Traumatisierung im Blickwinkel von Psychotherapie und Recht

InterdisziplinÀre Trauma-Fachtagung: Gewalt macht sprachlos

Juristische und psychotherapeutische Expertise mĂŒssen verbunden werden, um Opfer von extremer Gewalt besser unterstĂŒtzen zu können.

Extreme Traumatisierung unter dem Blickwinkel von Psychotherapie und Recht zu betrachten, war das Ziel der InterdisziplinĂ€ren Trauma-Fachtagung, die das Trauma-Institut Mainz am 5. MĂ€rz veranstaltete. Die Tagung entstand aus dem BedĂŒrfnis und der Notwendigkeit heraus, juristische und psychotherapeutische Kenntnisse zu verbinden, um Opfer extremer Gewalt besser unterstĂŒtzen zu können.

Ein Trauma, so definierte der Neurobiologe Prof. Dr. med. Gerald HĂŒther, ist ein Erlebnis, das die subjektive VerarbeitungskapazitĂ€t des Gehirns ĂŒbersteigt. Statt einer geordneten Erinnerung werden fragmentierte EinzeleindrĂŒcke gespeichert. Betroffene berichten von dem GefĂŒhl, neben sich zu stehen: „Das passiert nicht mir.“ Das Geschehen wird unbeteiligt, wie von außen beobachtet, Unaushaltbares wird vom Alltagserleben ferngehalten, wegdissoziiert. Auf die abgespaltenen Erlebnisse haben die Betroffenen hinterher keinen geordneten Zugriff, die Erinnerungen können teilweise oder ganz „verschwunden“ sein (dissoziative Amnesie).

Dissoziation als Schutzmechanismus

Insbesondere bei Kindern ist die FĂ€higkeit zur Dissoziation als Mechanismus der TraumabewĂ€ltigung stark ausgeprĂ€gt, erklĂ€rte die Psychotraumatologin Michaela Huber. So stark, dass, unter extrem traumatischen Bedingungen, ganze IdentitĂ€ten abgespalten werden und eine dissoziative IdentitĂ€tsstörung entstehen kann. Die Alltagspersönlichkeit hat dabei keinen Zugriff auf das Erleben und die Erinnerungen der abgespaltenen inneren Persönlichkeit(en). Dieser Schutzmechanismus wird, beispielsweise bei Kinderprostitution oder ritueller Gewalt, gezielt von den TĂ€tern ausgenutzt, um die Opfer gefĂŒgig zu machen und sie zu kontrollieren. Dissoziationen oder, im Extremfall, dissoziative IdentitĂ€tsstörungen machen es den Betroffenen schwer, den Sachverhalt chronologisch und in einer juristisch verwertbaren Art und Weise zu schildern. Je extremer die Gewalt, desto zuverlĂ€ssiger ist das Schweigen der Opfer. Denn durch die gestörte Verarbeitung im Gehirn ist die Versprachlichung des Erlebten neurophysiologisch eingeschrĂ€nkt: Gewalt macht sprachlos.

Michaela Huber betonte, wie wichtig es sei, dass Justizbeamte genĂŒgend Kenntnisse ĂŒber dissoziative PhĂ€nomene haben, um fragmentierte Erinnerungen bei traumatisierten KlĂ€gern zu erkennen und richtig einzuordnen. Sie mĂŒssen damit umgehen, dass Flashbacks auftreten können und den schwierigen Spagat zwischen detailgenauer Befragung und Vermeidung von Retraumatisierung leisten. Nur selten allerdings werden Opfer extremer Gewalt ĂŒberhaupt den Rechtsweg beschreiten. Viele von ihnen haben noch Kontakt zu den TĂ€ternetzwerken. Ein Ausstieg aus dem Kreis der organisierten KriminalitĂ€t oder der rituellen Gewalt und damit eine Verletzung der absoluten Gehorsamspflicht und des Schweigegebotes kann lebensgefĂ€hrlich sein.

Die meisten Betroffenen sind außerdem durch die Traumatisierungen so beschĂ€digt, dass sie die Hilfsangebote von Polizei und Justiz nicht annehmen können. Einige von ihnen haben sogar ein aversives Training gegen UnterstĂŒtzung von Außen durchlaufen und trauen der angebotenen Hilfe nicht.

Aufgrund der großen Schwierigkeiten, die mit juristischen Verfahren fĂŒr die Opfer verbunden sind, ist es wichtig, dass Therapeuten diese Risiken kennen und ihre Patienten wĂ€hrend des Prozesses begleiten. Denn ohne professionelle therapeutische Begleitung sind juristische Verfahren fĂŒr schwer traumatisierte Menschen kaum möglich.

Trotz dieser großen Herausforderungen bergen juristische Verfahren auch Chancen fĂŒr die Opfer extremer Gewalt. Die RechtsanwĂ€ltin Barbara WĂŒsten beschrieb die Möglichkeiten des OpferentschĂ€digungsgesetzes (OEG) Opfer extremer Gewalt zu unterstĂŒtzen. Sie betonte dabei, dass das OEG kein Instrumentarium zur Bestrafung von TĂ€tern ist, sondern der Hilfe der Opfer dient. Daher ist der Schuldnachweis keine conditio sine qua non fĂŒr die Anerkennung von Leistungen durch das OEG. Zwar mĂŒssen KlĂ€ger nachweisen, dass sie Opfer eines vorsĂ€tzlichen, gesetzeswidrigen Angriffs wurden, aber es gilt nicht der Grundsatz des Strafrechts „in dubio pro reo“. Deshalb ist es möglich, auch das Krankheitsbild der Traumafolgestörung zu berĂŒcksichtigen sowie aufgrund des Vorliegens einer dissoziativen IdentitĂ€tsstörung zu einer „gestĂ€rkten Annahme“ fĂŒr einen spezifischen Sachverhalt zu gelangen, die ausreichend sein kann fĂŒr den Erhalt von Leistungen.

RegressansprĂŒche zuerst bei den TĂ€tern geltend gemacht

Das OpferentschĂ€digungsgesetz hat zum Ziel, Opfern konkrete Hilfe zukommen zu lassen: Behandlungs- und Rehabilitationskosten werden in weit grĂ¶ĂŸerem Umfang ĂŒbernommen, als die gesetzliche Krankenversicherung das vorsieht. Dies gilt unter anderem fĂŒr die Anwendung traumaspezifischer Verfahren wie Eye Movement Desensitization and Reprocessing, die bisher keine Kassenleistungen darstellen. DarĂŒber hinaus ist es möglich, bei einem Grad der Behinderung von mehr als 30 Prozent eine Rente zu beantragen. Der Anspruch auf diese Leistungen verjĂ€hrt nicht. Wichtig zu wissen ist allerdings, so Opferschutzexpertin WĂŒsten, dass die RegressansprĂŒche zunĂ€chst bei den TĂ€tern geltend gemacht werden. Dies kann jedoch die Sicherheit der Opfer beeintrĂ€chtigen, insbesondere wenn noch TĂ€terkontakt besteht. Nur in AusnahmefĂ€llen gelingt es, diese RegressansprĂŒche hintanzustellen. Allerdings ist dafĂŒr eine gute juristische Beratung unabdingbar; hier ist eine enge Zusammenarbeit von Juristen und Psychotherapeuten von großer Bedeutung.

Da OEG und Therapie nur auf eine bereits erfolgte Traumatisierung reagieren können, unterstrich der Familienrechtler Prof. Dr. Ludwig Salgo die Bedeutung der PrĂ€vention. Er bemĂ€ngelte, dass die Gesetze zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zwar gut seien, die rechtlichen Möglichkeiten aber viel zu selten ausgeschöpft wĂŒrden. Das Jugendamt solle diesen Spielraum, bei hĂ€uslicher Gewalt oder dem Verdacht auf GefĂ€hrdung des Kindeswohls einzuschreiten, auch konsequent nutzen. Denn gerade aus traumatologischer Perspektive muss klar sein: Kinder werden auch dann traumatisiert, wenn sie nicht Opfer, sondern „nur“ Zeugen von Gewalt sind. Besuchsrechte aggressiver, misshandelnder oder „wegsehender“ Eltern können Auslöser sein von Flashbacks und Retraumatisierungen. Sie aktualisieren die traumatische Erfahrung statt zu einer geordneten Verarbeitung beizutragen.

Die Tagung endete mit der Frage: „Was tun?“ Ganz konkret schlĂ€gt Michaela Huber vor, dass Therapeuten auch außerhalb und vor allem im Vorfeld eines juristischen Prozesses zur Dokumentation von Straftaten beitragen. Antwort auf die wichtigsten Fragen: „Wer hat was, wann und wo gemacht?“ kommen hĂ€ufig erst langsam im Verlauf einer Therapie – und von dort ist es noch ein langer Weg bis zur juristischen Aufarbeitung. Aber gerade in FĂ€llen von organisierter KriminalitĂ€t und ritueller Gewalt kann es sinnvoll sein, diese Informationen möglichst frĂŒh versiegelt und mit Datum versehen bei einem Notar zu hinterlegen. Sie sind nicht nur eine Art Lebensversicherung, sondern können auf Wunsch der Betroffenen zu einem spĂ€teren Zeitpunkt auch juristisch verwandt werden. Insbesondere fĂŒr den Umgang mit diesen Fragen ist ein Zusammenschluss von Therapeuten in Arbeitskreisen und ein besserer interdisziplinĂ€rer Austausch zwischen Therapeuten und Juristen wichtig. Viele Teilnehmende forderten deshalb weitere Fortbildung und eine bessere Vernetzung der Disziplinen.

Jana Bosse, Ärzteblatt Juni 2012


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