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Neonazis auf der Suche nach entlassene Straftäter

LOBBI: Täterjagd statt Opferschutz

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Während in den Medien noch über einen „Internetpranger“ diskutiert wird, begeben sich Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern schon auf die Suche nach entlassenen Sexualstraftätern und fordern den Tod dieser Menschen.

Zentrales Thema der rechten Szene

Als im Oktober 2009 nach einem Verdachtsfall von Kindesmissbrauch in Gadebusch der Haftbefehl gegen den Tatverdächtigen ausgesetzt wurde, kam es zu Protesten. An den öffentlichen Unmutsbekundungen und der Belagerung des Wohnhauses des Beschuldigten beteiligten sich von Anfang an auch zahlreiche Personen aus der rechten Szene. Die NPD versuchte den Protest schließlich mit einem eigenen Aufmarsch ganz für sich zu vereinnahmen. Neonazi-Aktionen gegen mutmaßliche Sexualstraftäter fanden 2009 auch in Gnoien und Malchow statt. Aktuell ist ein Aufruf in dem vom NPD-Landtagsabgeordneten Müller verantworteten Heft Uecker-Randow-Bote. Dort wird um Informationen zum Aufenthalt von fünfzehn entlassenen Forensik-Patienten gebeten. Diese „kranken Gestalten“ hätten das Recht auf ihr Leben verwirkt und sollten umgebracht werden, wird dort gefordert. Im September hat die Partei in Ferdinandshof eine Mahnwache und eine Demonstration zu diesem Thema angemeldet. Auch am „Bürgerbüro“, das der mehrfach vorbestraften NPD-Kreistagsabgeordneten Sven Krüger in Grevesmühlen eingerichtet hat, hängt ein Transparent mit der Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder!“. Es bezeugt, ebenso wie die gleichlautenden Heckscheiben-Aufschrift an Rostocker Autos, Aufkleber an Grimmener Laternen, T-Shirt-Motive bei einem Anklamer Aufmarsch oder entsprechende Liedtexte von Neonazi-Bands, dass es sich um ein zentrales Thema der rechten Szene handelt. Dass diese Mordphantasien auch in die Tat umgesetzt werden können, bewiesen 1996 zwei rechte Skinheads in Wolgast. Sie traten einen Mann zu Tode, den sie des Kindesmissbrauchs beschuldigten.

Türöffner Kindesmissbrauch

Wie in Gadebusch geschehen, wirkt das Bekanntwerden neuer Missbrauchsfälle an Kindern mobilisierend auf Anhänger des rechten Spektrums – aber auch weit darüber hinaus. Diese öffentliche Inszenierung von Wut über den jeweiligen Vorfall erreicht in vielen Fällen Menschen, die sich in jeder anderen Situation nicht von Neonazis mobilisieren lassen würden oder sogar zu ihren erklärten Gegnern zählen. Damit ist die Aufmerksamkeit und der Eifer begründet, mit dem sich die extreme Rechte auf dieses Thema stürzt. Kindesmissbrauch bezeichnet der NPD-Chef Udo Voigt als eines der „Türöffner-Themen“, um die Stigmatisierung als Neonazis aufzubrechen. Die Mischung aus einer emotionalen Dynamik, die für rationale und humanistische Argumentationen wenig Raum lässt und der scheinbaren Unangreifbarkeit des Protestes macht dieses Thema für Neonazis so reizvoll. Egal mit welcher Motivation sich der Einzelne dem „Protest“ anschließt, in der Regel geht es darum, den mutmaßlichen Täter in der öffentlichen Wahrnehmung aus der Gemeinschaft auszuschließen. Dieser Ausschluss Einzelner und deren Entmenschlichung als „Abschaum“ erlauben dann menschenverachtende Lösungsvorschläge bis hin zum Mordaufruf. Gemeinsam haben viele Beteiligte das Unvermögen oder den Unwillen zu reflektieren, dass es sich bei einem mutmaßlichen Täter eben nicht um ein außerhalb ihrer Gemeinschaft stehendes „Schwein“ handelt, wie es die Neonazipostille Lassaner Bote schreibt, sondern um einen Menschen aus ihrer Mitte.

Wenig kritische Reflektion

Während der Proteste in Gadebusch gab es öffentliche Distanzierungen von der NPD und auch bei anderen Aktionen gegen „Kinderschänder“ blieben Neonazis weitestgehend unter sich. Doch die Kritik geht in den seltensten Fällen darüber hinaus, die Teilnahme von Neonazis zu problematisieren. Eine kritische Reflektion der Forderungen nach Todesstrafe, Kastration, „Internetpranger“ und einem starken und strafenden Staat, wie sie in diesem Zusammenhang immer wieder laut und eben nicht nur von Neonazis verbreitet werden, findet hingegen im Einzelfall kaum statt. Hinter den radikalen Forderungen nach „härteren Strafen“ oder „Wegsperren“, steht in vielen Fällen auch eine Abwehrhaltung gegenüber dem modernen Strafvollzug und zeitgemäßen Ansätzen zur Resozialisierung und Therapie von Sexualstraftätern. Anstatt anzuerkennen, dass sich durch härtere Strafen erwiesenermaßen kein Abschreckungseffekt einstellt, werden Therapiebemühungen, Ursachenforschung und aufgeklärte Methoden im Strafvollzug als „Auswüchse“ einer vermeintlich „täterfreundlichen“ Gesellschaft denunziert. Dies geschieht mit der gleichen Vehemenz, mit der die Protagonisten des „Protests“ ignorieren, dass Straftaten dieser Art kein Produkt der modernen Gesellschaft, sondern im Gegenteil sogar rückläufig sind. Dass zu einem Rechtsstaat eben auch die faire Verhandlung für die Verdächtigten und eine unvoreingenommene Untersuchung des Verdachtsfalls gehören, geht in der aufgebrachten Menge oft unter. Unbeachtet bleibt häufig die Tatsache, dass öffentlich inszenierte Rache keine Tat ungeschehen macht und dem Opfer gar die Bewältigung der Tat erschweren kann.

Fehlende Opferperspektiven

Wenn es um die Forderung nach dem Tod oder dem lebenslangen Wegsperren der Täter geht, wird vorgegeben, im Interesse der Betroffenen zu handeln und dabei nur ihren Schutz im Blick zu haben. Tatsächlich spielt die Opferperspektive jedoch eine untergeordnete Rolle. Die öffentliche Thematisierung von Missbrauchsfällen trifft auf das voyeuristische Interesse des Unbeteiligten. Dabei wird ein gesellschaftliches Klima produziert, das es gerade den Opfern und ihren Angehörigen erschwert, die Tat zu verarbeiten und in einen geregelten Alltag zurückzukehren. Bezeichnend ist auch, dass es im regelmäßig vorgetragenen Kanon der Forderungen zwar ausgiebig um die Bestrafung der Täter, um so weniger jedoch um ausdifferenzierte Betreuungsangebote für die betroffenen Kinder geht. Problematisch ist auch eine populistische Wortwahl, die darauf abzielt, möglichst brachiale Begriffe zu verwenden. Das Wort „Kinderschänder“ etwa ist fachlich nicht nur unbrauchbar, sondern auch irreführend. Schließlich impliziert es eine Schande, mit der die Opfer nach der Tat zu leben hätten und fördert so die Stigmatisierung der Betroffenen. Ebenso falsch ist die Konstruktion von Tätern als fremde Unbekannte, denen potentielle Opfer vorwiegend im öffentlichen Raum ausgesetzt seien. Denn empirisch gesehen, spricht die Realität eine andere Sprache. Die Täter stammen in der Regel aus dem sozialen Nahbereich des Opfers; sind also Familienmitglieder, gute Freunde der Familie oder anderweitig Bekannte. Die Forderung nach der Todesstrafe und anderen existenziellen Konsequenzen wie auch die Furcht vor einem protestierenden Mob fördern in solchen Fällen vielfach das Schweigen der Opfer und verunmöglichen eine Auseinandersetzung mit der Tat.

Offensive Auseinandersetzung

Der Schutz vor Kindesmissbrauch, die Unterstützung der Betroffenen und der Umgang mit den Tätern sind sensible und komplexe Problemfelder. In der kritischen Auseinandersetzung mit propagandistischen und vermeintlich einfachen Lösungsvorschlägen scheint manchmal die Sorge zu stecken, als Person denunziert zu werden, die sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen verharmlost oder die Täter unterstützt. Dennoch muss diese Auseinandersetzung offensiv geführt werden, wie etwa im brandenburgischen Joachimsthal. Nach dem die NPD den Zuzug eines Sexualstraftäters zur Wahlkampfpropaganda nutzte, wurde in der Region eine Broschüre verteilt: „Was Sie über sexuellen Missbrauch wissen sollten – Gedankenanstöße für einen wirksamen Kinderschutz jenseits polemischer Scheinlösungen“.

Mit freundlicher Genehmigung aus "Perspektiven" - Rundbrief der LOBBI / Sommer 2010

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von Micha, 06.06.2012 18:45 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · 1 anderen gefällt das

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