Lisa und das Geheimnis der Distel

Es war einmal eine kleine traurige Pflanze, wobei sie nicht immer traurig war. Nein, eigentlich war sie sogar sehr fröhlich  und offen. Sie glaubte nur an das Gute und an die Liebe und sie hatte Vertrauen.

Doch leider war sie sehr vielem Schlechten begegnet, was ihr sehr sehr weh getan hatte immer und immer wieder. Sie hatte also zu viel Schmerzhaftes erlebt, so das sie sich fortan unter den anderen Pflanzen versteckte um nicht noch mehr verletzt zu werden. Sie machte sich ganz klein und ihre Blätter wuchsen an der Erde  entlang.

Und jedes Mal, wenn jemand ihr zu nahe kam, führ sie ihre Stacheln aus, so dass niemand ihr etwas anhaben konnte. So lebt diese Pflanze nun schon eine lange Zeit, eine einsame Zeit. Doch ihr erschien diese Einsamkeit auch eine Sicherheit zu sein.

Die Menschen verachteten sie, die Distel. Sie möchten sie ihrer Stacheln wegen nicht. Mit der Zeit beachtete kaum jemand mehr die Distel.

Leider war sie oft sehr traurig deshalb, aber was sollte sie denn tun?

Manchmal träumte sie so vor sich hin. Sie sah die Rosen an, welche neben ihr wuchsen und bewunderte ihre Schönheit, ihre Offenheit. Dann machte es sie aber auch wieder traurig, denn sie sah, wie die Rosen bewundert wurden, trotz ihrer Dornen. Und ihr wurde nicht einmal ein einziger Blick gewidmet. Die Menschen waren so sehr von der Schönheit der Rosen geblendet, dass sie der Distel keines Blickes mehr würdigten.

Eines Tages kam ein kleines Mädchen des Weges. Sie machte vor der Rosenhecke halt und starrte sie an.

Doch nach ei8ner Weile erst bemerkte die Distel, dass das Mädel nicht die Rosen anstarrte, sondern sie selbst. Das Mädchen sah sich die Distel ganz genau an und wandte sich dann wieder ab um mit der Mutter weiter spazieren zu gehen.

Und plötzlich würde der Distel bewusst, was da gerade geschehen war. Ihr wurde, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, mehr Beachtung geschenkt als den Rosen...

Nun fühlte sie sich ganz stark in sich und ihr huschte sogar ein leichte Lächeln übers Gesicht, eine Zufriedenheit, denn sie war so überwältigt von diesem Gefühl, das jemand sie bewunderte. Sie genoss das Gefühl, ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.

Am nächsten Morgen, als die Distel von den Sonnenstrahlen, die ihr auf den Bauch schienen, geweckt wurde, bemerkte sie, dass sie eine kleine Knospe bekommen hatte.

Sie war sehr verwundert, aber sie verspürte auch gleichzeitig  ein Gefühl von innerer Freude und Zufriedenheit...

Langsam sah  die  Distel sich um. Sie sah die dichten Rosenhecken und die vielen anderen bunten Blumen, die im Park wuchsen. Sie bemerkte nicht nur wie schön diese waren, sondern auch wie schön sie selbst eigentlich war.

Sie begann sogar einige Rosen zu lieben und empfand Dankbarkeit, weil sie ihr so viel Schutz gewährt hatten. Plötzlich  bemerkte sie die vielen bunten Farben und nahm Gerüche war, die sie nie zu vor bemerkt hatte.

Doch immer wieder kam es zu einem Rückschlag, denn die Menschen schenkten ihr immer noch keine Beachtung, trotz ihrer wunderschönen Knospe, die mittlerweile zu einer prächtigen Blüte herangewachsen war. So vergingen die Tage...

Eines Morgens kam dieses Mädel, das der Distel die Augen ein wenig geöffnet hatte, wieder des Weges. Sie wurde wieder von ihrer Mutter begleitet und beide hielten an den Rosenhecken inne.

Das Mädchen betrachtete die Distel, lächelt6e und rannte wieder zur Mutter.

Die Distel hörte, wie es zur Mutter sagte: "Mama, siehst du nicht diese wunderschöne Blume, da gleich zwischen den Rosen?"

Die Mutter kam näher und starte  direkt in die Rosenhecken. Nach einer Weile bemerkte sie die Distel und begann zu lachen... Sie sagte: "Aber Lisa, das ist doch bloß eine Distel. Nichts als Unkraut. Sie stechen und verletzen uns. Sie dir doch mal die schönen Rosen an, was für stolze Blumen das sind. Sie sind prachtvoll und schön anzusehen, nicht die Disteln..."

Lisa senkte den Kopf, ging zur Distel und führ ihr sanft und langsam über die Blätter. Sie drehte sich um und sagte mit entsetzter Stimme: "Aber Mama, siehst du denn nicht wie schön sie ist wie weich und sanft ihre Blätter auf der Unterseite sind und was für eine wunderschöne Blüte sie hat? Sie sticht uns doch nur, wenn wir an ihr vorbei gehen ohne sie zu beachten. Sie will uns damit doch bloß sagen, schau genau hin, sieh mich an, sieh mich nur richtig an, denn dann erst erkennst du meine wahre  Schönheit..."

Die Mutter lauschte aufmerksam zu und sah sich die Distel noch einmal genauer an.. Sie fuhr ihr über die Blätter und sagte: "Ach so, du meinst also, das Rosen und Disteln eigentlich im Grunde genommen ähnlich, wenn nicht sogar gleich sind?"

Darauf antwortete das Mädel etwas boshaft und empört:  "Nein... Rosen sind feige ihrer Dornen wegen....Sie stechen uns, damit wir sie bewundern und sehen wie stolz sie sind...!"

Die Mutter runzelte die Stirn und begann darüber nachzudenken... Sie nahm ihre Tochter in die Arme und beide gingen weiter des Weges...

Die Distel jedoch war so glücklich darüber, dass jemand ihr wahres ich erkannte, dass sie es kaum glauben konnte...

Endlich hatte jemand ihre wahr Schönheit erkannt, ihre innere Schönheit. Es gibt also noch den Glauben und die Hoffnung daran, dass es Menschen gibt, die die Dinge nicht nach ihrem Äußeren ver- bzw. beurteilen, sondern sich erst einmal Gedanken darüber machen, wer oder was in Wirklichkeit dahinter steckt...

Mit diesem Gedanken und mit einem leichten Grinsen auf den Wangen schlief die Distel ein...

Regenbogenwald e.V.

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