Wer sagt, dass da nur eine Person wohnen kann?

Multiple Persönlichkeiten - Wir sind viele

Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Kastenm√ľller

Multiple Persönlichkeiten

Inhalts√ľbersicht



1. Einleitung



2. Begriffserklärung und Symptomatologie

2.1 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema DSM - IV

2.2 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema ICD - 10

2.3 Multiple Persönlichkeitsstörung nach psychiatrischer Auffassung

2.4 Fazit



3. Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen

3.1 Schizophrenie

3.2 Borderline - Persönlichkeitsstörung



4. √Ątiologie

4.1 Multiple Pers√∂nlichkeit als Folge fr√ľhkindlicher traumatischer Ereignisse

4.2 Persönlichkeitsabspaltung durch Selbsthypnose

4.3 Rollen-Fluktationshypothese

4.4 Iatrogenese der Dissoziativen Identitätsstörung

4.5 Geschlechtsspezifische Verteilung durch soziokulturelle Rollenprägung

4.6 Neuronale Ursachen von Multipler Persönlichkeit

4.7 Ein klinisches Modell zur Multiplen Persönlichkeit



5. Mögliche Facetten multipler Persönlichkeiten

5.1 Die Kinderpersönlichkeit

5.2 Der Besch√ľtzertypus

5.3 Die Verfolgerpersönlichkeit

5.4 Der gegengeschlechtliche Charakter



6. Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

6.1 Bewußtsein und Bewußtseinsstörungen

6.2 Antrieb und Antriebsstörungen

6.3 Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen

6.4 Emotion und emotionale Störungen

6.5 Denken und intellektuelle Störungen



7. Fazit



8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Forschung hat die Multiple Persönlichkeit immer wieder zum Thema gemacht. Dies tat bzw. tut sie mit starkem Nachdruck und Interesse wie z.B. um die Jahrhundertwende, in den 70er Jahren wie auch heute noch.

In der vorliegenden Hausarbeit wird versucht, einen √úberblick √ľber das St√∂rungsbild der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung bzw. der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung, wie sie auch genannt wird, zu geben. Zun√§chst werden im zweiten Kapitel die Begrifflichkeiten und die Symptomatologie anhand von Einordungen in vorhandene Klassifikationssysteme psychischer St√∂rungen erl√§utert.

Im darauffolgenden Kapitel erfolgt dann ein Versuch der Abgrenzung der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung zu anderen psychischen St√∂rungen, ganauer gesagt gegen√ľber der Schizophrenie und der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung.

Das vierte Kapitel besch√§ftigt sich mit der √Ątiologie der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung. Hier wird versucht, ein √úberblick √ľber die wichtigsten Hypothesen zur Entstehung der dissoziierten Pers√∂nlichkeitszust√§nde zu geben, wobei die Reihenfolge der abgehandelten Themen nach der ihnen zugesprochenen Wichtigkeit gew√§hlt ist.

Die m√∂glichen Facetten Multipler Pers√∂nlichkeiten finden sich im f√ľnften Kapitel, so da√ü das Bild der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung neben der Einordnung in die Klasssifikationssysteme weiter ausdifferenziert wird.

Im nächsten Kapitel wird dann versucht, ein Bezug der Multiplen Persönlichkeitsstörung zu allgemeinpsychologischen Funktionen anhand von Fallbeispielen herzustellen. Dies dient dem Zwecke, sich zu vergegenwärtigen, wie viele Funktionsbereiche des Menschen durch diese Störung tangiert werden.

Als Abschluß der Hausarbeit wird dann im siebten Kapitel ein kurzes Resumée gezogen und eine kritische Betrachtung vorgenommen.

2. Begriffsklärung und Symptomatologie

Im Rahmen dieser Hausarbeit √ľber Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung ist es n√∂tig, sich √ľber diverse Bgrifflichkeiten zu verst√§ndigen. So gibt es z.B. neben der Bezeichnung Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung noch die andere der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung . Im Folgenden soll erl√§utert werden, wie dieses St√∂rungsbild aus unterschiedlichen Perspektiven verstanden wird, n√§mlich der des Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer St√∂rungen in 4. Revision (DSM-IV), der Internationalen Klassifikation psychischer St√∂rungen (ICD-10) und aus psychiatrischer Sichtweise.

2.1 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema DSM - IV

Das Ph√§nomen der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird im DSM-IV den Dissoziativen St√∂rungen auf der Achse I zugerechnet (300.14). Die Entwicklung von der Revision der dritten Auflage des Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer St√∂rungen (DSM-III-R) hin zum DSM-IV brachte gerade f√ľr dieses St√∂rungsbild einige Neuheiten bez√ľglich seiner Umbenennung und der Erweiterung bzw. Modifizierung der diagnostischen Kriterien. Begr√ľndet wird die Umbenennung der St√∂rung von Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung im DSM-III-R hin zu Dissoziative Identit√§tsst√∂rung im DSM-IV von Fiedler und Mundt (1997) durch die Tatsache, da√ü es sich bei den wechselnden Pers√∂nlichkeitszust√§nden der Betroffenen dennoch immer um ein und dieselbe Person handele, auch wenn die zeitweilig dissoziierten Eigenarten wie scheinbar voneinander unabh√§ngige Pers√∂nlichkeiten wirken. An anderer Stelle begr√ľndet Fiedler (1997) diesen Namenswechsel damit, da√ü ,,mit der Entwicklung einer Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung nicht in jedem Fall zugleich die Entwicklung einer Pers√∂nlichkeitsst√∂rung verbunden ist" (S. 218), somit also der Terminus Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung unpassend erscheint. In diesem Sinne kann ebenfalls erw√§hnt werden, da√ü es einige Autoren ablehnen, im Rahmen dieser St√∂rung vom Vorhandensein mehrerer Pers√∂nlichkeiten zu sprechen, ,,da die Pers√∂nlichkeitszust√§nde jedenfalls identische fr√ľhkindliche Erfahrungen aufweisen und demselben Organismus innewohnen." (Dulz & Lanzoni, 1996, S. 23).

Um die Dissoziative Identitätsstörung in einen allgemeineren Rahmen einordnen zu können, werden nun zunächst Merkmale von Dissoziativen Störungen allgemein erläutert, danach erst die der speziellen Klasse der Dissoziativen Identitätsstörung. ,,Das Hauptmerkmal der Dissoziativen Störungen ist eine Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktionen des Bewußtseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt." (Saß et al., 1996 , S. 543). Speziell spiegelt die Dissoziative Identitätsstörung ,,die Unfähigkeit wider, verschiedene Aspekte der Identität, des Gedächtnisses und des Bewußtseins zu integrieren" (Saß et al., 1996 , S. 551), woraufhin verschiedene Persönlichkeitszustände voneinander dissoziiert werden und getrennte Einheiten darstellen mit unterschiedlichen persönlichen Geschichten, Altersstufen, Namen u.v.m..

Im folgenden werden die diagnostischen Kriterien der Dissoziativen Identitätsstörung nach dem DSM-IV (Saß et al., 1996) aufgelistet:

A. Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identit√§ten oder Pers√∂nlichkeitszust√§nden (jeweils mit einem eigenen, relativ √ľberdauernden Muster der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken √ľber die Umgebung und das Selbst).

B. Mindestens zwei dieser Identit√§ten oder Pers√∂nlichkeitszust√§nde √ľbernehmen wiederholt die Kontrolle √ľber das Verhalten der Person.

C. Eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergeßlichkeit erklärt zu werden.

D. Die St√∂rung geht nicht auf die direkte k√∂rperliche Wirkung einer Substanz (z.B. blackouts oder ungeordnetes Verhalten w√§hrend einer Alkoholintoxikation) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zur√ľck (z.B. komplex-partielle Anf√§lle). (S. 554-555)

Modifizierungen gegen√ľber den diagnostische Kriterien des DSM-III-R finden sich zum einen in Kriterium B. Hier wurde im DSM-III-R verlangt, da√ü eine ,,volle" Kontrolle √ľber das Verhalten des Individuums durch eine der Pers√∂nlichkeitszust√§nde vorliegt, w√§hrend dies im DSM-IV gelockert wurde, um z.B. auch dem Ph√§nomen akustischer Halluzinationen in der Form Rechnung zu tragen, da√ü Instruktionen oder Kommentare ,,einer anderen, aktuell dissoziierten Pers√∂nlichkeit" (Fiedler & Mundt, 1997, S.378) durchaus einen gewissen Einflu√ü auf den derzeitig dominierenden Pers√∂nlichkeitszustand aus√ľben. Eine weitere √Ąnderung besteht in der Einf√ľhrung der C- und D-Kriterien, also dem Einschlu√ü einer Ged√§chtnisst√∂rung und dem Ausschlu√ü einer organischen Ursache (St√ľbner, V√∂lkl & Soyka, 1998).

Im DSM-IV wird ebenfalls auf die Problematik der Differentialdiagnostik hingewiesen, welche in einem sp√§teren Teil dieser Arbeit f√ľr die Abgrenzung der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung gegen√ľber der Schizophrenie und der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung erl√§utert wird.

2.2 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema ICD - 10

Das uns interessierende St√∂rungsbild findet sich in diesem Klassifikationssystem unter der Kategorie F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme St√∂rungen. Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung (F44.81) wird unter die Dissoziativen St√∂rungen (F44) eingeordnet, allerdings bildet sie dort keine eigene Subkategorie. Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung befindet sich in der Restkategorie ,,Sonstige Dissoziative St√∂rungen (Konversionsst√∂rungen) (F44.8)" (Dilling et al., 1992, S. 182), gemeinsam mit dem Ganser-Syndrom (F44.80), den vor√ľbergehenden Dissoziativen St√∂rungen im Kindes- und Jugendalter (F44.82) und den sonstigen n√§her bezeichneten Dissoziativen St√∂rungen (F44.88).

Zur genaueren Beschreibung der Multiplen Persönlichkeitsstörung findet sich im ICD-10 (Dilling et al., 1992) Folgendes:

,,Diese Störung ist selten, und es wird kontrovers diskutiert, in welchem Ausmaß sie iatrogen oder kulturspezifisch ist. Das grundlegende Merkmal ist das offensichtliche Vorhandensein von zwei oder mehr verschiedenen Persönlichkeiten bei einem Individuum. Dabei ist zu einem Zeitpunkt jeweils nur eine sichtbar. Jede Persönlichkeit ist vollständig, mit ihren eigenen Erinnerungen, Verhaltensweisen und Vorlieben. Diese können in deutlichem Kontrast zu der prämorbiden Persönlichkeit stehen. Bei der häufigsten Form mit zwei Persönlichkeiten ist meist eine von beiden dominant, keine hat Zugang zu den Erinnerungen der anderen, und die eine ist sich der Existenz der anderen fast niemals bewußt. Der Wechsel von der einen Persönlichkeit zur anderen vollzieht sich beim ersten Mal gewöhnlich plötzlich und ist eng mit traumatischen Ereignissen verbunden. Spätere Wechsel sind oft begrenzt auf dramatische oder belastende Ereignisse oder treten in Therapiesitzungen auf, in denen der Therapeut Hypnose oder Techniken zur Entspannung oder zum Abreagieren verwendet." (S.182)

In fr√ľheren Ausgaben dieses Klassifikationssystems wurde dieses St√∂rungsbild noch als hysterisch vom dissoziativen oder Konversionstyp bezeichnet. Da jedoch der Begriff ,,hysterisch" sowohl eine weitreichende Tradition, als auch eine Vielzahl an Ph√§nomenen umfa√üt, wird er in der gegenw√§rtigen Psychopathologie weitgehend vernachl√§ssigt. Eine andere Begr√ľndung f√ľr die Ablehnung dieses Begriffes liegt eventuell darin, da√ü er mittlerweile einen diskriminierenden Status erreicht hat (Dulz & Lanzoni, 1996).

2.3 Multiple Persönlichkeitsstörung nach psychiatrischer Auffassung

Huber (1999) st√ľtzt sich weitgehend auf das ICD-10 und w√§hlt zur Klassifizierung psychiatrischer Krankheiten und St√∂rungen eine triadische Einteilung: die k√∂rperlich begr√ľndbaren Psychosen, die endogenen Psychosen und die abnormen Variationen des seelischen Wesens. Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung f√§llt unter die dritte Kategorie, welche dadurch gekennzeichnet ist, da√ü es ,,sich dabei um Extremvarianten hinsichtlich

· der Persönlichkeit: abnorme Persönlichkeiten,

· des situations- und erlebnisbedingten, mehr oder weniger persönlichkeitsabhängigen Verhalten und Reagierens: abnorme Erlebnisreaktionen und Neurosen,

· der Intelligenz: Oligophrenie,

· der sexuellen Triebanlage: sexuelle Verhaltensabweichungen." (Huber, 1999, S. 40) handelt.

Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird der Subkategorie geltungsbed√ľrftige (geltungss√ľchtige, ,,hysterische") Pers√∂nlichkeiten unter den abnormen Pers√∂nlichkeiten zugeordnet und als eine Variante hiervon betrachtet. Unter abnormen Pers√∂nlichkeiten versteht Huber (1999) ,,Extremvarianten einer bestimmten seelischen Wesensart, Extremauspr√§gungen von bestimmten Pers√∂nlichkeitsz√ľgen. Die Abnormit√§t liegt also in der Auspr√§gung und Dominanz eines bestimmten Pers√∂nlichkeitsmerkmals, das an sich mehr oder weniger allgemeinmenschlich ist." (S. 399). Im ICD-10 finden sich die Merkmale einer Hysterischen Pers√∂nlichkeit - so wie die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung bei Huber (1999) verstanden wird - unter der Histrionischen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung (F60.4), welche fr√ľher hysterische Pers√∂nlichkeitsst√∂rung genannt wurde. Hier wird eine Diskrepanz zur Einordnung der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung im ICD-10 ersichtlich, in welcher sie unter den Dissoziativen St√∂rungen (F44.88) zu finden ist, die stark von Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen zu trennen sind.

Andererseits erwähnt Huber (1999) die Dissoziative Identitätsstörung zusätzlich bei den Abnormen Erlebnisreaktionen unter den Begriffen Konversionsneurose bzw. Konversionshysterie. Der Wechsel zwischen den Persönlichkeitszuständen wird als hysterische Störung bezeichnet. Diese Form der Neurose wird in die Neurosenformen mit vorwiegend somatischen Symptomen eingeordnet. Die Tatsache, daß die Multiple Persönlichkeitsstörung sowohl unter den Abnormen Persönlichkeiten wie auch unter den Abnormen Erlebnisreaktionen zu finden ist, läßt sich folgendermaßen aufklären: Die Erlebnisreaktionen sind daher als abnorm zu betrachten, da sie sich aufgrund der abnormen Persönlichkeit und der sich daraus seelisch entstandenen körperlichen Funktionsstörungen entwickelt haben.

2.4 Fazit

Es bleibt also insgesamt festzuhalten, da√ü √ľber das St√∂rungsbild der Multiplen Pers√∂nlichkeit keine wirkliche Einigkeit bez√ľglich der Einordnung in ein √ľbergeordnetes Klassifikationssystem besteht. Denn w√§hrend sie im DSM-IV eine eigenst√§ndige Achse I St√∂rung innerhalb der Gruppe der Dissoziativen St√∂rungen bildet, findet sie sich im ICD-10 unter den Neurotischen, Belastungs- und somatoformen St√∂rungen in der Restkategorie Sonstige dissoziative St√∂rungen der Dissoziativen St√∂rungen. Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung scheint also im ICD-10 einen geringeren Stellenwert einzunehmen als im DSM-IV, da im ICD-10 noch das tats√§chliche Vorhandensein dieser St√∂rung kontrovers diskutiert wird (Erkwoh & Sa√ü, 1993).

Eine andere Sicht konnten wir aus dem psychiatrischen Blickwinkel auf dieses Störungsbild werfen. Hier wird die Dissoziative Identitätsstörung unter den abnormen Variationen Seelischen Wesens eingeordnet und zwar sowohl unter den Abnormen Persönlichkeiten, als auch unter den Abnormen Erlebnisreaktionen. Im Unterschied zu den vorherigen Klassifikationssystemen wird in dieser Sichtweise stärker an der traditionellen Sicht der Konversionsneurose bzw. der Hysterielehre festgehalten.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden sich die meisten Ausf√ľhrungen auf die diagnostischen Kriterien des DSM-IV beziehen, weil sie hier am differenziertesten erscheinen. Auf die Gefahren der Verwendung des Begriffes Pers√∂nlichkeitsst√∂rung im Rahmen der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wurde bereits an fr√ľherer Stelle hingewiesen, daher werden die Termini Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung und Dissoziative Identit√§tsst√∂rung im Folgenden gleichwertig verwendet. Ebenso wurde bereits gesagt, da√ü es sich bei den einzelnen dissoziierten Pers√∂nlichkeitszust√§nden einer Multiplen Pers√∂nlichkeit im engeren Sinne nicht um Pers√∂nlichkeiten an sich handelt. Dennoch werden im weiteren Text die Begriffe Pers√∂nlichkeitszust√§nde, Pers√∂nlichkeiten und Identit√§ten synonym verwendet. Unter der Prim√§rpers√∂nlichkeit wird in der gesamten Arbeit der Teil der Pers√∂nlichkeit verstanden, aus dem sich die anderen Pers√∂nlichkeitszust√§nde dissoziiert haben.

3. Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen

Wie schon erwähnt, wird bereits im DSM-IV auf die Problematik der Differentialdiagnose hingewiesen ,,zwischen der Dissoziativen Identitätsstörung und einer Reihe anderer psychischer Störungen wie Schizophrenie und andere Psychotischen Störungen, Bipolare Störungen, Mit Rapid Cycling, Angststörungen, Somatisierungsstörungen und Persönlichkeitsstörungen." (Saß et al., 1996, S. 554): Dabei gibt es sowohl Anhänger mit der Ansicht, daß die Dissoziative Identitätsstörung bis jetzt unterdiagnostiziert wurde (aufgrund von Fehlinterpretationen der dissoziierten Persönlichkeitszustände als Wahn, bipolar-affektive Störung, usw.), als auch solche, die genau das Gegenteil behaupten, nämlich einer Überdiagnostizierung dieser Störung wegen des hohen Medieninteresses.

Die Gefahr von möglichen Fehldiagnosen soll nun anhand des Versuches einer Abgrenzung der Schizophrenie und der Borderline Persönlichkeitsstörung dargelegt werden.

3.1 Schizophrenie

Die Schizophrenie ist dadurch gekennzeichnet, da√ü sie psychotische Symptome als Merkmale aufweist. Es liegt keine umfassende Definition dar√ľber vor, was genau unter psychotischen Symptomen verstanden wird, aber in der Mehrheit werden Kriterien wie ,,Wahnph√§nomene oder ausgepr√§gten Halluzinationen" (Sa√ü et al., 1996,.S. 327) darunter gefa√üt. Genau diese Symptome k√∂nnen aber auch bei einer nicht geringen Zahl von Patienten mit Multipler Pers√∂nlichkeitsst√∂rung beobachtet werden, was nat√ľrlich zu Problemen in der Diagnosestellung f√ľhrt bzw. f√ľhren kann, falls diese nicht genau genug durchgef√ľhrt wird.

Vor allem in den Medien kann es h√§ufig passieren, da√ü die Dissoziative Identit√§tsst√∂rung f√§lschlicherweise als Schizophrenie bezeichnet wird. Der Wortstamm schizo stammt aus dem griechischen und bedeutet so viel wie ,,sich abspalten". Der Unterschied zwischen der Schizophrenie und der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung bez√ľglich einer Abspaltung besteht darin, da√ü sich in der Schizophrenie Kognition und Affekt spalten, w√§hrend bei der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung eine Spaltung innerhalb der Pers√∂nlichkeit vorliegt mit einem Wechsel von mehr als zwei unterschiedlichen Pers√∂nlichkeitszust√§nden (Davison & Neale, 1996). Ross (1989) hingegen versucht nicht, die verschiedenen Facetten des sich Abspaltens zu differenzieren, sondern ist der Meinung, da√ü der Terminus Schizophrenie mit seiner Bedeutung ,,split-mind disorder" (S.147) den eigentlich korrekten Begriff f√ľr die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung darstellt.

Es gibt einige Symptome der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung, die - wie oben bereits erw√§hnt - mit Wahnph√§nomenen oder Halluzinationen einer Schizophrenie verwechselt werden k√∂nnten, wie z.B. ,,das Gef√ľhl von anderen beeinflu√üt zu werden, das Stimmenh√∂ren oder mit der Stimme eines anderen zu sprechen" (Fiedler & Mundt, 1997, S. 379). Dies f√ľhrt bei manchen Forschern dazu, die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung als ,,Grenzfall bzw. Risikosyndrom der psychotischen St√∂rungen" (Fiedler & Mundt, 1997, S. 380) zu bezeichnen.

Bliss (1986) hat beobachtet, da√ü viele Multiple Pers√∂nlichkeiten nicht nur akustische Halluzinationen (ein momentan dissoziierter Pers√∂nlichkeitszustand versucht das Verhalten durch Instruktionen oder Kommentare zu beeinflussen) erfahren, sondern auch Illusionen bzw. Wahnvorstellungen. Tritt eine Kombination dieser Merkmale auf, so f√ľhrt dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Fehldiagnose Schizophrenie, da es sich hierbei genau um zwei von f√ľnf m√∂glichen charakteristischen Symptomen des diagnostischen Kriterium A aus dem DSM-IV f√ľr die Schizophrenie handelt, von denen mindestens zwei erf√ľllt sein m√ľssen. Eine Fehldiagnose hat f√ľr den jeweiligen Patienten gravierende Folgen, denn je nach Diagnosestellung wird auch die weitere Behandlung konzipiert, die bei diesen beiden St√∂rungsbildern weit divergieren: Bei Schizophrenie handelt es sich eher um eine organische Gehirnerkrankung, daher ist die Prim√§rbehandlung eher physisch, d.h. medikament√∂s, w√§hrend die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung mit Hilfe einer Psychotherapie geheilt werden soll (Ross, 1989).

Um dieses Dilemma der Fehldiagnose v.a. aufgrund der akustischen Halluzinationen aufzul√∂sen, ben√∂tigt es genauere Untersuchungen der Art der vorliegenden Stimmen, denn hierbei handelt es sich wohl um das Kriterium, aufgrund dessen die meisten Fehldiagnosen gestellt werden. Ross (1989) studierte eben dieses, um einen differenzierteren Blick √ľber akustische Halluzinationen zu erhalten und diese eventuell in psychotische vs. dissoziative Stimmen einteilen zu k√∂nnen. Aufgrund langj√§hriger klinischer Erfahrung fand er heraus, da√ü die Stimmen bei akuter Schizophrenie eher bizarre, inkoh√§rente und irrationale Kennzeichen aufwiesen (z.B. Marsmenschen reden zu der Person durch ein Mikrophon, das in ihr Gehirn verpflanzt wurde u.√§.). Diese Stimmen k√∂nnen nicht in ein Gespr√§ch miteinbezogen werden weder durch den Therapeuten, noch durch den Patienten selbst. Im Gegensatz dazu besitzen Stimmen aufgrund dissoziativer Symptome mehrheitlich gegenteilige Charakteristiken: Der Inhalt der Stimmen weist eine gewisse Koh√§renz auf, ist rational und nicht bizarr. Dem Therapeuten ist es m√∂glich, Kontakt zu den Stimmen aufzunehmen und mit diesen Gespr√§che zu f√ľhren. Zudem scheinen sie immer aus dem Inneren des Kopfes des Patienten zu stammen. Ross (1989) schlie√üt mit der Feststellung, da√ü es zur Vermeidung von Fehldiagnosen unumg√§nglich sei, in der Untersuchung der Patienten zu versuchen, mit deren Stimmen Kontakt aufzunehmen, um herausfinden zu k√∂nnen, ob es sich um psychotische oder dissoziative Stimmen handele.

Der Begriff der Dissoziation (krankhafte Entwicklung, in deren Verlauf zusammengeh√∂rende Denk-, Handlungs- oder Verhaltensabl√§ufe in Einzelheiten zerfallen, wobei deren Auftreten weitgehend der Kontrolle des Einzelnen entzogen bleibt; Drosdowski, 1994, S. 354) ist mit der Schizophrenie historisch und theoretisch eng verwandt (Spitzer, Haug & Freyberger, 1997). In mehreren Studien zum Auftreten dissoziativer Symptome in Stichproben bestehend aus Schizophrenen und einer nicht klinischen Kontrollgruppe l√§√üt sich zusammenfassend Folgendes sagen: Bei Schizophrenen treten dissoziative Symptome signifikant h√§ufiger auf als in der Kontrollgruppe, wobei sich Patienten mit erh√∂hter Plussymptomatik wiederum signifikant von solchen mit einer weniger produktiven Symptomatik unterscheiden. Besonders zwei der sieben getesteten produktiven Symptome der Schizophrenie korrelierten signifikant mit einer hohen Auspr√§gung dissoziativer Psychopathologie, n√§mlich Illusion / Wahnvorstellung und halluzinatorisches Verhalten. Wenn aber derartige Korrelationen bestehen, so scheinen diese Symptome keinen hohen diagnostischen Wert zu besitzen bez√ľglich der Differenzierungsf√§higkeit zwischen den beiden St√∂rungsbildern Schizophrenie und Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung. Als Indikatoren f√ľr Schizophrenie w√ľrden dann sinnvollerweise die anderen produktiven Symptome wie z.B. desorganisierte Sprechweise und konzeptuelle Desorganisation herangezogen anstatt Illusion und akustische Halluzination.

Um zu einer genaueren Diagnosestellung zu gelangen, w√ľrde sicherlich zus√§tzlich eine differenziertere Definition der diagnostischen Kriterien helfen. Davison und Neale (1996) vertreten die Behauptung, da√ü das Problem von Fehldiagnosen in den letzten Jahren geringer geworden sein k√∂nnte, ,,da die Schizophrenie pr√§ziser definiert wurde" (Davison & Neale, 1996, S. 200).

Insgesamt kann wohl zusammengefa√üt werden, da√ü trotz der kontroversen Diskussion, ob die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung √ľberhaupt existiert, eher ein Trend dahin besteht, diagnostische Kriterien und charakeristische Symptome s√§mtlicher √§hnlicher St√∂rungen m√∂glichst genau zu bestimmen, um eventuelle Fehldiagnosen v.a. im Zusammenhang mit der weitaus bekannteren und h√§ufiger diagnostizierten St√∂rung Schizophrenie zu verhindern.

3.2 Borderline - Persönlichkeitsstörung

Im Hinblick auf die Differentialdiagnose der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird immer wieder daraufhingewiesen, v.a. auf eine Abgrenzung zu psychotischen St√∂rungen sowie zur Borderlinest√∂rung zu achten (Bliss, 1986; Davison & Neale, 1996; Fiedler, 1997; Schneider, 1994; St√ľbner et al., 1998).

Die historische Entstehung der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung geht auf foldendes Dilemma zur√ľck: Es gab Patienten, deren Symptomatik sich auf der Grenzlinie (englisch: borderline) zwischen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung und Psychose befand, aber keinem von beiden genau zuzuordnen war. Daraufhin wurde das neue St√∂rungsbild der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung kreiert.

Im DSM-IV (Sa√ü et al., 1996) wird als eins von neun m√∂glichen Kriterien f√ľr eine Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung genannt: ,,Vor√ľbergehende, durch Belastungen ausgel√∂ste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome." (S. 739). Dabei wird zus√§tzlich erw√§hnt, da√ü diese Symptome gew√∂hnlich von geringem Ausma√ü oder kurzer Dauer sind und somit keine zus√§tzliche Diagnose erlauben. Es wird also versucht, die Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung durch die Qualit√§t und Quantit√§t der aufgetretenen Symptome von der Kategorie der Dissoziativen St√∂rungen abzugrenzen.

Zum Verhältnis der Borderline Persönlichkeitsstörung zur Dissoziativen Identitätsstörung gibt es wenigstens drei Auffassungen:

(a) Die Multiple Persönlichkeitsstörung stellt eine Subgruppe der Borderline Persönlichkeitsstörung dar

(b) Es besteht eine erhöhte Komorbidität dieser beiden Störungsbilder

(c) Ph√§nomenologisch gesehen stellen die diversen Pers√∂nlichkeitszust√§nde der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung Weiterf√ľhrungen des Borderline ,,Splittings" dar, d.h. die Borderlinest√∂rung sollte ebenfalls den Achse I St√∂rungen zugeordnet werden und nicht den Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen der Achse II

Zur These, da√ü die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung eine Subgruppe der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung darstellt, werden im Folgenden die Aussagen von Dulz und Lanzoni (1996) zusammengefa√üt. Ihrer Meinung nach ist die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung ,,den dissoziativen Symptomen im Rahmen von Borderlinest√∂rungen zugerechnet." (S. 17). Somit stellt die Dissoziative Identit√§tsst√∂rung kein eigenes St√∂rungsbild dar, ,,sondern ein m√∂gliches Symptom der Borderlinest√∂rung" (Dulz & Lanzoni, 1996, S. 19). Die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung wird als Extremauspr√§gung einer dissoziativen Symptomatik, die insbesondere im Rahmen einer Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung auftreten kann, betrachtet. Insofern macht es auch keinen Sinn von Komorbidit√§t zu sprechen, denn nach diesem Ansatz werden s√§mtliche Symptome einem einzigen St√∂rungsbild zugeordnet und nicht zwei getrennten nebeneinander bestehenden St√∂rungen, v.a. aufgrund der hohen √Ąhnlichkeit bez√ľglich der Struktur, der √ľbrigen Symptomatik und der Genese von Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung und Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung. Auch Schneider (1994) stellt die Frage, ob es sich bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten um Borderliner handele, kommt dabei aber nicht ganz so eindeutig auf eine bejahende Antwort.

In der zweiten These hingegen vertreten Davison & Neale (1996) die Ansicht, da√ü neben der Diagnose Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung das Vorliegen weiterer St√∂rungen oft beobachtet werden kann, insbesondere ,,Depression, Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung und Somatisierungsst√∂rungen" (S.199). Es wird hier grunds√§tzlich von der Existenz zweier unterschiedlicher St√∂rungen ausgegangen, die eben auch nebeneinander auftreten k√∂nnen. Von Erkwoh und Sa√ü (1993) wird das Bestehen zweier getrennter St√∂rungen damit begr√ľndet, da√ü das Abspalten von unertr√§glichen Erfahrungen bzw. Konflikten bei der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung die eigene Identit√§t betrifft, w√§hrend dies beim Splitting der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung nicht der Fall ist, da√ü also ein Unterschied besteht zwischen Dissoziation und Splitting. Das h√§ufig gemeinsame Diagnostizieren der beiden St√∂rungen f√ľhren Fiedler und Mundt (1997) auf eine Reihe √ľberlappender Symptome zur√ľck, z.B. ,,findet sich der f√ľr die Borderlinest√∂rungen typische Wechsel des Selbstbildes und des interpersonalen Verhaltens sowie die Instabilit√§t der Stimmung auch im Zusammenhang mit den spontanen Verhaltens√§nderungen bei der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung." (S. 380).

Die dritte These √ľber den Zusammenhang von Multipler Pers√∂nlichkeitsst√∂rung und Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung besagt, da√ü die unterschiedlichen Pers√∂nlichkeitszust√§nde Ausfeilungen des Borderline Splittings darstellen. Splitting wird von Ross (1989) als Teilmenge von Dissoziation verstanden, deshalb geh√∂ren diese beiden St√∂rungen seiner Meinung nach in dasselbe dissoziative Cluster, wenn es sich dabei auch um unterschiedliche St√∂rungsbilder gradueller Art handelt. Insofern w√§re es unlogisch, sie - wie es in der Praxis der Fall ist - in zwei getrennten Kategorien aufzuf√ľhren, n√§mlich die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung bei den Achse I und die Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung bei den Achse II St√∂rungen. Da es sich nach Ross (1989) bei der Borderlinest√∂rung und auch bei der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung nicht um Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen handelt, sondern um Dissoziative St√∂rungen, fordert er, die Borderlinest√∂rung zu der Kategorie der Dissoziativen St√∂rungen (aus dem DSM-IV) hinzuzuf√ľgen.<(p>

Zusammenfassend kann gesagt werden, da√ü unter den Forschern, die sich mit der Thematik Borderline- und Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung befassen, keine Einigkeit √ľber das Verh√§ltnis der beiden St√∂rungen zueinander besteht. Da es sich bei der Borderline Pers√∂nlichkeitsst√∂rung um eine St√∂rung handelt, die relativ h√§ufig diagnostiziert wird und auch die Multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung immer mehr ins Blickfeld ger√§t, bleibt zu hoffen, da√ü zuk√ľnftige Forscher dieses Problem erneut aufgreifen und zu l√∂sen versuchen werden.

4. √Ątiologie

Dieser Abschnitt soll die Suche nach Ursachen f√ľr Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen erl√§utern. Im Laufe der Jahre, in denen man sich mit dem Ph√§nomen der Multiplen Pers√∂nlichkeit auseinander gesetzt hat, wurden immer wieder unterschiedliche Vermutungen laut √ľber deren Entstehungsgeschichte. Im folgenden werden sieben Modelle beschrieben, die sich mit den Ursachen von Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen besch√§ftigt haben. Hierbei wird zum einen davon ausgegangen, fr√ľhkindliche traumatische Erlebnisse f√ľr das St√∂rungsbild verantwortlich zu machen. Zum anderen gibt es Modelle, die Selbsthypnose in den Vordergrund bei der √Ątiologiefrage stellen. Es wurden Hypothesen wie die der Rollen - Fluktuation formuliert, ebenso wie von anderen Forschern behauptet wurde, Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen als iatrogen bedingt zu verstehen. In den beiden zuletzt beschriebenen Punkten zu diesem Thema handelt sich einerseits um ein geschlechtsspezifisches und anderseits um ein klinisches Modell.

4.1 Multiple Pers√∂nlichkeit als Folge fr√ľhkindlicher traumatischer Ereignisse

Geht man von traumatischen Ereignissen als Ursache von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen aus, so sind diesbez√ľglich zun√§chst vier Kategorien von Mi√übrauch zu unterscheiden:

Der sexuelle Mißbrauch umfaßt Gewalttaten wie Inzest und Vergewaltigung durch gleich- oder gegengeschlechtliche Erziehungsberechtigte.

Bei psychologischen Mi√übrauch handelt es sich z.B. um Deprivation von k√∂rperlicher N√§he oder auch um eine erzwungene Konfrontation mit toten Bezugspersonen und deren Ber√ľhrung. Physischer Mi√übrauch beinhaltet die t√∂tungsnahe Gef√§hrdung wie z.B. bei lebendigem Leibe begraben zu werden oder Folterung.

Verbaler Mißbrauch ist dann gegeben, sobald Elternteile in einem Sorgerechtsstreit versuchen, das Kind auf ihre Seite zu ziehen.

In einer Studie von Putnam et al. (1986), um nur eine herauszugreifen, wurden 100 F√§lle von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rurgen hinsichtlich fr√ľhkindlicher traumatischer Ereignisse untersucht. Es stellte sich heraus, da√ü 96% der Versuchspersonen (Vpn) ein traumatisches Kindheitserlebnis aufweisen, wovon 83% einem sexuellen Mi√übrauch zum Opfer gefallen sind, 75% k√∂rperliche Z√ľchtigung ertragen mu√üten und an 68% sowohl k√∂rperlicher als auch sexueller Mi√übrauch ver√ľbt wurde. Kommentiert man derartige Ergebnisse, so l√§√üt sich wohl kaum eine Verbindung zwischen fr√ľhkindlichen traumatischen Erfahrungen und Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung zur√ľckweisen.

Dieser Zusammenhang best√§tigt sich dar√ľber hinaus in den feststehenden Fakten, da√ü im Alter von bereits sechs Jahren sich die erste Alternativpers√∂nlichkeit bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten herausbildet, in 89% der F√§lle die erste Abspaltung von Pers√∂nlichkeiten bereits vor dem 12. Lebensjahr geschieht und da√ü 85% der Betroffenen eine kindliche Pers√∂nlichkeit im Alter von 12 Jahren oder j√ľnger aufweisen. Je gr√∂√üer dabei die Anzahl und die Unterschiedlichkeit der einzelnen traumatischen Ereignisse, desto fr√ľher werden erste Alternativpersonen gebildet und desto mehr Identit√§ten werden insgesamt abgespalten. (Erkwoh & Sa√ü, 1993). Ebenso ist die Konkretheit der Mi√übrauchssituation und das Alter des Opfers entscheidend daf√ľr, inwieweit es zu einer Abspaltung von Pers√∂nlichkeiten kommt.(Dulz & Lanzoni, 1996).

Kritisch anzumerken bleibt jedoch zum einen eine mangelnde √úberpr√ľfung der Richtigkeit der berichteten traumatischen Erlebnisse durch Angeh√∂rige und zum anderen die Tatsache, da√ü fr√ľhkindliche traumatische Erfahrungen auch bei anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen auftreten k√∂nnen. Ebenso ist ungekl√§rt, inwieweit sich Patienten und Therapeuten vorschnell zu einer Akzeptanz von Mi√übrauch als Ursache von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen hinrei√üen lassen. Eine weitere Schwierigkeit stellt die h√§ufig auftretende Amnesie der Patienten bzgl. der traumatischen Geschehnisse dar, die oftmals erst im therapeutischen Gespr√§ch aufgedeckt werden und damit der Gefahr der Verzerrung ausgesetzt sind.

Als Fazit l√§√üt sich ziehen, da√ü keine eindeutige √úberpr√ľfung m√∂glich ist, ob psychischer, physischer oder sexueller Mi√übrauch die wesentliche bzw. ausschlie√üliche Ursache von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen ist (Fiedler, 1997).

4.2 Persönlichkeitsabspaltung durch Selbsthypnose

Insbesondere Bliss (1986) geht von Selbsthypnose als Ursache von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen aus. Zentrale Begr√ľndung f√ľr diese Hypothese stellt die gute Hypnotisierbarkeit von Patienten mit einem derartigen St√∂rungsbild dar (Ross, 1989). In einem eigens von Bliss durchgef√ľhrten Experiment sollten sowohl Personen mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen (28 Vpn) als auch starke Zigarettenraucher (89 Vpn) den Hypnotic Susceptibility Scale zur Messung der Hypnotisierbarkeit bearbeiten. Die Ergebnisse best√§tigten signifikant Bliss¬īs Annahme einer besseren Hypnotisierbarkeit der Multiplen Pers√∂nlichkeiten (Bliss, 1986). Ebenso Schneider (1994) konnte zeigen, da√ü Opfer nachweislich psychologischer Verletzung, eine mitunter angenommene Grundvoraussetzung von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen, statistisch wie qualitativ besser als der Durchschnitt hypnotisierbar sind.

Die guten Behandlungserfolge, die mittels Hypnose bei Betroffen von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen erzielt werden k√∂nnen, bekr√§ftigen ebenfalls die Vermutung, Selbsthypnose als Ursache von Identit√§tsspaltung zu sehen (Ross, 1989). Oftmals ist es dem Therapeuten m√∂glich, mittels eines k√ľnstlich induzierten Trancezustandes die verschiedenen Pers√∂nlichkeiten zum Vorschein zu bringen und diese in einem anschlie√üenden Gespr√§ch genauer zu analysieren (Bliss, 1986).

Ebenso Best√§tigung f√ľr eine derartige Hypothese sind die Trancezust√§nden, in die die betroffene Person verf√§llt, sobald sie mit schmerzvollen Situationen konfrontiert wird. So zeigte beispielsweise ein Patient einen entsprechenden Zustand in dem Moment, wie er mit einem Arztkittel in Ber√ľhrung kam, da ihn dieser an die grausamen "Doktorspiele" des Vaters in seiner Kindheit erinnerte (Bliss, 1986).

Abschlie√üende Punkte, die f√ľr den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Selbsthypnose und Dissoziativer Identit√§tsst√∂rungen stehen, sind zum einen das analoge Verhalten von "normalen" Personen im Hypnosezustand und Multiplen Pers√∂nlichkeiten, die nicht hypnotisiert sind. Zum anderen gibt es Verbindungen von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen zu weiteren autohypnotischen St√∂rungen ( Ross, 1989).

Bliss (1986) geht davon aus, da√ü Personen, die leicht zu hypnotisieren sind, sich schon fr√ľher selbst spontan hypnotisiert haben. Diese von ihm als primitiv bezeichnete Technik wenden Personen insbesondere dann an, wenn sie mit schrecklichen Geschehnissen wie Mi√übrauch konfrontiert werden. Die hypnotischen F√§higkeiten erm√∂glichen es ihnen, den Grausamkeiten des Mi√übrauchs zu entfliehen und Erinnerungen zu verdr√§ngen. Die Crux einer solchen Vorgehensweise besteht darin, da√ü Personen im fr√ľhen Kindesalter diesen Abwehrmechanismus in Stre√üsituationen meist unbewu√üt einsetzen. Unerfreuliche und schreckliche Erfahrungen werden vergessen bzw. verdr√§ngt und einer anderen Pers√∂nlichkeit unterstellt. Im Fall der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung wird Selbsthypnose mi√übraucht, um Amnesie und andere Identit√§ten zu erzeugen.

Problematisch an diesem Ansatz ist der ihm zugrunde liegende tautologische Schlu√ü. Man geht davon aus, da√ü alle Personen mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen leicht hypnotisierbar sind und h√§ufig Anzeichen von hypnotischen Zust√§nden zeigen. Dementsprechend werden alle Personen mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen als autohypnotisch bezeichnet. Als Folge dessen wurde schlie√ülich Selbsthypnose zur Ursache von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen gemacht. Es ist jedoch falsch, ein Ph√§nomen einer St√∂rung als dessen Ursache zu verstehen. Es handelt sich hierbei um einen Ansatz aus der Ph√§nomenologie, der keine zugrunde liegende Theorie aufweist. Ein Modell, das aber Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen begr√ľnden will, mu√ü mehr Erkl√§rung liefern als nur ein Ph√§nomen wie Autohypnose. Insgesamt hat man sich in diesem Fallzu sehr auf intrapsychische Prozesse beschr√§nkt (Ross,1989).

√Ąhnlich wie Bliss gehen Spiegel und Cordena (1990, nach Fiedler, 1997) davon aus, da√ü sich Dissoziation aus einer "aufmerksamkeitsabsorbierenden Fokusbildung auf das traumatische Geschehen" (S. 222) ergibt. Die betroffene Person hat ihrer Meinung nach keine andere M√∂glichkeiten, das bedrohliche Ereignis kognitiv oder affektiv zu verarbeiten. Ein Weglaufen im herk√∂mmlichen Sinne, meistens bedingt durch das geringe Alter des Opfers, ist nicht m√∂glich. Die Person ist im Bann des Geschehens, das sie alles um sich herum vergessen l√§√üt. Nach und nach, wie sich die Erinnerung an das traumatische Ereignis wieder einstellt, ist es der Person m√∂glich, die Vorkommnisse zu verarbeiten. Tritt jedoch wiederholt eine derartige Traumatisierung auf, so bleibt eine Amnesie bestehen, und es kommt zur Abspaltung von Pers√∂nlichkeiten. In diesem Ansatz wird immer wieder betont, da√ü die Menschen pr√§dispositionell √ľber einen derartigen Selbstregulationsmechanismus verf√ľgen, der ihnen die M√∂glichkeit einer zeitweiligen Dissoziation bietet. Im Sinne der Autoregulationshypothese hat die Dissoziation einen hohen Anpassungswert. Extreme Affekte werden auf verschiedenen Identit√§ten verteilt und jeweils partiell ausgegrenzt. Urspr√ľngliche Affekte ebenso wie urspr√ľngliche traumatische Erfahrungen werden aus der bewu√üten Wahrnehmung verdr√§ngt, k√∂nnen sich jedoch in Dissoziationserlebnissen in Form von Partialerfahrungen wieder einstellen. Die Wahrnehmung der Person als Ganzes wird unterbunden aufgrund mangelnder kognitiver, ebenso wie affektiver Verarbeitung und Strukturierung (Fiedler, 1997).

Umstritten bleibt jedoch, inwieweit Menschen tatsächlich genetisch zu derartigen Fähigkeiten prädestiniert sind oder inwieweit Übung dieses "Talent" fördern bzw. hervorbringen kann. Eine Untersuchung von Morgan an eineiigen (EZ) und zweieiigen Zwillingen (ZZ) ebenso wie an Geschwistern liefert mit Korrelationen von r = 0.52 bei EZ, r= 0.17 bei ZZ und r = 0.19 bei Geschwistern Ergebnisse, die genetische Vererbung vermuten lassen (Bliss, 1986).

4.3 Rollen-Fluktationshypothese

Vertreter der Rollen-Fluktationshypothese sind √ľberzeugt, da√ü es sich bei Dissoziation nicht um einen Autoregulationsproze√ü handelt, der bei den Menschen pr√§dispositionell unterschiedlich stark ausgebildet ist, sondern sie gehen vielmehr davon aus, da√ü die Betroffenen bewu√üt ihre Aufmerksamkeit von den Geschehnissen ablenken k√∂nnen, um somit einer Verarbeitung von Ereignisse zu entgehen. Genauer gesagt, Dissoziation l√§√üt eine "nichtgewollte" Verarbeitung traumatischer Ereignisse au√üen vor. Bei der Bew√§ltigung von traumatischen Kindheitserlebnissen handelt es sich demzufolge um einen steuerbar - intentionalen Proze√ü. Das traumatische Erlebnis gilt nicht mehr als notwendig f√ľr die Ausbildung von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen. Der Vorteil dieses Modells besteht darin, da√ü es auch andere Faktoren wie z.B. extreme Vernachl√§ssigung der Kinder durch ihre Eltern bei der Suche nach Ursachen f√ľr ein derartiges St√∂rungsbild ber√ľcksichtigt (Fiedler, 1997).

4.4 Iatrogenese der Dissoziativen Identitätsstörung

Der im folgenden beschriebene Abschnitt bezieht sich im wesentlichen auf √Ąu√üerungen von Ross (1989). Aus iatrogener Sicht werden Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen provokativ als "Artefakt" bezeichnet. Vertreter gehen davon aus, da√ü das St√∂rungsbild der Multiplen Pers√∂nlichkeit allein durch die Doktor-Patient-Beziehung hervorgerufen wird. Man glaubt, Wesensz√ľge von Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen im Rahmen von Experimenten nachstellen zu k√∂nnen. Es wird sogar als "leicht" beschrieben, Studenten so zu beeinflussen, da√ü sie sich verhalten, als ob sich mehrere Identit√§ten in ihnen verbergen w√ľrden. Unter entsprechender Befragung eines Versuchsleiters ist es also m√∂glich, da√ü studentische Vpn ohne Probleme analoge Z√ľge zu Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen annehmen. Die Ergebnisse haben gezeigt, da√ü "normale" Versuchspersonen tats√§chlich andere Pers√∂nlichkeiten generieren k√∂nnen, falls das experimentelle Umfeld genau organisiert und strukturiert wird. Jedoch bleibt anzumerken, da√ü es sich beim Bilden anderer Identit√§ten um eine "normale" F√§higkeit handelt, die jedem bekannt sein d√ľrfte, der einmal in einem Buch vertieft war oder Kinder beobachtet hat, wie sie mit ihrem imagin√§ren Spielgef√§hrten kommunizierten. Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen hingegen benutzen die Methode der Dissoziation, um mit traumatischen Geschehnissen fertig zu werden. Es ist falsch, Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen als eine phantastische Besonderheit abzutun, ohne das Mi√übrauchsopfer zu sehen, das andere Pers√∂nlichkeiten als Zuflucht geschaffen hat, um zu √ľberleben. Die Leidensgeschichte ebenso wie andere psychische Symptome m√ľssen mitber√ľcksichtigt und nicht au√üen vor gelassen werden. "Normale" Versuchspersonen, wie eine Stichprobe von Studenten, weisen nicht eine derartige Vorgeschichte auf und k√∂nnen deshalb in einem Experiment dem Verhalten von Betroffenen nie genau entsprechen.

H√§ufig werden Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen auch wegen der verst√§rkt auftretenden Symptome w√§hrend einer Therapiesitzung als iatrogen bezeichnet. Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen werden im Rahmen einer Therapie oftmals mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert, die bislang hinter einer amnestischen Barriere verborgen waren. Es kommt zur Dissoziation des Patienten, um dem internen phobischen Stimulus, d.h. der Erinnerung an den Mi√übrauch, zu entgehen, wodurch sich dem Therapeuten mehrere Pers√∂nlichkeiten offenbaren. Es bleibt jedoch fraglich, warum f√ľr ein derartiges Verhalten ausschlie√ülich das Therapeut-Patienten-Gespr√§ch verantwortlich gemacht werden sollte.

Es gibt keinen Anla√ü Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen eher als iatrogen zu bezeichnen als andere psychische St√∂rungen. In einem Vergleich von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen mit Angstst√∂rungen ergibt sich ein berechtigter Zweifel an der Iatrogenese von Pers√∂nlichkeitsspaltung. Eine Angstst√∂rung ist gekennzeichnet durch eine Vermeidung bestimmter externer Stimuli wie z.B. die Angst vor Menschenmengen. In der Therapie eines Angstpatienten werden dessen √Ąngste zun√§chst offen dargelegt, wodurch der Patient h√§ufig mehr Angst empfindet als gew√∂hnlich. Die Angst kann sich sogar auf die Besuche beim Therapeuten ausweiten und dennoch kommt kein Zweifel an der Validit√§t von Angstst√∂rungen auf. Analog wie bei Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen werden zun√§chst die Symptome in der Therapie verst√§rkt mit der einen Ausnahme die St√∂rung trotzdem nicht als Artefakt zu verstehen. Es liegen also keine triftigen Gr√ľnde daf√ľr vor, Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen eher als iatrogen zu bezeichnen als eine andere psychische St√∂rung wie die Angstst√∂rung. Das Ansteigen der Symptome zu Beginn der Behandlung beruht vielmehr darauf, da√ü andere Pers√∂nlichkeiten aufgedeckt als da√ü neue gebildet werden. Dennoch mu√ü Vorsicht geboten sein, wenn innerhalb einer Therapie Symptome von Dissoziation hervorgerufen werden, ebenso wie man sich bewu√üt sein mu√ü, da√ü sich die St√∂rung durch die Behandlung zun√§chst verschlimmern kann. Eine Therapie von Betroffenen mu√ü genau strukturiert sein, um eine iatrogene F√∂rderung zu minimieren. Insgesamt jedoch kann durch den Vergleich von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen mit anderen psychischen St√∂rungen nicht unbedingt zur√ľckgewiesen werden, da√ü Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen in gewisser Weise k√ľnstlich hergestellt werden k√∂nnen.

Ebenso gegen Iatrogenese bei Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen spricht ein Experiment von Ross (1989). In diesem sollten sowohl 44 amerikanische Spezialisten f√ľr Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen, als auch 40 kanadische Allgemeinpsychologen 236 Patienten diagnostizieren. Die Speziallisten haben wider aller Erwartungen weniger Patienten mit Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen identifiziert. Derartige Ergebnisse sind nicht mit der iatrogenen Sicht zu vereinbaren. Laut dieser Vorstellung h√§tten die Speziallisten weitaus mehr Betroffene diagnostizieren m√ľssen, da sie eher Symptome von Dissoziation ausl√∂sen m√ľ√üten als die nicht speziell geschulten Kanadier.

Trotz aller Argumente, die gegen eine iatrogene Sichtweise sprechen, bleiben entsprechende Experimente erforderlich, um Effekte von Behandlungen ebenso wie die Wichtigkeit einer guten Diagnose herausstellen zu können.

4.5 Geschlechtsspezifische Verteilung durch soziokulturelle Rollenprägung

Eine Studie in Nordamerika hat gezeigt, da√ü sich f√ľnf bis zehn mal mehr Frauen aufgrund von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen in psychologischer Behandlung befinden. Es wird davon ausgegangen, da√ü Frauen h√§ufiger Opfer von Mi√übrauch sind als dies bei M√§nnern der Fall ist. Diese Argumentation bleibt jedoch √§u√üerst fraglich, denn sowohl Jungen wie M√§dchen sind gleicherma√üen der Gefahr von Mi√übrauch ausgesetzt. Eine weitere Begr√ľndung f√ľr die weitaus h√∂here Pr√§valenzrate unter der weiblichen Bev√∂lkerung liegt in der Annahme, da√ü Frauen eher als M√§nner Dissoziation mit ihrem Selbstbild in Einklang bringen k√∂nnen. Es wird behauptet, da√ü Jungen aufgrund ihrer h√∂heren autonomen Statuserwartung sich weniger zu Dissoziation hinrei√üen lassen als dies wom√∂glich M√§dchen tun. Diese geschlechtsspezifische Rollenverteilung liegt bereits im Alter von drei bis vier Jahren vor, also in dem Alter, in dem oftmals der erste Mi√übrauch ver√ľbt wird. M√§dchen scheinen autoplastisch mit Mi√übrauch umzugehen, indem sie Erdulden als Abwehrstrategie w√§hlen. Sie verwenden Operationen, die sich weniger gegen den Angreifer als vielmehr gegen sie selbst richten. Jungen hingegen entscheiden sich eher f√ľr eine alloplastische Verteidigungsform, die sich in einem Zur√ľckschlagen gegen den Angreifer √§u√üert. Dieses metapsychologische Modell wird von Befunden von Bliss gest√ľtzt: ,,Female MPD patients tend to be more likely to present with symptoms more referrable to anxiety, phobias, conversion reactions and obsessional fears, whereas male MPD patients tend to have significantly more sociopathy and alcohol abuse." (Schneider, 1994, zitiert nach Bliss, 1986, S.146).

Die herausgestellte ungleiche Verteilung der St√∂rung unter M√§nnern und Frauen liefert Anla√ü, √úberlegungen √ľber die angestellte Rollenpr√§gung hinaus anzustellen. Die Anthropologie k√∂nnte einen weiteren Erkl√§rungsansatz bieten. K√∂nnte entsprechend gezeigt werden, da√ü Frauen mit einem anderen Verteidigungs- und Aggressionspotential ausgestattet sind als dies bei M√§nnern der Fall ist, so w√§re die Genese von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen unter biologischen Gesichtspunkten zu betrachten (Schneider, 1994).

4.6 Neuronale Ursachen von Multipler Persönlichkeit

Bereits seit dem 19. Jahrhundert kam immer wieder die Frage auf, inwieweit es sich bei Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen um eine neurologische Fehlentwicklung handelt. Es wurde vermutet, da√ü die Dissoziative Identit√§tsst√∂rung sowohl die psychologische wie auch die verhaltensm√§√üige Manifestation von Fehlsteuerungen im Temporallappen ist. In entsprechend durchgef√ľhrten Studien in den 80er Jahren fand sich eine Reihe von Patienten, die neben Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen, Anf√§lle von Epilepsie aufgrund einer Dysfunktion im Temporallappen erlitten. Es wurde die Annahme laut, Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen als Nebenerscheinung einer bestimmten Form von Epilepsie zu verstehen (Benson, 1986 nach Ross, 1989).

Eine weitere neuronale Ursache wurde in einer Fehlverbindungen zwischen der rechten und linken Hemisphäre vermutet (Brenner & Evans, 1984 nach Ross, 1989). Sidtis (1986, nach Ross, 1989) ist dieser Theorie genauer auf den Grund gegangen, wobei er feststellte, daß auf diese Weise nur zwei Persönlichkeiten entsprechend der beiden Gehirnhälften erklärt werden können und demnach komplexere Störungsbilder nur unzureichend beschreibbar sind. Ebenso bemerkte er, daß bei einer neuronalen Ursache die Erfolge von Psychotherapie bei Betroffen, die nicht von der Hand zu weisen sind, unerklärbar bleiben.

Insgesamt l√§√üt sich trotz vieler Untersuchungen in diesem Bereich kein eindeutiger Beweis finden, der f√ľr neuronale Ursachen bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten spricht (Ross, 1989).

4.7 Ein klinisches Modell zur Multiplen Persönlichkeit

Das von Kluft entwickelte Modell setzt sich aus vier Faktoren zusammen, die Dissoziative Identit√§tsst√∂rungen begr√ľnden sollen. Er bezeichnet Betroffene als √ľberm√§√üig gut im Dissozieren (1), wobei sie diese F√§higkeit insbesondere in Mi√übrauchssituationen einsetzten (2). Er geht davon, da√ü die Art und Struktur von Multiplen Pers√∂nlichkeiten abh√§ngig von deren Temperament und Erfahrungen ist (3), womit Kluft sowohl soziale als auch kulturelle Faktoren in seine Theorie miteinbezieht. Entscheidend f√ľr seine Theorie ist die Annahme, da√ü ein Mi√übrauch mehrmals ver√ľbt wurde und da√ü das Opfer zu wenig Liebe und F√ľrsorge erhielt, um die Wunden des Mi√übrauchs zu heilen (4). In diesem Punkt legt er insbesondere auf die Anzahl der ver√ľbten Gewalttaten wert, denen eine Person zum Opfer fiel.

Alles in allem ist dieses Modell zur Genese von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen sehr einfach, wobei es jedoch alle Wesensz√ľge zur Multiplen Pers√∂nlichkeit einschlie√üt. Es gibt Anweisungen zur Behandlung und stimmt mit Reaktionen von Patienten auf Behandlungen √ľberein. Seine vier Punkte zur Entstehungsgeschichte best√§tigen sich in offenen Fragen des Therapeuten an die einzelnen Pers√∂nlichkeiten, die z.B. danach fragen, warum sie geschaffen wurden bzw. welche Funktionen sie zu erf√ľllen haben. Es handelt sich um ein Modell, dem in der heutigen Zeit viel Bedeutung zugeschrieben werden mu√ü, da hier viele Theorien und Erfahrungen eingebracht wurden (Ross, 1989).

5. Mögliche Facetten multipler Persönlichkeiten

Im folgenden sollen einige m√∂gliche Facetten Multipler Pers√∂nlichkeiten n√§her dargestellt werden. Hierbei beziehen wir uns ausschlie√ülich auf Ausf√ľhrungen von Ross (1989). Die Auswahl der Facetten begr√ľndet sich auf eine Studie von Ross (1989), der 236 Versuchspersonen untersuchte. Der Autor konnten hierbei vier Pers√∂nlichkeitszust√§nde als besonders wichtig klassifizieren, zumal diese bei ca. 85% ihrer Stichprobe auftraten: die Kinderpers√∂nlichkeit, der Besch√ľtzertypus, die Verfolgerpers√∂nlichkeit und der gegengeschlechtliche Charakter. Zwar konnten noch weitere Typen identifiziert werden wie z.B. die Pers√∂nlichkeit eines verstorbenen Verwandten; diese kommen aber vergleichsweise selten vor und sollen im Rahmen dieser Arbeit nicht ber√ľcksichtigt werden.

5.1 Die Kinderpersönlichkeit

Die Kinderpers√∂nlichkeit ist wohl die am h√§ufigsten vorkommende Facette bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten. So wie alle anderen Typen kann auch das Kinder-Ich je nach Patient qualitativ und quantitativ unterschiedlich ausgepr√§gt sein. Es finden sich zum einen z.B. verschreckte und mi√ütrauische Kinderpers√∂nlichkeiten, die Angst davor haben, vom Therapeuten mi√übraucht zu werden. Typische Verhaltensweisen sind hier in der Ecke kauern, das Einnehmen einer Embryonalhaltung, am Daumen lutschen, nach der Mutter schreien oder einfache Frage stellen wie z.B.: ,,Wer bist du?". Zum anderen gibt aber auch zufriedene, ausgeglichene und freundliche junge Erwachsene unter ihnen, die behaupten, sie seien sieben oder acht Jahre alt. Wieder andere Kindercharaktere sind spontan, kindisch und vergn√ľgt, im Gegensatz zu anderen, die sich spontan abreagieren und schreckhaftes hysterisches Verhalten zeigen, mit dem Mitmenschen nur schwer umgehen k√∂nnen. Es kann also die gesamte Palette an menschlichen Pers√∂nlichkeitseigenschaften auftreten. Einige Kinder sind zu vielen verschiedenen Emotionen, Einstellungen und Verhaltensweisen f√§hig, andere wiederum sind darin eher begrenzt, indem sie nur eine Emotion zeigen.

Allen Kinder-Ichs von Personen mit Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung ist gemein, da√ü sie sich im Laufe der Therapie entwickeln und eventuell ein guter Freund des Therapeuten werden k√∂nnen. Jede Kinderpers√∂nlichkeit stellt eine eigene Entit√§t dar, oder die einzelnen Kinder innerhalb einer Multiplen Pers√∂nlichkeit sind organisiert. Dementsprechend kann es zwei oder drei F√ľhrer unter den Kindern geben, die das Aufkommen von Erinnerungen, von Abreaktion und von amnestischen Schranken zwischen den Kinderpers√∂nlichkeiten kontrollieren. Diese F√ľhrer k√∂nnen kooperativ oder feindlich gesinnt sein. M√∂glicherweise k√∂nnen sich dabei die Organisationsstrukturen verschieben und unz√§hligen Permutationen unterliegen.

Die diversen Kinder-Ichs einer Multiplen Pers√∂nlichkeit k√∂nnen √§lter oder auch j√ľnger als das eigentliche Alter des Betroffenen sein. Es ist also m√∂glich, da√ü eine zehn Jahre alte Kindpers√∂nlichkeit sowohl in einem sechsj√§hrigen als auch in einem dreiunddrei√üigj√§hrigen Patienten steckt. Diese Kinder k√∂nnen mit der Zeit altern, meist jedoch entweder √ľberm√§√üig schnell oder langsam. Denkbar ist auch ein stufenweises Altern, bei dem einfach in einer bestimmten Periode der Proze√ü des √Ąlterwerdens aussetzt. Ebenso existieren auch Pers√∂nlichkeitszust√§nde, die kein spezielles Alter aufweisen oder sich diesbez√ľglich unsicher sind. Normalerweise haben Kinder-Alters, die zu ihrer Entstehungszeit √§lter waren als der Patient, eine Besch√ľtzerfunktion oder sie verhalten sich herabw√ľrdigend, setzen sich mit physischen Kr√§ften durch, fertigen die Schulaufgaben an bzw. erledigen den Haushalt. Auch wenn die Person schon erwachsen ist, kann die Kinderpers√∂nlichkeit immer noch zehn oder zw√∂lf Jahre alt sein, wobei sie daf√ľr √ľberdurchschnittlich reif erscheint.

Kinder-Alters sind nicht als "normale" Kinder anzusehen, ihre kognitiven Strukturen unterscheiden sich. Ihr Entwicklungsstand kann weit √ľber oder unter dem Alter liegen, welches sie angeben. So k√∂nnen lange W√∂rter und abstrakte Konzepte im Vergleich zu "normalen" Altersgenossen √ľberdurchschnittlich schnell oder langsam verstanden werden. √Ąhnlich verh√§lt es sich im Umgang mit moralischen Dilemmatas.

Bei den einzelnen Alters der Multiplen Persönlichkeit macht es oft den Anschein, als ob sie sich in Trance befänden, da sie schreckhaftes Verhalten zeigen und glauben, das Gegenwärtige und das Vergangene wären eins. In Wahrheit sind aber bei der großen Mehrheit der Kinderpersönlichkeiten die Sinnestätigkeiten, ebenso wie das Bewußtsein und die kognitiven Strukturen intakt.

In der Regel ist es einfach, eine Kinderpersönlichkeit zu identifizieren: Oftmals zeigt sich ein Wechsel in der Körperhaltung: Der Kopf ist geneigt, die Blicke gehen seitwärts oder die Handbewegungen wirken angespannt, nervös oder kindlich, wobei auch der Gesichtsausdruck variieren kann. Ausdrucksveränderungen ergeben sich ebenfalls in der Sprache, die lispelnd, ruhig, einsilbig, weinend oder gar singend sein kann. Hinzu kommt eventuell ein kindliches Vokabular, eine unreife Handschrift und eine einfache Art der Kommunikation.

Eine der wichtigsten Aspekte beim Umgang mit Multiplen Pers√∂nlichkeiten ist das Helfen beim Abreagieren aufgestauter Emotionen. W√§hrend der Abreaktion kann das Kinder-Alter den Vater bitten, aufzuh√∂ren, weinen, schreien, starke Traurigkeit ausdr√ľcken oder nach seinem Unterleib greifen. Dabei ist es m√∂glich, da√ü es z.B. zu Handbewegungen kommt, die den gedanklich vor Augen habenden Vater aus der Vagina heraussto√üen. Die Echtheit und die Intensit√§t des Abreagierens ist eine der typischten Kennzeichen einer Multiplen Pers√∂nlichkeit. Dem Therapeuten bietet sich ein Bild, als ob er tats√§chlichen einer Vergewaltigung beiwohnen w√ľrde.

5.2 Der Besch√ľtzertypus

Besch√ľtzer-Pers√∂nlichkeiten kommen in vielen verschiedenen Arten vor und besch√ľtzen auf unterschiedliche Weise. Grunds√§tzlich sind sie fast nie j√ľnger als zehn Jahre, wobei sie h√§ufig ein h√∂heres Alter als der Patient aufweisen oder zumindest altersgleich mit ihm sind. In vielen F√§llen kommt es zu √úberschneidungen und regem Austausch zwischen dem Besch√ľtzer- und dem Beobachtertypus. Der Beobachter nimmt dabei eher die passive Rolle ein, gibt aber dem Besch√ľtzer die notwendigen Informationen, die jener f√ľr sein aktives Eingreifen ben√∂tigt.

Die Besch√ľtzer, die sich vor dem zehnten Lebensjahr herauskristallisiert haben, befinden sich oftmals im Jugendalter. Diese Pers√∂nlichkeitszust√§nde altern entweder chronologisch oder gar nicht. Sie zerfallen meist in ein oder zwei Typen mit unterschiedlichen Charakterz√ľgen: Die eine Auspr√§gungsform verh√§lt sich eher ruhig und reif, w√§hrend sich die andere durch ein relativ launisches und aggressives Temperament auszeichnet. Erstere helfen dem Individuum, indem sie reifere Bew√§ltigungsstrategien bereitstellen, das Umschalten zwischen den einzelnen Identit√§tszust√§nden kontrollieren, traumatische Situationen und √Ąrger vermeiden. Die aggressiven jugendlichen Besch√ľtzer sind eher f√ľr antisoziales Verhalten verantwortlich: Es werden Gegenst√§nde zerst√∂rt und Leute t√§tlich angegriffen. Oft ist ihre Aggression gleichzeitig nach innen und nach au√üen gerichtet, so da√ü sie Verfolger und Besch√ľtzer zugleich sind. M√∂glicherweise versucht die dissoziierte Besch√ľtzerpers√∂nlichkeit die Prim√§rpers√∂nlichkeit des Patienten zu t√∂ten mit der Begr√ľndung, diese habe schon genug in ihrem Leben gelitten. Dies wird oft mittels Drogenmi√übrauch versucht zu erreichen.

Eine andere Art von Besch√ľtzern stellen die Vermeider dar, welche √ľber nur wenige Fertigkeiten verf√ľgen. Manchmal sind diese Pers√∂nlichkeitszust√§nde Kinder mit lediglich einer bestimmten Funktion. So sind einige Vermeider dazu da, sich vor dem gewaltt√§tigen Vater zu verstecken oder sich in Trancezust√§nde zu versetzen. Es handelt sich um Techniken, die dazu dienen, ein traumatisches Ereignis zu √ľberleben. Einige Besch√ľtzer haben keine Gef√ľhle, sind physisch taub und wenden gef√§hrliches Verhalten ab. Diese Alters verf√ľgen nur √ľber wenige Fertigkeiten des gro√üen Repertoires der Sinnesempfindungen, √ľber welches jeder andere Jugendliche potentiell verf√ľgt.

Erwachsene Besch√ľtzerpers√∂nlichkeiten verwenden eher √ľberlegte und vern√ľnftige Strategien. Manchmal k√∂nnen sie kontrollieren bzw. anweisen, welche Pers√∂nlichkeit auftreten soll und welche nicht. Normalerweise sind die erwachsenen Besch√ľtzeralters weniger amnestisch als die Kinder-Besch√ľtzer. Der Erwachsenenbesch√ľtzer kann sehr m√§chtig sein und ist u.U. in der Lage, den Patienten in den Zustand eines katatonen Stupors zu versetzen. Ein solcher Stupor ist nicht ungew√∂hnlich bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich um einen primitiver Abwehrmechanismus und kann generell schlecht kontrolliert werden.

Manche Besch√ľtzer haben eine Beobachterfunktionen √ľbernommen. Diese Entit√§ten neigen dazu, in ihrem Wesen leblos und gef√ľhlskalt zu sein.

In nordamerikanischen Studien an Patienten mit Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung wiesen mehrere Beobachter mystische Z√ľge auf, denen Namen wie "innere Selbsthelfer" oder "Zentren" gegeben wurden. Einige Therapeuten sprechen diesen "Zentren" transzendentale, heilende F√§higkeiten bzw. psychische Kr√§fte zu. "Innere Selbsthelfer" sind Beobachter und Besch√ľtzer zugleich, obwohl manche nur durch Wissen helfen und nicht durch ihr aktives Zutun.

5.3 Die Verfolgerpersönlichkeit

Die Verfolgerpers√∂nlichkeit ist oft f√ľr Selbstmordversuche, Unf√§lle, selbstzerst√∂rerisches Verhalten und nach au√üen gerichtete Aggression verantwortlich. Sie kann antisozial und herablassend sein, stehlen und Drogen mi√übrauchen. Oftmals besitzen sie ein jugendliches Alter und behaupten, ein D√§mon, ein toter Verwandter oder jemand anderes zu sein. Ihr Verhalten wird beschrieben als grob, sorglos und ver√§chtlich, welches Ausdruck einer ungl√ľcklichen, einsamen und abgelehnten Selbstidentit√§t ist.

Verfolger greifen die anderen Pers√∂nlichkeitszust√§nde mit physischen und psychischen Mitteln an. So f√ľgen sie z.B. der Prim√§rpers√∂nlichkeit mit Zigaretten Brandwunden zu, schneiden ihr die Pulsadern auf, zwingen sie dazu, Tabletten zu nehmen oder vor einen Lastwagen zu springen. Sobald die Situation einen lebensbedrohlichen Charakter annimmt, √ľbergibt der Verfolger seine dominierende Position wieder an die Prim√§rpers√∂nlichkeit ab und l√§√üt diese mit der Situation alleine. Die dahinterstehenden Motive k√∂nnen sehr verschiedenartig sein. Typischerweise meinen Verfolger, andere Pers√∂nlichkeitszust√§nden verletzen zu k√∂nnen, ohne sich dabei selbst in Gefahr zu bringen.

Verfolger verursachen auf verschiedenartige Weise interne Schwierigkeiten. Sie k√∂nnen andere Identit√§tszust√§nde zu Halluzinationen veranlassen und ihnen ein Gef√ľhl von Angst und Desorientierung vermitteln. So werden z.B. Kinder traktiert, indem die Verfolger sie glauben lassen, da√ü ihr Spielkamerad in Wirklichkeit der mi√übrauchende Vater ist. Zus√§tzlich k√∂nnen sie beispielsweise Muskelzucken, Schmerzen und andere imagin√§re Symptome bewirken oder andere Alters verbal tyrannisieren.

5.4 Der gegengeschlechtliche Charakter

Gegengeschlechtliche Alters haben im wesentlichen zwei Hauptfunktionen: Entweder verk√∂rpern sie starke Besch√ľtzer oder den homosexuellen Antrieb des Patienten. Letzteres ist gegeben, wenn z.B. eine Patientin eine heterosexuelle M√§nnerpers√∂nlichkeit inne hat. Biologisch gesehen liegt hierbei Homosexualit√§t vor, da die Patientin eine sexuelle Beziehung zu einer Frau unterh√§lt. Psychologisch gesehen jedoch ist Heterosexualit√§t gegeben, sofern die Patientin in diesem Moment von der ihr innewohnenden M√§nnerpers√∂nlichkeit dominiert wird. Das Gegenteil liegt genau dann vor, wenn die Patientin eine homosexuelle M√§nnerpers√∂nlichkeit aufweist. In diesem Fall fungiert das Alter als eine Verleugnung des heterosexuellen Antriebs, da sie zwar biologisch gesehen eine heterosexuelle Beziehung f√ľhrt, nach psychologischen Gesichtspunkten jedoch homosexuellen Verlangen nachgeht.

Weibliche Betroffene mit einer Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung zeigen oft Pers√∂nlichkeitszust√§nde, die eine Form von sekund√§ren Lesbianismus zur Schau stellen. Diese k√∂nnen keine normale sexuelle Beziehung mit einem Mann eingehen, weil sie zuvor z.B. von ihren V√§tern sexuell mi√übraucht wurden. Demnach f√ľhlen sich die Alters sexuell von Frauen angezogen, in erster Linie um k√∂rperliche Intimit√§t, Zuneigung und W√§rme zu erlangen. F√ľr sie der blo√üe Geschlechtsakt ein zweitrangiges Thema.

Wenn eine Patientin mit der Selbstidentit√§t einer Homosexuellen Probleme hat, kann sie eine M√§nnerpers√∂nlichkeit erschaffen, um entsprechende sexuelle Bed√ľrfnisse zu befriedigen und trotzdem selbst heterosexuell zu bleiben.

Diese Lösungen von Sexualitätsproblemen deuten auf das Puzzle der Multiplen Persönlichkeitsstörung hin. Mit der Kreation eines heterosexuellen Alters des anderen Geschlechts oder eines homosexuellen Alters des gleichen Geschlechts kann der Patient mit einer gleichgeschlechtlichen Person sexuell verkehren und zugleich seine heterosexuelle Selbstidentität beibehalten.

Hierbei stellt sich die Frage, warum eine amnestische Barriere erforderlich ist. Die Amnesie scheint eine zweite Ebene des Sicherheitssystems zu sein neben dem Ausbilden verschiedener Pers√∂nlichkeitszust√§nde. Aber wenn die Amnesie auftritt, wozu braucht man noch eine Alterpers√∂nlichkeit? Man k√∂nnte auch eine reine Amnesie f√ľr heterosexuelle Aktivit√§ten entwickeln, ohne eine Multiple Pers√∂nlichkeit zu sein. Der Alter ist wahrscheinlich ein zweites Unterst√ľtzungssystem, wenn die Amnesie versagt. Ein ungel√∂stes Problem, in diesem Fall ein sexuelles, ist der Grund, warum es notwendig ist, separate Identit√§ten zu erschaffen. Dieses bietet anscheinend eine bessere M√∂glichkeit der Verdr√§ngung als ein einzelnes Selbst mit einem komplexen amnestischen System.

Das Repertoire der dissoziierten Pers√∂nlichkeitszust√§nde ist stark kulturgebunden, genauso wie das Repertoire der therapeutischen Techniken. In unserer Kultur begehen Therapeuten oft den Fehler, die Alters wie real existierende Menschen zu behandeln. Tats√§chlich stellt aber jeder Pers√∂nlichkeitszustand einer Multiplen Pers√∂nlichkeit nur ein Facette einer ganzheitlichen Pers√∂nlichkeit, wie sie im herk√∂mmlichen Sinne verstanden wird, dar. Dementsprechend wirkt ein m√§nnliches Alter in einer Patientin oftmals nicht √ľberzeugend in seiner Rolle, welches sich in K√∂rperhaltung, Gesichtsausdruck und Stimmlage zeigt. Die Ursache f√ľr diese mangelhafte Darstellung einer M√§nnerpers√∂nlichkeit k√∂nnte zumindest teilweise auf einer verzerrten Wahrnehmung von M√§nnern in ihren bisher gesammelten Erfahrungen liegen.

Einige Patienten akzeptieren die Existenz von m√§nnlichen Alters ohne weiteres, denn es kann als angenehm empfunden werden, einen pers√∂nlichen internen Leibw√§chter im Notfall um sich zu wissen. Andere wiederum betrachten es als abnorm oder verr√ľckt, einen Mann in sich zu tragen.

Die m√§nnlichen Alters einer Pers√∂nlichkeit k√∂nnen in verschiedenen Altersstufen vertreten sein. W√§hrend die ,,Leibw√§chter" eher erwachsen sind, so existieren auch verspielte Kinder als Pers√∂nlichkeitszust√§nde. Es wurde z.B. ein Fall berichtet, bei dem eine Patientin eine Jungenpers√∂nlichkeit in sich trug, die allerdings seit ihrer Kindheit nicht zum Vorschein kam. Erst im Laufe einer Therapie wurde diese entdeckt. Kreiert wurde dieser Junge von der Patientin, als sie die Sommerferien auf einem Bauernhof verbrachte. Dort und auf dem Nachbarsbauernhof arbeiteten Landarbeiter. Um einen sexuellen Mi√übrauch seitens der ans√§ssigen M√§nner zu vermeiden, wurden sowohl der heute an Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung leidenden Patientin und ihrer Schwester das Haar kurz geschnitten. Zus√§tzlich mu√üten die beiden Arbeitskleidung tragen und sie wurden den Sommer lang mit Jungennamen gerufen. Trotz all der Bem√ľhungen seitens der Eltern wurde die Patientin einmal mi√übraucht. Aufgrund dessen entstand in ihr ein Alter mit dem Namen, den ihr die Eltern diesen Sommer gegeben hatten. Die Patientin erhielt zu diesem Zeitpunkt noch keine entsprechende Behandlung f√ľr Multiple Pers√∂nlichkeiten und der Junge war damit zufrieden, im Inneren der Person eine passive Rolle einzunehmen.

Insgesamt kann also festgehalten werden, da√ü gegengeschlechtliche Pers√∂nlichkeitszust√§nde f√ľr den Patienten von vielerlei Nutzen sein k√∂nnen. Sie dienen u.a. dazu, unterdr√ľckte sexuelle W√ľnsche ausleben zu k√∂nnen, ebenso wie sie als Leibw√§chter fungieren k√∂nnen. Dementgegen ist es auch m√∂glich, da√ü sie sich eher passiv in ihrem Dasein verhalten.

6. Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

Nachfolgend soll auf die allgemeinpsychologischen Funktionen und deren Störungen in Bezug auf Multiple Persönlichkeiten eingegangen werden. Dabei stehen die Aspekte Bewußtsein und Bewußtseinsstörungen, Antrieb und Antriebsstörungen, Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen, Emotion und emotionale Störungen und Denken und intellektuelle Störungen im Vordergrund.

6.1 Bewußtsein und Bewußtseinsstörungen

Unter Bewu√ütsein versteht man die Gesamtheit der Erlebnisse, d.h. der erlebten psychischen Zust√§nde (Vorstellungen, Gef√ľhle usw.) und die besondere Art des unmittelbaren Gewahrwerdens dieser Erlebnisse (H√§cker & Stapf, 1998). St√∂rungen des Bewu√ütseins k√∂nnen k√∂rperlich und psychisch bedingt sein und zeigen sich anhand der folgenden Symptome: Falsches oder neues wird erlebt, zeitliche und √∂rtliche Desorientierung, das Denken und Handeln ist desorganisiert, und die Wirklichkeit wird derart umgedeutet, da√ü von halluzinatorischen Erlebnissen gesprochen werden kann.

Legt man die oben genannten Kriterien zugrunde, stellt man fest, daß bei Multiplen Persönlichkeiten meist eine Bewußtseinsstörung vorliegt. So kann jeder dieser Menschen mehrere Persönlichkeitszustände mit einem separaten Bewußtsein annehmen. Zwar ist jede normale Person auch zu solchen Veränderungen in der Lage, aber mit dem Unterschied, daß sie es vermögen, ihre Bewußtseinsaspekte und ihre Identität zu integrieren und damit eine einheitliche Person entstehen lassen bzw. erhalten. Dies ist bei einer Dissoziativen Störung nicht möglich. Hier haben die meisten Identitäten ihre eigene Vergangenheit (Saß et al., 1996). Es resultiert eine zeitliche und örtliche Desorientierung, da die einzelnen Identitäten oft nichts voneinander wissen. Oft sind sich Multiple Persönlichkeiten gar nicht dessen bewußt, daß sie verschiedene Facetten aufweisen. Erst wenn sie bemerken, daß sie unterschiedliche Handschriften haben, sie von Fremden wiedererkannt werden oder sie im eigenen Haus fremde Gegenstände vorfinden bzw. auf seltsame Weise Dinge verschwinden, meinen sie, man hätte ihnen einen Streich gespielt (Ross, 1989).

Es ist aber nicht zwingend, da√ü √ľberhaupt keine Kenntnis von den anderen Pers√∂nlichkeiten vorliegt. So k√∂nnen die Gef√ľhle und die Gedanken zwischen den Identit√§ten sehr wohl bewu√üt oder teilweise bewu√üt sein (Fiedler, 1997). Es ist auch m√∂glich, da√ü die prim√§re Pers√∂nlichkeit und die anderen Identit√§ten sich der zeitlichen L√ľcken bei Wechsel der verschiedenen Pers√∂nlichkeitszust√§nde bewu√üt sind.

Weiterhin kommt es vor, daß Stimmen der einen Identität in das Bewußtsein der anderen gelangen, ohne zu wissen von welcher der vorhandenen Identitäten sie stammen (Davison & Neale, 1996). Oft sind es passive Entitäten, die versuchen, durch visuelle oder akustische Signale und Halluzinationen auf sich aufmerksam zu machen, um nicht durch die aktiven Persönlichkeitszustände ins Abseits geschoben zu werden (Saß et al., 1996).

Auch die prim√§re Pers√∂nlichkeit ist oftmals Bewu√ütseinsst√∂rungen ausgesetzt. Betroffene Patienten berichten meist √ľber leere Zust√§nde, die nach einem gewissen Schema hervortreten oder einfach per Zufall erfolgen. Beispielsweise kann bei einer Frau, die von einem Mann sein sexuelles Interesse mitgeteilt bekommt, ein solcher Zustand hervorgerufen werden. Es kann sich auch um verwirrte Zust√§nde handeln, welche nicht als drogen- oder alkoholbedingt mi√üverstanden werden d√ľrfen. Desweiteren verfallen die Patienten, besonders die Kinder unter ihnen, oftmals in Trancezust√§nde und zwar signifikant h√§ufiger als andere Psychopathen (Ross, 1989). Ferner sind auch Tagtr√§ume und kurze Abwesenheit f√ľr Multiple Pers√∂nlichkeiten typisch (Dulz & Lanzoni, 1996).

Wie man sieht, ist das Bewußtsein von Multiplen Persönlichkeiten beeinträchtigt. Auftretende Störungen können dabei innerhalb einer Person unterschiedliche Ausmaße annehmen. Die einzelnen Persönlichkeitszustände können verwirrt und desorganisiert, aber auch sich ihrer vollkommen bewußt und in sich geschlossen sein. Spätestens wenn ein Umschalten zwischen den Identitäten mit einer entsprechenden Amnesie stattfindet wird klar, daß eine Bewußtseinsstörung im hier definierten Sinne vorhanden ist.

6.2 Antrieb und Antriebsstörungen

Der Antrieb einer Person umfaßt die Komponenten Motivation als psychischen und die Psychomotorik als physischen Antrieb. Antriebsstörungen können u.a. im Bereich der inneren Medizin, der Neurologie und der Psychiatrie auftreten. Im folgenden Abschnitt soll nur auf den letzten Aspekt eingegangen werden, da die beiden ersten Punkte beim Phänomen Multiple Persönlichkeit wahrscheinlich nur einen geringen Stellenwert aufweisen.

Bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten ist die Auftretenswahrscheinlichkeit f√ľr Antriebsst√∂rungen relativ hoch. Dies liegt schon allein darin begr√ľndet, da√ü diese Personen mehrere Identit√§ten in sich tragen - nach einer Untersuchung von Ross (1989) im Durchschnitt 15,7 - und somit die Wahrscheinlichkeit steigt, da√ü irgendeiner dieser Zust√§nde unter Antriebsst√∂rungen leidet. Ein oft zitiertes Beispiel hierf√ľr ist der Fall Mary Reynolds aus dem Jahre 1812. Bei dem M√§dchen wurden zwei Pers√∂nlichkeitszust√§nde identifiziert, die sich antithetisch gegen√ľberstehen: der eine war depressiv und hatte hysterische Anf√§lle, der andere war offen, gesellig und naiv (Bliss, 1986). Hier zeigt sich in den beiden Extremen zum einen eine Antriebsschw√§chung in dem depressiven, unvertr√§glichen Pers√∂nlichkeitszustand und zum anderen eine Antriebssteigerung in einer agilen Betriebsamkeit gegen√ľber ihrem Umfeld. Mary Reynolds war nicht in der Lage, dabei einen Mittelweg zu finden und ihr Verhalten den jeweiligen Situationen anzupassen.

Auch bei vielen anderen Fallbeschreibungen wird von derartigen gegens√§tzlichen Identit√§ten bei Dissoziativen St√∂rungen berichtet (Bliss, 1986; Crabtree, 1985), die z.T. sogar zu grausamen Taten √ľbergehen. So schilderte z.B. von Feuerbach 1828 (Erkwoh & Sa√ü, 1993) den Fall seines Patienten Sorgel, der zwei Pers√∂nlichkeitszust√§nde aufwies: Eine Identit√§t war introvertiert und ruhig, die andere gewaltt√§tig in ihren Energieausbr√ľchen. Eines Tages ging seine aggressive Erregtheit sogar soweit, da√ü er einen Holzf√§ller t√∂tete und sein Blut trank. Anhand dieses Falles wird deutlich, da√ü eine Antriebssteigerung sogar so weit gehen kann, da√ü die Antriebe einzelner Entit√§ten z.T. nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden k√∂nnen und der Patient ihnen ausgeliefert ist.

Der Antrieb bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten mu√ü aber nicht immer so bipolar sein wie in den oben beschriebenen Fallstudien. Sie k√∂nnen bei einzelnen Identit√§ten auch zusammenwirken und sich in die gleiche Richtung verlagern. So wurde beispielsweise ein Fall bekannt, bei dem ein Germanistikstudent mit einer Dissoziativen St√∂rung u.a. eine Romanfigur in sich hatte, die - so gab er an - seine Energie um das 1,7fache steigerte (Erkwoh & Sa√ü, 1993). Der Studierende war sich dieses Pers√∂nlichkeitszustandes bewu√üt und interagierte mit ihm. Dies demonstriert, da√ü die Antriebe der einzelnen Identit√§tszust√§nde nicht unbedingt das Verhalten negativ beeinflussen und als unvorteilhaft empfunden werden m√ľssen.

6.3 Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen

Die Wahrnehmung ist die ,,allgemeine und umfassende Bezeichnung f√ľr den Proze√ü des Informationsgewinns aus Umwelt- und K√∂rperreizen (√§u√üere und innere Wahrnehmung) einschlie√ülich der damit verbundenen emotionalen Prozesse und der durch Erfahrung und Denken erfolgenden Modifikationen" (Fr√∂hlich, 1997, S. 439). Sie ist sowohl abh√§ngig von der wahrnehmenden Person als auch von dem Wahrnehmungsobjekt.

Wahrnehmungsst√∂rungen k√∂nnen neurologisch und psychologisch bedingt sein, wobei im Kontext dieser Arbeit nur die psychische Komponente interessiert. Beim Betroffenen treten hierbei Illusionen bzw. Halluzinationen auf. Unter einer Illusion versteht man eine Fehlwahrnehmung, also ,,ein den Reizdaten nicht entsprechendes Wahrnehmen, das auf Fehl- oder Umdeutungen zur√ľckgef√ľhrt werden kann" (Fr√∂hlich, 1997, S. 219). Eine Halluzination hingegen ist ein ,,Wahrnehmungseindruck mit deutlichem Realit√§tsbezug, dem jedoch keine relative oder ad√§quate Reizung des entsprechenden Sinnesorgans zugrunde liegt" (Fr√∂hlich, 1997, S. 202).

Die Wahrnehmung kann bei Multiplen Pers√∂nlichkeiten auf sehr vielf√§ltige Art und Weise gest√∂rt sein. H√§ufig wird bei Fallstudien von Halluzinationen berichtet. Typisch ist hierbei das H√∂ren von Stimmen, die als von innen kommend wahrgenommen werden (Bliss, 1986; Dulz & Lanzoni, 1996). Oft enthalten diese auditiven Halluzinationen Botschaften bzw. sie befehlen dem Patienten, bestimmte Handlungen auszuf√ľhren. So kann die vernommene Stimme z.B. die betroffene Person dazu veranlassen, sich selbst Schaden zuzuf√ľgen oder u.U. sogar einen Selbstmordversuch zu unternehmen (Orban, 1996; Ross, 1989). Die Halluzinationen k√∂nnen aber auch visueller Natur sein. Es sind F√§lle bekannt, bei denen sich die Patienten selbst vor eigenen Augen sehen. Die Gr√ľnde f√ľr das Auftreten dieser Wahrnehmungseindr√ľcke k√∂nnen verschiedenartig sein. Es ist beispielsweise m√∂glich, da√ü eine passive Identit√§t Zugang zum Bewu√ütsein verschaffen m√∂chte, da sie sonst zu wenig Beachtung findet (Sa√ü et al., 1996).

Weiterhin k√∂nnen Multiplen Pers√∂nlichkeiten au√üersensorische Wahrnehmungsph√§nomene widerfahren. In der Literatur finden sich immer wieder F√§lle, bei denen Patienten von Erfahrungen mit Telepathie, Telekinese, Hellseherei, Geistern, Poltergeistern und anderen klassischen paranormalen Erscheinungen berichten (Ross, 1989). So hatte z.B. eine Frau fortgeschrittenen Alters die Identit√§t ihres ehemaligen Geliebten namens Herbert in sich. Die Patientin gab an, sie k√∂nne z.B. sp√ľren, wenn der Mann mit einer anderen Frau sexuell aktiv wurde, obwohl er weit von ihr entfernt wohnte (Erkwoh & Sa√ü, 1993). Dieser Fall verdeutlicht, wie die Identit√§t einer anderen Person in sich aufgenommen werden kann und der Eindruck entsteht, man k√∂nne mit ihr per Gedanken√ľbertragung kommunizieren. Aktivit√§ten einer anderen Person werden wahrgenommen, obwohl sie von jener eventuell gar nicht ausgef√ľhrt werden.

Auch innerhalb einer Person k√∂nnen die einzelnen Pers√∂nlichkeitszust√§nde qualitativ und quantitativ unterschiedlich wahrnehmen. Des√∂fteren wird von verschiedenen Brillenst√§rken (Davison & Neale, 1996; Sa√ü et al., 1996) und Schmerztoleranzen (Sa√ü et al., 1996) berichtet. Rosenbaum & Weaver (1980 nach Fiedler & Mundt, 1997) schildern in diesem Zusammenhang einen Fall, bei dem diese Wahrnehmungsunterschiede besonders stark ausgepr√§gt waren. Es handelt sich hierbei um ihre Patientin Sara K., die zwei Pers√∂nlichkeitszust√§nde inne hatte. Der eine hatte den Namen Sara und verf√ľgte √ľber ein vollkommen intaktes sensorisches System. Der andere namens Maud konnte keine Hautempfindung wahrnehmen, lediglich der Tastsinn funktionierte. Dieses Beispiel veranschaulicht, wie durch Dissoziative St√∂rungen Teilbereiche des sensorischen Systems und somit auch der Wahrnehmung gest√∂rt oder sogar ausgeschaltet werden k√∂nnen.

6.4 Emotion und emotionale Störungen

Emotion ist die ,,Bezeichnung f√ľr psychophysiologische Zustandsver√§nderungen ausgel√∂st durch √§u√üere Reize (Sinnesempfindungen), innere Reize (K√∂rperempfindungen) und/oder kognitive Prozesse (Bewertungen, Vorstellungen, Erwartungen) im Situationsbezug" (Fr√∂hlich, 1997, S. 142).

Die Emotionen k√∂nnen beispielsweise im Rahmen einer Zyklothymie oder einer Schizophrenie psychopathologisch gest√∂rt sein. Bei der Zyklothymie unterscheidet man zwischen dem manischen und dem depressiven Syndrom. Ersteres √§u√üert sich durch eine krankhaft heitere Stimmung, planloses Vorgehen, keine Krankheitseinsicht und gesteigerten Antrieb. Beim depressiven Syndrom hingegen ist der Betroffene u.a. krankhaft traurig verstimmt, sein Leben scheint von Traurigkeit √ľberschattet, er versp√ľrt eine innere Leere und sein Antrieb ist stark gebremst.

Eine der wichtigsten emotionalen St√∂rung, die bei der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung auftritt, ist die Depression. Man geht davon aus, da√ü ca. 88% der Multiplen Pers√∂nlichkeiten unter diesem Symptom leiden (Orban, 1996). Die Depressionen k√∂nnen z.T. sehr stark werden und treiben die Betroffenen oftmals zum Drogenmi√übrauch und sogar zum Selbstmord bzw. zu Selbstmordversuchen (ca. 72%) (Ross, 1989). Ein Grund daf√ľr ist das mangelnde Kontrollerleben bez√ľglich der Wechsel der Pers√∂nlichkeitszust√§nde. Diese Wechsel haben meist den Charakter der Widerfahrnis und k√ľndigen sich lediglich durch starke Kopfschmerzen an. Die Patienten f√ľhlen sich von fremden Entit√§ten in Besitz genommen und diesen hilflos ausgeliefert (Crabtree, 1985).

Es wird berichtet, daß Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung verscheidene Typen hysterischer Symptome aufweisen können, darunter ,,Depressivitäts- und Hochstimmungszeichen" (Erkwoh & Saß, 1993).

Es kann sich ebenso die emotionale Balance ver√§ndern, da jede Identit√§t ihr eigenes emotionales Empfinden aufweist (Crabtree, 1985). Es findet ein h√§ufiger Stimmungswechsel statt, welche bei ,,normalen" Leuten als vor√ľbergehende abnorme Gef√ľhlsreaktion bezeichnet w√ľrden, hier aber bereits chronischen Charakter angenommen haben. Auch die Wahrscheinlichkeit, da√ü Impulse einfach durchbrechen, erh√∂ht sich (Dulz & Lanzoni, 1996). Weiterhin f√ľhren meist die Verschiebungen zwischen den einzelnen Bewu√ütseinszust√§nden der Identit√§ten oder √ľberhaupt das Gewahr werden, da√ü man eine Multiple Pers√∂nlichkeit ist, zu einer emotionalen √úberbelastung. So kann z.B. das Bewu√ütwerden von verdr√§ngten Elementen, beispielsweise die verha√üten Familienstrukturen, die Zukunft leer und dunkel erscheinen lassen. Der Betroffene sieht daraufhin keine Perspektive und keinen Sinn mehr f√ľr sein weiteres Leben (Crabtree, 1985). Somit kann eine Depression ausgel√∂st werden.

Die einzelnen Facetten einer Person sind in einem geschlossenen System verbunden und helfen der Prim√§rpers√∂nlichkeit, den emotionalen Schmerz von traumatischen Erfahrungen zu ertragen bzw. zu verdr√§ngen. Kriege, Liebesaff√§ren und Freundschaften, die innerhalb dieses Systems bestehen, k√∂nnen dabei √§u√üerst hilfreich sein (Ross, 1989). Emotionen und Affekte, die von einer Person geleugnet werden, k√∂nnen in den verschiedenen Identit√§ten ausgelebt bzw. auf verschiedene Zust√§nde verteilt werden. Das System innerhalb einer Multiplen Pers√∂nlichkeit hat damit einen hohen Anpassungswert gegen√ľber traumatischen Erfahrungen (Fiedler & Mundt, 1997). Die Dissoziative St√∂rung weist also auch positive Elemente auf und kann oftmals verst√§rkend wirken, da sie ein Aufkommen von traumatischen Erlebnissen verhindert. Die Patienten halten aus diesem Grund an der Existenz eines Pers√∂nlichkeitszustandes fest und geben ihn nur mit gro√üer Wehmut auf (Ross, 1989).

Wie es oben schon des√∂fteren zur Sprache kam, k√∂nnen die allgemeinpsychologischen Funktionen der jeweiligen Pers√∂nlichkeitszust√§nde sehr verschiedenartig sein. So sind m√∂glicherweise innerhalb einer Person sowohl passive und friedfertige als auch feindselige und aggressive Identit√§ten vorhanden. Dies macht sich z.B. schon an deren unterschiedlichen Handschriften bemerkbar: Wenn eine Person wie wild auf einem Papier herum kritzelt und beim Schreiben aggressive Redewendungen verwendet, wird klar, da√ü jetzt eine aggressive Identit√§t hervorgetreten ist (Ross, 1989). Solche Pers√∂nlichkeitszust√§nde k√∂nnen also die Macht √ľber ein Individuum √ľbernehmen und deren Gef√ľhlsleben bestimmen.

Es ist aber auch m√∂glich, da√ü sich das emotionale Befinden der einen Identit√§t sich auf das der anderen Identit√§t auswirkt. In diesem Zusammenhang kann z.B. eine aggressive bzw. liebevolle Identit√§t zeitweise die Handlungen der anderen unterbrechen und deren Kontrolle √ľber ihr Verhalten beeintr√§chtigen (Sa√ü et al., 1996). Das oben genannte Beispiel, bei dem eine Frau ihren ehemaligen Geliebten Herbert als weiteren Pers√∂nlichkeitszustand in sich trug, veranschaulicht diesen Gesichtspunkt. Die Person gab an, der Mann k√∂nne ihren Willen und ihr Gef√ľhl lenken. Bei ihren Schilderungen wirkte sie affektiv lebhaft und ,,durch ihre Erfahrungen bereichert" (Erkwoh, 1996). Hierbei wird deutlich, wie durch die Interaktion zwischen mehreren Identit√§ten das emotionale Erleben gest√∂rt werden kann.

6.5 Denken und intellektuelle Störungen

Denkprozesse sind auf Erkenntnisziele und Probleml√∂sungen gerichtete, vermittelnde Prozesse der Informationsverabeitung und -nutzung (Fr√∂hlich, 1997). Unter intellektuellen St√∂rungen versteht man unter anderem St√∂rungen des Denkablaufs, des Denkzusammenhangs und Zwangsdenken, aber auch Begriffe wie Schwachsinn, Demenz, Defekt, Merkf√§higkeit und Amnesie werden unter dieser Kategorie aufgef√ľhrt.

Nach Ross (1989) weisen Multiple Pers√∂nlichkeiten normalerweise keine Denkst√∂rungen auf. Er argumentiert, da√ü wenn diese Menschen z.B. Stimmen h√∂ren, sie jene nicht als bizarr oder verr√ľckt wahrnehmen. Dennoch existieren Anzeichen leichter intellektueller St√∂rungen bei Patienten mit Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung, die im folgenden n√§her erl√§utert werden.

Unter St√∂rungen des Denkablaufs summiert man Verlangsamungen und Beschleunigungen dieses, d.h. die Abweichungen von der Norm sind als quantitativ einzustufen. In diesem Sinne treten Denkhemmungen bei Patienten mit Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung nur in Verbindung mit Trancezust√§nden auf, d.h. sie verweilen bei einem Gedankeninhalt f√ľr die Dauer der Abwesenheit und unmittelbar danach. Konzentrationsst√∂rungen kommen insofern vor, als da√ü die Patienten durch den Wechsel von einem in einen anderen Pers√∂nlichkeitszustand Aufgaben nicht zu Ende bringen k√∂nnen bzw. ihre Konzentration abgelenkt ist durch die Amnesie. Denn hier mu√ü jeder Patient zun√§chst f√ľr sich kl√§ren, woher die seltsamen Dinge stammen, an die er sich nicht erinnern kann, sie selbst hervorgebracht zu haben, wie z.B. neue gekaufte Kleider. Diese Dinge des Alltags, die f√ľr die Patienten ungekl√§rt bleiben, absorbieren einen Gro√üteil der Gesamtkonzentration, so da√ü insgesamt bei der Durchf√ľhrung anderer T√§tigkeiten zu wenig √ľbrig bleibt. Fraglich ist allerdings, ob es sich hierbei um eine tats√§chliche intellektuelle St√∂rung handelt oder um sekund√§re Erscheinungen, die ihre Ursache im Vorhandensein der vielen Pers√∂nlichkeitszust√§nde haben.

St√∂rungen des Denkzusammenhangs treten bei reinen Multiplen Pers√∂nlichkeiten nicht auf, denn hierunter versteht man abnorme psychische Erscheinungen qualitativer Art, d.h. sie sind f√ľr Au√üenstehende nicht verstehbar. Dies ist in diesem Falle nicht gegeben, denn das, was die einzelnen Pers√∂nlichkeitszust√§nde mitteilen, ist stets verst√§ndlich.

Ebenso liegt in der Regel kein Zwangsdenken vor, auch wenn es in seltenen F√§llen m√∂glich sein kann, da√ü ein Pers√∂nlichkeitszustand zwanghafte Z√ľge aufweist.

Die intellektuellen F√§higkeiten k√∂nnen bei den verschiedenen Pers√∂nlichkeitszust√§nden z.T. stark differieren (Crabtree, 1985). So ist es m√∂glich, da√ü die eine Identit√§t √ľber eine √ľberdurchschnittliche Intelligenz verf√ľgt, die andere aber geistig behindert ist, also Kennzeichen der Oligophrenie aufweist - meist charakterisiert durch die H√∂he des Intelligenzquotienten (IQ). Im oben beschriebenen Fall von Sara und Maud war genau dies der Fall. Bei Sara, einer depressiven Entit√§t, wurde ein IQ von 128 gemessen. Maud, ein lustig heiterer Typus, erreichte lediglich einen Wert von 43 (Fiedler & Mundt, 1997). Man sieht, da√ü die Denkf√§higkeit, je nachdem welche Pers√∂nlichkeitszust√§nde aktiv sind, in der Qualit√§t sehr unterschiedlich ausfallen kann. Im Unterschied zu ,,normalen" Formen des Schwachsinns ist dieser Intelligenzunterschied zwischen den Pers√∂nlichkeitszust√§nden hier allerdings nicht auf eine Mi√übildung wie z.B. Chromosomenabberation oder eine Sch√§digung des Zentralen Nervensystems zur√ľckzuf√ľhren. Der niedrige IQ von Maud ist eher durch die Altersstufe, der sie angeh√∂rt, n√§mlich der von Kindern, erkl√§rbar.

Begriffe wie Demenz oder Defekt sind f√ľr das St√∂rungsbild der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung nicht angebracht, da es sich hier nicht um Intelligenzabbau oder -zerfall handelt, sondern - wie bereits an fr√ľherer Stelle erl√§utert - lediglich um einen Unterschied der Denk-leistung zwischen den einzelnen Pers√∂nlichkeitszust√§nden.

Eine St√∂rung der Merkf√§higkeit bzw. des Ged√§chtnisses ist bei Patienten mit Dissoziativer Identit√§tsst√∂rung in zweierlei Hinsicht zu betrachten. Zum einen mu√ü jeder Pers√∂nlichkeitszustand f√ľr sich gesehen werden: F√ľr jeden Zustand isoliert betrachtet liegt keine derartige St√∂rung vor. Zum anderen mu√ü aber ebenso das Gesamtbild der diversen Identit√§ten beachtet werden: Zwischen diesen treten deutliche Ged√§chtnisprobleme auf, d.h. die F√§higkeit, sich fr√ľhere Ereignisse eines anderen Pers√∂nlichkeitszustandes mit Hilfe der Erinnerung zu vergegenw√§rtigen, ist oft nicht vorhanden. (Erkwoh & Sa√ü, 1993). In h√§ufigen F√§llen ist nach einem √úbergang von einem Pers√∂nlichkeitszustand zu einem anderen die unmittelbar vorangegangene Zeitperiode mit einer Amnesie verbunden (Dulz & Lanzoni, 1996). So wird z.B. von einem Fall berichtet, bei dem eine Identit√§t eines Studenten in eine andere Stadt verreiste. Als er nach zwei Monaten zu einem anderen Pers√∂nlichkeitszustand wechselte, fand er sich in einem fremden Zimmer in einer fremden Umgebung wieder. Nachdem er seinen Zimmernachbarn nach dem Ort und nach dem Datum fragte, stellte er fest, da√ü zwei Monate seines Lebens vollkommen aus seinem Ged√§chtnis gel√∂scht waren (Crabtree, 1985). Ein √§hnliches Erlebnis hatte eine Frau namens Felida im Jahre 1858. Bei ihr wurden zwei Pers√∂nlichkeitszust√§nde diagnostiziert. Der eine war √§ngstlich und depressiv, der andere lustig und lebhaft aber nur f√ľr ein paar Stunden aktiv. Letzterer lie√ü sich eines Tages mit einem Mann ein und wurde daraufhin schwanger. Erst als ihr Bauch anschwellte, konnte sie feststellen, da√ü sie einen zweiten Pers√∂nlichkeitszustand in sich trug (Bliss, 1986). Nur durch √§u√üere Anzeichen, wie hier z.B. die Schwangerschaft kann das Wissen √ľber die andere Identit√§t rekonstruiert werden.

Es handelt sich hierbei sogar um die st√§rkste Form des Erinnerungsverlustes: der Amnesie. Darunter wird im Folgenden ein vor√ľbergehender oder dauerhafter Ausfall aller bzw. einiger Erinnerungsinhalte verstanden. Im DSM-IV (Sa√ü et al., 1996) wird darauf hingeweisen, da√ü ,,eine Unf√§higkeit, sich an wichtige pers√∂nliche Informationen zu erinnern" (S. 551)besteht. Bei der Dissoziativen Identit√§tsst√∂rung ist die Amnesie ein fast immer auftretendes Ph√§nomen (Dulz & Lanzoni, 1996; Orban, 1996). Man geht davon aus, da√ü 98% aller Betroffenen unter dieser Erscheinung leiden. Genauer gesagt handelt es sich in diesen F√§llen fast ausschlie√ülich um psychogene Amnesien (Erkwoh & Sa√ü, 1993), d.h. sie sind auf psychologische Ursachen zur√ľckf√ľhrbar, also auf stark traumatisierende Ereignisse. Mit Hilfe der amnestischen Barriere werden unangenehme und unerw√ľnschte Erlebnisse zur innerpsychischen Entlastung aus dem Ged√§chtnis verdr√§ngt. Im Unterschied zur hirnorganischen Amnesie ist es bei der psychogenen m√∂glich, eine restlose Aufhellung der Erinnerungsl√ľcken zu erreichen. Dies wird des√∂fteren bei Therapien der Multiplen Pers√∂nlichkeitsst√∂rung versucht, um die Ursachen f√ľr die Ausbildung der diversen Pers√∂nlichkeitszust√§nde zu analysieren. Zum Therapieerfolg ist es aber nicht zwingend erforderlich, eine ,,historische Rekonstruktion der Dissoziationsentwicklung" (Fiedler, 1997, S. 231) durchzuf√ľhren. Es kann sich sogar negativ auswirken, denn m√∂gliche Verzerrungen der verdr√§ngten Erinnerungen k√∂nnen nicht ausgeschlossen werden bzw. durch die traumatische Rekonstruktion dieser kann es zur Abspaltung weiterer Pers√∂nlichkeitszust√§nde kommen.

Die Amnesien der verschiedenen Pers√∂nlichkeitszust√§nde k√∂nnen je nach Rang des jeweiligen Zustandes diverse Ausma√üe annehmen. H√§ufig verf√ľgen z.B. passive Pers√∂nlichkeitszust√§nde lediglich √ľber eine sehr eingeschr√§nkte Erinnerung, w√§hrend die feindseligen, kontrollierenden und besch√ľtzenden Identit√§ten sich an alles erinnern k√∂nnen. Durch diese Ged√§chtnisausf√§lle sind Denkinhalte bei vielen Pers√∂nlichkeitszust√§nden ausgel√∂scht und k√∂nnen beim Denkablauf nicht eingesetzt werden. Der Denkvorgang wird entsprechend √§rmer und f√ľhrt folglich zu falschen Resultaten. Die einzelnen Identit√§ten weisen auch h√§ufig unterschiedliches Allgemeinwissen, Alter und Geschlecht auf. Oft entstehen L√ľcken in der Erinnerung der pers√∂nlichen Geschichte, die bei den diversen Pers√∂nlichkeitszust√§nden abweichend sind. Ferner sind viele Patienten unf√§hig, intellektuell und emotional die verschiedenen Aspekte des Ged√§chtnisses zu integrieren (Sa√ü et al., 1996). In diesem Sinne ist der Denkzusammenhang beeintr√§chtigt und das Denken an sich gest√∂rt.

7. Fazit

Trotz vieler Versuche einer Eingliederung von Dissoziativen Identit√§tsst√∂rungen in das DSM-IV und ICD-10 treten immer noch Unstimmigkeiten in einer genauen Definition auf. Ebenso ist die Abgrenzung der Multiplen Pers√∂nlichkeiten zu anderen psychischen St√∂rungen noch nicht umfassend gekl√§rt. Die Frage der √Ątiologie ist weiterhin umstritten und scheint sich auch nicht in n√§chster Zeit zu l√∂sen.

Insgesamt stellt sich die Dissoziative Identitätsstörungen als ein äußerst facettenreiches Störungsbild dar, welche viele Fragen offen läßt und Grund zu einer weiteren Erforschung bietet.

8. Literaturverzeichnis

Bliss, E.L. (1986). Multiple personality, allied disorders, and hypnosis. New York: Oxford Univ. pr.

Crabtree, A. (1985). Multiple Man: Explorations in Possession and Multiple Personality.Westport, Connecticut: Greenwood Press.

Davison, G.C. & Neale, J.M. (1996). Klinische Psychologie (4. Aufl.). Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Dilling, H., Mombour, W. & Schmidt, M.H. (1992). Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F) (2. Aufl.). Bern: Huber.

Drosdowski, G. (1994). Duden, Das große Fremdwörterbuch: Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Mannheim: Dudenverlag.

Dulz, B. & Lanzoni, N. (1996). Die multiple Persönlichkeit als dissoziative Reaktion bei Borderlinestörungen. Psychotherapeut, 41, 17-24.

Erkwoh, R. (1996). Über leiblich erfahrene Ich-Störungen. Nervenarzt, 67, 552-557.

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Fiedler, P. (1997). Dissoziative Identit√§tsst√∂rung, multiple Pers√∂nlichkeit und sexueller Mi√übrauch in der Kindheit. In G. Amann & R. Wipplinger (Hrsg.), Sexueller Mi√übrauch: √úberblick zur Forschung, Beratung und Therapie - Ein Handbuch (S. 217-234). T√ľbingen: dgvt Verlag.

Fiedler, P. & Mundt, C. (1997). Dissoziative Störungen, vorgetäuschte Störungen und Störungen der Impulskontrolle. In K. Hahlweg & A. Ehlers (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie: Themenbereich D Praxisgebiete, Serie 2 Klinische Psychologie, Band 2 Psychische Störungen und ihre Behandlungen (S. 355-389). Göttigen: Hogrefe.

Fr√∂hlich, W. (1997). W√∂rterbuch Psychologie (21. Aufl.). M√ľnchen: dtv Verlag.

Häcker, H. & Stapf, K. (1998). Dorsch - Psychologisches Wörterbuch (13. Aufl.). Bern: Huber.

Huber, G. (1999). Psychiatrie - Lehrbuch f√ľr Studium und Weiterbildung (6. Aufl.). Stuttgart: Schattauer Verlagsgesellschaft mbH.

Orban, P. (1996). Der multiple Mensch. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH.

Ross, C.A. (1989). Multiple personality disorder: diognosis, clinical features, and treatment (2.Aufl.). New York: Wiley.

Saß, H., Wittchen, H.-U. & Zaudig, M. (1996). Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-IV. Göttingen: Hogrefe.

Schneider, P.K. (1994). Ich bin wir - die multiple Persönlichkeit: zur Geschichte, Theorie und Therapie eines verkannten Leidens. Neuried: Ars Una.

Spitzer, C., Haug, H.J. & Freyberger, H.J. (1997). Dissociative Symptoms in Schizophrenic Patients with Positive and Negative Symptoms. Psychopathology, 30, 67-75.

St√ľbner, S., V√∂lkl, G. & Soyka, M. (1998). Zur Differentialdiagnose der dissoziativen Identit√§tsst√∂rung (multiple Pers√∂nlichkeitsst√∂rung). Nervenarzt, 69, 440-445.


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