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Sexueller Missbrauch - Begriffserklärung

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Inzwischen gibt es eine Reihe von Begriffen, die entweder bestimmte Aspekte zum Thema hervorheben oder zum Teil synonym verwendet werden: Sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt, sexuelle Ausbeutung, sexuelle Grenzüberschreitung, sexuelle Belästigung, sexuelle Misshandlung.

Unter dem Begriff sexueller Missbrauch haben vor ungefähr 10 Jahren betroffene Frauen aus Amerika ihre Gewalterfahrung aus der Kindheit in die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland gebracht. Er beinhaltet eine wörtliche Übersetzung zum amerikanischen sexual abuse.

Der Begriff sexueller Missbrauch hat sich in der Öffentlichkeit eingebürgert. Obwohl zu bemerken ist: wenn von einem sexuellen Missbrauch gesprochen wird, setzt dies möglicherweise voraus, dass es auch einen akzeptablen sexuellen Gebrauch von Mädchen und Jungen gibt. Also könnte man von dem Begriff sexuelle Gewalt" sprechen:

Es gibt keinen Begriff, der umfassender und differenzierter sowohl die Analyse der gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse als auch den Erfahrungshintergrund der Betroffenen wiederspiegelt und so unmissverständlich den Zusammenhang von Gewalt und Sexualität benennt.

2.1 Definition in der Fachliteratur

In der Fachliteratur und in den wissenschaftlichen Untersuchungen zum Themenbereich sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" werden sehr unterschiedliche Definitionen verwendet. Diese reichen von sehr eng gefassten, bei der nur durch Drohung oder körperliche Gewalt erzwungenen sexuellen Übergriffe mit Körperkontakt als sexueller Missbrauch gelten, bis hin zu solchen, bei denen jede Handlung (auch Blicke und Worte), die ein Kind als sexuellen Missbrauch erlebt, sexueller Missbrauch ist.

Im wesentlichen wurde sexueller Missbrauch bis Heute aus vier Blickwinkeln betrachtet und definiert: aus individualisierenden, der psychoanalytischen, der familientheoretischen und der feministischen Perspektive.

Definition beinhaltet ein Wissen um das Erleben und die Sicht sexuell ausgebeuteter Mädchen und Frauen und ein Wissen um die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse zwischen den Geschlechtern sowie zwischen den Generationen.

In der Fachliteratur gibt es keine Einheitlichkeit über den Begriff sexueller Missbrauch von Kindern. Um eine umfassende Definition zu erhalten, die alle erforderlichen Aspekte beinhaltet, möchte ich im Folgende verschiedene Definitionen aufzählen, die dazu erforderlich erscheinen:

Sexueller Missbrauch ist immer eine Gewalttat. Diese Form der Gewalt reicht von der Nichtachtung der persönlichen Integrität bis zur Versklavung. Frauen und Mädchen werden auf ein frei verfügbares Sexualobjekt reduziert, (auch Jungen, seltener Männer) die Zerstörung ihrer Persönlichkeit wird in Kauf genommen. Persönliche Grenzen, der eigene Wille, sowie die Würde und das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit werden missachtet, Vertrauen und Sicherheit zerstört und das Gefühl der Zugehörigkeit zur Welt außer Kraft gesetzt. Sexueller Missbrauch ist damit ein zentraler Angriff auf die Identität".

Sexuelle Gewalt an Kindern ist immer ein Ausnutzen von Macht und Autorität und von körperlicher oder beziehungsbedingter Überlegenheit. Abhängigkeit und Vertrauen der Mädchen und Jungen werden ausgenutzt, Kinder werden massiv unter Druck gesetzt und zur Geheimhaltung verpflichtet. Sie werden damit zur Sprachlosigkeit, Wehrlosigkeit und Hilflosigkeit verurteilt".

Der Begriff ´sexuelle Gewalt an Kindern´ beinhaltet das ganze Spektrum sexueller Gewalthandlungen, von scheinbar harmlosen Berührungen bis zu den unterschiedlichen Formen der Penetration".

Dazu gehören auch das Berühren und die ´fachmännischen´ Begutachtungen der sich entwickelnden Rundungen, das betasten der Brust oder des Brustansatzes, verbunden mit abschätzigen oder auch wohlwollenden Qualitätsurteilen, dass das Mädchen jetzt zur Frau und somit als Sexualobjekt attraktiv wird".

Rosemarie Steinhage bezieht in ihrer Definition des sexuellen Missbrauchs auch die Absicht des Täters mit ein: Sexueller Missbrauch beginnt dort, wo Männer sich bewusst am Körper des Mädchens befriedigen oder sich von ihnen befriedigen lassen. Sexuelle Handlungen an Mädchen und Jungen sind vom Täter immer beabsichtigt. Sexueller Missbrauch ist niemals eine zufällige Begebenheit, sondern immer geplant. Sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Jungen passieren Männern nicht aus Versehen, durch Zufall oder unbemerkt, sondern sind Handlungen, die der Täter sich überlegt hat und bewusst ausführt. Voraussetzung für den sexuellen Missbrauch durch eine nahestehende Person ist das Vertrauen des Mädchens und Jungen zum Täter. Darüber hinaus intensivieren Täter die Beziehungen durch emotionale und körperliche Aufwertung ihrer Person. Sexueller Missbrauch bedeutet, dass der Täter das Vertrauen, die Abhängigkeit und Sexualität des Kindes missbraucht und kindliche Gefühle für seine Interessen benutzt. Sexuelle Übergriffe geschehen immer unter Ausnutzung der Macht­ und Autoritätsstellung seitens der Täter. In diesem Sinne ist sexueller Missbrauch immer Gewaltanwendung, auch wenn keine körperliche Gewalt zur Durchsetzung der Interessen des Täters notwendig ist".

Eine andere Definition des sexuellen Missbrauchs von Kindern, die auch von den Experten allgemein akzeptiert wird und oft zitiert wird stammt von C. Henry Kempe, der als anerkannte Autorität auf diesem Gebiet gilt: Sexueller Missbrauch von Kindern findet dann statt, wenn Kinder oder Adoleszente, die noch keine sexuelle Reife erreicht haben, in sexuelle Handlungen einbezogen werden, die sie noch nicht richtig verstehen und beurteilen können und denen sie, weil es ihnen an Reife fehlt, nicht klaren Verstandes zustimmen können; oder aber es handelt sich um sexuelle Handlungen, die die sozialen Tabus von Familienrollen verletzen".

Wie man sieht, ist die zunächst banal erscheinende Frage Was ist sexueller Missbrauch?" nicht so leicht zu beantworten. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Definitionsfrage ist folglich sowohl für die öffentliche Definition als auch für wissenschaftliche Untersuchungen von besonderer Bedeutung. Zum einen, weil nur so die verschiedenen Untersuchungsergebnisse eingeordnet und verglichen werden können, was zu mehr Sachlichkeit in der öffentlichen Kontroverse führen könnte. Zum anderen, weil dadurch die Voraussetzungen der Untersuchungen transparenter werden. Als erster Schritt auf dem Weg zu einer Definition sexuellen Missbrauchs an Kindern werde ich deshalb kurz einzelne Definitionskriterien vorstellen.

2.2 Die Definitionskriterien

wissentliches Einverständnis

Das wissentliche Einverständnis wird von den meisten Sozialwissenschaftlern als Definitionsgrundlage verwendet. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist, dass bei Erwachsenen nach geltendem Recht eine Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung dann gegeben ist, wenn eine Person an einer anderen Person ohne deren Zustimmung sexuelle Handlungen ausführt. Bei Kindern ist die Frage nach der Zustimmung sehr viel schwieriger zu beantworten. Wenn ein Mädchen der Aufforderung ihres Onkels, sich für ihn auszuziehen nachkommt ­ kann man dann von Zustimmung des Mädchens reden?

Die zwei wesentlichen Voraussetzungen des wissentlichen Einverständnisses sind bei Kindern nicht erfüllt. Kinder haben nicht den gleichen Informationsstand wie die Erwachsenen. Sie können die soziale Tragweite sexueller Beziehungen nicht erfassen. Kinder sind unerfahren, haben einen anderen Entwicklungsstand. Sie können nicht beurteilen, wer für sie der ´richtige´ Sexualpartner sein könnte. Kinder wissen nicht, wie eine sexuelle Beziehung normalerweise abläuft. Die Liebe und Zuneigung Erwachsener ist für die Kinder etwas Schönes, Wichtiges. Sie brauchen diese Liebe und Zuneigung. Außerdem sind Kinder auch rechtlich von Erwachsenen abhängig. Es entsteht zwischen Erwachsenen und Kindern ein strukturelles Machtgefälle. Die Täter nutzen ihre Macht und Überlegenheit aus, um ihre Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Die Mädchen und Jungen werden zu Sexualobjekten degradiert. Fazit: Demnach ist jeder sexuelle Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen sexueller Missbrauch und der Aspekt des wissentlichen Einverständnis kann deshalb kein Kriterium für eine Definition sein.

Die Folgen des sexuellen Missbrauchs als Definitionskriterium Sexueller Missbrauch sollte unabhängig von den möglichen Folgen definiert werden, denn nicht jeder sexuelle Missbrauch muss unbedingt traumatisch sein. Es gibt Kinder, deren Psyche fähig ist sexuellen Missbrauch ohne Beeinträchtigungen der seelischen und sexuellen Entwicklung zu verarbeiten. Dazu kommt, dass längst nicht alle Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten auf sexuellen Missbrauch reagieren.

Missachtung des kindlichen Willens

Ein entscheidendes Kriterium für einen sexuellen Missbrauch scheint zu sein, dass die sexuellen Handlungen gegen den Willen des Kindes ausgeführt werden. Eine Definition darf aber nicht nur davon abhängig gemacht werden, ob die sexuellen Kontakte gewollt oder ungewollt sind. Zu sagen, sie hätten es gewollt kann für die Opfer nämlich ein wichtiger Schutzmechanismus sein, sie entwickeln so ihre eigene Überlebensstrategie und geben sich der Illusion hin, sie hätten Einfluss auf die Situation. Daraus lässt sich schlie en, dass es falsch wäre sich auf eine Definition zu stützen, die ausschließlich darauf beruht, dass es sich nur dann um sexuellen Missbrauch handelt, wenn die sexuelle Handlung gegen den Willen des Kindes geschieht.

Sich missbraucht fühlen

Genauso zu bemängeln ist die Methode, nur Erlebnisse als sexuelle Gewalt zu definieren, durch die sich Menschen sexuell missbraucht fühlen. Es kommt vor, dass Mädchen und Jungen, die eindeutig sexuell missbraucht wurden, sich nicht gerne als Opfer fühlen. Viele Menschen lehnen es strikt ab, sich als Opfer sexuellen Missbrauchs zu sehen. Tatsache ist aber, dass der Missbrauch stattfand.

"Sexueller Missbrauch kann stattfinden auch wenn das Opfer sich nicht missbraucht fühlt."

Altersunterschied zwischen Opfer und Täter

In verschiedenen Untersuchungen wird ein Altersunterschied von 5 Jahren zwischen Opfer und Täter als Definitionskriterium verwendet. Jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Kind und einer mindestens 5 Jahre älteren Person wird als sexueller Missbrauch definiert. An diesem Definitionskriterium ist zu bemängeln, dass es sexuellen Missbrauch durch Gleichaltrige nicht berücksichtigt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es auch möglich ist, dass jüngere Kinder ältere Kinder sexuell missbrauchen. Nur einen Altersunterschied von 5 Jahren zum Definitionskriterium zu machen schließt also ebenfalls einen beträchtlichen Teil der Missbrauchsfälle aus, denn nach neueren Untersuchungen fangen viele der erwachsenen Sexualstraftäter bereits in ihrer Kindheit und Jugend an, andere sexuell zu missbrauchen.

Zwang und Gewalt

Es ist nicht nur körperliche Gewalt gemeint, sondern auch psychische. "Wenn du was erzählst, habe ich dich nicht mehr lieb, stirbt deine Mama..." zählen ebenso dazu wie körperliche Misshandlungen. Tatsache ist, dass viele Täter gar keine Gewalt anwenden müssen - aufgrund der emotionalen Abhängigkeit. "Warum ich meinen Vater nicht daran gehindert habe, all die Jahre über, hat einen ganz einfachen Grund. Er hätte dann vielleicht aufgehört mich zu lieben. Und er war der Einzige, der das tat." Körperliche Gewalt oder offene Drohungen sind kein allgemeines Definitionskriterium, denn so werden ebenfalls viele Fälle sexueller Gewalt ausgelassen.

Es muss abschließend gesagt werden, dass ein einzelnes Definitionskriterium nicht ausreicht um alle Fälle sexuellen Missbrauchs zu erfassen. Eine Kombination verschiedener Kriterien ist wichtig, denn es gibt immer Grenzfälle.

Zusammenfassend wird unter sexuellem Missbrauch von Kindern jede Handlung verstanden, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind aufgrund seiner körperlichen, seelischen, geistigen oder sprachlichen Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Die Missbraucher nutzen ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um ihre eigenen Bedürfnisse auf Kosten der Kinder zu befriedigen. Diese Definition beinhaltet alle wesentlichen Aspekte. Gegenüber anderen Definitionen hebt diese das Machtgefälle zwischen Tätern und Opfern hervor. Dabei ist nicht nur die rein körperliche Überlegenheit ausschlaggebend, sondern andere Fähigkeiten, die Kinder erst entwickeln müssen. Bemerkenswert erscheint die Sichtweise, nach der ein Kind einem Täter auch dadurch ausgeliefert ist, dass es aufgrund seiner Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Wie immer die Definition sexuellen Missbrauchs von Kindern auch lauten möge, so steht allgemein für jeden Menschen fest, dass Kinder naturgemäß liebevoll, zärtlich und anhänglich sind und die Zuwendung Erwachsener suchen. Wenn dann aber ein Erwachsener ein Kind als Sexualobjekt oder Sexualpartner benutzt, dann handelt es sich um ein ungehöriges und unverantwortliches Verbrechen.

2.3 Vergleich Kindesmisshandlung ­ sexueller Missbrauch

Diese beiden Formen der Gewalt gegen Kinder haben viele Gemeinsamkeiten. Ich möchte jedoch kurz auf die Unterschieden verweisen, um die Interventionsmöglichkeiten besser anwenden zu können.

Sexueller Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung ­Plädoyer für einen sicheren Opferschutz-

Der Begriff sexuelle Kindesmisshandlung" lässt den Schluss zu, sexuelle Ausbeutung von Kindern sei lediglich eine Sonderform der Kindesmisshandlung" und folglich seien Konzepte der Arbeit bei körperlicher Gewalt und Kindesvernachlässigung ohne weiteres auf die Problematik des Missbrauchs übertragbar. Es handelt sich dabei aber um einen Irrtum, der für das Opfer verheerende Folgen hat.

Denn mit ihm wird die Unterschiedlichkeit der Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen sexueller und körperlicher Gewalt gegen Mädchen und Jungen übersehen ­ auch wenn einzelne Kinder und Jugendliche im Alltag häufig von beiden Formen betroffen sind.

Sexuelle Gewalt erfahren aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisation häufiger Mädchen, denn sie unterliegen einem doppelten Macht- und Abhängigkeitsverhältnis.

Wird ein Kind geschlagen, so hinterlässt die Gewaltanwendung fast immer körperliche Verletzungen. Das Kind hat blaue Flecken und / oder kommt mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus. Eine Ausrede lautet häufig, es sei von der Treppe heruntergefallen oder habe sich gestoßen.

Sexueller Missbrauch hinterlässt selten sichtbare Spuren, was dazu führt, dass der Zweifel des Opfers an der eigenen Wahrnehmung verstärkt wird.

Die Vertrauenspersonen wissen nur selten von dem sexuellen Missbrauch. Das Opfer bleibt alleine

Bei körperlicher Misshandlung sieht es anders aus. Die Kinder weinen und schreien, wenn sie geschlagen werden. Das Umfeld (Nachbarschaft usw.) hört mit."

Kindesmisshandlung entsteht häufig als spontane Reaktion, wenn die Erwachsenen sich überfordert fühlen (Ärger am Arbeitsplatz, Konflikte in der Partnerschaft, beengte Wohnverhältnisse usw.).

Auch körperliche Gewalt wird häufig mit zunehmender Misshandlungsdauer ritualisiert, doch sind die ersten Gewaltanwendungen meist Spontananwendungen.

Der sexuelle Missbrauch von Mädchen und Jungen ist im Gegensatz dazu eine von Anfang an geplante Tat. Über Zuwendung, Drohungen, Erpressungen und die Isolation des Kindes zieht der Täter das Opfer systematisch in eine Geheimhaltungsallianz und macht es sich gefügig.

Die Unterschiedlichkeit zeigt sich zudem in der Tatsache, dass Männer und Frauen nur in Ausnahmefällen neben den eigenen auch noch Kinder aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis misshandeln.

Es wurde beobachtet, dass prügelnde Eltern häufig den Wunsch haben die Misshandlung zu beenden. Einige bitten selbst bei Beratungsstellen um Unterstützung. Bei sexuellem Missbrauch kommt es dazu fast nie.

Die Missbraucher zeigen sich selten geständig, sie leugnen die Tat. Fast nie haben sie ein Schuldbewusstsein und sind nur in Ausnahmefällen bereit, die Verantwortung für ihre Tat zu übernehmen.

2.4 Juristische Aspekte zum sexuellen Missbrauch

Im Strafgesetzbuch in den Paragraphen 174 bis 178, den sogenannten Straftaten gegen die sexuellen Selbstbestimmung, hat der Gesetzgeber festgelegt, was unter sexuellen Gewalttaten zu verstehen ist und welche Straftaten er hierfür vorsieht. Der folgende Überblick über die juristischen Aspekte des sexuellen Missbrauchs soll Grundlageninformationen vermitteln.

Auszüge aus dem Strafgesetzbuch: 13. Abschnitt, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung.

§ 173 StGB: Inzest: Beischlaf zwischen leiblichen Verwandten

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linien den Beschlaf vollzieht wird mit Freiheitsstrafe bis zu 2 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das Verwandtschaftsverhältnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht 18 Jahre alt waren.

 

§ 174 StGB: Sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen bis 18 Jahren durch Väter, Lehrer, Erzieher, Betreuer, Pfarrer etc.

(1) Wer sexuelle Handlungen
1. an einer Person unter 18 Jahren, die ihm zur Erziehung, Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist,
2. an einer Person unter 18 Jahren, die ihm zur Erziehung, zur Ausbildung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut oder im Rahmen eines Dienst- oder Arbeitsverhältnisses untergeordnet ist, unter Missbrauch einer mit Erziehungs-, Ausbildungs-, Beziehung-, Dienst- oder Arbeitsverhältnis verbundenen Abhängigkeit oder
3. an seinem noch nicht 18 Jahre alten leiblichen oder angenommenen Kind vornimmt oder an sich von dem Schutzbefohlenen vornehmen lässt,

wird mit einer Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe bestraft.

(2) Wer unter Voraussetzungen des Abschnitt Nummern 1 bis 3
1. sexuelle Handlungen vor dem Schutzbefohlenen vornimmt oder
2. den Schutzbefohlenen dazu bestimmt, dass er sexuelle Handlungen vor ihm vornimmt, um sich oder den Schutzbefohlenen hierdurch sexuell zu erregen,

wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In den Fällen des Abschnitt 1 Nummer1 oder des Abschnitt 2 in Verbindung mit Abschnitt 1 Nummer 1 kann das Gericht von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn bei Berücksichtigung des Verhaltens des Schutzbefohlenen das Unrecht der Tat gering ist.

 

§ 176 StGB: Sexueller Missbrauch von Kindern

(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter 14 Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren, in minderschweren Fällen mit Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft

(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen lässt.

(3) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1. mit dem Kind den Beischlaf vollzieht oder
2. das Kind bei der Tat körperlich schwer misshandelt.

(4) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Kindes, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahren.

(5) Mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,
2. ein Kind dazu bestimmt das es sexuelle Handlungen vor ihm oder einem Dritten vornimmt, oder
3. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhaltes oder durch entsprechendes Reden einwirkt, um sich, das Kind oder einen Anderen hierdurch sexuell zu erregen

(6) Der Versuch ist strafbar; dies gilt nicht für die Taten nach Abschnitt 5 Nummer 3.

 

§177. Vergewaltigung

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter 2 Jahren bestraft.

(2) In minderschweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis 5 Jahren.

(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahren

 

§178 Sexuelle Nötigung.

(1) Wer einen anderen mit Gewalt oder durch Drohung entgegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben nötigt, außereheliche sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden, oder an den Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft.

(2) In minderschweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von 3 Monaten bis zu 5 Jahren

(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahre.

Außer den genannten befassen sich noch einige Paragraphen des Strafgesetzbuches mit Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung". Dennoch kommt es bei Kindesmissbrauch recht selten zu einer Verurteilung nach diesen Paragraphen. Das hängt damit zusammen, dass die Strafbestände entweder Gewaltanwendung voraussetzen oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben" erfolgt sein müssen. Doch bei sexuellem Missbrauch ist nur selten sichtbare Gewalt erforderlich. Täter setzen, insbesondere innerhalb der Familie, auf ihre Macht, die Abhängigkeit und die Liebe der Kleinen zu ihnen. Und psychische Gewalt hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Das Gleiche trifft für die Drohungen zu. Aus der Sicht der Täter ist es gar nicht notwendig, ihre Opfer unter Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben zu sexuellen Handlungen zu zwingen. Die Androhungen von Aussagen wie: Du kommst ins Heim, dann hab ich dich nicht mehr lieb oder das machen alle Väter mit ihren Töchtern bewertet das Gericht nicht als gegenwärtige Gefahr. Selbst wenn der Täter droht das Kind umzubringen, wenn es etwas erzählt bezieht sich diese Drohung auf die Geheimhaltung, wird also nicht eingesetzt um die Tat zu begehen.

Um nicht ganz in diesem Paragraphendschungel zu resignieren, möchte ich dies an einem Beispiel besser verdeutlichen, bei dem wohl jeder meinen sollte, dass hier unzweifelhaft eine Vergewaltigung vorliegt.

Der 26 Jahre alte Werner H., zweiter Ehemann von Anette H., nutzt den Kinobesuch seiner Frau, um sich an der 8-jährigen Stieftochter Maria zu vergehen. Er legt sich zu dem Kind, das vom Sofa aus einen Kinderfilm ansieht.

Er erklärt ihr, dass das alle Papis so machen, und dringt in sie ein. Aufgrund seinen erheblichen Körpergewichts und aus Angst, er könnte ihr noch Schlimmeres antun, lässt die Kleine es über sich ergehen.

Im streng juristischen Sinne haben wir es nicht mit einer Vergewaltigung zu tun, da Werner H. weder massiv droht noch mit physischer Gewalt ihren Widerstand bricht. Unsere tatsachenorientierte Rechtsprechung tut sich schwer mit dem Begriff der psychischen Gewalt.

Wenn wir unsere Aufgabe, Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen, ernst nehmen, dann gibt es gute Gründe, das man sich mit den gesetzlichen Bestimmungen ausnimmt. Insbesondere, um die Kinder vor zusätzlichem Schaden durch das Ermittlungsverfahren zu schützen, bedarf es neben einfühlsamen Anwälten auch guter Kenntnis der jeweiligen Rechtsbestimmungen, insbesondere auch der Strafprozessordnung. Außerdem: Ob ein Erwachsener sich unbekleidet vor Kindern zeigt oder ein sadistischer Täter brutal und rücksichtslos ein Kind vergewaltigt; in beiden Fällen handelt es sich um sexuellen Missbrauch nach § 176 StGB.

Die Aufdeckung konkreter Fälle sexuellen Missbrauchs macht also häufig Entscheidungen erforderlich, deren rechtliche Tragweite oft nicht ausreichend überblickt werden. Wird der Polizei bekannt, dass ein sexueller Missbrauch vorliegt, muss sie dem nachgehen. Man hat nicht die Möglichkeit, die Anzeige zurückzuziehen.

Das Wohlergehen des Kindes sollte an allererster Stelle vor einer möglichen Strafe des Täter stehen, da eine Sekundärtraumatisierung durch das Strafverfahren nicht ausgeschlossen werden kann. Für das betroffene Kind werden immer bestimmte Konsequenzen erwachsen, denn der gerichtliche Weg ist langwierig und auf jeden Fall sehr belastend.

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von Micha, 31.05.2012 21:10 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

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