einfach die Worte, um das auszudr√ľcken, was sie erlebten, wobei sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes kaum bewerten k√∂nnen, was ihnen geschah. Drohungen und Gewalt, Druck zur Geheimhaltung und die Ausnutzung der kindlichen Abh√§ngigkeit f√ľhren dazu, dass die Opfer gleichzeitig reden und schweigen wollen, wobei dann Stottern als Kompromiss zwischen etwas sagen wollen sowie gleichzeitigem Verstummen gedeutet werden kann. Zum Teil tritt wohl auch Stammeln aufgrund von allgemeiner Aufregung und innerem Druck auf, oder dem Kind verschl√§gt es die Sprache, es redet kaum oder auch gar nicht mit bestimmten Personen seines Umfeldes.

Starke Kopfschmerzen und √úbelkeit

Meine Migr√§ne hat mich fest im Griff. Nach kurzem Schlaf erwache ich wieder mit starken Kopfschmerzen. Mir ist kotz√ľbel. Ich k√§mpfe jetzt schon seit etwa 35 Stunden ununterbrochen mit starken Migr√§neattacken. Die √úbelkeit ist unertr√§glich". Die Opfer k√∂nnen, wollen, d√ľrfen nicht wahrnehmen was passiert ist.

Die Reaktion auf unangenehme und zu enge k√∂rperliche N√§he k√∂nnen Hautkrankheiten, Allergien und Ekzeme sein. Somit wird ihr K√∂rper unansehnlich und sie f√ľhlen sich somit vor dem T√§ter gesch√ľtzt. Die Haut ist die √§u√üere Grenze, die verletzt w√ľrde. Komm mir nicht zu.

Vernachlässigung der Hygiene und des Aussehens

Auch auf dem Weg √ľber mangelnde Hygiene sowie eines absto√üenden √Ąu√üeren versuchen die Opfer auf M√§nner nicht attraktiv zu wirken bzw. die Menschen √ľberhaupt auf Distanz zu halten. Manche kleiden sich wie eine graue Maus, um unscheinbar zu werden. Dass sich die Kinder nicht mehr waschen, kann auch daran liegen, dass der Missbrauch immer oder oft im Badezimmer erfolgte und so dieser Ort besonders gemieden wird. Im √úbrigen w√§hlen wohl viele T√§ter ganz bewusst Ort, von denen sie meinen, dass die gemeinsame Anwesenheit mit dem Kind keinen besonderen Verdacht erregt. Familienmitglieder zum Beispiel begegnen sich ja oft im Bad; M√ľtter finden es erst einmal ganz nat√ľrlich und begr√ľ√üenswert, wenn auch der Vater mit seinem Kind in der Badewanne planscht oder jeden Abend zu ihm ins Schlafzimmer geht und ihm noch etwas vorliest oder einen Gute-Nacht-Kuss gibt. Die mangelnde K√∂rperpflege eines Opfers kann zus√§tzlich auch daran liegen, dass der K√∂rper als Mitschuldiger abgelehnt bis gehasst wird, er ist entw√ľrdigt und entweiht, schmutzig und nicht liebenswert. Im Rahmen einer Psychotherapie dauert es dann oft sehr lange, bis missbrauchte Jugendliche ihren K√∂rper wieder annehmen und verw√∂hnen k√∂nnen, wieder in gesundem Ausma√ü mit ihrem √Ąu√üeren eine positive Ausstrahlung aufweisen bzw. Aufmerksamkeit f√ľr sich erregen d√ľrfen.

Verspanntheit im Becken-Bereich / Menstruationsbeschwerden

Das deutet die Abwehr im Becken. Die M√§dchen haben Bauchschmerzen und zeigen dabei auf ihren Unterleib. Solche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursachen k√∂nnen als k√∂rperlicher Ausdruck des emotionalen Stress, der inneren Konflikte angesehen werden (mir bereitet etwas Kopfschmerzen, liegt was auf dem Magen). Dementsprechend kann es auch zur Verspanntheit bis hin zu L√§hmungserscheinungen aus Angst und vor Schmerzen kommen. Auffallend sind auch L√§hmungen und Spannungen in Schultern, Nacken, R√ľcken oder Oberschenkeln. W√§hrend der √úbergriffe haben sich die Kinder oft v√∂llig verkrampft. Aus Angst sind sie v√∂llig gel√§hmt.

Ess-Störungen, z.B. Mager-Fett- und Fresssucht

"Ich habe ihm h√§ufiger einen blasen m√ľssen, dann bin ich immer gleich raus, auf die Toilette, und habe mich √ľbergeben. Zu der Zeit hatte ich auch schon immer weniger gegessen, keine Appetit. Und dann habe ich sp√§ter immer auch nach den Fressanf√§llen gebrochen, das kam dann sp√§ter ganz von selbst".

Essstörungen nach sexuellem Missbrauch können u.a. folgendermaßen erklärt werden:

jugendliche M√§dchen weichen der Entwicklung zur Frau aus, sie versuchen, ihre k√∂rperliche Entwicklung in der Pubert√§t abzustoppen. Da der K√∂rper mit als Ursache des Missbrauchs angesehen wird, versuchen die Opfer, unattraktiv und unansehnlich zu werden, also zu dick oder zu d√ľnn. Manche Jugendliche ¬≠ auch ohne Essst√∂rungen ¬≠ versuchen auch durch sehr weite, verh√ľllende Kleidung ihren K√∂rper vor Blicken zu verbergen. Bei Fresssucht dient das viele Essen zum Teil auch dem Ausf√ľllen eines Gef√ľhls der inneren Leere, wobei aber eigentlich emotionale Nahrung gesucht wird.

Gelegentliches √ľberm√§√üiges Essen wird auch zur Beruhigung gesucht, oder man m√∂chte sich einfach auch mal etwas Gutes g√∂nnen ¬≠ wobei dann zu vieles Essen auch zum Kummerspeck wird. Das angegessene Schutzpolster bzw. der sehr kr√§ftig gewordene K√∂rper wirkt gelegentlich wie eine Panzerung vor Bedrohung. Bei Magers√ľchtigen scheint das zwanghaft gesuchte Abnehmen auch Ausdruck daf√ľr zu sein, wenigstens in einem Bereich des Lebens die Kontrolle behalten zu k√∂nnen. 

Erstickungsanf√§lle, Asthma, √ľbersteigerte Atmung

Sie steht auf dem Stationsflur, schreit laut und voller Angst, wobei sie mit dem Finger von sich weg zeigt und angibt ihren Missbraucher zu sehen (es steht dort aber keine Person). Sie steigert sich immer weiter in ihre Angst, atmet immer schneller und flacher, wird schwindelig und wird auf ihr Bett gebracht um sich dort zu beruhigen". Die seelischen Konflikte k√∂nnen vom Kind nicht ertragen werden, die seelische Erregung schl√§gt sich im K√∂rperlichen nieder. Manche Jugendliche beginnen bei gro√üer Anspannung und Aufregung zu Hyperventilieren, d.h. ihr Atmung wird immer schneller und schnappender, es kommt zu einer mangelnden Sauerstoffversorgung mit der Folge von Schwindelgef√ľhlen, manchmal auch Ohnmachtsanf√§llen.

Die Erstickungs√§ngste eines Kindes k√∂nnen das Erleben der oralen Vergewaltigung widerspiegeln, aber auch dann entstehen, wenn der T√§ter dem Kind w√§hrend des Missbrauchs den Mund zugehalten hatte, damit es nicht schreien kann. Es kann auch das Gef√ľhl auftreten, einen Klo√ü im Hals zu haben und nicht mehr richtig schlucken zu k√∂nnen.

Was mit den Worten von Natascha ganz deutlich wird, ist die Abspaltung von den eigenen Gef√ľhlen, vom eigenen K√∂rper.

"Ich hab¬ī gemerkt, dass ich reagiert hab ¬≠ und zwar so¬īne Versteinerung nach Innen, Augen zu und durch. Nichts merken, nichts ankommen lassen, einfach nur funktionieren. Du tust jetzt was dein Vater sagt, aber weiter nichts, du machst nichts dagegen, und du merkst nichts, √ľberhaupt nichts. Ich hab mir selber verboten zu merken, dass mir die Situation grauenhaft war, war mir peinlich, ich hab¬ī mich gesch√§mt, ich h√§tt¬ī mich im n√§chsten Mauseloch verkriechen k√∂nnen."

Eine Multiple Pers√∂nlichkeit entwickeln manche Kinder als Folge schwerer physischer und psychischer und sexueller Misshandlung. Die erlebte Verachtung des eigenen Ichs wird zur Selbstverachtung. Mit 13 Jahren begann sie sich einen neuen Namen zu geben. Ich habe ja Katrin gehei√üen. Und diese Katrin, die diese ganz schreckliche... die hat das nicht √ľberlebt. Die ist also wirklich damals gestorben. Und dann habe ich gemerkt, dass in mir etwas anders ist. Also eine andere Person, diese Eva... meine ganze Erinnerung, ich habe ja alles verdr√§ngt. Alles war zu, weg".

Einnässen und Einkoten

Das Einnässen kann als Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung sowie nächtlichen Angst angesehen werden. Kleinkinder mit schon immer bestehenden familiären Belastungen waren oft noch nie trocken. Häufiger geschieht es wohl, dass Kinder, die schon sauber und trocken waren, aufgrund der Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch wieder anfangen Einzunässen.

Das Einkoten kann auch als Ausdruck verdrängter Aggression angesehen werden. Weiter kann das Einkoten auch als Versuch der Abwehr des sexuellen Missbrauchs (z.B. bei analer Vergewaltigung) angesehen werden.

Krank-sein

"Ich war der perfekte Hypochonder. Wir hatten so ein Medizinbuch, und ich habe mir die Krankheiten richtig aus dem Buch ausgesucht. Ich war st√§ndig krank. Wenn ich krank war, hat sich meine Mutter auch um mich gek√ľmmert. Da hab ich all das bekommen an Liebe und Zuneigung, was ich sonst nicht hatte."

6.3 Emotionale Reaktionen

Sexuelle √úbergriffe stellen f√ľr Kinder eine starke emotionale Verwirrung da. Der sexuelle Missbrauch wird wohl von allen Betroffenen als dem√ľtigend erlebt. Sie denken, wem so etwas passiert, der kann nicht viel wert sein, sind verunsichert und f√ľhlen sich schuldig f√ľr das, was ihnen angetan wurde. Die Kinder glauben, sie k√∂nnten auch sonst nichts bewirken, da sie auch den sexuellen Missbrauch nicht verhindern konnten.

Misstrauen an der eigenen Wahrnehmung

"Vielleicht machen das alle Väter mit ihren Töchtern, vielleicht ist das normal, und ich sehe das nicht richtig".

"Das, sehen Sie, ist die gr√∂√üte Gemeinheit. Sie werden vergewaltigt, und man m√∂chte Ihnen einreden, dass Sie es m√∂gen, weil Sie aus Angst nichts gesagt haben. Das ist f√ľr ihn ein gefl√ľgeltes Wort geworden. Wenn ich nein sagte, selbst zaghaft oder weinend oder indem ich versuchte, ihm zu entrinne, wiederholte er die ganze Zeit: Du hast es gemocht, kleines verdorbenes Luder". Das Resultat davon ist: Man wei√ü nicht mehr, was daran stimmt. Weil in dem betreffenden Moment alles zusammenkommt: Schuldgef√ľhl, Angst, Scham. Heute wei√ü ich wohl, dass das nicht richtig ist. Ich wei√ü auch: Ich wusste immer, dass ich es nicht m√∂chte. Aber er redete es mir ein, und ich wurde von ihm in die Enge getrieben. Zwischen Schl√§gen und Schweinereien brachte er es hervor, und es war unm√∂glich, sich sauber zu f√ľhlen. Unm√∂glich. Dreckig, immer dreckig, dreckig, dreckig."

Missbraucher achten darauf, von der Umwelt nicht als Täter erkannt zu werden. Durch den Einbau der Missbrauchssituation in den Alltag des Opfers hinterlässt der Täter keine sichtbaren Spuren. Dadurch zweifelt das Opfer, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Der Missbraucher zeigt sich seinem Opfer mit zwei Gesichtern. Das Kind weiß nie mit wem habe ich es gerade zu tun. Ist es nun der liebe Vater, Stiefvater etc. oder der bedrohlicher Missbraucher?

Der f√ľr den sexuellen Missbrauch typische Zweifel an der eigenen Wahrnehmung erg√§nzt sich mit den √∂ffentlichen, allgemeinen Zweifeln an den Aussagen des Kindes. Berichtet ein M√§dchen oder ein Junge √ľber die Erlebnisse, so wird es h√§ufig vom T√§ter und der Umwelt f√ľr verr√ľckt erkl√§rt.

Ein gro√üer Teil der Kinder entwickelt infolge des sexuellen Missbrauchs massive Angstgef√ľhle. Die Kinder haben zum einen die sehr realistische Angst erneut missbraucht zu werden. Sie f√ľrchten sich davor, dass der T√§ter seine Drohungen wahr macht und sie schl√§gt oder gar t√∂tet, wenn sie etwas verraten. Auch Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie von den Eltern und Geschwistern getrennt werden, wenn der sexuelle Missbrauch entdeckt wird. Viele M√§dchen und Jungen zeigen pl√∂tzlich eine enorme Angst vor Menschen, die sie durch ihre Stimme, ihren Tonfall etc. an den Missbraucher erinnern. Es kommt sogar zu panikartigen Reaktionen in bestimmten Situationen oder R√§umen, mit denen sie die Gewalttat in Verbindung bringen. So kann es ein wichtiger Hinweis auf sexuellen Missbrauch sein, wenn ein Kind pl√∂tzlich Angst hat, mit einer bestimmten Person allein im Haus zu bleiben.

"Jetzt heute, als erwachsene Frau ist mir erst bewusst geworden, dass meine ganze Kindheit bestimmt war von dieser Angst, von dieser Hilflosigkeit, ich habe mich immer ohnm√§chtig gef√ľhlt... so wie ich als Kind nie ne Sekunde sicher sein konnte, dass nicht gleich irgendein √úbergriff passiert, egal ob da ein Zeitraum zwischen lag von einem Tag oder vielleicht auch von zwei Wochen, aber dazwischen war immer und immer die Angst, es k√∂nnte jeden Augenblick soweit sein."

Scham- und Schuldgef√ľhle

Scham- und Schuldgef√ľhle entstanden und f√ľhrten zur Selbstabwertung! "Irgendwie bin ich doch so¬īn schlechter Mensch! Auch Erregung empfinde ich immer als etwas ganz negatives... weil ich dann immer noch das Gef√ľhl habe, dadurch meinen Vater best√§rkt zu haben indem, was er tut und dadurch so seine Schandtat unterst√ľtzt zu haben und jetzt dann immer noch so eine Schandfrau bin".

Die Opfer sehen sich selbst als schlecht und schuldig an. Sie verlagern die Verantwortung f√ľr die Tat in sich selbst und k√∂nnen es nicht begreifen, warum ihnen so etwas schreckliches angetan wird. Auf die Frage wof√ľr f√ľhlst du dich dann als missbrauchtes Kind schuldig? antwortete B√§rbel M., die in ihrer fr√ľhen Kindheit Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden ist:

"Schuldig f√ľhle ich mich daf√ľr, etwas Schlechtes √ľber meinen Vater zu denken, Probleme zu machen, zu sehr zu gefallen, zu lebendig zu sein, zu laut, zu frech, zu anstrengend f√ľr meine Eltern ¬≠ ein unanst√§ndiges M√§dchen zu sein".

Regressives Verhalten

Vor allem kleinere Kinder zeigen in folge eines sexuellen Missbrauchs regressiver Verhaltensweisen. Sie m√∂chten pl√∂tzlich wieder st√§ndig auf den Arm genommen werden, sie krabbeln immer wieder auf den Scho√ü der Mutter. Weichen ihrer Mutter nicht mehr von der Seite und klammern sich regelrecht an ihr Bein. Es kommt auch h√§ufig vor, dass die Kinder pl√∂tzlich wieder am Daumen lutschen, wieder nach dem Sch****er, Flasche oder Kuscheltieren verlangen, obwohl sie l√§ngst entw√∂hnt waren. Au√üerdem entwickelt das Kind seine Sprachf√§higkeit nicht altersgem√§√ü und f√§llt in die Babysprache zur√ľck. Durch diese R√ľckf√§lle in fr√ľhkindliche Verhaltensweisen w√ľnscht sich das Kind wieder wie fr√ľher als Baby, zu jederzeit gesch√ľtzt und umhegt zu werden.

Vertrauensverlust

Die meisten Kinder vertrauen dem T√§ter, bevor sie von ihm sexuell missbraucht werden. Ein M√§dchen ist vielleicht in den ersten Lebensjahren immer zu ihrem Papi gelaufen, wenn sie sich wehgetan hat oder Angst vor irgendetwas hatte. Sie wurde dann von ihm in den Arm genommen und getr√∂stet. Pl√∂tzlich macht der gleiche liebe Papi Dinge mit ihr, die ihr unheimlich sind und ihr weh tun. Ihr Vertrauen in enge, nahe Beziehungen wird zutiefst ersch√ľttert. Die verst√§ndliche Reaktion ist, sie darf nicht mehr zu viel vertrauen, denn das tut dann irgendwann weh. Jetzt wird sie vorsichtiger. Sehr viele Kinder sind deshalb nach einem sexuellen Missbrauch sehr misstrauisch gegen√ľber engen Beziehungen. Sie entwickeln eine Schutzfunktion vor weiterem sexuellen Missbrauch und erneutem Vertrauensmissbrauch. Wie tief sich ein solcher Vertrauensverlust einpr√§gt und das Verhalten bis ins Erwachsenenleben hinein beeinflusst zeigen die Worte einer sexuell missbrauchten Frau.

"Nichts hat mir als Erwachsenen mehr geschadet als die Zerstörung meines Vertrauen in der Kindheit. Ich muss hart daran arbeiten, mir so etwas wie ein Sicherheitsnetz zu schaffen ­ etwas, woran andere, denen es besser gegangen ist, nie einen Gedanken zu verschwenden brauchen. Bis ich anderen Menschen vertrauen konnte, hat es Jahre gedauert, Jahre!"

Dieses Erleben scheint typisch f√ľr einen gro√üen Teil der Opfer zu sein. Immer wieder berichten sie gro√üe Angst vor N√§he und engen Beziehungen zu haben. Dies ist nicht verwunderlich, da die meisten von ihnen durch einen vertrauten Menschen sexuell missbraucht wurden.

Psychische Reaktionen auf sexuelle Gewalterlebnisse zeigen sich h√§ufig in zwanghaftem Verhalten. Das Kind ist fast ausschlie√ülich besch√§ftigt mit Reinlichkeits- und Ordnungsritualen. Es duscht oder w√§scht sich so h√§ufig, bis die Haut rot und rissig ist, um den inneren und √§u√üeren Schmutz los zu werden. Das Kind versucht vergeblich sich von der Missbrauchsverschmutzung und von seinem Ekel zu reinigen. Andererseits will es √ľber die Vermeidung jeglicher √§u√üerlichen Verunreinigungen symbolisch der Missbrauchsverschmutzung entkommen. Ich st√ľrze auf die Toilette. Ich wasche mich, ich schrubbe, ich schrubbe, ich schrubbe, die Ger√ľche herunter, ich schrubbe, bis ich nicht mehr f√ľhle, wie seine H√§nde mich ber√ľhren, sein Mund mich k√ľsst. Ich schrubbe wie eine Furie".

Depressive Reaktionen

Depressive Reaktionen von Kindern auf einen sexuellen Missbrauch werden von vielen Experten als symptomatisch betrachtet. Es ist nur allzu verst√§ndlich, wenn die Kinder traurig dar√ľber sind, dass ein ihnen vertrauter Mensch ihnen wehgetan hat, sie benutzt hat. Sie sind entt√§uscht, dass sie sich selbst nicht aus dieser schlimmen Situation befreien k√∂nnen und ihnen all die anderen Menschen nicht helfen. Die Kinder zeigen keine Gef√ľhle mehr, kein Lachen, kein Weinen, nur Leere ¬≠ eine scheinbare Gef√ľhlslosigkeit. Bei jahrelangem Missbrauch trauern sie um ihre verlorene Kindheit und Jugend.

"Depressionen, die kenne ich! Meine Bewegungen sind schwerf√§llig, ich bin oft weinerlich und f√ľhle mich nicht dazugeh√∂rig. Es ist, als ob ich neben mir stehe. Die Tage erschlagen mich, alles scheint so sinnlos. Lieber Gott, zieh doch endlich den Stecker aus der Dose, ich kann ganz bestimmt nicht weiter. Pl√∂tzlich habe ich Angst, dass die Depressionen nicht heilbar sind. Ich kann nicht immer in diesem qualvollen Zustand leben. Ich schleppe mich von einem Tag zum anderen, liege oft auf dem Sofa. Ich vegetiere stumpfsinnig vor mich hin, unterbrochen von den unvermeidlichen Migr√§neattacken. Manchmal wei√ü ich morgens nicht, wie ich den Tag √ľberstehen soll... wei√ü manchmal nicht, wo ich die Kraft hernehme. Ich muss dann gegen die Versuchung ank√§mpfen, mit dem Auto einfach mit Vollgas gegen einen Baum zu fahren. Die Verzweiflung w√§chst, wird riesengro√ü."

Scham- und Schuldgef√ľhle, besonders Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und das Gef√ľhl der Ohnmacht schw√§chen das Selbstbewusstsein von M√§dchen und Jungen. Ich f√ľhle mich, als h√§tte ich eine schmierige, feuchte, klebrige Masse in mir drin. Ich wusste, alles in mir war b√∂se und etwas davon blieb an allem h√§ngen, mit denen ich in Kontakt kam. Also lies ich keinen Menschen wirklich an mich ran. Ich hasse mich. Ich verdiene es nicht. Im Grunde bestehe ich nur aus Stress. Die normalen Vergn√ľgen die andere Leute genie√üen ¬≠ Zusammensein mit anderen, Entspannen, Spa√ü ¬≠ sind mir immer unerreichbar vorgekommen. Ich glaub nicht, dass mich jemals jemand lieben wird. Ich wei√ü, eigentlich bin ich dazu bestimmt allein zu sein".

Die Opfer zeigen oft niedriges Selbstwertgef√ľhl aufgrund der entstandenen Scham -, Schuld- und Minderwertigkeitsgef√ľhle. Im Zusammenhang mit den anderen Belastungen und Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs f√ľhrt dies nicht selten dazu, dass sie sich in vielen Bereichen nichts zutrauen.

6.4 Autoaggressives Verhalten

Die Aggressionen, die sich aufgrund der Missbrauchssituation in den M√§dchen und Jungen angestaut haben, richten sich nun gegen sich selbst. Aufgrund der Scham- Schuldgef√ľhle, die die Opfer empfinden, wollen sie sich daf√ľr bestrafen. Sie denken, sie h√§tten sich dem Missbraucher nicht gen√ľgend zur Wehr gesetzt. M√§dchen neigen sehr oft zu autoaggressivem Verhalten. Dadurch versuchen sie ihren K√∂rper (in ihren Augen die Ursache f√ľr den sexuellen Missbrauch) zu zerst√∂ren.

Das Opfer bestraft sich oder m√∂chte durch den zugef√ľgten Schmerz sp√ľren, dass es √ľberhaupt noch lebt. Wieder andere f√ľgen sich k√∂rperliche Schmerzen zu, um den seelischen Schmerz zu verdecken.

Suizidgedanken ­-versuche

"Ich habe mehrere Versuche hinter mir. Mit 7 war es das erste Mal. Da habe ich damals gedacht, wenn ich unter der Bettdecke einschlafe, dann ersticke ich, und wach morgens nicht mehr auf. Und ich habe es dann irgendwann einmal tatsächlich geschafft, unter der Bettdecke einzuschlafen, bin morgens aber trotzdem aufgewacht und habe festgestellt, dass nichts passiert ist. Danach habe ich mehrmals mit dem Gedanken gespielt, war schon kurz davor."

Selbstmordgedanken und ¬≠versuche sind der dramatischste Schrei nach Hilfe. Sie spiegeln die langw√§hrenden Gef√ľhle der Hilf-, Hoffnungs- und Ausweglosigkeit wieder und erscheinen als einzige M√∂glichkeit der Flucht aus der Missbrauchssituation. Weiter kommt in ihnen ¬≠ wegen der vermeidlichen Schuld ¬≠ auch eine Tendenz zur Selbstbestrafung zum Ausdruck, und in Verbindung mit dem entstandenen negativen Selbstbild kann sich der Gedanke verfestigen, nicht lebenswert zu sein. Selbstmordversuche erfolgen auch, wenn Kinder vom sexuellen Missbrauch erz√§hlt haben und ihnen niemand glaubt. Sie nur im Sinne eines letztlich nicht ernstgemeinten Appells zu verstehen, ist h√§ufig eine gef√§hrliche Verharmlosung. Untersch√§tzt wird dann auch das Ausma√ü der Bilanz, die von diesen Kindern oder Jugendlichen gezogen wird und in Gedanken m√ľndet, dass der Tod eine Erl√∂sung von den Gef√ľhlen der allgemeinen Sinnlosigkeit des eigenen Lebens und Alltags sei.

Bewusste Selbstverletzungen

"Mein K√∂rper habe ich radikal, also wirklich radikal versucht zu zerst√∂ren, weil er attraktiv war und ich das Gef√ľhl hatte, er nur Werkzeug ist.... Der einzige Weg mal das Gef√ľhl zu haben, ich bin ich, ist dann diese Selbstzerst√∂rung, weil ich wei√ü, dass das niemandem gef√§llt und mich damit keiner benutzen kann. Ich wollte mich verletzen, mir selbst Schmerz zuf√ľgen, und normalerweise tu ich das indem ich mich mit einem Messer schneide. Ich hab das Gef√ľhl, der Schmerz in mir drin ist so schlimm, dass er herauskommt, wenn ich mich schneide. Oft habe ich das Bed√ľrfnis danach, wenn ich mich an etwas erinnere. Wenn ich mich schneide, wissen die anderen, welche Schmerzen ich leide. Sonst merken sie es nicht, vor allem, weil ich versuche, keine Gef√ľhle zu zeigen".

Manche Missbrauchsopfer verletzen sich selbst. Diese Autoaggressionen erfolgen in Form von N√§gelkauen, Haare ausrei√üen, Schnittverletzungen mit Messern, Glasscherben und Rasierklingen an den Armen und Beinen, Ausdr√ľcken der Zigarette auf dem K√∂rper, sich mit den Fingern√§geln Striemen auf der Haut beibringen. Eine Jugendliche zog sich auf diese Weise buchst√§blich die Haut mit ihren Fingern√§geln vom Leibe. Die Schuldgef√ľhle werden dabei gegen sich selbst und den eigenen K√∂rper gerichtet, wobei weiter der Hass und die Wut gegen√ľber dem T√§ter nicht auszuleben gewagt wird, sondern gegen sich gerichtet wird. Manche Opfer geben an, durch die Selbstverletzungen Gef√ľhle der innerer Anspannung und Leere abbauen zu k√∂nnen. Nat√ľrlich sind diese Selbstverletzungen auch als Hilfeschrei zu verstehen. 

Suchtverhalten

"Ich fing mit Drogen und Alkohol an, um mich in die richtige Stimmung zu bringen. Ich war noch auf der High-School. Damals erinnerte ich mich nicht mehr an den Inzest, ich wusste nur, dass ich mich einsam, anders als die anderen und √ľberhaupt ziemlich mies f√ľhlte. Ich entdeckte, dass ich nach ein paar Drinks lockerer wurde. Sie halfen mir bei Geselligkeiten und lie√üen mich vergessen, wie lachhaft mein Leben war. Aber das wurde bald anders. Nun nahm ich die Droge nicht mehr um meine Stimmungen zu steuern, sondern die Drogen nahmen mich in die Zange und ich konnte sie nicht l√§nger kontrollieren."

Erfahrungen aus Drogenberatungsstellen belegen, dass f√ľr viele Alkohol- und Drogenabh√§ngige der sexuelle Missbrauch ein Grund zum Einstieg gewesen ist. Der Alkohol- und Drogenkonsum kann sich von einem vor√ľbergehenden √úberlebensmechanismus zur beeintr√§chtigenden Abh√§ngigkeit entwickeln.

Alkohol und Drogen dienen vielfach der Selbstbet√§ubung, um die Gef√ľhle von Scham, Einsamkeit, Ekel, Angst und Schmerzen vor√ľbergehend verblassen zu lassen. Die Suchtmittel f√ľhren zu einem Gef√ľhl der momentanen Entlastung und Leichtigkeit, die innere Anspannung und Unruhe l√§sst nach, die qu√§lenden Gef√ľhle und Erinnerungen werden nicht mehr so bewusst erlebt. 

6.5 Sozialverhalten

Kinder und Jugendliche zeigen nach einem sexuellen Missbrauch √ľberdurchschnittlich oft Verhaltensauff√§lligkeiten. Sie wurden benutzt und in ihrem Vertrauen betrogen. Diese Gef√ľhle √§u√üern sich in ihrem sozialen Verhalten.

Plötzlicher Leistungsabfall- oder anstieg

Negative Ver√§nderungen in den Schulleistungen, Versagen in der Schule, aber auch Leistungsverweigerung und Konzentrationsschwierigkeiten k√∂nnen auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Es war im auch egal, dass ich oft kaum schlafen konnte in der Nacht, dass das die ganze Nacht ging, dass ich auch in die Schule h√§tte m√ľssen und alles.... Das ging wirklich oft, er hat mich dann immer wieder aufgeweckt".

Es ist unm√∂glich f√ľr die Missbrauchsopfer sich in der Schule zu konzentrieren, sie sind m√ľde und mit ihren Gedanken oft beim Missbrauch. F√ľr gute Schulleistungen haben sie keine Kraft mehr, sie haben wichtigere Sorgen als Schule. Es kann allerdings auch vorkommen, dass sexuell missbrauchte Kinder mit extremer Leistungsbereitschaft auf den Missbrauch reagieren. Mit guten Leistungen heben sie sich von den anderen ab, sie brauchen keine Angst zu haben entdeckt zu werden. Zudem wird die Schule zu einem Ort, an dem sie keine Angst vor sexueller Gewalt haben m√ľssen. Hier k√∂nnen sie sich entfalten und bekommen durch ihre Erfolge Anerkennung. Hinter dieser verzweifelten Leistungsbereitschaft kann ebenfalls der Wunsch nach Unabh√§ngigkeit stecken. M√∂glichst schnell Geld verdienen und aus dem verhassten Elternhaus entfliehen.

Distanzloses Verhalten

Bei sexuell missbrauchten M√§dchen und Jungen wurden ihre eigenen pers√∂nlichen Grenzen vom Peiniger √ľberschritten. Sie konnten daher nicht lernen ihre eigenen Grenzen und die Grenzen anderer zu erkennen und zu respektieren. Sie verhalten sich distanzlos.

Verschlossenheit, Einzelgängertum

Das Kind zieht sich aus allen seinen Freundschaften zur√ľck, es vermeidet gemeinsame Unternehmungen, es isoliert sich selbst. Das Kind f√ľhlt sich anders und ausgesto√üen. Sie empfinden sich weiter als schlecht und s√ľndig, wobei ein sehr negatives Selbstbild entsteht. Die Selbstunsicherheit breitet sich immer mehr aus, ein Anl√§cheln wird umgedeutet als auslachen, die Kinder f√ľhlen sich im Vergleich mit Gleichaltrigen viel weniger h√ľbsch, klug, usw. hinzu tritt die Angst, dass die Suche nach N√§he und Geborgenheit zu erneutem sexuellem Missbrauch f√ľhrt, wobei weiter qu√§lende Erinnerungen an den Missbrauch umso lebendiger werden k√∂nnen, wenn Freunde auch k√∂rperliche N√§he w√ľnschen. Au√üerdem wird N√§he auch vermieden aus Furcht, sich zu verplappern, und Abstand zu anderen Menschen verschafft auch das Gef√ľhl, das nicht durchschaut und erkannt werden kann, wie schlecht, schmutzig und l√§cherlich man sei. Freundschaften k√∂nnen bedrohlich sein, weil es in Gefahr kommt, das Geheimnis zu verraten, wovor es f√ľrchterliche Angst hat. Die Missbraucher sorgen sogar f√ľr die Isolation des Kindes, damit das Geheimnis gewahrt wird.

Das Kind f√§ngt an, sehr auff√§llig zu l√ľgen oder zu stehlen. Der T√§ter spricht seine Missbrauchsopfer seine eigenen, wahren Gef√ľhle aus, er wechselt die L√ľge in die Wahrheit, somit zwingt er das Kind st√§ndig zur L√ľge, er stiehlt sich mit Gewalt Gef√ľhle des Kindes und verletzt dessen Vertrauen. Das auff√§llige L√ľgen oder Stehlen dr√ľckt die Not des Kindes aus.

Weglaufen, Streunen

scheint bei M√§dchen und Jungen ein wichtiger Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch zu sein. Das Weglaufen f√ľr Stunden, Tage oder auch viele Monate ist leicht als Flucht vor der allgemeinen unertr√§glich gewordenen famili√§ren Beziehung sowie der Missbrauchssituation zu begreifen. Flucht vor etwas ist aber auch immer verbunden mit einer Suche nach einer besseren Zukunft, nach Geborgenheit und nach vertrauensvollen Menschen. Dabei besteht die Gefahr, in neuen Abh√§ngigkeiten wiederum ausgenutzt zu werden. Eine Form des Weglaufens besteht darin, dass die missbrauchten Kinder und Jugendlichen kaum mehr zu Hause sind, sie verbringen m√∂glichst viel Zeit unter Freunden oder irren in der Stadt herum, haben scheinbar immer etwas au√üerhalb zu tun, sind morgens die ersten auf dem Schulhof und bummeln noch lange nach Schulschluss herum, bevor sie sich nach Hause wagen. Ich wei√ü noch ganz genau, dass ich, als ich klein war, von zu Hause weglaufen wollte und ich mir auch schon ein Versteck ausgesucht hatte".

Aggressives und delinquentes Verhalten

Die im Elternhaus und sozialen Umfeld h√§ufig allgemein herrschenden aggressiven Beziehungen und gewaltf√∂rmigen Konfliktl√∂sungen werden durch das Lernen am Modell √ľbernommen. K√∂nnen die entstandenen Gef√ľhle von Wut, Hass und Entt√§uschung gegen√ľber dem T√§ter oder auch der Mutter nicht ausgelebt werden, so werden sie auf andere Menschen verschoben. H√§ufig m√ľssen dann j√ľngere, schw√§chere Kinder unter diesen Aggressionen leiden, oder es werden die M√§nner oder die Erwachsenen unisono verachtet und bestraft. Bei Kindern und Jugendlichen, welche im Elternhaus k√∂rperlicher Misshandlung oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, besteht eine erh√∂hte Gefahr, dass sie ebenfalls Kinder sexuell missbrauchen oder Aggressionen an ihnen ausleben. Als Ursache wird dabei auch die Identifikation mit dem Aggressor angenommen, d.h. Gef√ľhle der Ohnmacht und Hilflosigkeit als Opfer werden √ľberwunden, indem nun die machtvolle T√§terrolle eingenommen wird.

6.6 Sexualverhalten

Eine weitere Auswirkung sexueller Gewaltanwendung kann bei M√§dchen und Jungen altersunangemessenes sexualisiertes Verhalten sein. Die Entwicklung der kindlichen Sexualit√§t ist massiv gest√∂rt und unterbrochen worden. Der T√§ter hat das Vertrauen des Kindes missbraucht, hat es beschmutzt und sich schamlos verhalten. Sexuell missbrauchte M√§dchen und Jungen fallen also h√§ufig durch ein altersunangemessenes Sexualverhalten auf. Dies zeigt sich unter Umst√§nden durch √∂ffentliches Herzeigen der eigenen Geschlechtsteile und h√§ufigem, intensivem Masturbieren. Sie dr√ľcken sich mit auff√§lligem, nicht altersgem√§√üen sexuellen Handlungen im Spiel oder in Erz√§hlung aus ritualisierte Doktorspiele bei gleichaltrigen Kindern, wobei erlebte Zwangshandlungen nachgespielt werden. Es kann bei M√§dchen des h√§ufigeren vorkommen, dass es in automatischer Reflexbewegung auf alle Viere hinunter geht, ihren Po in die Luft streckt, wenn eine Erziehungsperson laut wird oder schimpft. M√§dchen reagieren auch des √∂fteren wie elektrisiert oder verhalten sich M√§nnern gegen√ľber v√∂llig distanzlos. Au√üerdem wurde bei M√§dchen beobachtet, dass sie in sexuell aufreizenden Posen auf Erziehungspersonen zugehen, ihnen K√ľsse geben, ihre Geschlechtsteile am Knie reiben. Durch den Missbrauch hat das Kind fr√ľh gelernt, dass es so Aufmerksamkeit und Anerkennung erh√§lt. Das Kind weist mit den genannten Verhaltensauff√§lligkeiten auf den Vertrauensbruch, die Beschmutzung, die Schamlosigkeit und auf die viel zu fr√ľhe gewaltt√§tige Sexualisierung hin und bringt sie durch diese Signale an die √Ėffentlichkeit. Verst√§rkt wird ihr Verhalten dadurch, wenn ihre Peiniger ihnen noch erz√§hlen, dass das, was sie hier miteinander machen, normal und richtig sei (vgl. Frei, K., 1993, S. 42). Es wird auch immer wieder vom symbolischen Ausdruck des Missbrauchsgeschehens berichtet. Bei einem M√§dchen im Vorschulalter heilte trotz aller √§rztlicher Bem√ľhungen lange Monate der entz√ľndete Mittelfinger nicht. Sp√§ter stellte sich heraus, dass ihr Vater immer wieder mit seinem Mittelfinger in ihrer Scheide manipuliert hatte.

Das Kind wiederholt immer wieder Fragen zu sexuellen Themen, auch wenn ihm l√§ngst geantwortet wurde. Des h√§ufigeren f√§ngt das Kind jedes Mal an zu stottern, wenn es √ľber die eigenen Gef√ľhle reden will, es sagt, dass es nicht mehr leben will und erz√§hlt, dass in der Nacht immer ein dunkler Geist kommt, der ihm die Bettdecke weg nimmt und ihm weh tut. Sexuell missbrauchte Kinder d√ľrfen nicht √ľber den Missbrauch sprechen, also senden sie so Hinweise an ihre Umwelt. Das Kind erz√§hlt, dass sein Papa im Kinderzimmer schl√§ft und nachts ins Bett macht. Die Kinder benutzen dabei entweder ihre Kindersprache oder die Sprache, die sie vom T√§ter gelernt haben.

Doch nicht nur eine exzessive Besch√§ftigung mit der Sexualit√§t wird bei Missbrauchsopfern beobachtet. Sie haben Sexualit√§t als gewaltt√§tig und schmerzvoll erlebt. Dadurch entwickeln sie oft negative Gef√ľhle mit Sexualit√§t, was dazu f√ľhren kann, dass die Kinder sexuelle Aktivit√§ten als bedrohlich erleben. Sie haben Angst davor und vermeiden sie deshalb. Wie folgenschwer die in der Stille des Schlafzimmers sich offenbarenden √Ąngste vor der Sexualit√§t f√ľr die Missbrauchsopfer sind, wird durch folgende Aussagen von Betroffenen verdeutlicht: 

"Ich erinnere mich, als ich √§lter wurde und die M√§dchen, mit denen ich aufwuchs, mit K√ľssen und all diesen Sachen anfingen ¬≠ f√ľr sie war das neu. Und ich kannte schon so viel. Ich glaube, ich f√ľhlte mich schmutzig. Sexualit√§t wurde f√ľr mich zu etwas Schmutzigem."

"Ich bin 53 und habe nie geheiratet. Ich habe enge Freundinnen und Freunde, aber sobald jemand was von mir will, krieg ich heftige Angst. Ich hab in meinem Leben zweimal sexuellen Kontakt gehabt, wenn ich meinen Onkel nicht z√§hle. Ich fand mich widerlich und schmutzig und konnte gar nicht abwarten, bis es vorbei war. Ich wollte ihn nie wieder sehen. Ich bin richtig w√ľtend: Ich bin 53 Jahre alt und wei√ü nicht mal, wie es ist, wenn jemand mit mir intim ist, wie sch√∂n es vielleicht sein kann, mit jemandem zu schlafen."

"Soweit ich weiß, empfinde ich in sexueller Hinsicht nichts."

Prostitution

"Als Prostituierte wurde ich auch wieder zum Opfer. Zu der Zeit hab ich das gemacht, weil ich keine andere Möglichkeit sah, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und meine Kinder zu ernähren. Ich war zu jung, um emanzipiert zu sein. Vom Sozialamt bekam ich nichts. Meine Kinder brauchten Windeln und was zu Essen, und Prostitution war die einzige Möglichkeit, die ich sah, da dranzukommen."

Ein Kind, dass f√ľr die sexuellen Kontakte mit einem Erwachsenen materielle Gegenst√§nde bekommt, lernt, Sexualit√§t funktional einzusetzen. So kann eine Entfremdung von der eigenen, vielleicht nie erfahrenen Sexualit√§t stattfinden. Die √úbernahme von Normen und Werten k√∂nnen richtungsweisend sein. Zudem laufen viele der sexuell missbrauchten Kinder von zu Hause weg. Einmal auf der Stra√üe, stellt sich dann sehr schnell die Frage: Wie soll sich √ľberleben? Wovon soll ich leben? Prostitution bietet sich f√ľr einen Teil dieser Kinder als die einzige M√∂glichkeit an, das n√∂tige Geld zu beschaffen. Ein weiteres Motiv, sich zu prostituieren, ist nach Aussage von Prostituierten, dass sie in ihrer Arbeit einen Weg sehen, eine Situation zu beherrschen, die sie als Kinder nicht beherrschen konnten. Es ist bezeichnend, dass viele von ihnen sagten, sie h√§tten zum ersten Mal ein Gef√ľhl von Macht empfunden, als sie ihren ersten Freier hatten".

Mimi Silbert und Ayala Pines (1981) befragten 200 jugendliche und erwachsene Prostituierte in der San Francisco Bay Area. 60% von ihnen hatten sexuellen Kindesmissbrauch erlebt. Die meisten wurden von Vätern und Vaterfiguren vergewaltigt. 96% liefen von zu Hause weg. 62% begannen vor ihrem 16. Lebensjahr, sich zu prostituieren.

Manche Frauen sagen, dass sie aus eigener Entscheidung auf der Stra√üe seien, aber tats√§chlich gibt es nichts zu entscheiden: Es ist die einzige M√∂glichkeit. Ich war darauf gedrillt worden. Mein Vater hat mich missbraucht und mich f√ľr Sex bezahlt. Hinterher gab er mir immer etwas was ich wollte und was er mir vorher vorenthalten hatte. Er brachte mir bei: Mehr verdienst du nicht. Das ist alles wozu du gut bist. Drau√üen auf der Stra√üe hab ich blo√ü immer das gleiche Muster wiederholt". Auch wenn die Untersuchungen einen engen Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und Prostitution belegen, darf man nicht vergessen, dass sich auch M√§dchen und Frauen sowie Jungen und M√§nner prostituieren die niemals sexuell missbraucht worden sind.

Immerwährende Erinnerungen

"Die Erinnerung an die Ereignisse sind eigentlich immer da, egal wo ich gerade bin, manchmal sehe ich es auch bildhaft vor Augen."

Die bisher angef√ľhrten m√∂glichen Folgen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und Jugend machen es (auch aufgrund ihrer Wechselwirkungen) verst√§ndlich, warum es Opfern zun√§chst h√§ufig nicht gelingt, ihre Missbrauchserlebnisse ganz bewusst vergessen und verdr√§ngen zu wollen. Je nach zeitlicher Ausdehnung und H√§ufigkeit des sexuellen Missbrauchs oder dem Ausma√ü von erlebter Bedrohung und Gewalt gelingt dies nur unvollkommen. Dazu tragen auch unwillk√ľrliche Erinnerungen an den fr√ľheren Missbrauch aufgrund augenblicklicher spezifischer Sinneseindr√ľcke bei, welche wiederum zu k√∂rperliche und seelischen Stressreaktionen f√ľhren.

Es ist vor allem immer im Auge zu behalten:

Es ist die gesamte Verhaltens√§nderung des Kindes, die den Hinweis gibt, dass Gefahr im Verzug ist. Das aber bedeutet aufmerksame Beobachtung. Es ist ein hohes Ma√ü an Wachsamkeit und Zuwendung notwendig, um ein pl√∂tzliches Auftreten etwa von √úberreaktionen oder R√ľckzugstendenzen festzustellen. Die Signale, mit denen ein Kind versucht, sich mitzuteilen, sind so verschieden wie die Kinder selbst. Jede pl√∂tzlich auftretende Verhaltens√§nderung des Kindes sollten wir √§u√üerst sorgf√§ltig beobachten. Je mehr dieser Symptome wir erkennen k√∂nnen, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Kind sexuell missbraucht wurde. Auch wenn Kinder selten dar√ľber reden, was ihnen angetan wurde, so sprechen doch diese Symptome und Verhaltens√§nderungen eine eigene Sprache.

7. Widerstandsformen und √úberlebensstrategien sexuell missbrauchter Kinder

Wie Kinder sich wehren

Es gibt kein M√§dchen und kein Jungen, die/der sich nicht gegen den sexuellen Missbrauch wehrt. Doch die wenigsten k√∂nnen sich sp√§ter noch an ihre eigenen Widerstandformen erinnern, denn ihre kindliche Gegenwehr war zwecklos. Der T√§ter setzt sich √ľber sie hinweg. Die Sehnsucht nach Beendigung der √úbergriffe veranlasst die M√§dchen und Jungen auf mannigfache Art und Weise auf ihr Leid hinzuweisen. Ich m√∂chte nun kurz aufzeigen, welchen √úberlebenswillen die Kinder haben und welche Kreativit√§t sie entwickeln, um sich selbst zu sch√ľtzen. Oftmals bauen Kinder ihr Spielzeug in einer langen Reihe von der T√ľr bis zum Bett auf und hoffen, dass es einen Knall gibt, wenn der T√§ter ins Zimmer kommt und das dadurch andere wach werden. Viele stellen St√ľhle unter die T√ľrklinke oder r√ľcken M√∂bel vor die Zimmert√ľr. Die 4 j√§hrige Anne streut Beispielsweise Popcorn vor die Zimmert√ľr, damit es knackt, wenn der T√§ter drauftritt. Dann will sie ganz schnell zum Klo gehen und in der Hoffnung, dass die Mutter es h√∂rt, ganz laut abziehen. M√§dchen befestigen die Reisverschl√ľsse von Hosen von innen mit einer Sicherheitsnadel, die der T√§ter nicht sieht, die ihn aber daran hindern soll es zu missbrauchen. Wenn der Missbrauch zu Hause und nachts passiert, wenden Kinder h√§ufig die ineffektive Strategie an, dick eingewickelt in Decken zu schlafen, mehrere Kleidungsst√ľcke √ľbereinander zu ziehen oder sich schlafend zu stellen. Sie hoffen, dass der T√§ter sie dann in Ruhe l√§sst. Das Schlafendstellen ist zudem ein Mechanismus, der ihnen hilft, die sexuelle Gewalt zu ertragen. Sie sind dabei bem√ľht, das Geschehen auszublenden, sie versuchen sich aus der Realit√§t wegzudenken und die Gef√ľhle nicht wahrzunehmen. Andere nehmen ihren Hund mit ins Bett; er soll sie bewachen. Viele Opfer laden sich Klassenkameraden als √úbernachtungsg√§ste ein und glauben sich so f√ľr die Nacht in Sicherheit. Lehrer wissen immer davon zu berichten, dass betroffene M√§dchen und Jungen regelm√§√üig zu fr√ľh zum Unterricht kommen oder nach Schulschluss nicht nach Hause wollen. F√ľr den T√§ter besteht in der Regel kein Anlass, freiwillig von seinem perfekten Verbrechen Abstand zu nehmen. Fast immer ist es das Opfer, das den Missbrauch beendet. In manchen F√§llen leisten kleine Kinder aktiven Widerstand. Der Alltag betroffener M√§dchen und Jungen wird durch die st√§ndige Organisation der eigenen Flucht bestimmt. Notgedrungen entwickeln viele Opfer ein gro√ües Organisationsgeschick. Sie versuchen, dem T√§ter aus dem Weg zu gehen oder zumindest nicht mit ihm allein zu sein. Zudem nehmen sie oftmals mit der Genauigkeit eines Seismographen atmosph√§rische Spannungen war: Ist das der besagte Blick? ¬≠ Wie ist der heute drauf? Sie lernen, sich mit gro√üer Empfindsamkeit in die Bed√ľrfnisse anderer einzuf√ľhlen und intuitiv Gefahren im Vorfeld zu erahnen.

Der Widerstand kostet die Kinder viel Kraft und vielen kann es nicht gelingen, den T√§ter dauerhaft an seinem Tun zu hindern. Selbst beim Schlafen balle ich die F√§uste, leiste ich Widerstand. Letztlich ging nichts". Die Kraft dem Missbrauch etwas entgegenzusetzen, erw√§chst nicht von selbst. Kinder brauchen Energiequellen, sie brauche Menschen, die sie ernst nehmen und ihnen ihr Recht auf (sexuelle) Selbstbestimmung vermitteln und im allt√§glichen Umgang zugestehen, denn es sind die kleinen Begegnungen, aus denen betroffene M√§dchen und Jungen die Kraft zur Gegenwehr und zum √úberleben sch√∂pfen. So kann das Lob der Lehrerin, das Spiel im Kindergarten, die Vorlesestunde des Opas zum Rettungsanker f√ľr das Opfer werden. Zu Hause konnte ich es kaum noch aushalten. Doch in den Ferien fuhr ich immer zu meiner Patentante. Hier war ich sicher und wurde gemocht. Jeden Morgen kochte sie mir ein weiches Ei. Einfach so, weil ich das so gerne mochte. Einmal ging sie mit mir sogar in einen richtigen Zirkus. Das habe ich nie vergessen. In den letzten Monaten habe ich viel an meine Patentante gedacht. Sie hat mich gemocht". Nicht umsonst berichten Erwachsene oft, dass Kinder und Jugendliche ihnen die letzte Energie rauben. Eben diese F√§higkeit, sich das zu holen, was sie brauchen, gibt M√§dchens und Jungs die Kraft zu √ľberleben.

7.1 Kinderzeichnungen

Ein besonderes Symptom kann das Malen und Zeichnen von angsteinfl√∂ssenden Situationen sein. Kinder dr√ľcken ihre Gef√ľhle im Spiel und durch Zeichnungen aus. Dabei kann dann auch der erfahrene sexuelle Missbrauch symbolisch ausgedr√ľckt werden. Das betrifft in besonderem Ma√üe Kinder im Kindergartenalter bis hin zu den ersten Jahren in der Grundschule. Besonders aufgrund der noch nicht vollst√§ndig entwickelten rhetorischen F√§higkeiten der Jungen und M√§dchen und des vom T√§ter ausgehenden Geheimhaltungsgebot, k√∂nnen solche Kinderzeichnungen sinnvolle diagnostische Hilfsmittel sein. Das Kind malt, was es bewegt und vor was es Angst hat. In einschl√§gigen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass sexuell missbrauchte Kinder sehr h√§ufig werden schon gemalte Motive bis zur Unkenntlichkeit √ľberkritzelt, durchgestrichen oder weggeworfen. Vielfach lassen sich urspr√ľnglich gemalte Formen nicht mehr erkennen. F√ľr Eltern, Lehrer und Erzieher kann es wichtig sein, das Kind beim Malen zu beobachten. Es ist absolut notwendig darauf hinzuweisen, dass eine einzelne Kinderzeichnung noch keinen Aussagewert haben muss. Selbst wenn es sich bei der Zeichnung um ein noch so aussagekr√§ftiges Bild handelt. Die Zeichnung kann bestenfalls einen Hinweis geben, denn auff√§llige Kinderbilder k√∂nnen aus unterschiedlichsten Beweggr√ľnden entstehen. Zum Beispiel zeichnen viele Kinder wilde Gespenster und unheimliche Monster, wenn sie aufgefordert werden alles zu malen was ihnen Angst macht. Erst dann, wenn bestimmte Motive immer wieder gezeichnet werden, lassen sich unter Umst√§nden R√ľckschl√ľsse auf die Situation des Kindes treffen. Um bei einem Verdacht einen m√∂glichen sexuellen Missbrauch aufzudecken, ist es am Wichtigsten, mit den M√§dchen oder Jungen ein sehr vorsichtiges Gespr√§ch zu f√ľhren. So k√∂nnen Sie z.B. bei einem Kind, welches ein angsterregendes Monster mit einer auff√§lligen Ausbuchtung gemalt hat, genauer nachfragen:

Kennst du dieses Monster?

Macht es dir manchmal Angst?

Was bedeutet das Gebilde da unten?

Gibt es jemanden in deiner Familie, der es zum Verschwinden bringen kann?

Bringen Sie Kindern, die auff√§llige Bilder malen oder ungew√∂hnliche Bemerkungen √§u√üern, ihr einf√ľhlendes Interesse entgegen, und signalisieren sie Gespr√§chsbereitschaft. Oft k√∂nnen die betroffenen M√§dchen und Jungen so einen Weg aus ihrer Bedr√§ngnis finden. Das Kind malt sich so, wie es die Welt und sich selbst empfindet: zerrissen, verzehrt, gest√∂rt, zerst√∂rt, eingezw√§ngt in ein Gef√§ngnis, oder es kennzeichnet die K√∂rperteile besonders, an denen der Missbrauch stattfindet. Manchmal bringen Kinder auch ihre sehnlichsten W√ľnsche zu Papier: Sie zeichnen eine dicke Trennungsmauer zwischen sich selbst und dem T√§ter, oder sie malen sich selbst in eine sch√ľtzende, Geborgenheit spendende H√∂hle hinein.

Marina, 5,7 Jahre alt
Das ist unsere Wohnung. Das ist das Zimmer von mir und meiner Schwester. Das ist mein Stockbett. Da liegt der Papa unter meiner Decke. Die Leni ist noch ganz klein und die ist auch zugedeckt. Dann kann man die Treppe runtergehen und aufs Klo gehen. Die Mama badet in der Badewanne. Im Wohnzimmer stehen Blumen auf dem Tisch."

Christina, 4,9 Jahre alt
Vom Vater missbraucht. Das Bild ist in der Therapie entstanden. Sie ist durchaus in der Lage, erkennbare Menschen zu malen. Ihre eigene Person malt sie zerstört, verstört, nach innen hinein verkrochen.

Susanne, 5,4 Jahre alt
Sie hat auch ihre Familie in Tiere verzaubert. Dabei hat der Freund der Mutter einen Busen erhalten: Ich mag den Ludwig nicht. Der ist nicht lieb." Frage: Was hat die Giraffe (Freund der Mutter) da vorne?" Antwort von Susanne: Das ist der Busen. Da kommt Milch raus."

Michael, 4,3 Jahre alt
Auf die Aufforderung hin, seine Familie mit einem Zauberstab in Tiere zu verwandeln, zeichnete er alle Familienmitglieder als Vögel. Der Nachbar blieb ein Mensch und hatte einen Piesi"; damit kann er Kleber machen!"

Karina, 5,2 Jahre alt
Das ist unser Haus. Da wohne ich. Das ist mein Kinderzimmer. Das ist mein Bett. Das bin ich. Nachts kommt ein Ungeheuer. Das zieht mir die Decke weg und macht mich nass."

8. Primäre und sekundäre Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch

8.1 Begriffsklärung

Der Begriff der Pr√§vention stammt aus dem lateinischen und bedeutet soviel wie "vorbeugend, sch√ľtzend eingreifen". In der einschl√§gigen Fachliteratur wird der Begriff der Pr√§vention auf drei Stufen pr√§zisiert. Prim√§re, sekund√§re und terti√§re Pr√§vention sollten grunds√§tzlich in ihrer Bedeutung gleichwertig gewichtet werden, denn in der Praxis sind diese drei Instanzen oft nicht zu trennen.

Ziel prim√§rpr√§ventiver Arbeit ist eine Erziehungshaltung, die M√§dchen und Jungen st√§rkt und das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung √ľber ihren K√∂rper f√∂rdert. Pr√§vention zielt darauf ab, Kindern die eigene Wahrnehmung ihrer selbst und ihrer Umgebung zu erm√∂glichen, ihrer Einsch√§tzung zu vertrauen, ihre Selbstbestimmtheit, ihren Eigenwillen und ihre Empfindungen zu respektieren.

Vorbeugen durch Angst?

Die meisten sexuellen √úbergriffe gegen Kinder finden in der Familie oder im familiennahen Umfeld statt. Nur wenige Taten geschehen durch vollkommen fremde Menschen, die sich in b√∂ser Absicht einem Kind n√§hern. Ende der siebziger Jahre wurden in den USA die ersten regelrechten Pr√§ventionsma√ünahmen gegen sexuelle Gewalt entwickelt. Unabh√§ngig von diesem besteht zum Teil noch bis heute, Pr√§vention von sexueller Gewalt darin, Kinder durch Verbote und angstmachende Hinweise zu sch√ľtzen. Diese basieren auf der Vorstellung von einem einmaligen gewaltt√§tigen √úbergriff durch einen fremden abartig veranlagten T√§ter.

Wenn Kinder dazu Fragen stellen, wird meist ausgewichen. So wichtig es ist, unsere Kinder auf Gefahren durch fremde M√§nner hinzuweisen, sollte man sie nicht √ľberm√§√üig √§ngstigen.

Zusammengefasst beinhaltet traditionelle Prävention folgende Botschaften:

Es wird von dem unheimlichen, abnormen Fremden gewarnt.

Die Gefahr, die von diesem Fremden ausgeht, wird nicht näher benannt, erläutert oder definiert.

Kinder werden verunsichert und verängstigt

Ihre Handlungsspielräume, ihre Selbstständigkeit und ihre Unabhängigkeit werden durch mannigfaltige Verbote eingeschränkt und behindert.

Sie werden angehalten, bestimmten Personen immer und von vorneherein zu gehorchen und anderen dagegen nie.

Die fr√ľheren, traditionellen Pr√§ventionsma√ünahmen f√∂rdern die st√§rkere Abh√§ngigkeit zu Erwachsenen und verst√§rken die Wehr- und Rechtlosigkeit und damit die Verletzbarkeit der Kinder. Ver√§ngstigte und abh√§ngige Kinder, die √ľber die haupts√§chlichen Gefahrensorte nicht aufgekl√§rt wurden, haben weniger Chancen, sich gegen sexuellen Missbrauch im sozialen Nahbereich zu wehren ¬≠ sie werden zu Opfern erzogen.

Sicher sollten Kinder folgendes beachten, um sich vor fremden T√§tern zu sch√ľtzen:

Geh nicht zu weit weg von zu Hause!

Steig nie in das Auto eines Fremden ein!

Nimm keine S√ľ√üigkeiten von Fremden an!

Geh nicht allein durch dunkle Wege!

Aber es ist wichtig zu sagen: Sollten diese wohlgemeinten Ratschl√§ge √ľberhaupt eine Wirkung haben, dann haupts√§chlich im Hinblick auf die Angst, die sie erzeugen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn wir die Kinder sch√ľtzen wollen.

8.2 Entwicklungen der primären Präventionsarbeit

Wie bereits erw√§hnt, ist althergebrachte Pr√§vention, die darauf basiert, Kinder vor fremden, b√∂sen M√§nnern zu warnen, wenig erfolgversprechend. Eine Aufkl√§rung √ľber sexuelle Gewalt ist jedoch ein wesentlicher Punkt der Pr√§vention. Kindern soll die Kenntnis vermittelt werden, dass es sexuellen Missbrauch gibt. Sie sollen erfahren, wer die T√§ter sind, dass nicht nur Fremde, sondern auch Angeh√∂rige und Bekannte T√§ter sein k√∂nnen. Den Kindern fehlt eine klare, kindgerechte Definition um missbr√§uchliche Situationen √ľberhaupt erkennen zu k√∂nnen.

Dar√ľber hinaus √§u√üern Erwachsene sehr oft die Bef√ľrchtung, dass Kinder durch die Aufkl√§rung √ľber sexuelle Gewalt Angst vor M√§nnern bek√§men. Die Gedanken sind nachvollziehbar und verst√§ndlich, jedoch nicht unbedingt richtig, denn gerade wenn sich Kinder ratlos, hilflos und ohnm√§chtig f√ľhlen, bekommen sie Angst. Sexueller Missbrauch soll auf der gleichen Ebene wie andere schwierige Erziehungsinhalte behandelt werden. Verschiedene Autoren zum Thema neue Pr√§ventivans√§tze vertreten die altersgem√§√üe und kindgerechte Aufkl√§rung √ľber sexuellen Missbrauch. Hierzu eine m√∂gliche Formulierung: Es kann sein, dass dich jemand anfasst an deinem Po oder an deiner Brust oder an deiner Scheide, an deinem Penis und du willst das nicht. Es gibt Leute, oft M√§nner, die das machen. Das k√∂nnen Fremde sein, aber auch Freunde, Bekannte und sogar Verwandte. Du darfst das auf jeden Fall ablehnen und musst dich wehren. Dann fragen die Kinder vielleicht: Wieso machen die M√§nner das? und man kann den Kindern antworten: Ja, die haben Probleme, die brauchen das und sehen √ľberhaupt nicht dabei, wie es den Kindern geht. Wenn direkt √ľber sexuellen Missbrauch gesprochen wird, entwickeln Kinder weniger Angst, als wenn das Thema undurchsichtig bleibt. Kinder erfahren fr√ľher oder sp√§ter so oder so von sexueller Gewalt und wagen dann m√∂glicherweise nicht dar√ľber zu reden oder zu fragen, wenn das Thema bisher ein Tabu war. Inzwischen gibt es gut durchdachte Programme, mit deren Hilfe Kinder lernen k√∂nnen, sich gegen sexuelle √úbergriffe klar abzugrenzen. Die Programme der Pr√§vention von sexueller Gewalt stammen zum gr√∂√üten Teil aus Amerika. Sie wurden vor ca. 15 Jahren von einem Teil der Frauenbewegung entwickelt.

Inzwischen gibt es in den USA eine fast un√ľberschaubare Vielzahl von Pr√§ventionsma√ünahmen, die seit ein paar Jahren auch in der BRD diskutiert und in kleinem Umfang ausprobiert werden. Diese Programme wenden sich an Vorschul- und Schulkinder und sie haben zum Ziel

Kinder und Jugendliche zu informieren, dass es sexuelle Gewalt gibt und was sexuelle Gewalt ist,

Kinder und Jugendliche wissen zu lassen, sich im Falle eines √úbergriffes zu wehren.

Kurz gesagt liegt diesen Zielen der Gedanke zugrunde, dass Kinder sich vor der Gefahr sch√ľtzen k√∂nnen, wenn sie von ihr wissen, wenn sie lernen, ihren eigenen Gef√ľhlen zu trauen und sich dadurch wehren zu k√∂nnen: Sag nein, lauf und erz√§hl. Es werden Medien wie Malb√ľcher, Comics, Geschichten, Filme und Theaterst√ľcke eingesetzt und die Methoden reichen von der Gruppendiskussion bis hin zu Rollenspielen und Selbstverteidigungs√ľbungen.

Wenn man es den T√§tern schwer machen will, braucht es starke und selbstbewusste ¬≠ ja, freche ¬≠ Kinder. Solche Kinder, die laut und kr√§ftig nein sagen und sich von keinem Menschen ¬≠ weder von Fremden noch von Freunden gegen ihren Willen anfassen lassen. Kinder sollen sehr genau wissen, was sie wollen, und vor allem was sie nicht wollen. Sie kommen nicht daran vorbei, die Welt schrittweise als eine, die Gefahren birgt, zu erleben. Leider ist sie auch nicht so klar geordnet, wie wir uns das w√ľnschen. Nicht alles, was innerhalb der Familie geschieht, ist gut, und nicht alles, was au√üerhalb der Familie geschieht, ist schlecht. Die Gefahr kommt mitunter aus allern√§chster N√§he. Deshalb macht es wenig Sinn, vor den b√∂sen Monstern drau√üen zu warnen und m√∂gliche T√§ter im Haus zu √ľbersehen. Selbstbewusstsein, Klarheit, Offenheit und Direktheit ist immer der bessere Weg die Kinder zu sch√ľtzen.

Eine altersgem√§√üe Sexualerziehung und die M√∂glichkeit, offen mit Kindern √ľber Sexualit√§t zu sprechen ist Grundlage prim√§rer Pr√§vention. Dabei geht es nicht um einmalige Aufkl√§rung zu einem bestimmten Zeitpunkt, es geht auch nicht um st√§ndige Aufkl√§rungsgespr√§che und die Vermittlung eines mehr oder weniger gr√ľndlichen Wissens, sondern es geht um eine Erziehung, die sich als Verhaltenspr√§gung versteht.

Altersgem√§√üe Sexualerziehung ist prim√§r Aufgabe der Eltern. Kindergarten und Schule unterst√ľtzen die Eltern bei dieser Aufgabe, deren Zielsetzung wie folgt definiert werden kann:

Grobziel:

Kindern und Jugendlichen zu einem selbstverantworteten Sexualverhalten zu verhelfen.

Teilziele:

Verhaltensprägung

Entwicklung eines gesunden Schamgef√ľhls

Erwerb von sexuellen Informationen

Erlernen der sexuellen Erlebnisfähigkeit

Zur Umsetzung einer kind- und altersgerechten Sexualerziehung sollten folgende Zielvorstellungen betrachtet werden:

Sexualerziehung, verstanden als Liebeserziehung, muss √ľberall dort geleistet werden, wo erzogen wird, also im Elternhaus bzw. in Ersatzfamilien, im Kindergarten, in der Schule, im Hort, im Jugendhaus. Dennoch kommt der Familie in dieser Hinsicht eine herausragende Position zu. Sexualerziehung ist von Anfang an eingebettet in Z√§rtlichkeit, gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Verantwortung. Au√üerdem ist Sexualerziehung Teil der Pers√∂nlichkeitserziehung des Kindes. So verstandene Sexualerziehung m√∂chte dem Kind helfen, ein offenes, akzeptierendes und befriedigendes Verh√§ltnis zum eigenen K√∂rper zu bekommen, den Schutz vor Missbrauch zu erm√∂glichen und zum Aufbau von Selbstbewusstsein und Eigenidentit√§t beizutragen.

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass bis heute nicht sicher nachgewiesen werden konnte, dass solche Vorbeugungsprogramme die H√§ufigkeit des sexuellen Missbrauchs senken. Relativ sicher scheint aber zu sein, dass Kinder im Anschluss an solche Programme h√§ufiger √ľber einen sexuellen Missbrauch. 

Die Vorbeugung vor sexuellem Missbrauch von Kindern sollte immer in die von fr√ľh auf erfolgende Sexualerziehung des Kindes eingef√ľgt werden, dabei den grundlegenden Erziehungshaltungen in Richtung auf eine gewaltfreie, emanzipatorische sowie Selbstst√§ndigkeit und Selbstbewusstsein f√∂rdernde Entwicklung der Kinder entsprechen sowie keine einmalige Aktion darstellen, sondern vielmehr fortlaufend erfolgen, wobei sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder st√§ndig angepasst werden muss und Elternhaus sowie Kindergarten oder Schule zusammen arbeiten sollten.

Denn letztlich liegt die Verantwortung bei den Erwachsenen, f√ľr die Sicherheit der Kinder zu sorgen, und dementsprechend sollte auch den Kindern gesagt werden, dass Erwachsene ihnen gegen√ľber Verantwortung haben!

Der Erziehungswissenschaftler Liegle versuchte mit den folgenden 10 Geboten die Richtung f√ľr eine neue erzieherische Verantwortung der Erwachsenen gegen√ľber den Kindern aufzuzeigen:

1. Du sollst Kinder nicht als Mittel zu irgendeinem Zweck betrachten oder gebrauchen!

2. Du sollst Kinder nicht als Bausteine der Zukunft betrachten oder behandeln, sondern als Baumeister der Erwachsenen, die sei einmal werden wollen!

3. Du sollst dir kein Bildnis machen von dem zuk√ľnftigen Erwachsenen im Kind!

4. Beeinflusse das Kind nicht dadurch, dass du das forderst, was du selbst möchtest, dass das Kind es sei, sondern durch den Eindruck dessen, was du selber bist!

5. Ehre die Eigent√ľmlichkeit und die Willk√ľr deiner Kinder, auf das es ihnen wohl ergehe und sie kr√§ftig leben auf Erden!

6. Vertraue auf die moralischen und intellektuellen Fähigkeiten des Kindes und präge dir selbst den Gedanken ein, dass jedes Kind die Wiederholung der Naturkräfte und deshalb unbegrenzt ist wie das Weltall!

7. Du sollst Kinder lieben wie dich selbst, denn sie sind wie du, n√§mlich eine eigent√ľmliche Pers√∂nlichkeit mit eigener W√ľrde!

8. Du sollst Verantwortung √ľbernehmen f√ľr dein Leben und Handeln, denn diese sind Wegweiser f√ľr die dir anvertrauten Kinder!

9. Du sollst Verantwortung √ľbernehmen f√ľr die Welt, in der Kinder eine Zukunft haben sollen!

10. Liebe in deinen Kindern nicht dein Fleisch und Blut, nicht deine Zukunft, nicht dein Eigentum, sondern ihre Gegenwart, ihr Selbstsein und ihr Selbstwerden!

8.3 Das amerikanische Präventionsprojekt -Child Assault Prevention Projekt - CAPP

Das in der Bundesrepublik Deutschland wohl bekannteste Programm ist das Child Assault Prevention Projekt, das als eines der Ersten, Ende der 70er Jahre von Mitarbeiter eines Zentrums f√ľr vergewaltigte Frauen in den USA entwickelt wurde. Darin wird sexuelle Gewalt an Kindern nachdem US-Amerikanisch allgemein g√ľltigen Wertesystem interpretiert. Da das CAPP-Programm auch in der Bundesrepublik immer mehr Anwendung findet, wird im folgenden seine Grundform kurz dargestellt.

Die vorhandene St√§rke von Kindern soll ausgebaut werden, damit sich die Kinder aus eigener Kraft gegen den sexuellen Missbrauch wehren k√∂nnen. Die Kinder sollen lernen, ihre Gef√ľhle zu erkennen und zu artikulieren, ihre emotionalen Grenzen anderen gegen√ľber auszusprechen und zu verteidigen sowie die pers√∂nlichen Grenzen anderer zu achten und zu respektieren. Grunds√§tzliches Ziel ist es, nicht Angst zu erzeugen, sondern die Kinder zu st√§rken, indem sie lernen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. 

Dementsprechend lautet der Slogan des CAPP-Programms: Safe, strong and free.

Den Kindern soll konkret vermittelt werden, dass sie das Recht haben nein" zu sagen, wenn Erwachsene oder Kinder aktive und passive k√∂rperliche Ber√ľhrungen einfordern. Sie d√ľrfen sich wehren sowie Schutz und Hilfe von Erwachsenen und Kindern einfordern. In Rollenspielen werden den Kindern diese Inhalte vermittelt. Vom Aufbau sind die durchgef√ľhrten Pr√§ventionsprogramme √§hnlich.

Sie werden in Schulen und Kinderg√§rten gemeindeweit durch ein ausgebildetes Trainerteam durchgef√ľhrt. Bevor der eigentliche Kinderworkshop, der ein bis zwei Stunden dauert, stattfindet, wird je ein Workshop f√ľr Lehrer/Erzieher und Eltern durchgef√ľhrt. Es werden Rollenspiele durchgef√ľhrt, in denen die Kinder die starken Rollen, die Trainer die schwachen Rollen und die T√§ter spielen.

Im n√§chsten Schritt werden die besprochenen Rechte in Form von drei Rollenspielen konkretisiert. In der ersten Szene versucht ein √§lteres Kind von einem j√ľngeren Geld zu erpressen. Der √§ltere Junge erkl√§rt dem j√ľngeren M√§dchen, dass sie ihm jetzt immer ihr Pausengeld geben soll und das das jetzt ihr besonderes Geheimnis sei. Die Trainer spielen das Rollenspiel vor und befragen anschlie√üend die Klasse: Wie hat sich das M√§dchen wohl gef√ľhlt? Was h√§tte das M√§dchen tun k√∂nnen? Im Anschluss werden in der Klasse Strategien erarbeitet, wie sich das M√§dchen in dieser Situation helfen k√∂nnte z.B. es der Lehrerin oder den Eltern sagen. Anschlie√üend √ľben die Kinder die Szene zweimal als Rollenspiel.

In der zweiten Szene versucht ein Fremder, ein Kind auf dem Spielplatz zu √ľberreden, mit ihm zu kommen. Es werden ebenfalls verschiedene Widerstandstrategien erarbeitet. Die Trainer geben Hilfen: Wenn der Mann euch an den Arm packt, tretet ihn ans Schienbein, schreit laut und rennt weg. Sie √ľben sogar einen Selbstverteidigungsschrei. Diese Widerstandstrategien spielen die Kinder erneut im Rollenspiel.

In der dritten Szene m√∂chte der Onkel von seiner Nichte einen Kuss erzwingen und setzt sie unter Druck, dies geheim zu halten. Vor dem Rollenspiel wird den Kindern das Thema sensibel nahegebracht. Dann f√ľhren sie das Rollenspiel vor. Nachdem wichtige Widerstandsformen erarbeitet wurden (wie z.B. nein sagen, weglaufen, weitererz√§hlen usw.) wird das Rollenspiel wiederholt. Die Trainer spielen den ersten Durchgang jeweils derart vor, dass das Kind sich nicht wehren kann und unterliegt. Im Anschluss werden in der Klasse Strategien erarbeitet, wie sich das Kind in diesen Situationen helfen k√∂nnte. Danach √ľben die Kinder jede Szene zweimal als Rollenspiel. Dadurch sollen die Widerstandsformen gefestigt werden.

Am Ende des Workshops werden den Kindern von den Trainer Einzelgespr√§che angeboten, um √ľber ihre pers√∂nlichen Probleme zu sprechen. Ebenfalls gibt es Faltbl√§tter und weiterf√ľhrende Literatur f√ľr Kinder, Eltern und Lehrer zur Vertiefung des Inhaltes. In den USA sollen Kinder viermal in ihrem Schulleben an einem solchen Training teilnehmen (Kindergarten, Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II). In der Bundesrepublik Deutschland wird das CAPP-Programm vor allem in Grundschulen angeboten, wobei eine Ausweitung propagiert wird. Jedoch erf√§hrt das CAPP-Programm auch hierzulande Kritik.

Der deutsche Kinderschutzbund hat seine Standpunkte in einer eigenen Brosch√ľre zusammen gefasst. Die Kritik betrifft die Durchf√ľhrung der Programme, ihre Effektivit√§t und ihre Konzeption. Die Grundlagen der CAPP-Programme haben au√üerdem ein Pr√§ventionsverst√§ndnis das den Kindern die Verantwortung f√ľr ihren eigenen Schutz √ľbertr√§gt. Der Schwerpunkt der Pr√§vention sollte bei den potentiell ausbeutenden Erwachsenen und bei kulturellen und gesellschaftlichen Werten liegen, die erlauben, dass dieses Problem fortbesteht. Hinzu kommt, dass das CAPP-Programm keinerlei eigene Hilfe f√ľr betroffene Kinder und deren Familien beinhaltet.

Die Einordnung sexueller Gewalt an Kindern steht bei den CAPP-Programmen im Zusammenhang mit der Debatte √ľber Vergewaltigung an Frauen, wobei ein Schwerpunkt auf die Macht- und Gewaltkomponenten in sexualisierten Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gelegt wird. Dies hat die Auswirkung, dass sexuelle Gewalterfahrungen von Kindern im sozialen Nahbereich, die vor allem auf Verf√ľhrung und √úberredung durch Erwachsene basiert, nicht differenziert erfasst werden. Dar√ľber hinaus konzentriert sich das CAPP-Programm nicht auf den besonders schwerwiegenden famili√§ren Kontext, sondern bezieht sich auf allen auf familienferne T√§ter.

F√ľr den deutschen Kinderschutzbund ist das CAPP-Programm ethisch nicht vertretbar. Kinder, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, nehmen an den Workshops teil und machen durch deren Inhalte zwangsl√§ufig die Erfahrung, dass sie an ihrer Situation Schuld tragen, da sie ja die M√∂glichkeit h√§tten, sich zu wehren und sicher, stark und frei" zu sein.

Ein weiterer Kritikpunkt am CAPP-Programm bezieht sich auf den Umgang mit Sexualit√§t. √úber Sexualit√§t wird nicht offen gesprochen. Geschlechtsteile und sexuelle Handlungen werden nicht konkret beim Namen genannt, stattdessen ist die Rede vom Intimbereich oder von Ber√ľhrungen unter der Unterhose. Kinder k√∂nnen nicht begreifen, was sexueller Missbrauch ist. Eine solche Ausblendung hat fatale Konsequenzen, es stiftet Verwirrung, verharmlost und verschleiert die Verletzung, die Dem√ľtigung, die Besch√§mung und die Hilflosigkeit, die die Realit√§t vonsexuellem Missbrauch ausmacht.

8.4 Primäre Prävention als Aufgabe in der Grundschule

Gerade weil sexueller Missbrauch eine Form der Gewalt darstellt, der Kinder ausgesetzt sein können, sollte die Vorbeugung sowohl im Kindergarten als auch in der Schule stattfinden. Aber ich kann die Kinder doch nicht in den Stuhlkreis setzen und ihnen erzählen, welche schlimmen Sachen manche Papas und Onkels mit Kindern machen!

Nein, so soll in Kinderg√§rten und in Grundschulen sicher nicht vorgegangen werden. Pr√§vention bedeutet viel mehr als Warnungen. Sie ist eine Erziehungshaltung und muss integriert werden in den erzieherischen Alltag. Die Ziele von Pr√§vention, St√§rke und Selbstbewusstsein, Durchsetzungsverm√∂gen und k√∂rperliche Selbstbestimmung m√ľssen gefordert werden.

Eine angemessene Pr√§vention sollte indes Mut machen und den Kindern Selbstvertrauen geben. Das Kind muss gest√§rkt werden, sich gegen einen sexuellen Missbrauch ¬≠ auch innerhalb der Familie ¬≠ zu wehren. Dies kann nur erreicht werden, wenn eine Erziehung zur k√∂rperlichen und sexuellen Selbstbestimmung stattfindet. Wie kann ich M√§dchen und Jungen im Unterricht √ľber Gefahren sexuellen Missbrauchs aufkl√§ren? Ist das Thema Prim√§rpr√§vention von sexuellem Missbrauch Bestandteil des Lehrplans? Hat man im Bildungsplan f√ľr die Grundschule von 1984 nach Themen der Sexualerziehung gesucht, musste man leider feststellen, dass dieses Thema im Heimat- und Sachunterricht nicht erw√§hnt wurde. Da die Voraussetzung f√ľr einen Aufkl√§rungsunterricht √ľber sexuellen Missbrauch immer eine Sexualerziehung ist, war zu diesem Zeitpunkt, nach den Vorgaben des Lehrplans zumindest, eine sinnvolle Pr√§vention nicht m√∂glich. Erst 1994 finden sich im Lehrplanheft wichtige Ansatzpunkte der Prim√§rpr√§vention. Im Erziehungs- und Bildungsplan hei t es: M√§dchen und Jungen werden darin unterst√ľtzt, ihre geschlechtliche Identit√§t zu finden. Dies entspricht einer ganzheitlichen Bildung der Pers√∂nlichkeit. Fragen der Kinder aus dem Bereich der Geschlechtlichkeit sollen im Unterricht behutsam und in angemessener Sprache beantwortet werden. Dazu k√∂nnen in besonderen F√§llen Lehrplaneinheiten bzw. einzelne Inhalte zur Geschlechtserziehung in Abweichung vom Bildungsplan in fr√ľheren oder sp√§teren Schuljahren unterrichtet werden. Zentrale Aufgabe (...) ist es, die Kinder in ihrer Pers√∂nlichkeit so zu st√§rken, dass sie sich gegen Verf√ľhrungen selbstbewusst behaupten k√∂nnen. Elternhaus und Schule sollen zum Wohle der Kinder dabei vertrauensvoll zusammenwirken".

Im Fach Heimat- und Sachunterricht gibt es einige Themen im Lehrplan der Grundschule, bei denen es sich anbietet, √ľber Sexualit√§t im Allgemeinen und Prim√§rpr√§vention von sexuellem Missbrauch im Besonderen etwas gr√ľndlicher einzugehen. Die Richtlinien f√ľr die Grundschule geben Lehrer ausreichend Spielraum um im Schulalltag die Problematik anzusprechen und ausf√ľhrliche und differenzierte Unterrichtseinheiten durchzuf√ľhren. Entsprechend den Richtlinien soll die Sexualerziehung als Teil der Gesamterziehung Sch√ľler bef√§higen, ihr Leben bewusst und in freier Entscheidung selbst zu gestalten. Es soll eine Lebensf√ľhrung angestrebt werden, in der die Geschlechtlichkeit als ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Daseins anerkannt und bejaht wird, oder das Schwierigkeiten und Konflikte bagatellisiert oder verharmlost werden. Dementsprechend gilt es, Sch√ľler in altersangemessener Weise sachgerecht √ľber die Gefahr sexueller Gewalt aufzukl√§ren und ihnen M√∂glichkeiten der Hilfe und Gegenwehr aufzuzeigen.

Keinesfalls darf M√§dchen und Jungen Angst gemacht werden. Die Sexualerziehung in der Schule soll ein Verantwortungsbewusstsein entwickeln, und st√§rken, das eine Herabsetzung und Missachtung sowie die k√∂rperliche und seelische Sch√§digung des Partners und dessen sexuelle Ausbeutung ausschlie√üt. Die Richtlinien f√ľr die Grundschule (NRW 1985) kennen als prim√§res Ziel die Achtung vor der W√ľrde des Menschen ¬≠ die W√ľrde des Kindes ist zu achten. Um dieses Ziel zu realisieren, steht die F√∂rderung der Pers√∂nlichkeitsentwicklung (NRW 1985) und damit die St√§rkung des Selbstbewusstseins der Sch√ľler im Vordergrund. M√§dchen und Jungen brauchen verl√§ssliche Orientierungen, damit sie ihre eigenen St√§rken und Grenzen einsch√§tzen lernen und gef√§hrlichen Situationen nicht wehrlos und ohne Hilfe gegen√ľberstehen. Sprechen Lehrer im Unterricht die Thematik des sexuellen Missbrauchs von M√§dchen und Jungen an, so geben sie Kindern ein St√ľck Sicherheit, den diese erfahren, dass sie mit Klassenkameraden und Lehrer √ľber sexuellen Missbrauch sprechen k√∂nnen und d√ľrfen. Sie kennen damit Menschen, denen sie sich bei sexuellem Missbrauch anvertrauen k√∂nnen, die ihnen helfen.

8.4.1 Primäre Prävention im Unterricht

Der Mediziner J√∂rg Fergert beschreibt folgende Themenbereiche, die ma√ügebend sind f√ľr eine pr√§ventive Erziehung. Dabei sollten die Themen "Gef√ľhle", "Hilfe holen", "Nein sagen", "gute und schlechte Geheimnisse", "√úberwindung geschlechtsspezifischer Sozialisation" und "mein K√∂rper/Sexualerziehung" angesprochen werden.

Das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung ­ Mein Körper gehört mir!

Dein Körper gehört dir. Du bist einzigartig, wichtig und liebenswert. Du kannst stolz auf dich und deinen Körper sein; und du hast das Recht zu bestimmen, was mit deinem Körper geschieht".

Jedes Kind hat das Recht auf k√∂rperliche Unversehrtheit. Wenn Kinder stolz auf ihren K√∂rper sind, k√∂nnen sie das Prinzip der Kontrolle des Zugangs zum eigenen K√∂rper lernen. Dies kann in vielen Alltagssituationen ausdr√ľcklich betont, ge√ľbt und unterst√ľtzt werden. Es beinhaltet weit mehr, als das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu respektieren und einzuhalten. Verschiedene Beispiele lassen dies deutlich werden: Wenn die Oma der Enkelin √ľber das Haar streicht, hat das Kind das Recht sich zu entziehen. Das Kind hat das Recht, die Umarmung oder den Kuss des Onkels nicht zu m√∂gen, doch aber seine Schokolade oder auch den restlichen Onkel. Das Kind hat auch das Recht den Onkel heute nicht, aber morgen vielleicht doch zu m√∂gen und zu umarmen. In der Vorpubert√§t entwickeln Kinder sehr oft das Bed√ľrfnis alleine im Badezimmer zu sein. Das Kind entwickelt Schamgef√ľhle und geniert sich, mit anderen das Badezimmer zu teilen. Es hat ein Recht darauf, dass seine Bed√ľrfnisse respektiert werden. Und es hat nat√ľrlich das Recht, die Eltern nicht ber√ľhren und k√ľssen zu wollen bzw. nicht gestreichelt werden zu wollen.

Es ist f√ľr Kinder wichtig, ihre K√∂rper kennen zu lernen sowie Namen und W√∂rter gerade f√ľr Genitalien und andere K√∂rperteile zu finden. Die Kinder sollen erfahren, dass sie eins sind mit ihrem K√∂rper und das niemand das Recht hat, sie in ihrer Integrit√§t zu verletzen. Indem das Kind lernt, den eigenen K√∂rper gegen Grenz√ľberschreitungen zu sch√ľtzen, sch√ľtzt es auch sein Inneres. Dazu z√§hlt es auch, dass es seinen eigenen K√∂rper wahrnimmt, ihn liebt und ihn im Notfall verteidigt. Kinder, die ihren K√∂rper lieben und sich ihres K√∂rpers bewusst sind, sind sich ihrer Pers√∂nlichkeit bewusst. Sie sind sich selbst bewusst.

Das Recht auf die eigene Intuition ¬≠ Ich kann mich auf meine Gef√ľhle verlassen! Du kannst dich auf deine Gef√ľhle verlassen und ihnen trauen. H√∂re und vertraue deinem Gef√ľhl. Wenn sich etwas seltsam, bl√∂d, komisch oder unangenehm anf√ľhlt, hast du das Recht, so zu f√ľhlen. "Du kannst dich immer auf deine Gef√ľhle verlassen, egal was ein anderer sagt".

Wenn Kinder lernen auf ihre Gef√ľhle zu achten, sie als Ma√üstab f√ľr ihr Handeln anzusehen, lassen sie sich nicht so leicht zu sexuellen Handlungen √ľberreden und vor allem lassen sie sich nicht so schnell einreden, sie h√§tten es doch auch gewollt oder sch√∂n gefunden. Wenn Kinder sp√ľren und wissen, dass sie selbst keine Schuld haben, wird die Geheimhaltung wesentlich erschwert. Schon dreij√§hrige k√∂nnen lernen ihre Gef√ľhle genau zu betrachten und ernst zu nehmen, wenn sie die entsprechende Unterst√ľtzung und den Raum f√ľr die eigene Erfahrung erhalten. Wenn ein Kind die Erfahrungsm√∂glichkeit zur Gef√ľhlsdifferenzierung hat, erf√§hrt es auch, dass es erlaubt ist, anders zu f√ľhlen als andere und dass seine Gef√ľhle in Ordnung sind, so wie sie sind. Kinder sollen dar√ľber hinaus lernen, komische Gef√ľhle zu beachten und auszudr√ľcken. Solche Gef√ľhle, die sie vielleicht gar nicht ganz einordnen k√∂nnen, nicht verstehen, nicht kennen, die verwirrend sind, weil die Situation neu f√ľr sie ist. Durch das darstellende Spiel Gef√ľhlsgedicht" lernen die Kinder verschiedene, gegens√§tzliche Gef√ľhle kennen und ausdr√ľcken. Es ist aufschlussreich, welche Gef√ľhle sie gut darstellen k√∂nnen, welche nur schwer oder gar nicht. Wo Schwierigkeiten in der Gef√ľhls√§u√üerung stehen, sollte durch wiederholte, spielerische √úbungen gezielt gef√∂rdert werden.

Gef√ľhlsgedicht

Angst und Mut

Gl√ľck und Wut

Ernst und Scherz

Lachen und Schmerz

Freude und Trauer

S√ľ√ü und Sauer

hauen und k√ľssen

d√ľrfen und m√ľssen

stark und schwach

m√ľde und wach

wehren und ducken

weinen und mucken

Es werden zwei Gruppen gebildet, die die gegens√§tzlichen Gef√ľhle darstellen und vorspielen. Durch das darstellende Spiel "Gef√ľhlsgedicht" lernen die Kinder verschiedene, gegens√§tzliche Gef√ľhle kennen und ausdr√ľcken. Es ist aufschlussreich, welche Gef√ľhle sie gut darstellen k√∂nnen, welche nur schwer oder gar nicht. Wo Schwierigkeiten in der Gef√ľhls√§u√üerung bestehen, sollte durch wiederholte, spielerische √úbung gezielt gef√∂rdert werden.

Einige zugenbrecherische Gef√ľhle:

Werner weint wieder wegen Wolfgang, weil Wolfgang wild und w√ľtend wirkt. Tina tobt tierisch trotzig, aber Tanja tr√∂stet Tina trotzdem. Laura lacht lieber lustig und laut als leise und langweilig

Wichtig ist hier wieder: √úber Gef√ľhle, wie Angst, mit Kindern zu sprechen, darf allerdings nicht hei√üen, ihnen Angst zu machen. Sie sollten auch immer M√∂glichkeiten der Angstbew√§ltigung und der Abwehr kennen lernen, wie im Folgenden kleinen Vers mit dem Titel

"Nachtgespenst":

Kommt ein Gespenst in der Nacht,
das mir Angst macht,
schrei ich es an,
so laut ich kann!
Gespenst kriegt ¬īn Schreck,
ist nix wie weg.

Hier bietet sich ein guter Anlass, mit Kindern zu sprechen und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten.

Die kleine Geschichte "Melanie und das Gespenst" spricht Angstgef√ľhle und Handlungsm√∂glichkeiten an. Sie berichtet aber auch in der Form kindlicher Erlebnisweisen von einem sexuellen √úbergriff und setzt f√ľr betroffene Kinder ein Signal: Ich wei√ü von solchen √úbergriffen, ich glaube dir, wenn du davon erz√§hlen willst. Auch das "Schlafgedicht" motiviert die Kinder, √ľber ihre Gewohnheiten und √Ąngste zu sprechen. Viele sexuelle √úbergriffe spielen sich im Bett des Kindes ab, sodass f√ľr Betroffene das Zubettgehen angstbesetzt ist.

Der Mimw√ľrfel ist bestens dazu geeignet, √ľber Gef√ľhle zu sprechen oder zu spielen. Der Mimw√ľrfel, ein gro√üer Holzw√ľrfel, zeigt auf jeder Seite ein Gef√ľhlsgesicht: Der Optimist ist gut dabei ¬≠ der Strahlemann ist sehr gut drauf ¬≠ der Zornige ist sehr w√ľtend ¬≠ der Pessimist ist schlecht drauf ¬≠ der Erstaunte wundert sich nur ¬≠ der Unentschiedene wei√ü es noch nicht.

Ein Spielvorschlag: Die Kinder sitzen im Kreis. Jedes Kind w√ľrfelt und sagt, welchen Ausdruck das Gesicht hat. Das Kind erz√§hlt dann, wie es war, als es selbst einmal ein solches Gef√ľhl hatte.

Projekt Stimmungsecken

Zum Schluss noch ein Projektvorschlag, nachdem die Kinder nun schon viel √ľber ihre Gef√ľhle gelernt haben: Im Spiel ¬≠ oder Klassenraum werden Stimmungsecken eingerichtet, in die das Kind sich zur√ľckziehen kann. Die Ecken werden gekennzeichnet durch Gesichter, die bestimmte Gef√ľhle ausdr√ľcken, z.B. Wut, Traurigkeit, gute Laune. Die Gesichter k√∂nnen aus Zeitschriften ausgeschnitten werden. Die Kinder lernen so, ihre Gef√ľhle zu erkennen und sie auszudr√ľcken. In der Stimmungsecke kann die Erzieherin aber auch ein Gespr√§ch mit dem Kind beginnen √ľber sein Gef√ľhl und die Gr√ľnde daf√ľr. Das Kind hat eine M√∂glichkeit, ohne Worte zu signalisieren, dass es ein Problem hat, z.B. Wenn es immer wieder in die Angstecke geht.

Ein Gef√ľhle-Memory:

Reichling, Ursula / Wolters, Dorothee:
"Hallo, wie geht es Dir?" Gef√ľhle ausdr√ľcken lernen.
Verlag an der Ruhr, M√ľhlheim an der Ruhr 1994

Ber√ľhrungen ¬≠ Es gibt gute, schlechte und merkw√ľrdige Ber√ľhrungen. Es gibt verschiedene Ber√ľhrungen. Ber√ľhrungen sind f√ľr jeden Mensch wichtig. Liebevolle, angenehme und z√§rtliche Ber√ľhrungen f√ľhlen sich gut an. Wir alle brauchen Umarmungen, wollen gestreichelt und gedr√ľckt werden und sind gl√ľcklich, wenn wir dies alles bekommen. Aber nicht alle Ber√ľhrungen sind angenehm. Einige verwirren uns, wie z.B. zu lange und zu feste Umarmungen. Einige sind einfach komisch, und du wei√üt gar nicht genau warum. Einige Ber√ľhrungen tun richtig weh. Ber√ľhrungen, die wehtun, sind nicht in Ordnung. Niemand wird gerne gehauen, geschlagen, getreten oder geschubst. "Gegen Ber√ľhrungen die f√ľr dich unangenehm sind, die wehtun, die du nicht willst, darfst du dich immer wehren".

Der Punkt Ber√ľhrungen ist eng mit dem Punkt der k√∂rperlichen und sexuellen Selbstbestimmung verkn√ľpft, jedoch werden hier verschiedene Qualit√§ten von Ber√ľhrungen erkl√§rt. Es sollten gleichberechtigt gute, komische und unangenehme Ber√ľhrungen angesprochen werden. Der Hauptaspekt liegt in den eigenen Gef√ľhlen: Was f√ľr dich unangenehm ist, ist nicht okay, ganz egal, was der andere denkt oder will.

Damit das Kind sp√ľren und ausdr√ľcken kann, was unangenehm ist, ist es wiederum wichtig, die eigenen Gef√ľhle zun√§chst wahrnehmen und differenzieren zu k√∂nnen.

Das Recht auf Wiederstand und Ungehorsam ­ Nein sagen!

Nein sagen ist erlaubt. Kinder haben das Recht Nein zu sagen. Du hast meine Erlaubnis, Nein zu Erwachsenen zu sagen, die dich auf eine Art ber√ľhren, die dir nicht gef√§llt. Es ist ganz wichtig f√ľr Kinder, Nein sagen zu d√ľrfen und das auch zu lernen. Kinder d√ľrfen und m√ľssen in bestimmten Situationen Grenzen ziehen und Nein zu den Anforderungen Erwachsener zu sagen. "Sie haben die Erlaubnis, nicht zu gehorchen und sich zu wehren".

Eltern k√∂nnen bei allen m√∂glichen Gelegenheiten die Kinder anhalten zu sp√ľren, was sie selbst wollen und dem Ausdruck verleihen. Wenn Kinder nicht im Erziehungsalltag die Erfahrung machen k√∂nnen, dass es m√∂glich ist, Nein zu sagen, ohne die Zuwendung und Liebe anderer zu verlieren, wird es ihnen auch schwer fallen Nein zu sagen, wenn sie sexuell missbraucht werden. Kinder m√ľssen erfahren, dass sie keine Angst zu haben brauchen, dass ein Nein √Ąrger, Trennung oder Ablehnung bedeutet. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Kinder trotz der Erziehung zur Selbstst√§ndigkeit in entscheidenden Augenblicken es vielleicht nicht schaffen Nein zu sagen. Kinder m√ľssen erfahren, dass sie daf√ľr keine Schuld trifft. Wenn Kinder sich nicht wehren k√∂nnen, sollen sie wissen, dass sie kommen und davon erz√§hlen k√∂nnen.

Auch wenn es vielen Kindern schwer fällt, sich zu wehren und Nein zu sagen, kann auch diese Fähigkeit den Kindern näher gebracht werden. Schon durch kleine Spielereien wie Abzählreime oder Fingerspiele:

Abzählverse:

Schirm, Stock, Hut,
ich hab Mut,
ich sag Nein
und du fällst rein.

oder:

Ene, mene, muh,
Lass mich in Ruh,
fas mich nicht an,
denn jetzt bist du dran.

Fingerspiel:

Emil und Trine

Emil ist groß,

Trine ist klein,

Emil will schubsen,

Trine sagt Nein.

Trine holt Hilfe,

bei den anderen drei¬īn,

Emil guckt dumm,

jetzt ist er allein.

Den Daumen hochhalten, den kleinen Finger hochhalten, der Daumen schubst den kleinen Finger, der wackelt hin und her, die mittleren drei Finger bedecken den kleinen Finger, den Daumen hochhalten und dann abknicken.

Tante Kathrein

Die Tante Kathrein
soll ich immer k√ľssen,
dass Kinder so was m√ľssen,
find ich gemein.

Zu Onkel Hein
soll ich auf¬īn Scho√ü,
dazu bin ich zu groß,
deshalb sag ich Nein.

Hast Du auch so eine Tante
oder sonstige Verwandte,
die dich nicht in Ruhe lassen,
immer dr√ľcken und anfassen?

Wenn mich wer anfasst
und mit das nicht passt,
sag ich laut und deutlich Nein,
ich will das nicht, drum lass es sein.

- Gisela Braun

Das Gedicht bietet eine guten Gespr√§chsanlass, um √ľber Ber√ľhrungen zu sprechen, die von Bekannten und vertrauten Personen kommen. Nach der dritten Strophe kann man inne halten und mit den Kindern √ľber ihre Erfahrungen sprechen. Sie wissen bestimmt von √§hnlichen Situationen zu erz√§hlen, wie sie in dem Gedicht angesprochen werden. Nun kann besprochen werden, was die Kinder tun k√∂nnen, wenn sie solche Ber√ľhrungen nicht m√∂gen. Die Erzieherin/Lehrerin sollte ihnen sagen, dass es ihr gutes Recht ist, Ber√ľhrungen zur√ľck zu weisen, auch wenn diese von einer Person kommen, die sie eigentlich gern haben, auch wenn sie die Ber√ľhrungen zu einem anderen Zeitpunkt m√∂gen. Oft werden Z√§rtlichkeiten von Erwachsenen mit materiellen Zuwendungen verkn√ľpft. Die Kinder kommen dann in einen Konflikt, weil sie das Geschenk wollen, aber nicht die Z√§rtlichkeit. Es ist wichtig f√ľr sie zu wissen, dass sie ruhig das Geschenk wollen und annehmen d√ľrfen, ohne daf√ľr bezahlen zu m√ľssen. Die letzte Strophe des Gedichts bietet den Kindern nun Handlungsm√∂glichkeiten an und macht ihnen Mut, sich zu wehren. Manche Kinder sagen zwar Nein, wenn ihnen etwas nicht gef√§llt, aber sie sagen es sch√ľchtern, z√∂gernd und leise und... werden nicht ernst genommen. Kommt dagegen das Nein laut, deutlich uns selbstbewusst, k√∂nnen die Kinder ihre Interessen und vor allem ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung besser durchsetzen. 

Die Spielleiterin kann dies den Kindern vorspielen: Ich zeige euch jetzt zwei Arten, Nein zu sagen. Ihr sollt mir sagen, welches Nein besser ist. Mit welchem Nein k√∂nnt ihr euch besser durchsetzen? Sie sagt leise und zur√ľckhaltend Nein, guckt dabei zur Seite, duckt sich ein bisschen. Sie ruft laut und deutlich Nein, richtet sich dabei auf und hebt den Kopf. Die Kinder merken, dass das zweite Nein viel mehr Wirkung hat. Die Gruppe kann es selbst ausprobieren, indem sie einige Male leise und laut Nein sagt.

Kreisspiel ­ Die Burg:

Eine kleinere Kindergruppe spielt Burg. (die Kinder fassen sich an den H√§nden und bilden einen Kreis.) Zwei oder drei andere Kinder wollen in die Burg (den Kreis) eingelassen werden. Es gibt aber einen Zauber ¬≠ T√ľrgriff. Der muss gesucht werden, indem die au enstehenden Kinder die im Kreis auf unterschiedliche Weise ber√ľhren (streicheln, zwicken, stupsen, k√ľssen und √§hnliches). Ist die Ber√ľhrung unangenehm oder m√∂chte das Kind gar nicht ber√ľhrt werden, sagt es: Nein, nein, nein, so lass ich dich nicht ein! Der Kreis bleibt geschlossen. War die Ber√ľhrung angenehm ist die Antwort: Das war fein, du darfst rein! Der Kreis √∂ffnet sich und die beiden Kinder tauschen die Pl√§tze und Aufgaben.

Um verschieden Ausdrucksformen auszuprobieren spielen die Kinder eine Pantomime:

Ich sag Nein mit dem Gesicht.
Ich sag Nein mit meinem Körper.
Ich sag Nein mit meinen Händen.
Ich sag Nein mit meinen F√ľssen. usw.

Gute und schlechte Geheimnisse ­ niemand kann mir verbieten ein belastendes Geheimnis weiterzuerzählen.

Sch√∂ne Geheimnisse sind spannend und machen Freude, z.B. Geburtstagsgeschenke oder Streiche mit Gleichaltrigen. Aber der Witz dabei ist, dass man sie doch irgendwann erz√§hlt. Wenn Heimlichkeiten unheimlich werden, wenn dich jemand zwingen will etwas nicht zu sagen und es sich bedrohlich anf√ľhlt, ist das ein schlechtes Geheimnis, das du erz√§hlen sollst. Wenn dir jemand sagt: Erz√§hl niemandem davon! Oder dir Angst macht, damit du niemandem davon erz√§hlst, dann m√∂chte ich, dass du es erz√§hlst. Du musst dem anderen nicht gehorchen, selbst wenn du es versprochen hast"

Es gibt immer wieder Gelegenheiten Kindern den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen klarzumachen. Je nachdem, ob man sich gut oder schlecht f√ľhlt, ist auch das Geheimnis gut oder schlecht. Eine Ermutigung schlechte Geheimnisse weiterzuerz√§hlen ist der folgende

Zungenbrecher:

Wenn Du sagst, ich soll nicht fragen,
soll mich nichts zu sagen wagen,
sagt mir mein Gef√ľhl im Magen,
ich wird¬īs trotzdem weitersagen.

- Gisela Braun

Eine klitzekleine Geschichte:

Ich habe ein kleines Geheimnis,
das ist gar nicht so klein.
Eigentlich ist es groß und schwer,
so schwer wie ein Stein.
Es liegt in meinem Bauch und dr√ľckt und zwickt,
ich kriege Bauchweh davon.
Gute Geheimnisse machen kein Bauchweh,
nur schlechte Geheimnisse.
Ich will kein Bauchweh
Und ich will kein schlechtes Geheimnis.
Ich erzähle jemandem davon,
dann geht das Bauchweh weg.
Wenn Du ein Bauchweh ­ Geheimnis hast,
wem erzählst Du davon?

- Gisela Braun

Bei diesen Einheiten geht es immer darum, Kindern Gelegenheit zu geben, Beispiele f√ľr Geheimnisse aus ihrem Lebensalltag zu nennen, √ľber ihre Erfahrungen zu sprechen. Es hilft den M√§dchen und Jungen, wenn im Gespr√§ch herausgearbeitet wird, wem sie ein schlechtes Geheimnis erz√§hlen w√ľrden. Viele werden sicher Papa und Mama nennen, aber nicht immer k√∂nnen sich Kinder den Eltern anvertrauen.

Also sollte diese Helferinnenliste auch weitere vertraute Personen enthalten, z.B. Oma, Tante, Erzieherin, Lehrerin usw.. Die klitzekleine Geschichte und der Zungenbrecher geben betroffenen Kindern ausdr√ľcklich die Erlaubnis und die Best√§rkung, sich anzuvertrauen.

Das Recht auf Hilfe und Unterst√ľtzung ¬≠ Ich wei√ü, dass ich mir Hilfe holen darf!

Wenn Du ein Problem hast, wenn dich ein bl√∂des Geheimnis bedr√ľckt oder du nicht mehr weiter wei√üt, sprich mit jemandem und hol dir Hilfe. Es kann sein, dass der Mensch, dem du dich anvertraust, dir nicht glaubt oder sogar b√∂se wird. Gib nie auf und suche dir einen anderen, der dir zuh√∂rt und hilft. "Du hast ein Recht auf Hilfe und Unterst√ľtzung".

Kinder, die sexuell missbraucht werden, sind h√§ufig hoffnungslos verstrickt. Die meisten missbrauchten Kinder f√ľhlen sich schuldig oder mitschuldig an ihrer Lage. Sie m√ľssen wissen, dass wir an ihnen interessiert sind, auch wenn sie sich noch so eigenartig verhalten. Kinder m√ľssen best√§rkt werden, sich Hilfe zu holen wenn sie Probleme haben. Denn einer ist keiner und zwei sind mehr als einer, wie es in einem Kinderlied aus dem Liederbuch des Grips-Theater hei√üt. Zu zweit oder mit mehreren lassen sich Schwierigkeiten eben leichter l√∂sen.

Es gibt unzählige Formen von Fangspielen, die leicht abzuwandeln sind, in der Form, dass der Fänger die Kinder nicht abschlagen kann, wenn sie sich aneinander festhalten, sich umarmen, sich gegenseitig helfen. Oft können große Leute mehr als kleine. Sie sind stärker und eben größer. Aber kleine Leute sind auch stark, wenn sie sich Hilfe suchen. Hilfe holen, ist der erste Schritt, sich mitzuteilen. Also: wenn man sich Hilfe holt, kann man viel erreichen!

Jungen und Mädchen

Ich denke, dass es wichtig ist, von der traditionellen geschlechtsspezifischen Erziehung Abstand zu nehmen. Vielmehr sollte es Ziel einer emanzipatorischen und gleichzeitig präventiv wirksamen Erziehung sein, Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu ermuten, sich auch gegen Jungen durchzusetzen.

Jungen, die geschlechtsspezifische Rollen einnehmen, m√ľssen lernen, dass es Grenzen gibt und zwar dort, wo die Rechte der M√§dchen angetastet werden. Zu dieser Thematik gibt es mittlerweile einig sehr sch√∂ne Kinderb√ľcher, wie etwas "Das Schweinebuch", "Die T√ľtenprinzessin", "Kati Knack ¬≠ die ¬≠Nuss", "Prinzessin Pfiffigunde" oder "Marzipan Rosa". Im Liederbuch des Berliner Grips-Theaters finden sich viele Lieder, die sehr gut zur Thematik passen. In Klaus W. Hoffmanns Liederbuch "Wenn der Elefant in die Disco geht" gibt es brauchbare Spiellieder, wie z.B. "Das Lied von den Gef√ľhlen" oder das "Lied von der Angst in der Nacht" die als Anregung f√ľr Gespr√§che und darstellendes Spiel genutzt werden k√∂nnen.

Erwachsene machen Fehler

Eine ganz wichtige Information f√ľr Kinder ist, dass Erwachsene auch Fehler machen. Kindern sollte diese Botschaft unbedingt vermittelt werden. Erwachsene machen Fehler. Sie machen Dinge, die dir wehtun und das d√ľrfen sie nicht. "Sie haben kein Recht dazu. Du bist nicht Schuld daran".

Zwei weitere Pr√§ventionsregeln werden h√§ufig nicht ausdr√ľcklich benannt oder gar v√∂llig vergessen:

Kein Erwachsener hat das Recht, Kindern Angst zu machen. Gerade wenn jemand zu dir sagt, dass etwas Schreckliches passiert, falls du einem anderen Menschen von den unangenehmen Ber√ľhrungen oder Gef√ľhlen erz√§hlst, darfst Du andere um Hilfe bitten.

Wer (welches Kind / welcher Erwachsene) kann dir helfen? Kinder k√∂nnen ohne Hilfe sexuelle Gewalt kaum abwehren oder aufdecken. Es ist sinnvoll mit den Kindern zu √ľberlegen, an wen sie sich im Fall des Falles wenden k√∂nnen.

Will man all diese vorbeugenden Konzepte verwirklichen, dann m√ľssen Orte der Pr√§vention wie Familie, der Kindergarten, die Schule und andere Bereiche professionalisierter P√§dagogik und Sozialarbeit sein. Eine besondere Bedeutung kommt dem Schulbereich zu, denn alle Kinder sind verpflichtet diese Einrichtungen zu besuchen. Das Problem des sexuellen Missbrauchs sollte fest in den Biologie- und Sexualkundeunterricht integriert werden. Daf√ľr brauchen Lehrer jedoch fachliche Unterst√ľtzung und geeignete Materialien. Die Schulb√ľcher m√ľssen f√ľr diese F√§cher √ľberarbeitet werden, damit sie eine realit√§tsgerechte Aufkl√§rung liefern. Letztlich liegt die Verantwortung bei den Erwachsenen, f√ľr die Sicherheit des Kindes zu sorgen und dementsprechend sollte auch den Kindern gesagt werden, dass Erwachsene ihnen gegen√ľber Verantwortung haben.

Zentrale Themen der Pr√§vention k√∂nnen, wie gesehen, spielerisch umgesetzt werden. Wahrnehmung und Einordnung von Gef√ľhlen, Unterscheidung von guten und schlechten Ber√ľhrungen, Nein sagen, Geheimnisse, Hilfe holen. Kinder werden in diesen Bereich gest√§rkt, ohne das gewaltsame sexuelle √úbergriffe direkt angesprochen werden. Damit wird vermieden, dass Kinder aufwachsen in dem Gef√ľhl, Gewalt und Sexualit√§t seien eins und so ein negatives Verst√§ndnis von Sexualit√§t erhalten. Trotzdem werden solche √úbergriffe angedeutet. Dies hat neben dem pr√§ventivem noch einen weiteren Effekt: Betroffene Kinder f√ľhlen sich angesprochen. Vielleicht bekommen sie Mut, sich gegen sexuelle √úbergriffe zu wehren, vielleicht erhalten sie Handlungsperspektiven. Zumindest merken sie, dass es hier Erwachsene gibt, die von dem Problem wissen. Anscheinend sind sie nicht die Einzigen, die unter dem komischen" Verhalten mancher Menschen leiden. Die Spiele und Geschichten k√∂nnen Gespr√§chsanlass sein, sodass eine Atmosph√§re der Offenheit entsteht, die betroffene Kinder ermutigt, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen.

8.5 Sekundäre Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch

8.5.1 Mögliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch im Schulalltag

In den meisten F√§llen von Gewalt gegen Kinder gibt es keine sichtbaren k√∂rperlichen Zeichen oder Symptome. Dies macht es oft schwierig herauszufinden, dass ein Kind sexuell missbraucht worden ist, insbesondere wenn das Kind nichts √ľber den Missbrauch erz√§hlt. Es gibt jedoch einige allgemeine Merkmale, die bei allen Kindern, die sexuell missbraucht worden sind, gleich sind und die darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt.

Allein schon die Tatsache, dass sie f√ľr diese Zeichen und Symptome aufgeschlossen sind, ist hilfreich, insbesondere wenn das Kind sich mut¬≠ und hoffnungslos gibt oder ein furchtsames Verhalten an den Tag legt, also immer vor etwas auf der Hut zu seien scheint. Menschen, die mit missbrauchten Kindern zu tun haben, pflegen ein solches Verhalten als eisige Wachsamkeit zu bezeichnen. Es ist so, als ob das Kind dem Leben gegen√ľber gleichg√ľltig w√§re und argw√∂hnisch dem, was ihm jetzt wohl noch passieren k√∂nnte, gegen√ľbersteht.

Da es den Kindern schwer f√§llt, √ľber das, was ihnen angetan worden ist, zu sprechen, k√∂nnen die Anhaltspunkte, die sie durch ihr Verhalten an den Tag legen, die einzigen Hinweise sein, herauszufinden, was sie beunruhigt. Viele solcher Verhaltensmuster k√∂nnten jedoch auch nur normale Zeichen daf√ľr sein, dass die Kinder heranwachsen. In diesem Kontext ist es also wichtig, nicht zu vergessen, dass ein und dieselben Verhaltensmuster Zeichen f√ľr die beginnende Reife wie auch Hinweise auf sexuellen Missbrauch sein k√∂nnen und deshalb immer untersucht werden sollten. Die Verdichtung von mehreren Auff√§lligkeiten und eine pl√∂tzliche unerkl√§rliche Ver√§nderung des Verhaltens deuten stark auf sexuellen Missbrauch hin.

Verhaltensauffälligkeiten im Grundschulalter

F√ľr viele Kinder ist es gef√§hrlich, offene Wut auf Erwachsene zu zeigen, da meist Bestrafung folgt. Ihre Wut und Aggression k√∂nnen sie nur dort zeigen, wo es f√ľr sie ungef√§hrlich erscheint, wie z.B. in der Schule zur Lehrerin und den Mitsch√ľlern. Kinder die sexuell missbraucht wurden zeigen ein.

aggressives Verhalten

herausforderndes Verhalten Erwachsenen gegen√ľber
ein betont lautes und "angstloses" Auftreten.

Ihre Selbstachtung ist gest√∂rt, sie neigen zu Selbstverletzungen. Ihre Aggression richtet sich gegen sich selbst, indem sie sich Haare und Wimpern rausrei√üen und die Haut aufkratzen. Wird die Wut unterdr√ľckt, zeige viele M√§dchen und Jungen ein betont unauff√§lliges angepasstes und unterw√ľrfiges Verhalten. Diese Kinder fallen am wenigsten auf, da sie den Unterricht nicht st√∂ren. Manche fallen nur durch ihr extrem √§ngstliches Verhalten auf. Aus Sorge jemand k√∂nnte etwas √ľber den sexuellen Missbrauch erfahren, erfolgt h√§ufig ein Abbruch von Beziehungen, der zum totalen R√ľckzug bis hin zur Isolation f√ľhren kann. Gewissen Erwachsenen gegen√ľber werden sie furchtsam oder weigern sich, mit diesen zu sprechen.

Im Unterricht kann ein scheinbar unmotivierter Leistungsabfall auffallen. Das Gegenteil √ľbereifriger Ergeiz tritt ebenso auf. W√§hrenddessen Schule schw√§nzen im Grundschulalter als Alarmzeichen gewertet werden kann. Andererseits erfinden sie hundert Ausreden, um nach der Schule nicht heim gehen zu m√ľssen.

Als Folge von Schlafst√∂rungen und Tagtr√§umen treten Konzentrationsst√∂rungen auf, die sich im Unterricht bemerkbar machen. Kinder die sexuell missbraucht werden machen h√§ufig Anspielungen auf Geheimnisse, die sie nicht weitersagen d√ľrfen, sie sagen, ein Freund habe ein Problem und fragen ob sie ein Geheimnis f√ľr sich behalten k√∂nnten, wenn sie ihnen etwas erz√§hlten. Sie beginnen zu l√ľgen, zu stehlen und ganz offen zu mogeln und zu betr√ľgen, in der Hoffnung erwischt zu werden.

Ein altersunangemessener Kenntnisstand √ľber Sexualit√§t sollte ein Alarmzeichen sein, ebenso wie sexualisiertes (Spiel-) Verhalten und sexuelle Provokation. H√§ufig wiederholen sie obsz√∂ne Worte oder S√§tze.

Zu all diesen Aufz√§hlungen m√∂chte ich √ľber ein kurzes Fallbeispiel berichten:

Ein 8j√§hriges M√§dchen zeigte sich pl√∂tzlich Verschlossen und ungl√ľcklich und weigerte sich, mit irgendeiner ihrer bisherigen Freundinnen zu spielen. Das M√§dchen behauptete von sich, dass es h√§sslich sei und begann, sich die Haare auszurei√üen und sich selbst zu bei√üen. Die Lehrerin des Kindes, die immer besorgter um das M√§dchen wurde, versuchte mit ihm zu sprechen. Aber das M√§dchen weigerte sich zu reden. Danach hatte die Lehrerin ein Gespr√§ch mit seiner Mutter, und es stellte sich heraus, dass sich das Kind zu Hause genauso benahm. Nach langem Hin und Her wurde das Geheimnis aufgedeckt. W√§hrend eines Besuchs hatte der Gro√üvater das Kind sexuell missbraucht. Es war das erste und das einzige Mal gewesen, jedoch stellte sich nun heraus, dass der Mann √ľber Jahre hinweg drei andere Enkelkinder missbraucht hatte. Die betroffenen Kinder hatten nie dar√ľber gesprochen, weil ihnen der Gro√üvater gesagt hatte, er m√ľsste, wenn sie redeten ins Gef√§ngnis. Das 8 j√§hrige M√§dchen war durch die sexuelle Attacke so sehr angegriffen und gesch√§digt worden, dass es noch lange Zeit hindurch getr√∂stet, gehegt und gepflegt werden musste.

Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter

Bei jungen Menschen, die dreizehn Jahre alt und älter sind, können folgende Anzeichen, die auf sexuellen Missbrauch schließen lassen vorkommen:

Sie sind chronisch deprimiert;
sie sind suizidgefährdet;
sie nehmen Zuflucht zu Drogen oder betrinken sich;
sie f√ľgen sich Selbstverletzungen zu;
sie werden auf unerklärliche Weise schwanger;
sie werden magers√ľchtig oder bulimisch;
sie geben sich auf auff√§llige Weise verf√ľhrerisch.

Oft laufen sie von zu Hause weg oder erfinden Ausreden, um nicht nach Hause gehen zu m√ľssen. H√§ufig zeigen sich dieselben Verhaltensauff√§lligkeiten im Grundschul- und Jugendalter.

Sie haben Alpträume, Anfälle von Wut oder irritierter Gereiztheit;
sie wollen sich beim Turnen- Schwimmunterricht nicht ausziehen;
sie werden verschlossen, kapseln sich ab oder sind scheinbar grundlos √ľbertrieben beunruhigt.

Auch hier möchte ich zur Veranschaulichung ein Fallbeispiel vorstellen:

Die 15 j√§hrige Karin war von ihrem Stiefvater jahrelang sexuell missbraucht worden. Er sagte zu ihr, sie sei f√ľr ihn etwas ganz Besonderes, kaufte ihr Geschenke und gab ihr gro√üe Geldsummen. Zu Hause hatte Karin die Verantwortung f√ľr alles √ľbernommen; nie durfte sie mit Freunden ausgehen. Man hatte ihr beigebracht, dass die Familie auseinanderfallen w√ľrde und sie der Anlass daf√ľr w√§re, wenn sie je irgendjemandem etwas √ľber den sexuellen Missbrauch sagen w√ľrde. Da sich der Missbrauch an ihr √ľber Jahre hinzog, zeigte sie keine pl√∂tzlichen Verhaltens√§nderungen, aber sie entwickelte im Laufe der Jahre verschiedene Symptome. So hatte sie zweimal einen Suizidversuch unternommen, war magers√ľchtig geworden, konnte sich in der Schule nicht mehr konzentrieren, war oft deprimiert oder hatte st√§ndig irgendwelche Probleme mit ihrer Gesundheit. Eigentlich h√§tte man den Grund f√ľr Karins Qualen aufgrund der Vielzahl von alarmierenden Anzeichen schon vor Jahren entdecken m√ľssen. Dem sexuellen Missbrauch konnte schlie√ülich nur deshalb Einhalt geboten werden, weil eine resolute Gymnastiklehrerin Karins Symptome als Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch interpretierte. Karins Stiefvater gab den Missbrauch allerdings nicht zu, ja sogar ihre Mutter ergriff gegen sie Partei.

Obwohl Karin den Missbrauch selbst aufdeckte, machte sie ihre Aussage sp√§ter wieder r√ľckg√§ngig. Karin zog schlie√ülich zu ihrer Gro√ümutter, brauchte aber noch lange Zeit Therapie, um mit dem, was ihr wiederfahren war, fertig zu werden.Vielleicht w√§re alles besser verlaufen, wenn der Missbrauch schon fr√ľher aufgedeckt worden w√§re. Wir werden es nie wissen.

Es soll an dieser Stelle noch vermerkt werden, dass manche Kinder und junge Menschen, die sexuell missbraucht werden, sich sehr bem√ľhen, zu verbergen, was mit ihnen geschieht. Irgendwie gelingt es ihnen ein Benehmen an den Tag zu legen, das den Missbrauch so gut wie verschleiert, dass niemand etwas merkt. Es wird schwierig sein, die Vielzahl der Hinweise immer in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zu bringen. Alle Beschreibungen m√ľssen jedoch als Hilferufe des Kindes an die Umwelt interpretiert werden.

8.5.2 Situation des Lehrers

Die Anforderungen an die Grundschullehrer sind sehr vielf√§ltig, wobei die Arbeitsbedingungen sich zunehmend verschlechtern (Klassengr√∂√üe, Personalmangel, soziale und/oder √∂konomische Probleme der Familien). Die Grundschullehrer haben gerade unter dem Aspekt der sozialen und √∂konomischen Probleme der Erziehenden die Chance, sich zu einer weiteren Vertrauensperson f√ľr M√§dchen und Jungen im Grundschulalter zu entwickeln. Nach der Grundschule ist es durch den h√§ufigen Lehrerwechsel und den steigendem Leistungsdruck noch schwieriger f√ľr Lehrer und Sch√ľler ein Vertrauensverh√§ltnis aufzubauen.

Die Lehrkraft ist das entscheidende Bindeglied zwischen den Erziehenden, dem Kollegium und vor allem zwischen den M√§dchen und Jungen. Aufgrund der H√§ufigkeit sexuellen Missbrauchs ist die Wahrscheinlichkeit gro√ü, betroffene Kinder in jeder Klasse zu finden. F√ľr diese Kinder ist die Schule oft der einzige Ort, an dem sie aus ihrer Isolation herauskommen. Sie senden Signale, die oftmals √ľbersehen, nicht oder gar falsch verstanden werden. Die Lehrer k√∂nnen f√ľr betroffene Kinder als m√∂gliche Vertrauensperson und Ansprechpartner eine gro√üe Hoffnung sein. Gerade M√§dchen die das 1 bis 6 Schuljahr besuchen, sind auf die Sensibilit√§t und die Hellh√∂rigkeit ihrer Lehrer angewiesen. Wenn Kinder sich durch die Schule Hilfe erhoffen, pr√ľfen sie h√§ufig zun√§chst einmal die Belastbarkeit und die Zuwendungsbereitschaft der Lehrkr√§fte. Sie kommen z.B. mit kleinen Wehwechen, mit unn√∂tigen Fragen oder belanglosen Geschichten auf die Lehrer zu, sodass bei diesen oftmals der Eindruck entsteht, dass das Kind eigentlich etwas ganz anderes sagen will oder wollte. Ist die Reaktion der Lehrkraft einf√ľhlsam und geduldig, kann sich das Kind mit gr√∂√üerer Sicherheit weiter √∂ffnen. Manche Kinder erz√§hlen auch eher von harmlosen sexuellen √úbergriffen, die entweder ihnen oder v√∂llig anderen wiederfahren sind; andere sprechen Hinweise auf h√§usliche Situationen nur sehr indirekt aus, z.B. dass Mama so oft weg ist, dass der Papa abends manchmal sch√∂ne Geschenke macht oder dass sie nachts nicht gut schlafen k√∂nnen. Die Betroffenen wenden sich jedoch nur an die Lehrer, wenn ein offenes und vertrautes Verh√§ltnis zwischen ihnen besteht und wenn Kinder bestimmte Signale von der Lehrkraft erhalten.

F√ľr das Kind lauten diese: Ich bin f√ľr dich da, ich h√∂re dir zu und ich glaube dir; ich wei√ü, dass es Erwachsene und Jugendliche gibt, die M√§dchen und Jungen sexuell missbrauchen. Ich sage nichts ohne dein Einverst√§ndnis weiter. Die sanktionsfreie Atmosph√§re, die signalisierte Gespr√§chsbereitschaft der Lehrkraft und ihre Parteilichkeit stellen wesentliche Voraussetzungen f√ľr das Vertrauen und √Ėffnen der Kinder dar. M√§dchen und Jungen sp√ľren sehr wohl die Angst und die Unsicherheit des Lehrers.

Betroffene Kinder haben durch den sexuellen Missbrauch gelernt, besonders die Bed√ľrfnisse der Erwachsenen wahrzunehmen und sie vor Unannehmlichkeiten zu sch√ľtzen. So wird ein betroffenes Kind bei einem unklaren und unsicheren Vorgehen der Lehrkraft alles daf√ľr tun, sie zu entlasten und ihren Verdacht auszur√§umen. Der Lehrer hat nur noch die M√∂glichkeit das Vertrauen der Kinder wiederzugewinnen und zu erhalten, wobei er den Druck aushalten muss, dem Kind nicht sofort helfen zu k√∂nnen. Die Zeit der Vertrauensbildung ist f√ľr das Kind notwendig, denn die Vertrauensbildung von dem Sch√ľler zum Lehrer setzt auch immer die Vertrauensbildung des Lehrers zum Sch√ľler voraus und leider f√ľhrt sie nicht immer zum Ziel der √Ėffnung. Schule und Unterricht sind nicht darauf angelegt, Vertrauen wachsen zu lassen. Vielmehr ist dies zur Zeit noch abh√§ngig von der Pers√∂nlichkeit der Lehrkraft, von ihrem F√ľhrungsstil, ihrem p√§dagogischen Selbstverst√§ndnis und ihrem demokratischen emanzipatorischen Verhalten in der Klasse oder auf dem Pausenhof, bei Schulausfl√ľgen und Elterngespr√§chen.

Lehrer sind in der Rolle als Autorit√§t eine notengebende Instanz, √ľber die sie sich als solche im Klaren sein sollten. An dieser Stelle entsteht auch wieder die Frage nach eventuell zus√§tzlichen au√üerschulischen Personen, die in die Pr√§ventionsarbeit eingebunden werden k√∂nnen. 

Das Problem des sexuellen Missbrauchs erfordert ein Umdenkungsprozess bei Lehrern, denn die herkömmlichen Direktlösungen greifen bei dieser Problematik nicht, sondern können sich ins Gegenteil verkehren.

Das existentielle Problem der Kinder ist ein besonders sensibles Thema, das von ihnen mit aller notwendigen Vorsicht und nach sorgfältiger Planung und Vorbereitung angegangen wird.

Vielleicht k√∂nnen sie sich vorstellen, dass auch in ihrer Schule (Klasse) Kinder sind, die mit sexuellem Missbrauch konfrontiert werden. Eventuell haben sie sogar einen Verdacht, sie f√ľhlen, dass mit diesem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Der Junge oder das M√§dchen hat sich ver√§ndert, ist pl√∂tzlich gar nicht mehr wiederzuerkennen. Die psychische Situation des Lehrers kann folgenderma√üen aussehen:

Unglaube ¬≠ Vielleicht stimmt es ja gar nicht. W√ľrde man nicht bl√∂d dastehen, wenn das nicht stimmt und eine Anzeige wegen Verleumdung bekommt?

Verleugnen ¬≠ Es erscheint unvorstellbar, dass so ein netter, respektabler Mann seine Tochter missbraucht. Am besten tue ich so, als ob nichts geschehen ist. Sicher war der Missbrauch eine Ausnahme. Tatsache ist leider, dass ein Kind sexuellen Missbrauch h√§ufig √ľber Wochen, Monate oder sogar Jahre ertragen muss. Besonders wenn es innerhalb der Familie passiert.

Hilflosigkeit ¬≠ Dieser sympathische Mann soll das Kind missbraucht haben. Was wird aus der Familie, wenn ich ihn anzeige? Das kann man der Familie doch nicht antun, was soll ich blo√ü tun? Wenn das Kind Vertrauen zu ihnen hat, k√∂nnen sie trotz Angst eine gro√üe St√ľtze f√ľr das Kind sein, indem sie Partei f√ľr das Kind ergreifen. Besprechen sie in Ruhe das Problem, holen sie sich Hilfe!

Sprachlosigkeit ¬≠ Ich sehe rot, das Herz klopft mir vor Wut bis zum Hals, ich bin traurig, sprachlos und hilflos. Wie ist so etwas nur m√∂glich? Ein Gewirr von Gef√ľhlen entsteht meist, wenn klar ist, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde und eventuell noch wird.

Delegation ¬≠ Damit komme ich alleine nicht zurecht, da habe ich keine Ahnung, wie man mit so einem Problem umgeht, andere k√∂nnen das sicher besser. Solche Reaktionen sind verst√§ndlich, aber f√ľr das Kind nicht hilfreich. Geben sie das Kind nicht weg, sondern holen sie sich selbst Hilfe. Seien sie da f√ľr das Kind.

Handlungsdruck ¬≠ Es muss schnell etwas geschehen, aber was? Die eigene Sprachlosigkeit f√ľhrt zum Gef√ľhl, schnell etwas unternehmen zu wollen, bevor sie jedoch etwas unternehmen, informieren sie sich. Besprechen sie jeden Schritt, den das Opfer betrifft zuerst mit dem Opfer. Das Gef√ľhl erneut ausgeliefert zu sein, kann sich schnell bei dem M√§dchen und Jungen einstellen, auch wenn sie es gut mit ihm meinen.

8.5.3 Interventionsschritte

Der Umgang mit der Aufdeckung von sexuellem Missbrauch erfordert ein breites, stark differenziertes und einf√ľhlendes Verhalten sowie die Auseinandersetzung mit der Thematik und das daraus resultierende Wissen. Weiterhin ist der Umgang mit der Aufdeckung von der Situation, dem Alter, dem T√§terkreis und den Handlungsm√∂glichkeiten abh√§ngig. Die beste und eindeutigste M√∂glichkeit, sexuellen Missbrauch festzustellen, ist die Offenlegung durch das Kind. Durch ein gezieltes Gespr√§ch kann der bestehende Verdacht erh√§rtet werden. Was muss also bei einem solchen Gespr√§ch betrachtet werden?

Ich √ľbernehme hier einige Verhaltensregeln, die zu beachten sind, wenn ein Kind √ľber sexuellen Missbrauch spricht.

Dem Kind glauben!

Glauben sie dem Kind, auch wenn es noch so unglaubw√ľrdig klingt oder das Kind in anderen Dingen nicht immer die Wahrheit sagt. Die Erfahrung hat gezeigt, das Kinder die Wahrheit sprechen, da Berichte √ľber sexuellen Missbrauch nicht der kindlichen Phantasie entspringen.

Sich unbedingt Zeit nehmen!

Nehmen sie sich Zeit, vermitteln sie dem Kind Gesprächsbereitschaft und schaffen sie einen sicheren Ort, an dem sie Ruhe und Zeit haben.

Bleiben sie möglichst ruhig!

Wenn das Kind √ľber den sexuellen Missbrauch spricht, bleiben sie ruhig. Halten sie ihre eigene Betroffenheit, ihre Best√ľrzung und Panikreaktionen zur√ľck. Erschrecken sie auf keinen Fall das Kind mit ihrer eigenen Wut auf den T√§ter. Es k√∂nnte sonst seine Offenbarung und Gest√§ndnisse zur√ľcknehmen und wieder schweigen. Stellen sie den Wunsch nach sofortigem Handeln unbedingt zur√ľck.

Dem Kind versichern, dass es richtig war √ľber den sexuellen Missbrauch zu sprechen!

Dem Kind sollte eine positive R√ľckmeldung gegeben werden, wie viel Mut und St√§rke es erfordert hat, sich Hilfe zu holen. Je nach Situation sollte auf das Geheimhaltungsgebot eingegangen und dem Kind gesagt werden, dass es richtig war solche Geheimnisse nicht f√ľr sich zu behalten.

Die Gef√ľhle des Kindes zulassen!

Die Gef√ľhle des Kindes m√ľssen ernst genommen werden und die Empfindungen des Kindes, wie Angst, Scham, Verzweiflung, Verwirrung, Tr√§nen und Sprachlosigkeit m√ľssen ausgehalten werden. Ein ausdr√ľcklicher Fehler w√§re in diesem Fall, wenn sie dem Kind seine schmerzhaften Empfindungen wegtr√∂sten wollen, mit Hinweisen wie:

Na, so schlimm ist es ja auch wieder nicht gewesen.

Dein Vater hat es sicher nicht so gemeint.

Jetzt sei mal nicht mehr so traurig, wisch die Tränen weg, wir werden den Mann ins Gefängnis bringen, und dann kannst Du wieder alles vergessen.

Dem Kind versichern, dass es an dem sexuellen Missbrauch keine Schuld trägt!

Die Erwachsenen sollen dem Kind sagen, dass nur der T√§ter daf√ľr die Verantwortung tr√§gt. Dem Kind kann auch gesagt werden, dass sexueller Missbrauch h√§ufig vorkommt, obwohl das verboten ist und das die T√§ter genau wissen, dass es nicht richtig ist, auch wenn sie das Gegenteil behaupten.

Das Kind nicht mit drängenden Fragen unter Druck setzen!

Das Kind soll nicht mehr erzählen, als es im Moment verkraften kann. Dabei soll dem Kind die Bereitschaft und Offenheit vermittelt werden. Nur wenn das Kind dazu in der Lage ist, sollten weitere Fragen gestellt werden.

Die Gef√ľhle, die das Kind gegen√ľber dem T√§ter empfindet zulassen!

Erwarten sie nicht, dass das Kind den T√§ter hasst, weil dieser ihm das angetan hat, nur weil sie selber Zorn gegen ihn versp√ľren. Es ist durchaus m√∂glich, dass das Kind den T√§ter trotz des Missbrauchs noch liebt. Heftige Reaktionen k√∂nnten im Kind Schuldgef√ľhle verst√§rken und es verstummen lassen.

Setzen sie sich selbst nicht unter Druck, sofort die Lage des Kindes ver√§ndern zu m√ľssen!

Erwachsene d√ľrfen sich selbst nicht unter Druck setzen, sofort und im Moment die Lage des Kindes ver√§ndern zu m√ľssen. Kopfloses und ungeplantes agieren kann zu noch gr√∂√üerem Schaden f√ľhren, da die Erfahrungen zeigen, dass nach unvorsichtig eingeleitetem Aufdeckungskampagnen das Kind h√§ufig √ľber Jahre hinweg mit gr√∂√üerer Gewalt ausgebeutet wird. Wenn z.B. ein T√§ter von ihren Aktionen erf√§hrt und mit allen Mitteln daf√ľr sorgt, dass ihnen das Kind zur weiteren Ausbeutung und zur Befriedigung seiner Machanspr√ľche erhalten bleibt, k√∂nnte er unter anderem das Kind einsperren; er k√∂nnte es mit schlimmeren Drohungen zum Schweigen verpflichten; er k√∂nnte es aus dem Kindergarten abmelden usw..

Dem Kind keine Versprechungen machen, die hinterher nicht eingehalten werden können!

Machen sie keine Versprechungen, die sie nicht einhalten k√∂nnen, wie z.B. dass die/der Erwachsene niemand davon erz√§hlen wird und das sie f√ľr die sofortige Beendigung des sexuellen Missbrauchs sorgen, denn auch dazu sind Erwachsene h√§ufig leider nicht in der Lage.

Dem Kind das Wissen um seine passive Rolle bei sexuellem Missbrauch verdeutlichen!

Es ist ganz wesentlich, darauf zu achten, dass die Erwachsenen bei den Formulierungen um Gewalthandlungen dem Kind keinerlei aktiven Part unterstellen. Fragen sie z.B. am besten:

Wie hat er dir Angst gemacht, damit du nichts erzählst?

Hat er von dir verlangt, seinen Penis in die Hand oder in den Mund zu nehmen?

Hat er dich gezwungen, ...?

Wenn sie versehentlich das Kind fragen w√ľrden: Hast du dann seinen Penis in die Hand genommen?, k√∂nnte es sofort annehmen, dass sie an seine aktive Beteiligung bei der Missbrauchshandlung und damit auch an seine Schuld glauben.

Ist das Kind dazu in der Lage, können ihm weitere Fragen gestellt werden!

Hast du schon anderen Personen √ľber den Missbrauch erz√§hlt?

Weiß /wissen deine Mutter/Eltern davon?

Kannst du dir vorstellen, wie deine Mutter reagieren w√ľrde, wenn sie davon erf√§hrt?

Was w√ľnschst du dir im Moment? Was k√∂nnte dir helfen?

Mit wem k√∂nntest Du dar√ľber sprechen?

Hier m√ľssen die Beziehungen des Kindes zum T√§ter ber√ľcksichtigt werden, z.B. wenn die Oma die Mutter des T√§ters ist. Es m√ľssen gezielte Handlungsschritte zusammen mit dem Kind √ľberlegt werden, wie es vor weiteren Missbrauchshandlungen gesch√ľtzt ist bzw. wie sich ein √§lteres Kind selbst sch√ľtzen kann.

Hilfe holen!

Mit dem Kind vorsichtig seine Zustimmung erarbeiten, eine andere Person hinzuziehen zu d√ľrfen. Es ist ganz zentral, dass keine Schritte unternommen werden, ohne das das Kind Bescheid wei√ü. Dem Kind soll das versichert werden und Erwachsene sollten sich unbedingt daran halten. Holen sie sich fachliche Unterst√ľtzung und bleiben sie mit den nun auf sie zukommenden Problemen nun nicht allein. Das Thema sexueller Missbrauch ber√ľhrt bei Helfern h√§ufig auch eigene Erfahrungen und √Ąngste. Suchen sie das Gespr√§ch mit anderen. An vielen Orten sind inzwischen Berufsgruppen und spezialisierte Beratungsstellen entstanden, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und Erfahrungen gesammelt haben.

Dort k√∂nnen sie unter Umst√§nden nicht nur f√ľr sich selber Hilfe bekommen, sondern auch beraten werden, welche Schritte sinnvoll sind, dem Kind zu helfen. Um einer √úberforderung entgegenzuwirken ist es wichtig, nicht alles alleine machen zu wollen. Alles, was √ľber den pers√∂nlichen Kontakt mit dem Kind hinausgeht, kann an andere abgegeben oder mit anderen zusammen erfolgen. Zur eigenen Entlastung w√§re es sinnvoll, mit dem Schulleiter zu verhandeln, dass Termine (z.B. Beratungsstellen) vormittags w√§hrend der Dienstzeit wahrgenommen werden k√∂nnen.

Hier ein Gesprächsvorschlag dazu, wie sie dem Kind mitteilen können, dass sie professionelle Hilfen hinzuziehen können:

Ich habe dir versprochen, dass ich dich nicht an die Person verraten werde, die dir das angetan und dein Vertrauen so missbraucht hat. Ich habe dir auch versprochen, dass ich dir helfen und dich besch√ľtzen m√∂chte. Meine eigenen M√∂glichkeiten reichen dazu nicht aus. Es gibt aber Einrichtungen, in denen Leute arbeiten, die uns unterst√ľtzen k√∂nnen. Auch sie haben die Pflicht, zu schweigen und d√ľrfen deinen Bericht nicht weitererz√§hlen. Aber sie k√∂nnen uns helfen, dass die Person, die das mit dir gemacht hat dich nicht weiter bel√§stigt und auch mit anderen Kindern so etwas nicht machen kann.

Sorgen sie daf√ľr, dass das Kind vom Missbraucher getrennt wird!

Wenn ein j√ľngeres Kind den Missbrauch angesprochen hat, kann es langfristig nur gesch√ľtzt werden, wenn der Kontakt zum T√§ter unterbunden wird. Kommt der T√§ter aus dem Bekannten- oder weiteren Verwandtenkreis, ist es meist leichter, Besuche zu untersagen. Ist der T√§ter jedoch der Partner der Mutter, muss diese daf√ľr gewonnen werden, das Kind mit aller Konsequenz zu sch√ľtzen und sich von ihm zu trennen. Die Mutter sollte in einem solchen Fall selbst Unterst√ľtzung, insbesondere durch Fachleute in Anspruch nehmen. Ist sie trotz aller Hilfe nicht bereit, sich von ihrem Partner zu trennen, m√ľssen andere Unterbringungsm√∂glichkeiten f√ľr das Kind gesucht werden, z.B. Verwandte, Wohngruppen. Auch diese Ma√ünahmen m√ľssen mit dem Kind besprochen werden und es sollte unbedingt von einer Vertrauensperson begleitet werden. In einem solchen Fall wird es notwendig, das Jugendamt einzuschalten.

Wenn das Kind sie als Vertrauensperson ausgesucht hat, ergreifen Sie im weiteren Handlungsverlauf immer seine Partei und vermeiden Sie Sekundärschädigungen!

Eine Sekundärschädigung ist es, wenn ein Kind zum zweiten Mal zum Opfer wird. Das kann passieren durch:

erneutem Vertrauensbruch durch das Gef√ľhl, dass ihm nicht geglaubt wird;

erneute Grenzverletzung und erneutes nichternstgenommen werden des Kindes durch Handlungsschritte, die nicht mit ihm abgesprochen wurden;

Wiederholung von Gewalterfahrungen, Ohnmachtgef√ľhlen und Angst, wenn das Kind Opfer von un√ľberlegten Aktionen wird;

durch aggressive, ungläubige Befragungen;

durch direkte oder unterschwellig geäußerte Schuldzuweisung;

durch nicht vorbereitete und unsensibel durchgef√ľhrte gyn√§kologische Untersuchung.

Tragen sie Sorge, dass das missbrauchte Kind einer vertrauensvollen therapeutischen Behandlung zugef√ľhrt wird. Das Kind muss eine Hilfe erhalten sowie das Angebot dar√ľber sprechen zu k√∂nnen, wann immer es das Bed√ľrfnis dazu hat. Viele Erwachsene, die an den Sp√§tfolgen von sexuellem Missbrauch leiden, hatten nie die Gelegenheit √ľber ihre traumatischen Erfahrungen zu sprechen, als sie Kinder oder Jugendliche waren. Oder sie haben dar√ľber gesprochen und schlechte Erfahrungen gemacht. Kinder haben die F√§higkeit, schlimme Erlebnisse in einer vertrauensvollen Beziehung zu bew√§ltigen. Ein Kind muss also unbedingt therapeutische Hilfe erhalten. So erh√§lt es durchaus Chancen, nicht dauerhaft unter der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs leiden zu m√ľssen.

Strafanzeige

Wenn es auch generell w√ľnschenswert erscheint, sexuelle √úbergriffe anzuzeigen, allein schon um das gro√üe Dunkelfeld mehr zu beleuchten und den T√§tern das Gef√ľhl zu nehmen, dass es sich bei diesen Vergehen um ein Delikt ohne Opfer handelt, sollte jede Anzeige dennoch mit R√ľcksicht auf das missbrauchte Kind sorgf√§ltig √ľberlegt werden. Bevor aus Hilflosigkeit und Resignation nach dem Strafrecht gerufen wird, sollten weniger entscheidende M√∂glichkeiten √ľberlegt und ausgesch√∂pft werden.

Eine Anzeige ist grundsätzlich dann sinnvoll,

wenn sie der einzige Weg ist, ein Kind vor weiteren √úbergriffen zu sch√ľtzen, wenn das Kind sich daf√ľr entscheidet, nachdem es ausreichend √ľber seine Rechte bei der Aufnahme der Anzeige und beim Gerichtsverfahren informiert wurde. 

Niemals jedoch sollte gegen den Willen des Opfers und ohne dessen Wissen eine Anzeige erstattet werden. Erf√§hrt die Polizei von einer Straftat, muss sie t√§tig werden und alle tat- und t√§terrelevanten Fakten objektiv zusammentragen. Ist das Ermittlungsverfahren eingeleitet, werden Bezugspersonen des missbrauchten Kindes Zeugen und das Kind selbst vernommen bzw. angeh√∂rt werden. Aber auch Sachbeweise am Tatort, beim T√§ter, am T√§ter und am Opfer m√ľssen gesucht, gesichert und untersucht werden. F√ľr das missbrauchte Kind ist es wichtig, von einer Vertrauensperson zur Anh√∂rung beglep>itet zu werden. Das Opfer ist der unmittelbarste und wichtigste Zeuge, dessen Aussage auf jeden Fall detailliert aufgenommen werden muss. Die Aussage muss so aufgenommen werden, dass sie sowohl den Anforderungen eines Strafverfahrens gen√ľgt als auch dem Kind keine weiteren Sch√§den zuf√ľgt. Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, m√ľssen unmittelbar vor Gericht alle Fakten dargelegt werden, was auch eine erneute Vernehmung des Opfers vor Gericht notwendig macht. Nach dem Opferschutz hat jedes Opfer das Recht auf anwaltlichen Beistand. Ein Anwalt hat umfangreiche M√∂glichkeiten, in das laufende Ermittlungsverfahren einzugreifen und die Rechte des Opfers nachdr√ľcklich geltend zu machen. Er hat die M√∂glichkeit, darauf hinzuwirken, dass die Belastungen f√ľr das Opfer m√∂glichst gering gehalten werden k√∂nnen.

Leider wird es nicht immer gelingen, Kinder in Zukunft vor weiteren sexuellen √úbergriffen zu sch√ľtzen. Deutlich m√ľssen wir uns vor Augen halten, dass es immer F√§llte geben wird, wo wir nichts ausrichten k√∂nnen. Die beste Hilfe f√ľr das Kind werden sie jedoch sein, wenn sie mit dem Kind Kontakt halten und es wertsch√§tzen. Bei allen Schritten, die wir unternehmen, sollten wir uns immer von dem wichtigsten Punkt leiten lassen:

Der Schutz des Kindes geht vor einer m√∂glichen Strafe des T√§ters, weil eine Sekund√§rtraumatisierung nie ausgeschlossen werden kann. Mit sexuellem Missbrauch konfrontiert zu werden ersch√ľttert verst√§ndlicherweise und es erfordert viel Kraft mit der Tatsache umzugehen.

9. Fazit und Aussichten

Sexueller Missbrauch von Kindern ist keineswegs eine Seltenheit oder gar eine Erfindung hysterischer Frauengruppen. Immerhin ist davon auszugehen, dass beinahe ein Viertel aller Frauen und fast zehn Prozent aller M√§nner als Kinder sexuell missbraucht wurden. Nach der Dunkelfeldforschung kommen Jahr f√ľr Jahr etwa 80 000 neue F√§lle hinzu. Dabei sind noch nicht einmal die mindestens 5000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren miteingez√§hlt, die in Deutschland der Kinderprostitution nachgehen.

Alles in allem l√§sst sich mit gutem Grund behaupten, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder eine Wirklichkeit darstellt, vor der wir uns nicht mehr verschlie√üen k√∂nnen und d√ľrfen.

Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder hat es in allen geschichtlichen Epochen und in vielen Gesellschaftsordnungen gegeben. Insofern ist die manchmal von feministischer Seite vorgebrachte Erkl√§rung, sexueller Missbrauch von Kindern sei auf die m√§nnlich bestimmte Gesellschaftsform zur√ľckf√ľhrbar, kaum zu belegen. Einleuchtender sind Theorien, die sexuellen Missbrauch auf mehrere Ursachen zur√ľckzuf√ľhren. Wir k√∂nnen uns das wie ein Dreieck vorstellen, in dem die gesellschaftlichen Strukturen und das System Familie auf eine bestimmte Pers√∂nlichkeit einwirken. Diese Pers√∂nlichkeit entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen den Polen Gesellschaft und Familie und wirkt auf sie zur√ľck. In welchem Umfang die Gesellschaft, das Familiengef√ľge oder das jeweilige Einzelschicksal daf√ľr verantwortlich ist, ob ein Mensch sexuelle Gewalt aus√ľbt, ist schwer zu beantworten. 

Wir wissen, dass viele T√§ter als Kinder selbst missbraucht wurden. Es trifft sicher zu, dass unsere Gesellschaft frauenfeindlich und m√§nnerorientiert ist. Nur reicht das nicht aus, um zu erkl√§ren, warum das eine Kind als Erwachsener zum T√§ter wird und ein anderes ein angepasstes und unauff√§lliges Leben f√ľhrt. Was ich damit sagen will, ist: Weder die Gesellschaft noch die Familie noch die St√∂rungen" eines bestimmten Menschen sind alleinige Ursachen f√ľr sexuellen Missbrauch und Ausbeutung.

Wenn wir begreifen, wie aus Menschen T√§ter werden, kann begonnen werden sich mit der Therapie von Sexualstraft√§tern zu befassen. Indem man dem Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern sozusagen zu Leibe" r√ľckt, verliert man etwas von der Angst. Denn einer der Gr√ľnde daf√ľr, dass wir diejenigen, die andere Menschen sexuell ausbeuten, so sehr verachten, ist eine tiefe Angst vor dem unbegreifbaren Unbekannten.

Es w√§re etwas zuviel verlangt, wenn man erwarten w√ľrde, dass man Menschen, die wehrlose Kinder zu ihrer eigenen sexuellen Befriedigung missbrauchen und erniedrigen, verstehen. Das gelingt noch nicht einmal den Leuten, die t√§glich mit Sexualstraft√§tern therapeutisch arbeiten. Dadurch, dass wir sexueller Gewalt besonnen und entschlossen begegnen, tun wir mehr zum Schutz der Kinder, als wenn wir angsterf√ľllte und √ľbereilte Schritte unternehmen.

Wenn Kinder sexuell missbraucht werden, steckt ein B√ľndel von Ursachen dahinter. Monokausale, nur eine Seite stehende Erkl√§rungsversuche werden dem vielschichtigen Problem nicht gerecht. Sicher spielt bei der Entwicklung eines Menschen zum T√§ter die Biologie eine gewisse Rolle. Ob ein Mensch mit bestimmten Anlagen jedoch Kinder sexuell missbraucht, ist entscheidend von seiner pers√∂nlichen Lebensgeschichte abh√§ngig.So verst√§ndlich der Wunsch nach einfachen Erkl√§rungen und L√∂sungen ist: Die Welt ist komplizierter, als wir sie uns w√ľnschen. Weder die Triebt√§ter- Theorie noch die feministischen Erkl√§rungen k√∂nnen √ľberzeugen.

Sexueller Missbrauch von Kindern kann nicht Privatangelegenheit bestimmter Interessengruppen oder politisch- ideologischer Gruppen sein. Wir können sexuellen Missbrauch an Kindern nur dann wirksam bekämpfen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.

In der Arbeit konnte festgestellt werden, dass die patriarchalen Familien- und Gesellschaftsstrukturen sexuellen Missbrauch bedingen und somit sexueller Missbrauch in ihren politischen Dimensionen eine Frage der herrschenden Gewaltverhältnisse ist.

Sexueller Missbrauch an M√§dchen und Jungen und auch sexueller Missbrauch an Frauen darf somit nicht nur als individuelles Problem eines einzelnen T√§ters oder eines einzelnen Familiensystems verstanden, sondern muss als strukturelle Gewalt einer patriarchalen Gesellschaft begriffen werden. Um sexuellen Missbrauch zu verhindern, m√ľssen gesellschaftlich tradierte Rollenvorstellung ver√§ndert werden und grundlegende Ver√§nderungen in bezug auf die Arbeitswelt stattfinden. Eine Aufwertung der bisher vernachl√§ssigten, √∂konomisch nicht effektiven Bereiche der Menschlichkeit und Reproduktion k√∂nnte auch die Bereitschaft der M√§nner f√ľr die Erziehung und die √úbernahme reproduktiver Arbeit f√∂rdern. Diese Verlagerung sollte durch eine gesetzliche Regelung stabilisiert werden, die Frauen und M√§nnern Erziehungszeiten in gesicherter Form einr√§umt und in der finanzielle Verluste ausgeglichen werden. Dar√ľber hinaus sollten gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, die ihrem Anspruch auf pr√§ventiven Charakter gerecht werden.

Die Verantwortung daf√ľr, dass sexueller Missbrauch verhindert wird, liegt eindeutig bei den Erwachsenen. Das bedeutet, dass nicht nur Professionelle, sondern die ganze √Ėffentlichkeit besser informiert werden muss. Dabei darf sich die Aufkl√§rungsarbeit nicht auf die Erstellung und Verteilung von Informationsbrosch√ľren beschr√§nken. Als Grundlage f√ľr eine breite √Ėffentlichkeitsarbeit werden wissenschaftliche Untersuchungen und empirische Daten ben√∂tigt. F√ľr die Bundesrepublik liegt meines Wissens nur eine Studie vor. Es dr√§ngt sich der Verdacht auf, dass bei Politikern entgegen anderslautender Erkl√§rungen, kein Interesse an wissenschaftlich gesicherten Daten √ľber sexuellen Missbrauch an Kindern besteht, denn w√ľrden die Untersuchungen die hohen Zahlen des sexuellen Missbrauchs best√§tigen, m√ľssten Konsequenzen gezogen werden. Politiker w√§ren gezwungen, bei weitem mehr finanzielle Mittel als bisher spezialisierte Beratungsstellen, Fortbildungs- und Pr√§ventionsprojekte bereitzustellen. Dabei w√§re fl√§chendeckend die Einrichtung und Finanzierung solcher dringend notwendig. 

Das gro√üe Ausma√ü von sexuellem Missbrauch erfordert weiterhin die st√§ndige Fort- und Weiterbildung f√ľr Mitarbeiter der Beratungsstellen, Kinderg√§rten, Schulen, Heime, Psychiatrien wie auch f√ľr Sozialarbeiter, Sozialp√§dagogen, Mediziner, Juristen und Polizisten. Letztlich ist Fort- und Weiterbildung f√ľr alle mit der Problematik befassten Berufsgruppen notwendig. Neben reiner Wissensvermittlung sollten sie auch einen Selbsterfahrungsteil beinhalten.

Pr√§vention beginnt dort, wo Erwachsene sich mit dem N√§hrboden f√ľr sexuelle Gewalt auseinander setzen, n√§mlich mit der Erziehung zum Gehorsam, zur Anpassung an patriarchale Geschlechtsrollen, zur Unterdr√ľckung von Sexualit√§t und zur Geringsch√§tzung von Gef√ľhlen. Eine emanzipatorische Pr√§vention mit Kindern kann somit nur der letzte Schritt sein, und zwar mit dem Ziel das Machtgef√§lle zwischen Kindern und Erwachsenen zu reduzieren. Wenn so getan wird, als ob Pr√§vention, die sich ausschlie√ülich auf Kinder bezieht, sexuellen Missbrauch aus der Welt schafft, wird zur Verschleierung der Problematik beitragen. Stattdessen beginnt die Pr√§vention mit Kindern bei einer emanzipatorischen Erziehung, die einer Grundhaltung zwischen Kindern und Erwachsenen darstellt und einen kooperativen Umgang erm√∂glicht, indem das Kind mit seinen Rechten, Bed√ľrfnissen und Gef√ľhlen genauso Platz hat wie die Erwachsenen. Das bedeutet auch, dass die Verantwortung nicht nur bei den Eltern und Bezugspersonen liegt, sondern auch in anderen Erlebnisr√§umen der Kinder wie z.B. im Kindergarten und in der Schule. Gerade die Schule als zweitwichtigste Sozialisationsinstanz muss in ihrem koedukativen System das Merkmal Geschlecht und damit die unterschiedlichen Lebenswelten und gesellschaftlichen Bedingungen der Geschlechter in ihrem Gesamtkonzept ber√ľcksichtigen. Sie sollte daf√ľr Sorge tragen, dass M√§dchen und Jungen neben den wissenschaftlichen Disziplinen gleichberechtigt der Erwerb von sozialen Handlungskompetenzen erm√∂glicht wird. Dazu geh√∂ren auch Bereiche wie Sexualerziehung und Pr√§vention von sexuellem Missbrauch, die in Form eines Spirallehrplans √ľber die gesamte Schulzeit ihren Platz haben sollten. Dar√ľber hinaus k√∂nnen spezielle Pr√§ventionsprojekte durchgef√ľhrt werden. 

Gerade im Bereich Schule könnte die Sozialarbeit einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt einnehmen, jedoch gibt es in der Bundesrepublik noch kaum Schulsozialarbeit. Präventionsarbeit sollte sich auch bei der Sozialarbeit keineswegs auf die Arbeit mit Kindern beschränken, sondern sich vielmehr auf die Zielgruppe Erwachsene konzentrieren. Auch in klassischen Kinderbereichen wie Kindergarten oder Schule stellt die Erwachsenenarbeit einen zentralen Aspekt dar, durch die die Sozialarbeit zum Bindeglied zwischen Eltern, Lehrkräften und Kindern werden könnte.

Die menschliche Sexualität, eine ebenso lebenswichtige wie lebenserhaltende Fähigkeit, ist extrem sensibel und störbar. Von der Geburt bis zum Erwachsenensein ist sie zahlreichen Störungsquellen ausgeliefert. Insofern sind unsere sexuellen Neigungen, Vorlieben und Störungen unmittelbarer Ausdruck unserer Persönlichkeit.

In jedem Menschen ist- so erschreckend es sich auch anh√∂rt- die M√∂glichkeit angelegt, sexuell abweichendes Verhalten zu entwickeln. Ob wir die Abweichungen von normaler Sexualit√§t als pervers bezeichnen, als strafbare Handlung ansehen oder als Variation menschlicher Sexualit√§t betrachten, ist eine Frage von √úbereinkunft. Es kann nicht darum gehen, moralisch entr√ľstet den Verfall der Sitten zu beschw√∂ren. Die Zahlen missbrauchter Kinder steigt weder, noch f√§llt sie. Offensichtlich gibt es eine gesellschaftlich vorgegebene Rate von sexuellen Missbrauchsf√§llen. Wie es aussieht, haben wir uns an einige Raten, die der Drogentoten, der Verkehrstoten und die der t√∂dlich verungl√ľckten und k√∂rperlich misshandelten Kinder, fast gew√∂hnt. Die Gewissenfragen, die wir uns allen stellen m√ľssen, ist die, ob wir uns auch in Zukunft an die Zahl der sexuell missbrauchten Kinder gew√∂hnen m√∂chten. Wenn wir es nicht wollen, dann sollten wir immer zuerst bei uns selbst beginnen.

Eine Welt, in der kein Unrecht geschieht und in der Kinder optimal gesch√ľtzt sind, bleibt eine Utopie. Zum Abschluss m√∂chte ich Friedrich D√ľrrenmatt aus seinem Drehbuch Es geschah am helllichten Tage zitieren: Die M√∂glichkeit, dass Kinder in Gefahr sind, muss man hinnehmen. Wir k√∂nnen nur das M√∂gliche tun. Kinder sind immer in Gefahr.


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