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Sexueller Missbrauch im Kindesalter

Sexueller Missbrauch - Symptome und Folgen

Sexueller Missbrauch im Kindesalter

Sexueller Missbrauch - Symptome und Folgen

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Immer wieder kommt die Frage auf, ob es nicht ein Symptom, eine bestimmte Veränderung gibt, die anzeigen, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde. Die Antwort lautet Nein. Ein eindeutiges Symptom gibt es leider nicht. Man kann einem Kind den Missbrauch nicht ansehen. Jedes Mädchen und jeder Junge entwickelt entsprechend seiner Persönlichkeit und Missbrauchssituation individuelle Reaktionen und Symptome. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Schädigungen umso schwerwiegender sind,

je größer die verwandtschaftliche Nähe ist (besonders bei Autoritäts- und Vaterfigur)

je länger der Missbrauch andauert;

je jünger das Kind bei Beginn des Missbrauchs ist;

je größer der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer ist (und besonders bei Generationsunterschied);

je mehr Gewalt angedroht oder angewendet wird;

je vollständiger die Geheimhaltung ist;

je weniger schützende Vertrauensbeziehungen bestehen. Der Missbrauch ereignet sich in völligem Schweigen und in Dunkelheit. Die grundlegende Missachtung und die Verletzung seiner körperlichen Integrität konfrontieren das Kind immer mit Gefühlen der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Das Kind wird in seinem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen geschädigt; der erfolgten oder nicht erfolgten Therapie.

Die Schädigungsproblematik wurde in der Forschung kontrovers diskutiert. Es wurde jedoch nachgewiesen, dass je jünger ein Kind bei Missbrauchsbeginn ist, je häufiger und je länger es missbraucht wurde, desto langanhaltender sind die Folgen.

Ebenfalls steht fest: der sexuelle Missbrauch ist ein traumatisches und damit lebensbestimmendes Ereignis. Die Vielzahl der Symptome und Folgen werden folgendermaßen unterteilt:

6.1. Physische Symptome

Längst nicht jeder sexueller Missbrauch hinterlässt körperliche Verletzungen. Das britische Royal College of Physicians" geht in einer Expertise davon aus, dass sich bei zwei Dritteln der Kinder die mit Verdacht auf sexuellen Missbrauch vorgestellt werden, keine körperliche Befunde erheben lassen (Jones/Royal College of Physicians 1996, Seite 81 in Bange/Deegener, Sexueller Missbrauch an Kindern ­ Ausmaß, Hintergründe Folgen). Wenn keine physischen Anzeichen zu erkennen sind, darf das aber auf keinen Fall als Beweis dafür gelten, dass kein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Es gibt eine Reihe physischer Verletzungen und Anzeichen, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf sexuellen Missbrauch hinweisen.

Physische Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch können sein:

Verletzungen im Genital- und Analbereich (z.B. unerklärliches Bluten, Scheiden- und Analrisse, Fremdkörper in der Scheide oder im After).

Bisswunden oder Blutergüsse im Unterleib, an der Brust oder anderen erogenen Zonen.

Striemen oder blaue Flecken an der Innenfläche der Oberschenkel 

Pilzinfektionen, Juckreiz, Hautrötungen, häufige Entzündungen im Genitalbereich.

einen deutlichen Hinweischarakter haben bestimmte Geschlechtskrankheiten (z.B. Pilze, Herpes, Gonorrhoe, Aids).

Ein wichtiger Hinweis auf sexuellen Missbrauch kann die Schwangerschaft eines jugendlichen Mädchens sein. Verschiedene Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass über 50% der untersuchten schwangeren Jugendlichen sexuell missbraucht wurden.

Der Anteil der Fälle, die medizinisch nachweisbar sind, liegt derzeit in Deutschland bei etwa 1-2%. Striemenartige Spuren an der Innenseite der Oberschenkel, Bisswunden, Brandwunden von Zigaretten und Verletzungen im Genitalbereich, sowie Hämatome an den erogenen Zonen sind in der Regel immer eine direkte Folge von sexueller Gewaltanwendung und nicht allein ein Zeichen von körperlicher Misshandlung. Es sollte noch gesagt werden, dass vielen Ärzten bis heute noch die notwendige klinische Erfahrung fehlt. Das ist der Grund dafür, dass einige Mediziner die körperliche Verletzungen immer noch nicht mit sexuellem Missbrauch in Verbindung bringen.

In einer Medizinerausbildung sollte unbedingt die Diagnostik von sexuellem Missbrauch an Kindern gelehrt werden.

6.2 Psychosomatische Symptome

"Mein Zustand ist weiterhin unverändert schleicht. Ich funktioniere wie eine Marionette. Mir fällt alles ersetzlich schwer. Längst habe ich das Lachen verlernt. Die Depression ist in dieser Zeit mein ständiger Gast. Inzwischen kämpfe ich beinahe jeden Tag mit Kopfschmerzen und Übelkeit. Bin ich einmal schmerzfrei, habe ich stattdessen einen starken Druck im Gehirn. Jede Nacht wache ich in den frühen Morgenstunden mit gewaltigem Herzklopfen. Gepackt von großer innerer Unruhe, wälze ich mich im Bett hin und her, bis ich ganz zerschlagen aufstehe. Kraftlos, mutlos, mit der Angst den kommenden Tag nicht zu überstehen". Mädchen und Jungen die sexuell missbraucht wurden reagieren häufig mit psychosomatischen Beschwerden. Psychosomatische Beschwerden sind die nicht bewusst erlebten ­ körperlich sichtbaren ­ Anzeichen unverarbeiteter seelischer Kränkungen und Verletzungen. Sie bringen dadurch ihre leidvollen Erfahrungen zum Ausdruck. 

Solche Symptome können sein:

Schlafstörungen
Die Nacht bleibt ein Problem. Ich habe Angst, mich in meinem dunklen, lichtlosen Zimmer aufzuhalten. Ich habe sogar Angst, nachts aus dem Fenster unseres Mietshauses zu schauen. Früher freute ich mich auf die Nacht. Vom 4. Stock aus sieht man die Sterne.... Ich möchte die Nacht. Jetzt fürchte ich mich vor der Nacht und vor allem... Ich werde mich in den Kleidern schlafen legen und ich werde auf der Hut sein. Lieber Gott, mach, dass er schlafen geht! Ich werde ganz fest denken: Geh schlafen und lass mich in Ruhe. Wenn ich das die ganze Zeit über denke, wird es gehen. Ich bin eingeschlafen, ohne es zu merken. Er ist da. Alle Nächte sind gleich. Ich habe ein ständiges Bedürfnis zu weinen, mich auszuschütten. Auch Lust zu beissen. Mein Kopfkissen bekommt es zu spüren. Die Schluchzer und die Bisse. Danach kommen der Schlaf und die Alpträume".

Ein- und Durchschlafstörungen können in der Regel bei solchen Kindern festgestellt werden, die abends oder nachts in ihrem Bett sexuell missbraucht wurden. Aus Angst vor neuen Übergriffen lauschen sie jede Nacht, ob ihr Peiniger kommt um sich wieder an ihnen zu vergreifen. Die Kinder haben Angst die Kontrolle zu verlieren, Angst ungeschützt zu sein. Außerdem fürchten sich die Kinder vor dem Schlafzimmer. Dies ist der Ort, an dem ihnen wehgetan wird.

Konzentrationsschwierigkeiten, Wahrnehmungsstörungen sowie innere Abwesenheit und Tagträume können in diesem Zusammenhang ebenfalls Folge sexueller Gewaltanwendung sein. Durch das Verbot des Täters, sich jemandem anzuvertrauen, zu erzählen was passiert ist, kann es zu Sprachstörungen kommen. Das Kind findet keine Worte für das Geschehene. Es weiß nicht was und wie es überhaupt etwas sagen soll. Es muss ständig aufpassen was es sagen will, was zu plötzlichem Stottern, Stammeln oder sogar zu völligen Sprachverweigerungen führen kann. Sehr jungen Kindern fehlen manchmal einfach die Worte, um das auszudrücken, was sie erlebten, wobei sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes kaum bewerten können, was ihnen geschah. Drohungen und Gewalt, Druck zur Geheimhaltung und die Ausnutzung der kindlichen Abhängigkeit führen dazu, dass die Opfer gleichzeitig reden und schweigen wollen, wobei dann Stottern als Kompromiss zwischen etwas sagen wollen sowie gleichzeitigem Verstummen gedeutet werden kann. Zum Teil tritt wohl auch Stammeln aufgrund von allgemeiner Aufregung und innerem Druck auf, oder dem Kind verschlägt es die Sprache, es redet kaum oder auch gar nicht mit bestimmten Personen seines Umfeldes.

Starke Kopfschmerzen und Übelkeit
Meine Migräne hat mich fest im Griff. Nach kurzem Schlaf erwache ich wieder mit starken Kopfschmerzen. Mir ist kotzübel. Ich kämpfe jetzt schon seit etwa 35 Stunden ununterbrochen mit starken Migräneattacken. Die Übelkeit ist unerträglich". Die Opfer können, wollen, dürfen nicht wahrnehmen was passiert ist.

Die Reaktion auf unangenehme und zu enge körperliche Nähe können Hautkrankheiten, Allergien und Ekzeme sein. Somit wird ihr Körper unansehnlich und sie fühlen sich somit vor dem Täter geschützt. Die Haut ist die äußere Grenze, die verletzt würde. Komm mir nicht zu.

Vernachlässigung der Hygiene und des Aussehens
Auch auf dem Weg über mangelnde Hygiene sowie eines abstoßenden Äußeren versuchen die Opfer auf Männer nicht attraktiv zu wirken bzw. die Menschen überhaupt auf Distanz zu halten. Manche kleiden sich wie eine graue Maus, um unscheinbar zu werden. Dass sich die Kinder nicht mehr waschen, kann auch daran liegen, dass der Missbrauch immer oder oft im Badezimmer erfolgte und so dieser Ort besonders gemieden wird. Im Übrigen wählen wohl viele Täter ganz bewusst Ort, von denen sie meinen, dass die gemeinsame Anwesenheit mit dem Kind keinen besonderen Verdacht erregt. Familienmitglieder zum Beispiel begegnen sich ja oft im Bad; Mütter finden es erst einmal ganz natürlich und begrüßenswert, wenn auch der Vater mit seinem Kind in der Badewanne planscht oder jeden Abend zu ihm ins Schlafzimmer geht und ihm noch etwas vorliest oder einen Gute-Nacht-Kuss gibt. Die mangelnde Körperpflege eines Opfers kann zusätzlich auch daran liegen, dass der Körper als Mitschuldiger abgelehnt bis gehasst wird, er ist entwürdigt und entweiht, schmutzig und nicht liebenswert. Im Rahmen einer Psychotherapie dauert es dann oft sehr lange, bis missbrauchte Jugendliche ihren Körper wieder annehmen und verwöhnen können, wieder in gesundem Ausmaß mit ihrem Äußeren eine positive Ausstrahlung aufweisen bzw. Aufmerksamkeit für sich erregen dürfen.

Verspanntheit im Becken-Bereich / Menstruationsbeschwerden
Das deutet die Abwehr im Becken. Die Mädchen haben Bauchschmerzen und zeigen dabei auf ihren Unterleib. Solche Beschwerden ohne erkennbare organische Ursachen können als körperlicher Ausdruck des emotionalen Stress, der inneren Konflikte angesehen werden (mir bereitet etwas Kopfschmerzen, liegt was auf dem Magen). Dementsprechend kann es auch zur Verspanntheit bis hin zu Lähmungserscheinungen aus Angst und vor Schmerzen kommen. Auffallend sind auch Lähmungen und Spannungen in Schultern, Nacken, Rücken oder Oberschenkeln. Während der Übergriffe haben sich die Kinder oft völlig verkrampft. Aus Angst sind sie völlig gelähmt.

Ess-Störungen, z.B. Mager-Fett- und Fresssucht
Ich habe ihm häufiger einen blasen müssen, dann bin ich immer gleich raus, auf die Toilette, und habe mich übergeben. Zu der Zeit hatte ich auch schon immer weniger gegessen, keine Appetit. Und dann habe ich später immer auch nach den Fressanfällen gebrochen, das kam dann später ganz von selbst".

Essstörungen nach sexuellem Missbrauch können u.a. folgendermaßen erklärt werden:

jugendliche Mädchen weichen der Entwicklung zur Frau aus, sie versuchen, ihre körperliche Entwicklung in der Pubertät abzustoppen. Da der Körper mit als Ursache des Missbrauchs angesehen wird, versuchen die Opfer, unattraktiv und unansehnlich zu werden, also zu dick oder zu dünn. Manche Jugendliche ­ auch ohne Essstörungen ­ versuchen auch durch sehr weite, verhüllende Kleidung ihren Körper vor Blicken zu verbergen. Bei Fresssucht dient das viele Essen zum Teil auch dem Ausfüllen eines Gefühls der inneren Leere, wobei aber eigentlich emotionale Nahrung gesucht wird.

Gelegentliches übermäßiges Essen wird auch zur Beruhigung gesucht, oder man möchte sich einfach auch mal etwas Gutes gönnen ­ wobei dann zu vieles Essen auch zum Kummerspeck wird. Das angegessene Schutzpolster bzw. der sehr kräftig gewordene Körper wirkt gelegentlich wie eine Panzerung vor Bedrohung. Bei Magersüchtigen scheint das zwanghaft gesuchte Abnehmen auch Ausdruck dafür zu sein, wenigstens in einem Bereich des Lebens die Kontrolle behalten zu können. 

Erstickungsanfälle, Asthma, übersteigerte Atmung
Sie steht auf dem Stationsflur, schreit laut und voller Angst, wobei sie mit dem Finger von sich weg zeigt und angibt ihren Missbraucher zu sehen (es steht dort aber keine Person). Sie steigert sich immer weiter in ihre Angst, atmet immer schneller und flacher, wird schwindelig und wird auf ihr Bett gebracht um sich dort zu beruhigen". Die seelischen Konflikte können vom Kind nicht ertragen werden, die seelische Erregung schlägt sich im Körperlichen nieder. Manche Jugendliche beginnen bei großer Anspannung und Aufregung zu Hyperventilieren, d.h. ihr Atmung wird immer schneller und schnappender, es kommt zu einer mangelnden Sauerstoffversorgung mit der Folge von Schwindelgefühlen, manchmal auch Ohnmachtsanfällen.

Die Erstickungsängste eines Kindes können das Erleben der oralen Vergewaltigung widerspiegeln, aber auch dann entstehen, wenn der Täter dem Kind während des Missbrauchs den Mund zugehalten hatte, damit es nicht schreien kann. Es kann auch das Gefühl auftreten, einen Kloß im Hals zu haben und nicht mehr richtig schlucken zu können.

Was mit den Worten von Natascha ganz deutlich wird, ist die Abspaltung von den eigenen Gefühlen, vom eigenen Körper.

Ich hab´ gemerkt, dass ich reagiert hab ­ und zwar so´ne Versteinerung nach Innen, Augen zu und durch. Nichts merken, nichts ankommen lassen, einfach nur funktionieren. Du tust jetzt was dein Vater sagt, aber weiter nichts, du machst nichts dagegen, und du merkst nichts, überhaupt nichts. Ich hab mir selber verboten zu merken, dass mir die Situation grauenhaft war, war mir peinlich, ich hab´ mich geschämt, ich hätt´ mich im nächsten Mauseloch verkriechen können".

Eine Multiple Persönlichkeit entwickeln manche Kinder als Folge schwerer physischer und psychischer und sexueller Misshandlung. Die erlebte Verachtung des eigenen Ichs wird zur Selbstverachtung. Mit 13 Jahren begann sie sich einen neuen Namen zu geben. Ich habe ja Katrin geheißen. Und diese Katrin, die diese ganz schreckliche... die hat das nicht überlebt. Die ist also wirklich damals gestorben. Und dann habe ich gemerkt, dass in mir etwas anders ist. Also eine andere Person, diese Eva... meine ganze Erinnerung, ich habe ja alles verdrängt. Alles war zu, weg".

Einnässen und Einkoten
Das Einnässen kann als Ausdruck der allgemeinen Verunsicherung sowie nächtlichen Angst angesehen werden. Kleinkinder mit schon immer bestehenden familiären Belastungen waren oft noch nie trocken. Häufiger geschieht es wohl, dass Kinder, die schon sauber und trocken waren, aufgrund der Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch wieder anfangen Einzunässen.

Das Einkoten kann auch als Ausdruck verdrängter Aggression angesehen werden. Weiter kann das Einkoten auch als Versuch der Abwehr des sexuellen Missbrauchs (z.B. bei analer Vergewaltigung) angesehen werden.

Krank-sein
Ich war der perfekte Hypochonder. Wir hatten so ein Medizinbuch, und ich habe mir die Krankheiten richtig aus dem Buch ausgesucht. Ich war ständig krank. Wenn ich krank war, hat sich meine Mutter auch um mich gekümmert. Da hab ich all das bekommen an Liebe und Zuneigung, was ich sonst nicht hatte".

6.3 Emotionale Reaktionen

Sexuelle Übergriffe stellen für Kinder eine starke emotionale Verwirrung da. Der sexuelle Missbrauch wird wohl von allen Betroffenen als demütigend erlebt. Sie denken, wem so etwas passiert, der kann nicht viel wert sein, sind verunsichert und fühlen sich schuldig für das, was ihnen angetan wurde. Die Kinder glauben, sie könnten auch sonst nichts bewirken, da sie auch den sexuellen Missbrauch nicht verhindern konnten.

Misstrauen an der eigenen Wahrnehmung
"Vielleicht machen das alle Väter mit ihren Töchtern, vielleicht ist das normal, und ich sehe das nicht richtig".

Das, sehen Sie, ist die größte Gemeinheit. Sie werden vergewaltigt, und man möchte Ihnen einreden, dass Sie es mögen, weil Sie aus Angst nichts gesagt haben. Das ist für ihn ein geflügeltes Wort geworden. Wenn ich nein sagte, selbst zaghaft oder weinend oder indem ich versuchte, ihm zu entrinne, wiederholte er die ganze Zeit: Du hast es gemocht, kleines verdorbenes Luder". Das Resultat davon ist: Man weiß nicht mehr, was daran stimmt. Weil in dem betreffenden Moment alles zusammenkommt: Schuldgefühl, Angst, Scham. Heute weiß ich wohl, dass das nicht richtig ist. Ich weiß auch: Ich wusste immer, dass ich es nicht möchte. Aber er redete es mir ein, und ich wurde von ihm in die Enge getrieben. Zwischen Schlägen und Schweinereien brachte er es hervor, und es war unmöglich, sich sauber zu fühlen. Unmöglich. Dreckig, immer dreckig, dreckig, dreckig".

Missbraucher achten darauf, von der Umwelt nicht als Täter erkannt zu werden. Durch den Einbau der Missbrauchssituation in den Alltag des Opfers hinterlässt der Täter keine sichtbaren Spuren. Dadurch zweifelt das Opfer, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Der Missbraucher zeigt sich seinem Opfer mit zwei Gesichtern. Das Kind weiß nie mit wem habe ich es gerade zu tun. Ist es nun der liebe Vater, Stiefvater etc. oder der bedrohlicher Missbraucher?

Der für den sexuellen Missbrauch typische Zweifel an der eigenen Wahrnehmung ergänzt sich mit den öffentlichen, allgemeinen Zweifeln an den Aussagen des Kindes. Berichtet ein Mädchen oder ein Junge über die Erlebnisse, so wird es häufig vom Täter und der Umwelt für verrückt erklärt.

Ein großer Teil der Kinder entwickelt infolge des sexuellen Missbrauchs massive Angstgefühle. Die Kinder haben zum einen die sehr realistische Angst erneut missbraucht zu werden. Sie fürchten sich davor, dass der Täter seine Drohungen wahr macht und sie schlägt oder gar tötet, wenn sie etwas verraten. Auch Angst davor, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass sie von den Eltern und Geschwistern getrennt werden, wenn der sexuelle Missbrauch entdeckt wird. Viele Mädchen und Jungen zeigen plötzlich eine enorme Angst vor Menschen, die sie durch ihre Stimme, ihren Tonfall etc. an den Missbraucher erinnern. Es kommt sogar zu panikartigen Reaktionen in bestimmten Situationen oder Räumen, mit denen sie die Gewalttat in Verbindung bringen. So kann es ein wichtiger Hinweis auf sexuellen Missbrauch sein, wenn ein Kind plötzlich Angst hat, mit einer bestimmten Person allein im Haus zu bleiben.

Jetzt heute, als erwachsene Frau ist mir erst bewusst geworden, dass meine ganze Kindheit bestimmt war von dieser Angst, von dieser Hilflosigkeit, ich habe mich immer ohnmächtig gefühlt... so wie ich als Kind nie ne Sekunde sicher sein konnte, dass nicht gleich irgendein Übergriff passiert, egal ob da ein Zeitraum zwischen lag von einem Tag oder vielleicht auch von zwei Wochen, aber dazwischen war immer und immer die Angst, es könnte jeden Augenblick soweit sein".

Scham- und Schuldgefühle
Scham- und Schuldgefühle entstanden und führten zur Selbstabwertung! "Irgendwie bin ich doch so´n schlechter Mensch! Auch Erregung empfinde ich immer als etwas ganz negatives... weil ich dann immer noch das Gefühl habe, dadurch meinen Vater bestärkt zu haben indem, was er tut und dadurch so seine Schandtat unterstützt zu haben und jetzt dann immer noch so eine Schandfrau bin".

Die Opfer sehen sich selbst als schlecht und schuldig an. Sie verlagern die Verantwortung für die Tat in sich selbst und können es nicht begreifen, warum ihnen so etwas schreckliches angetan wird. Auf die Frage wofür fühlst du dich dann als missbrauchtes Kind schuldig? antwortete Bärbel M., die in ihrer frühen Kindheit Opfer eines sexuellen Missbrauchs geworden ist:

"Schuldig fühle ich mich dafür, etwas Schlechtes über meinen Vater zu denken, Probleme zu machen, zu sehr zu gefallen, zu lebendig zu sein, zu laut, zu frech, zu anstrengend für meine Eltern ­ ein unanständiges Mädchen zu sein".

Regressives Verhalten
Vor allem kleinere Kinder zeigen in folge eines sexuellen Missbrauchs regressiver Verhaltensweisen. Sie möchten plötzlich wieder ständig auf den Arm genommen werden, sie krabbeln immer wieder auf den Schoß der Mutter. Weichen ihrer Mutter nicht mehr von der Seite und klammern sich regelrecht an ihr Bein. Es kommt auch häufig vor, dass die Kinder plötzlich wieder am Daumen lutschen, wieder nach dem Schnuller, Flasche oder Kuscheltieren verlangen, obwohl sie längst entwöhnt waren. Außerdem entwickelt das Kind seine Sprachfähigkeit nicht altersgemäß und fällt in die Babysprache zurück. Durch diese Rückfälle in frühkindliche Verhaltensweisen wünscht sich das Kind wieder wie früher als Baby, zu jederzeit geschützt und umhegt zu werden.

Vertrauensverlust
Die meisten Kinder vertrauen dem Täter, bevor sie von ihm sexuell missbraucht werden. Ein Mädchen ist vielleicht in den ersten Lebensjahren immer zu ihrem Papi gelaufen, wenn sie sich wehgetan hat oder Angst vor irgendetwas hatte. Sie wurde dann von ihm in den Arm genommen und getröstet. Plötzlich macht der gleiche liebe Papi Dinge mit ihr, die ihr unheimlich sind und ihr weh tun. Ihr Vertrauen in enge, nahe Beziehungen wird zutiefst erschüttert. Die verständliche Reaktion ist, sie darf nicht mehr zu viel vertrauen, denn das tut dann irgendwann weh. Jetzt wird sie vorsichtiger. Sehr viele Kinder sind deshalb nach einem sexuellen Missbrauch sehr misstrauisch gegenüber engen Beziehungen. Sie entwickeln eine Schutzfunktion vor weiterem sexuellen Missbrauch und erneutem Vertrauensmissbrauch. Wie tief sich ein solcher Vertrauensverlust einprägt und das Verhalten bis ins Erwachsenenleben hinein beeinflusst zeigen die Worte einer sexuell missbrauchten Frau.

Nichts hat mir als Erwachsenen mehr geschadet als die Zerstörung meines Vertrauen in der Kindheit. Ich muss hart daran arbeiten, mir so etwas wie ein Sicherheitsnetz zu schaffen ­ etwas, woran andere, denen es besser gegangen ist, nie einen Gedanken zu verschwenden brauchen. Bis ich anderen Menschen vertrauen konnte, hat es Jahre gedauert, Jahre!".

Dieses Erleben scheint typisch für einen großen Teil der Opfer zu sein. Immer wieder berichten sie große Angst vor Nähe und engen Beziehungen zu haben. Dies ist nicht verwunderlich, da die meisten von ihnen durch einen vertrauten Menschen sexuell missbraucht wurden.

Psychische Reaktionen auf sexuelle Gewalterlebnisse zeigen sich häufig in zwanghaftem Verhalten. Das Kind ist fast ausschließlich beschäftigt mit Reinlichkeits- und Ordnungsritualen. Es duscht oder wäscht sich so häufig, bis die Haut rot und rissig ist, um den inneren und äußeren Schmutz los zu werden. Das Kind versucht vergeblich sich von der Missbrauchsverschmutzung und von seinem Ekel zu reinigen. Andererseits will es über die Vermeidung jeglicher äußerlichen Verunreinigungen symbolisch der Missbrauchsverschmutzung entkommen. Ich stürze auf die Toilette. Ich wasche mich, ich schrubbe, ich schrubbe, ich schrubbe, die Gerüche herunter, ich schrubbe, bis ich nicht mehr fühle, wie seine Hände mich berühren, sein Mund mich küsst. Ich schrubbe wie eine Furie".

Depressive Reaktionen
Depressive Reaktionen von Kindern auf einen sexuellen Missbrauch werden von vielen Experten als symptomatisch betrachtet. Es ist nur allzu verständlich, wenn die Kinder traurig darüber sind, dass ein ihnen vertrauter Mensch ihnen wehgetan hat, sie benutzt hat. Sie sind enttäuscht, dass sie sich selbst nicht aus dieser schlimmen Situation befreien können und ihnen all die anderen Menschen nicht helfen. Die Kinder zeigen keine Gefühle mehr, kein Lachen, kein Weinen, nur Leere ­ eine scheinbare Gefühlslosigkeit. Bei jahrelangem Missbrauch trauern sie um ihre verlorene Kindheit und Jugend.

Depressionen, die kenne ich! Meine Bewegungen sind schwerfällig, ich bin oft weinerlich und fühle mich nicht dazugehörig. Es ist, als ob ich neben mir stehe. Die Tage erschlagen mich, alles scheint so sinnlos. Lieber Gott, zieh doch endlich den Stecker aus der Dose, ich kann ganz bestimmt nicht weiter. Plötzlich habe ich Angst, dass die Depressionen nicht heilbar sind. Ich kann nicht immer in diesem qualvollen Zustand leben. Ich schleppe mich von einem Tag zum anderen, liege oft auf dem Sofa. Ich vegetiere stumpfsinnig vor mich hin, unterbrochen von den unvermeidlichen Migräneattacken. Manchmal weiß ich morgens nicht, wie ich den Tag überstehen soll... weiß manchmal nicht, wo ich die Kraft hernehme. Ich muss dann gegen die Versuchung ankämpfen, mit dem Auto einfach mit Vollgas gegen einen Baum zu fahren. Die Verzweiflung wächst, wird riesengroß".

Scham- und Schuldgefühle, besonders Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und das Gefühl der Ohnmacht schwächen das Selbstbewusstsein von Mädchen und Jungen. Ich fühle mich, als hätte ich eine schmierige, feuchte, klebrige Masse in mir drin. Ich wusste, alles in mir war böse und etwas davon blieb an allem hängen, mit denen ich in Kontakt kam. Also lies ich keinen Menschen wirklich an mich ran. Ich hasse mich. Ich verdiene es nicht. Im Grunde bestehe ich nur aus Stress. Die normalen Vergnügen die andere Leute genießen ­ Zusammensein mit anderen, Entspannen, Spaß ­ sind mir immer unerreichbar vorgekommen. Ich glaub nicht, dass mich jemals jemand lieben wird. Ich weiß, eigentlich bin ich dazu bestimmt allein zu sein".

Die Opfer zeigen oft niedriges Selbstwertgefühl aufgrund der entstandenen Scham -, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Im Zusammenhang mit den anderen Belastungen und Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs führt dies nicht selten dazu, dass sie sich in vielen Bereichen nichts zutrauen.

6.4 Autoaggressives Verhalten

Die Aggressionen, die sich aufgrund der Missbrauchssituation in den Mädchen und Jungen angestaut haben, richten sich nun gegen sich selbst. Aufgrund der Scham- Schuldgefühle, die die Opfer empfinden, wollen sie sich dafür bestrafen. Sie denken, sie hätten sich dem Missbraucher nicht genügend zur Wehr gesetzt. Mädchen neigen sehr oft zu autoaggressivem Verhalten. Dadurch versuchen sie ihren Körper (in ihren Augen die Ursache für den sexuellen Missbrauch) zu zerstören.

Das Opfer bestraft sich oder möchte durch den zugefügten Schmerz spüren, dass es überhaupt noch lebt. Wieder andere fügen sich körperliche Schmerzen zu, um den seelischen Schmerz zu verdecken.

Suizidgedanken ­ versuche
Ich habe mehrere Versuche hinter mir. Mit 7 war es das erste Mal. Da habe ich damals gedacht, wenn ich unter der Bettdecke einschlafe, dann ersticke ich, und wach morgens nicht mehr auf. Und ich habe es dann irgendwann einmal tatsächlich geschafft, unter der Bettdecke einzuschlafen, bin morgens aber trotzdem aufgewacht und habe festgestellt, dass nichts passiert ist. Danach habe ich mehrmals mit dem Gedanken gespielt, war schon kurz davor".

Selbstmordgedanken und ­versuche sind der dramatischste Schrei nach Hilfe. Sie spiegeln die langwährenden Gefühle der Hilf-, Hoffnungs- und Ausweglosigkeit wieder und erscheinen als einzige Möglichkeit der Flucht aus der Missbrauchssituation. Weiter kommt in ihnen ­ wegen der vermeidlichen Schuld ­ auch eine Tendenz zur Selbstbestrafung zum Ausdruck, und in Verbindung mit dem entstandenen negativen Selbstbild kann sich der Gedanke verfestigen, nicht lebenswert zu sein. Selbstmordversuche erfolgen auch, wenn Kinder vom sexuellen Missbrauch erzählt haben und ihnen niemand glaubt. Sie nur im Sinne eines letztlich nicht ernstgemeinten Appells zu verstehen, ist häufig eine gefährliche Verharmlosung. Unterschätzt wird dann auch das Ausmaß der Bilanz, die von diesen Kindern oder Jugendlichen gezogen wird und in Gedanken mündet, dass der Tod eine Erlösung von den Gefühlen der allgemeinen Sinnlosigkeit des eigenen Lebens und Alltags sei.

Bewusste Selbstverletzungen
Mein Körper habe ich radikal, also wirklich radikal versucht zu zerstören, weil er attraktiv war und ich das Gefühl hatte, er nur Werkzeug ist.... Der einzige Weg mal das Gefühl zu haben, ich bin ich, ist dann diese Selbstzerstörung, weil ich weiß, dass das niemandem gefällt und mich damit keiner benutzen kann. Ich wollte mich verletzen, mir selbst Schmerz zufügen, und normalerweise tu ich das indem ich mich mit einem Messer schneide. Ich hab das Gefühl, der Schmerz in mir drin ist so schlimm, dass er herauskommt, wenn ich mich schneide. Oft habe ich das Bedürfnis danach, wenn ich mich an etwas erinnere. Wenn ich mich schneide, wissen die anderen, welche Schmerzen ich leide. Sonst merken sie es nicht, vor allem, weil ich versuche, keine Gefühle zu zeigen".

Manche Missbrauchsopfer verletzen sich selbst. Diese Autoaggressionen erfolgen in Form von Nägelkauen, Haare ausreißen, Schnittverletzungen mit Messern, Glasscherben und Rasierklingen an den Armen und Beinen, Ausdrücken der Zigarette auf dem Körper, sich mit den Fingernägeln Striemen auf der Haut beibringen. Eine Jugendliche zog sich auf diese Weise buchstäblich die Haut mit ihren Fingernägeln vom Leibe. Die Schuldgefühle werden dabei gegen sich selbst und den eigenen Körper gerichtet, wobei weiter der Hass und die Wut gegenüber dem Täter nicht auszuleben gewagt wird, sondern gegen sich gerichtet wird. Manche Opfer geben an, durch die Selbstverletzungen Gefühle der innerer Anspannung und Leere abbauen zu können. Natürlich sind diese Selbstverletzungen auch als Hilfeschrei zu verstehen. 

Suchtverhalten
Ich fing mit Drogen und Alkohol an, um mich in die richtige Stimmung zu bringen. Ich war noch auf der High-School. Damals erinnerte ich mich nicht mehr an den Inzest, ich wusste nur, dass ich mich einsam, anders als die anderen und überhaupt ziemlich mies fühlte. Ich entdeckte, dass ich nach ein paar Drinks lockerer wurde. Sie halfen mir bei Geselligkeiten und ließen mich vergessen, wie lachhaft mein Leben war. Aber das wurde bald anders. Nun nahm ich die Droge nicht mehr um meine Stimmungen zu steuern, sondern die Drogen nahmen mich in die Zange und ich konnte sie nicht länger kontrollieren".

Erfahrungen aus Drogenberatungsstellen belegen, dass für viele Alkohol- und Drogenabhängige der sexuelle Missbrauch ein Grund zum Einstieg gewesen ist. Der Alkohol- und Drogenkonsum kann sich von einem vorübergehenden Überlebensmechanismus zur beeinträchtigenden Abhängigkeit entwickeln.

Alkohol und Drogen dienen vielfach der Selbstbetäubung, um die Gefühle von Scham, Einsamkeit, Ekel, Angst und Schmerzen vorübergehend verblassen zu lassen. Die Suchtmittel führen zu einem Gefühl der momentanen Entlastung und Leichtigkeit, die innere Anspannung und Unruhe lässt nach, die quälenden Gefühle und Erinnerungen werden nicht mehr so bewusst erlebt. 

6.5 Sozialverhalten

Kinder und Jugendliche zeigen nach einem sexuellen Missbrauch überdurchschnittlich oft Verhaltensauffälligkeiten. Sie wurden benutzt und in ihrem Vertrauen betrogen. Diese Gefühle äußern sich in ihrem sozialen Verhalten.

Plötzlicher Leistungsabfall- oder anstieg
Negative Veränderungen in den Schulleistungen, Versagen in der Schule, aber auch Leistungsverweigerung und Konzentrationsschwierigkeiten können auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Es war im auch egal, dass ich oft kaum schlafen konnte in der Nacht, dass das die ganze Nacht ging, dass ich auch in die Schule hätte müssen und alles.... Das ging wirklich oft, er hat mich dann immer wieder aufgeweckt".

Es ist unmöglich für die Missbrauchsopfer sich in der Schule zu konzentrieren, sie sind müde und mit ihren Gedanken oft beim Missbrauch. Für gute Schulleistungen haben sie keine Kraft mehr, sie haben wichtigere Sorgen als Schule. Es kann allerdings auch vorkommen, dass sexuell missbrauchte Kinder mit extremer Leistungsbereitschaft auf den Missbrauch reagieren. Mit guten Leistungen heben sie sich von den anderen ab, sie brauchen keine Angst zu haben entdeckt zu werden. Zudem wird die Schule zu einem Ort, an dem sie keine Angst vor sexueller Gewalt haben müssen. Hier können sie sich entfalten und bekommen durch ihre Erfolge Anerkennung. Hinter dieser verzweifelten Leistungsbereitschaft kann ebenfalls der Wunsch nach Unabhängigkeit stecken. Möglichst schnell Geld verdienen und aus dem verhassten Elternhaus entfliehen.

Distanzloses Verhalten
Bei sexuell missbrauchten Mädchen und Jungen wurden ihre eigenen persönlichen Grenzen vom Peiniger überschritten. Sie konnten daher nicht lernen ihre eigenen Grenzen und die Grenzen anderer zu erkennen und zu respektieren. Sie verhalten sich distanzlos.

Verschlossenheit, Einzelgängertum
Das Kind zieht sich aus allen seinen Freundschaften zurück, es vermeidet gemeinsame Unternehmungen, es isoliert sich selbst. Das Kind fühlt sich anders und ausgestoßen. Sie empfinden sich weiter als schlecht und sündig, wobei ein sehr negatives Selbstbild entsteht. Die Selbstunsicherheit breitet sich immer mehr aus, ein Anlächeln wird umgedeutet als auslachen, die Kinder fühlen sich im Vergleich mit Gleichaltrigen viel weniger hübsch, klug, usw. hinzu tritt die Angst, dass die Suche nach Nähe und Geborgenheit zu erneutem sexuellem Missbrauch führt, wobei weiter quälende Erinnerungen an den Missbrauch umso lebendiger werden können, wenn Freunde auch körperliche Nähe wünschen. Außerdem wird Nähe auch vermieden aus Furcht, sich zu verplappern, und Abstand zu anderen Menschen verschafft auch das Gefühl, das nicht durchschaut und erkannt werden kann, wie schlecht, schmutzig und lächerlich man sei. Freundschaften können bedrohlich sein, weil es in Gefahr kommt, das Geheimnis zu verraten, wovor es fürchterliche Angst hat. Die Missbraucher sorgen sogar für die Isolation des Kindes, damit das Geheimnis gewahrt wird.

Das Kind fängt an, sehr auffällig zu lügen oder zu stehlen. Der Täter spricht seine Missbrauchsopfer seine eigenen, wahren Gefühle aus, er wechselt die Lüge in die Wahrheit, somit zwingt er das Kind ständig zur Lüge, er stiehlt sich mit Gewalt Gefühle des Kindes und verletzt dessen Vertrauen. Das auffällige Lügen oder Stehlen drückt die Not des Kindes aus.

Weglaufen, Streunen
scheint bei Mädchen und Jungen ein wichtiger Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch zu sein. Das Weglaufen für Stunden, Tage oder auch viele Monate ist leicht als Flucht vor der allgemeinen unerträglich gewordenen familiären Beziehung sowie der Missbrauchssituation zu begreifen. Flucht vor etwas ist aber auch immer verbunden mit einer Suche nach einer besseren Zukunft, nach Geborgenheit und nach vertrauensvollen Menschen. Dabei besteht die Gefahr, in neuen Abhängigkeiten wiederum ausgenutzt zu werden. Eine Form des Weglaufens besteht darin, dass die missbrauchten Kinder und Jugendlichen kaum mehr zu Hause sind, sie verbringen möglichst viel Zeit unter Freunden oder irren in der Stadt herum, haben scheinbar immer etwas außerhalb zu tun, sind morgens die ersten auf dem Schulhof und bummeln noch lange nach Schulschluss herum, bevor sie sich nach Hause wagen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich, als ich klein war, von zu Hause weglaufen wollte und ich mir auch schon ein Versteck ausgesucht hatte".

Aggressives und delinquentes Verhalten
Die im Elternhaus und sozialen Umfeld häufig allgemein herrschenden aggressiven Beziehungen und gewaltförmigen Konfliktlösungen werden durch das Lernen am Modell übernommen. Können die entstandenen Gefühle von Wut, Hass und Enttäuschung gegenüber dem Täter oder auch der Mutter nicht ausgelebt werden, so werden sie auf andere Menschen verschoben. Häufig müssen dann jüngere, schwächere Kinder unter diesen Aggressionen leiden, oder es werden die Männer oder die Erwachsenen unisono verachtet und bestraft. Bei Kindern und Jugendlichen, welche im Elternhaus körperlicher Misshandlung oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind, besteht eine erhöhte Gefahr, dass sie ebenfalls Kinder sexuell missbrauchen oder Aggressionen an ihnen ausleben. Als Ursache wird dabei auch die Identifikation mit dem Aggressor angenommen, d.h. Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit als Opfer werden überwunden, indem nun die machtvolle Täterrolle eingenommen wird.

6.6 Sexualverhalten

Eine weitere Auswirkung sexueller Gewaltanwendung kann bei Mädchen und Jungen altersunangemessenes sexualisiertes Verhalten sein. Die Entwicklung der kindlichen Sexualität ist massiv gestört und unterbrochen worden. Der Täter hat das Vertrauen des Kindes missbraucht, hat es beschmutzt und sich schamlos verhalten. Sexuell missbrauchte Mädchen und Jungen fallen also häufig durch ein altersunangemessenes Sexualverhalten auf. Dies zeigt sich unter Umständen durch öffentliches Herzeigen der eigenen Geschlechtsteile und häufigem, intensivem Masturbieren. Sie drücken sich mit auffälligem, nicht altersgemäßen sexuellen Handlungen im Spiel oder in Erzählung aus ritualisierte Doktorspiele bei gleichaltrigen Kindern, wobei erlebte Zwangshandlungen nachgespielt werden. Es kann bei Mädchen des häufigeren vorkommen, dass es in automatischer Reflexbewegung auf alle Viere hinunter geht, ihren Po in die Luft streckt, wenn eine Erziehungsperson laut wird oder schimpft. Mädchen reagieren auch des öfteren wie elektrisiert oder verhalten sich Männern gegenüber völlig distanzlos. Außerdem wurde bei Mädchen beobachtet, dass sie in sexuell aufreizenden Posen auf Erziehungspersonen zugehen, ihnen Küsse geben, ihre Geschlechtsteile am Knie reiben. Durch den Missbrauch hat das Kind früh gelernt, dass es so Aufmerksamkeit und Anerkennung erhält. Das Kind weist mit den genannten Verhaltensauffälligkeiten auf den Vertrauensbruch, die Beschmutzung, die Schamlosigkeit und auf die viel zu frühe gewalttätige Sexualisierung hin und bringt sie durch diese Signale an die Öffentlichkeit. Verstärkt wird ihr Verhalten dadurch, wenn ihre Peiniger ihnen noch erzählen, dass das, was sie hier miteinander machen, normal und richtig sei (vgl. Frei, K., 1993, S. 42). Es wird auch immer wieder vom symbolischen Ausdruck des Missbrauchsgeschehens berichtet. Bei einem Mädchen im Vorschulalter heilte trotz aller ärztlicher Bemühungen lange Monate der entzündete Mittelfinger nicht. Später stellte sich heraus, dass ihr Vater immer wieder mit seinem Mittelfinger in ihrer Scheide manipuliert hatte.

Das Kind wiederholt immer wieder Fragen zu sexuellen Themen, auch wenn ihm längst geantwortet wurde. Des häufigeren fängt das Kind jedes Mal an zu stottern, wenn es über die eigenen Gefühle reden will, es sagt, dass es nicht mehr leben will und erzählt, dass in der Nacht immer ein dunkler Geist kommt, der ihm die Bettdecke weg nimmt und ihm weh tut. Sexuell missbrauchte Kinder dürfen nicht über den Missbrauch sprechen, also senden sie so Hinweise an ihre Umwelt. Das Kind erzählt, dass sein Papa im Kinderzimmer schläft und nachts ins Bett macht. Die Kinder benutzen dabei entweder ihre Kindersprache oder die Sprache, die sie vom Täter gelernt haben.

Doch nicht nur eine exzessive Beschäftigung mit der Sexualität wird bei Missbrauchsopfern beobachtet. Sie haben Sexualität als gewalttätig und schmerzvoll erlebt. Dadurch entwickeln sie oft negative Gefühle mit Sexualität, was dazu führen kann, dass die Kinder sexuelle Aktivitäten als bedrohlich erleben. Sie haben Angst davor und vermeiden sie deshalb. Wie folgenschwer die in der Stille des Schlafzimmers sich offenbarenden Ängste vor der Sexualität für die Missbrauchsopfer sind, wird durch folgende Aussagen von Betroffenen verdeutlicht: 

Ich erinnere mich, als ich älter wurde und die Mädchen, mit denen ich aufwuchs, mit Küssen und all diesen Sachen anfingen ­ für sie war das neu. Und ich kannte schon so viel. Ich glaube, ich fühlte mich schmutzig. Sexualität wurde für mich zu etwas Schmutzigem".

Ich bin 53 und habe nie geheiratet. Ich habe enge Freundinnen und Freunde, aber sobald jemand was von mir will, krieg ich heftige Angst. Ich hab in meinem Leben zweimal sexuellen Kontakt gehabt, wenn ich meinen Onkel nicht zähle. Ich fand mich widerlich und schmutzig und konnte gar nicht abwarten, bis es vorbei war. Ich wollte ihn nie wieder sehen. Ich bin richtig wütend: Ich bin 53 Jahre alt und weiß nicht mal, wie es ist, wenn jemand mit mir intim ist, wie schön es vielleicht sein kann, mit jemandem zu schlafen",

Soweit ich weiß, empfinde ich in sexueller Hinsicht nichts".

Prostitution
Als Prostituierte wurde ich auch wieder zum Opfer. Zu der Zeit hab ich das gemacht, weil ich keine andere Möglichkeit sah, meinen Lebensunterhalt zu verdienen und meine Kinder zu ernähren. Ich war zu jung, um emanzipiert zu sein. Vom Sozialamt bekam ich nichts. Meine Kinder brauchten Windeln und was zu Essen, und Prostitution war die einzige Möglichkeit, die ich sah, da dranzukommen".

Ein Kind, dass für die sexuellen Kontakte mit einem Erwachsenen materielle Gegenstände bekommt, lernt, Sexualität funktional einzusetzen. So kann eine Entfremdung von der eigenen, vielleicht nie erfahrenen Sexualität stattfinden. Die Übernahme von Normen und Werten können richtungsweisend sein. Zudem laufen viele der sexuell missbrauchten Kinder von zu Hause weg. Einmal auf der Straße, stellt sich dann sehr schnell die Frage: Wie soll sich überleben? Wovon soll ich leben? Prostitution bietet sich für einen Teil dieser Kinder als die einzige Möglichkeit an, das nötige Geld zu beschaffen. Ein weiteres Motiv, sich zu prostituieren, ist nach Aussage von Prostituierten, dass sie in ihrer Arbeit einen Weg sehen, eine Situation zu beherrschen, die sie als Kinder nicht beherrschen konnten. Es ist bezeichnend, dass viele von ihnen sagten, sie hätten zum ersten Mal ein Gefühl von Macht empfunden, als sie ihren ersten Freier hatten".

Mimi Silbert und Ayala Pines (1981) befragten 200 jugendliche und erwachsene Prostituierte in der San Francisco Bay Area. 60% von ihnen hatten sexuellen Kindesmissbrauch erlebt. Die meisten wurden von Vätern und Vaterfiguren vergewaltigt. 96% liefen von zu Hause weg. 62% begannen vor ihrem 16. Lebensjahr, sich zu prostituieren.

Manche Frauen sagen, dass sie aus eigener Entscheidung auf der Straße seien, aber tatsächlich gibt es nichts zu entscheiden: Es ist die einzige Möglichkeit. Ich war darauf gedrillt worden. Mein Vater hat mich missbraucht und mich für Sex bezahlt. Hinterher gab er mir immer etwas was ich wollte und was er mir vorher vorenthalten hatte. Er brachte mir bei: Mehr verdienst du nicht. Das ist alles wozu du gut bist. Draußen auf der Straße hab ich bloß immer das gleiche Muster wiederholt". Auch wenn die Untersuchungen einen engen Zusammenhang von sexuellem Missbrauch und Prostitution belegen, darf man nicht vergessen, dass sich auch Mädchen und Frauen sowie Jungen und Männer prostituieren die niemals sexuell missbraucht worden sind.

Immerwährende Erinnerungen
Die Erinnerung an die Ereignisse sind eigentlich immer da, egal wo ich gerade bin, manchmal sehe ich es auch bildhaft vor Augen."

Die bisher angeführten möglichen Folgen von sexuellem Missbrauch in der Kindheit und Jugend machen es (auch aufgrund ihrer Wechselwirkungen) verständlich, warum es Opfern zunächst häufig nicht gelingt, ihre Missbrauchserlebnisse ganz bewusst vergessen und verdrängen zu wollen. Je nach zeitlicher Ausdehnung und Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs oder dem Ausmaß von erlebter Bedrohung und Gewalt gelingt dies nur unvollkommen. Dazu tragen auch unwillkürliche Erinnerungen an den früheren Missbrauch aufgrund augenblicklicher spezifischer Sinneseindrücke bei, welche wiederum zu körperliche und seelischen Stressreaktionen führen.

Es ist vor allem immer im Auge zu behalten:

Es ist die gesamte Verhaltensänderung des Kindes, die den Hinweis gibt, dass Gefahr im Verzug ist. Das aber bedeutet aufmerksame Beobachtung. Es ist ein hohes Maß an Wachsamkeit und Zuwendung notwendig, um ein plötzliches Auftreten etwa von Überreaktionen oder Rückzugstendenzen festzustellen. Die Signale, mit denen ein Kind versucht, sich mitzuteilen, sind so verschieden wie die Kinder selbst. Jede plötzlich auftretende Verhaltensänderung des Kindes sollten wir äußerst sorgfältig beobachten. Je mehr dieser Symptome wir erkennen können, desto wahrscheinlicher ist es, dass das Kind sexuell missbraucht wurde. Auch wenn Kinder selten darüber reden, was ihnen angetan wurde, so sprechen doch diese Symptome und Verhaltensänderungen eine eigene Sprache.

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von Micha, 31.05.2012 23:17 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · 11 anderen gefällt das

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