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Kleptomanie - krankhafter Diebstahl oder pathologisch?

Kleptomanie - krankhafter Diebstahl oder pathologisch?

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Die Beweggründe für Ladendiebstähle können vielfältig sein: Versorgung mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs aus Geldmangel, Sehnsucht nach Abenteuer und Nervenkitzel, Beweis von Mut für die Zugehörigkeit zur Clique (vor allem bei Jugendlichen), soziale Vernachlässigung, im Mittelpunkt stehen wollen, rauschhaftes und zwanghaftes Verhalten bis hin zur sexuellen Erregung.

Bei der Kleptomanie kann es sich, populär ausgedrückt, um eine Art Sucht oder eine Art Zwang handeln, oder auch um den Hilferuf eines einsamen Menschen. Frauen stehlen wesentlich häufiger in Kaufhäusern und Einzelhandelsgeschäften als Männer.

Die Gerichte sind sehr skeptisch, was die Schuldunfähigkeit durch eine psychische Störung oder Erkrankung angeht. Sie verlangen in der Regel eindeutige psychiatrische Gutachten. Menschen, die unter Kleptomanie leiden, stehlen nur in ganz seltenen Fällen aus Armut.

Was ist Kleptomanie: Diese psychische Störung ist charakterisiert durch häufiges Nachgeben gegenüber Impulsen, Dinge zu stehlen, die nicht zum persönlichen Gebrauch oder der Bereicherung dienen. Häufig werden die Gegenstände anschließend sogar weggeworfen, weggegeben, verschenkt oder gehortet.

Die betroffenen Personen beschreiben gewöhnlich eine steigende Spannung vor der Handlung des Stehlens und ein Gefühl der Befriedigung während oder sofort nach der Tat. Zwar versuchen diese Personen allgemein, die Tat zu verbergen, ohne jedoch alle Möglichkeiten hierzu auszunutzen. Dieser Diebstahl in den Geschäften oder an anderen Orten wird allein, ohne Verbündete und Komplizen durchgeführt. Die Betroffenen können Angst, Verzagtheit und Schuldgefühle zwischen den einzelnen Diebstählen zeigen, aber das verhindert die Wiederholung und den Rückfall nicht.

Das pathologische Stehlen (Kleptomanie, krankhafter Diebstahl), ist abzugrenzen von:

— wiederholtem Ladendiebstahl ohne deutliche psychische Störung. In diesen Fällen sind die Handlungen sorgfältig geplant und haben einen persönlichen Nutzen.

— einer organisch bedingten psychischen Störung. Hierzu gehören z. B. das wiederholte Nichtbezahlen von Waren als Folge eines schwachen oder schlechten Gedächtnisses und anderer Arten von intellektuellen Beeinträchtigungen.

— Diebstählen mit einhergehender depressiver Problematik. Einige depressive Patientinnen und Patienten stehlen wiederholt, solange die Depression anhält.

Pathologisches Stehlen (Kleptomanie) liegt dann vor,

— wenn zwei oder mehr Diebstähle von einer Person durchgeführt werden, ohne sich selbst oder andere bereichern zu wollen.

— wenn die Betroffenen einen intensiven Drang zum Stehlen beschreiben mit einem Gefühl von Spannung vor dem Diebstahl und Erleichterung nachher.

— wenn die Betroffenen nach Abklingen der Spannung zunächst ein schlechtes Gewissen haben und trotzdem weiter stehlen.

Es wird in der psychologischen Wissenschaft unterschiedlich diskutiert, ob Kleptomanie eine Sucht ist oder einen Zwang darstellt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich gegen die Begriffe "suchthaftes Stehlen" oder "Abhängigkeit vom Stehlen" wenden, führen an, daß die Entstehung des psychischen Problems nicht externen Verursachern, z. B. dem Warenangebot, der Werbung, der Armut usw. zugeschrieben werden kann, sondern daß die Risikofaktoren und die Störungen im Umfeld der Betroffenen selbst zu suchen seien. Dazu zählen häufig soziale Schwierigkeiten, Partnerschaftsprobleme, Depressionen. Die Kleptomanie selbst wird als Kontrollverlust beschrieben, wobei dem Problem durchaus ein Krankheitswert zuerkannt wird.

Geht man davon aus, daß das zwanghafte Stehlen tatsächlich eine Zwangsstörung ist, stehen Unbehagen und Impulse im Vordergrund, die Angst auslösen. Das Stehlverhalten führt zur Unterdrückung der Angst. Hinzu kommt, daß Lust, Neugierde und Risikosuche die Kleptomanie begünstigen. Kleptomanie kann mit Kaufrausch, pathologischem Spielen sowie Trichotilomanie (zwanghaftes Haarausreißen) verglichen werden. Auch bei diesen psychischen Störungen steht im Vordergrund, daß durch das problematische Verhalten (Stehlen, Spielen, Kaufen, Haarausreißen) starke Ängste und stark unbehagliche Gefühle unterdrückt oder kurzfristig vermieden werden können. All diese Patientinnen und Patienten leiden an dem Drang, das Problemverhalten ausführen zu müssen.

Vor dem Stehlen findet gewöhnlich ein innerer Kampf zwischen dem einerseits triebhaften Wunsch zu stehlen und der andererseits "vernünftigen Persönlichkeit" statt. Der Kampf endet fast immer mit einem Sieg des Stehltriebes.

Wichtig ist zu betonen, daß die neuere Psychologie und Psychiatrie den Begriff der Kleptomanie weitgehend ablehnen. Der Begriff stammt noch aus dem neunzehnten Jahrhundert, und bereits die bisherigen Ausführungen zeigen, daß es keine eindeutige Ursache und auch keine eindeutige Beschreibung des krankhaften Stehlens gibt. Bisher konnte sich die Wissenschaft aber auch auf keine eindeutige Bezeichnung dieser Problematik einigen. Begriffe wie "Warenhausdiebstahl" oder "Ladendiebstahl" sind zu weit gefaßt, da sie das geplante, willentliche Stehlen einschließen, gleichermaßen Jugendbandendelikte und Bereicherungen.

Und so bleibt ein sinnvolles Vorgehen, die Beschreibung der Problematik des Stehlens als psychische Störung in den Vordergrund zu stellen. Es ist bei einer Betrachtung des Stehlens als psychische Erkrankung oder psychische Störung wichtig herauszufinden, wie dieses Stehlen durch äußere oder innere Gründe ausgelöst wird, welche tiefer liegenden Ursachen es in der Person oder in der Lebenssituation gibt, und daraus Veränderungs- und Behandlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Häufig fühlen sich Betroffene, die unter krankhaftem Stehlen leiden, in der Regel in einem bestimmten Kaufhaus "wie angetrieben", zwischen den Warentischen und Regalen herumzulaufen. Sie spüren ein "unruhiges Körpergefühl", zum Beispiel ein Kribbeln oder eine Anspannung. Dieses Gefühl setzt besonders dann ein, wenn sie das Warenhaus betreten haben. Sie beschreiben dann, daß es über sie komme, "wie ein Kurzschluß, als ob etwas aushakt". Meist plötzlich und ohne nennbaren Anlaß sehen sie dann einen Gegenstand, z. B. einen Tortenteller und fühlen sich entsprechend planlos getrieben, als ob einer sagt "Nimm", als ob der Tortenteller sie anzieht, wie hypnotisiert. 

Es sind dann zwei Verhaltensweisen möglich:

— Die Person läuft mehrmals an diesem Gegenstand vorbei, betrachtet ihn, legt ihn weg, betrachtet ihn wieder und nimmt ihn dann an sich. Sie kann sich hierbei meist nur an das getriebene Umherlaufen erinnern, nicht jedoch an das Einstecken des Gegenstandes. Es besteht das Gefühl des Getriebenseins.

— Es kann auch sein, daß sie das Umherlaufen in der Nähe des Gegenstandes nicht bemerkt und sich daran nicht erinnert. Sie ertappt sich dann selbst in einer anderen Abteilung des Kaufhauses, daß sie den Tortenteller in den Händen hält. Sie ist dann erschreckt und legt den Gegenstand hastig weg.

Allen Situationen ist gemeinsam, daß diese Person deutliche körperliche Veränderungen zeigt, sobald sich das Gefühl des Getriebenseins einstellt. Es treten häufig Hitzewallungen auf, starke Schweißbildung, Schwindelgefühle, Druck im Magen, Herzrasen oder motorische Unruhe. Falls sich die Person nicht an ihr Verhalten erinnern kann, bemerkt sie fast immer die verbleibende Schweißbildung, bemerkt, daß sie ganz durchgeschwitzt ist.

Zur Beurteilung der Problematik ist es meist wesentlich, auch die Bedingungen zu analysieren, die vor dem fraglichen Ereignis liegen können:

— soziale Auseinandersetzungen in der Familie
— Beziehungsprobleme, Trennungen
— sexuelle Probleme
— berufliche Konflikte
— Depressionen
— Unfähigkeit, Ärger auszudrücken und Auseinandersetzungen zu führen oder Konflikte zu bewältigen
— es können aber auch andere Probleme sein, die im Hintergrund des krankhaften Stehlens lauern.

Entscheidend ist allerdings im Moment des Stehlens nicht die jeweilige Hintergrundproblematik, da sich oftmals das Stehlen als Teil eines Teufelskreises zeigt: zunehmende innere Unruhe, Konflikt zwischen Stehlen und nicht Stehlen, innerer Konflikt nimmt zu, das Stehlen gewinnt immer mehr an Bedeutung, ohne viel weitere Gedanken wird die Handlung des Stehlens ausgeführt, die Anspannung läßt nach, ein schlechtes Gewissen tritt ein. Immer wieder wird die Bestätigung erfahren, daß die Anspannung und die Unzufriedenheit (was in diesem Fall allerdings mit den tiefer liegenden Konflikten und Gründen zu tun hat) nur durch die Handlung des Stehlens zumindest zeitweise vermieden werden kann, daß eine Flucht aus dem Spannungszustand und den aversiven Gefühlen nur durch das Stehlen möglich ist. Hinzu kommt eventuell der Kitzel und ein Lustgefühl, was zusätzlich zum Stehlen treibt.

Wenn Menschen die beschriebenen Anspannungen nicht verspüren, die z. B. nach Ärger oder Wut eintreten, können sie problemlos in ein Kaufhaus gehen, sich Waren ansehen und ohne einen inneren Drang, ohne körperliche Begleiterscheinungen hindurchgehen und normal einkaufen. Es besteht dann kein Bedürfnis, Gegenstände mitzunehmen. Die meisten Betroffenen haben dies erproben können und waren darüber äußerst froh. Zusammenfassend noch einmal wichtige Gründe für krankhaftes Stehlen: Mangel an selbstsicherem Verhalten, Abhängigkeit von Eltern und Autoritäten, Unfähigkeit Kritik auszudrücken, Verhaltensdefizite, depressive Verstimmungen, Unfähigkeit zum ungezwungenen Umgang mit Menschen.

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von Micha, 01.06.2012 03:00 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · 1 anderen gefällt das

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