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MPS / DIS - Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

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6. Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

Nachfolgend soll auf die allgemeinpsychologischen Funktionen und deren Störungen in Bezug auf Multiple Persönlichkeiten eingegangen werden. Dabei stehen die Aspekte Bewußtsein und Bewußtseinsstörungen, Antrieb und Antriebsstörungen, Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen, Emotion und emotionale Störungen und Denken und intellektuelle Störungen im Vordergrund.

6.1 Bewußtsein und Bewußtseinsstörungen

Unter Bewußtsein versteht man die Gesamtheit der Erlebnisse, d.h. der erlebten psychischen Zustände (Vorstellungen, Gefühle usw.) und die besondere Art des unmittelbaren Gewahrwerdens dieser Erlebnisse (Häcker & Stapf, 1998).
Störungen des Bewußtseins können körperlich und psychisch bedingt sein und zeigen sich anhand der folgenden Symptome: Falsches oder neues wird erlebt, zeitliche und örtliche Desorientierung, das Denken und Handeln ist desorganisiert, und die Wirklichkeit wird derart umgedeutet, daß von halluzinatorischen Erlebnissen gesprochen werden kann.

Legt man die oben genannten Kriterien zugrunde, stellt man fest, daß bei Multiplen Persönlichkeiten meist eine Bewußtseinsstörung vorliegt. So kann jeder dieser Menschen mehrere Persönlichkeitszustände mit einem separaten Bewußtsein annehmen. Zwar ist jede normale Person auch zu solchen Veränderungen in der Lage, aber mit dem Unterschied, daß sie es vermögen, ihre Bewußtseinsaspekte und ihre Identität zu integrieren und damit eine einheitliche Person entstehen lassen bzw. erhalten. Dies ist bei einer Dissoziativen Störung nicht möglich. Hier haben die meisten Identitäten ihre eigene Vergangenheit (Saß et al., 1996). Es resultiert eine zeitliche und örtliche Desorientierung, da die einzelnen Identitäten oft nichts voneinander wissen. Oft sind sich Multiple Persönlichkeiten gar nicht dessen bewußt, daß sie verschiedene Facetten aufweisen. Erst wenn sie bemerken, daß sie unterschiedliche Handschriften haben, sie von Fremden wiedererkannt werden oder sie im eigenen Haus fremde Gegenstände vorfinden bzw. auf seltsame Weise Dinge verschwinden, meinen sie, man hätte ihnen einen Streich gespielt (Ross, 1989).

Es ist aber nicht zwingend, daß überhaupt keine Kenntnis von den anderen Persönlichkeiten vorliegt. So können die Gefühle und die Gedanken zwischen den Identitäten sehr wohl bewußt oder teilweise bewußt sein (Fiedler, 1997). Es ist auch möglich, daß die primäre Persönlichkeit und die anderen Identitäten sich der zeitlichen Lücken bei Wechsel der verschiedenen Persönlichkeitszustände bewußt sind.

Weiterhin kommt es vor, daß Stimmen der einen Identität in das Bewußtsein der anderen gelangen, ohne zu wissen von welcher der vorhandenen Identitäten sie stammen (Davison & Neale, 1996). Oft sind es passive Entitäten, die versuchen, durch visuelle oder akustische Signale und Halluzinationen auf sich aufmerksam zu machen, um nicht durch die aktiven Persönlichkeitszustände ins Abseits geschoben zu werden (Saß et al., 1996).

Auch die primäre Persönlichkeit ist oftmals Bewußtseinsstörungen ausgesetzt. Betroffene Patienten berichten meist über leere Zustände, die nach einem gewissen Schema hervortreten oder einfach per Zufall erfolgen. Beispielsweise kann bei einer Frau, die von einem Mann sein sexuelles Interesse mitgeteilt bekommt, ein solcher Zustand hervorgerufen werden. Es kann sich auch um verwirrte Zustände handeln, welche nicht als drogen- oder alkoholbedingt mißverstanden werden dürfen. Desweiteren verfallen die Patienten, besonders die Kinder unter ihnen, oftmals in Trancezustände und zwar signifikant häufiger als andere Psychopathen (Ross, 1989). Ferner sind auch Tagträume und kurze Abwesenheit für Multiple Persönlichkeiten typisch (Dulz & Lanzoni, 1996).

Wie man sieht, ist das Bewußtsein von Multiplen Persönlichkeiten beeinträchtigt. Auftretende Störungen können dabei innerhalb einer Person unterschiedliche Ausmaße annehmen. Die einzelnen Persönlichkeitszustände können verwirrt und desorganisiert, aber auch sich ihrer vollkommen bewußt und in sich geschlossen sein. Spätestens wenn ein Umschalten zwischen den Identitäten mit einer entsprechenden Amnesie stattfindet wird klar, daß eine Bewußtseinsstörung im hier definierten Sinne vorhanden ist.

6.2 Antrieb und Antriebsstörungen

Der Antrieb einer Person umfaßt die Komponenten Motivation als psychischen und die Psychomotorik als physischen Antrieb. Antriebsstörungen können u.a. im Bereich der inneren Medizin, der Neurologie und der Psychiatrie auftreten. Im folgenden Abschnitt soll nur auf den letzten Aspekt eingegangen werden, da die beiden ersten Punkte beim Phänomen Multiple Persönlichkeit wahrscheinlich nur einen geringen Stellenwert aufweisen.

Bei Multiplen Persönlichkeiten ist die Auftretenswahrscheinlichkeit für Antriebsstörungen relativ hoch. Dies liegt schon allein darin begründet, daß diese Personen mehrere Identitäten in sich tragen - nach einer Untersuchung von Ross (1989) im Durchschnitt 15,7 - und somit die Wahrscheinlichkeit steigt, daß irgendeiner dieser Zustände unter Antriebsstörungen leidet. Ein oft zitiertes Beispiel hierfür ist der Fall Mary Reynolds aus dem Jahre 1812. Bei dem Mädchen wurden zwei Persönlichkeitszustände identifiziert, die sich antithetisch gegenüberstehen: der eine war depressiv und hatte hysterische Anfälle, der andere war offen, gesellig und naiv (Bliss, 1986). Hier zeigt sich in den beiden Extremen zum einen eine Antriebsschwächung in dem depressiven, unverträglichen Persönlichkeitszustand und zum anderen eine Antriebssteigerung in einer agilen Betriebsamkeit gegenüber ihrem Umfeld. Mary Reynolds war nicht in der Lage, dabei einen Mittelweg zu finden und ihr Verhalten den jeweiligen Situationen anzupassen.

Auch bei vielen anderen Fallbeschreibungen wird von derartigen gegensätzlichen Identitäten bei Dissoziativen Störungen berichtet (Bliss, 1986; Crabtree, 1985), die z.T. sogar zu grausamen Taten übergehen. So schilderte z.B. von Feuerbach 1828 (Erkwoh & Saß, 1993) den Fall seines Patienten Sorgel, der zwei Persönlichkeitszustände aufwies: Eine Identität war introvertiert und ruhig, die andere gewalttätig in ihren Energieausbrüchen. Eines Tages ging seine aggressive Erregtheit sogar soweit, daß er einen Holzfäller tötete und sein Blut trank. Anhand dieses Falles wird deutlich, daß eine Antriebssteigerung sogar so weit gehen kann, daß die Antriebe einzelner Entitäten z.T. nicht mehr unter Kontrolle gehalten werden können und der Patient ihnen ausgeliefert ist.

Der Antrieb bei Multiplen Persönlichkeiten muß aber nicht immer so bipolar sein wie in den oben beschriebenen Fallstudien. Sie können bei einzelnen Identitäten auch zusammenwirken und sich in die gleiche Richtung verlagern. So wurde beispielsweise ein Fall bekannt, bei dem ein Germanistikstudent mit einer Dissoziativen Störung u.a. eine Romanfigur in sich hatte, die - so gab er an - seine Energie um das 1,7fache steigerte (Erkwoh & Saß, 1993). Der Studierende war sich dieses Persönlichkeitszustandes bewußt und interagierte mit ihm. Dies demonstriert, daß die Antriebe der einzelnen Identitätszustände nicht unbedingt das Verhalten negativ beeinflussen und als unvorteilhaft empfunden werden müssen.

6.3 Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen

Die Wahrnehmung ist die ,,allgemeine und umfassende Bezeichnung für den Prozeß des Informationsgewinns aus Umwelt- und Körperreizen (äußere und innere Wahrnehmung) einschließlich der damit verbundenen emotionalen Prozesse und der durch Erfahrung und Denken erfolgenden Modifikationen" (Fröhlich, 1997, S. 439). Sie ist sowohl abhängig von der wahrnehmenden Person als auch von dem Wahrnehmungsobjekt.

Wahrnehmungsstörungen können neurologisch und psychologisch bedingt sein, wobei im Kontext dieser Arbeit nur die psychische Komponente interessiert. Beim Betroffenen treten hierbei Illusionen bzw. Halluzinationen auf. Unter einer Illusion versteht man eine Fehlwahrnehmung, also ,,ein den Reizdaten nicht entsprechendes Wahrnehmen, das auf Fehl- oder Umdeutungen zurückgeführt werden kann" (Fröhlich, 1997, S. 219). Eine Halluzination hingegen ist ein ,,Wahrnehmungseindruck mit deutlichem Realitätsbezug, dem jedoch keine relative oder adäquate Reizung des entsprechenden Sinnesorgans zugrunde liegt" (Fröhlich, 1997, S. 202).

Die Wahrnehmung kann bei Multiplen Persönlichkeiten auf sehr vielfältige Art und Weise gestört sein. Häufig wird bei Fallstudien von Halluzinationen berichtet. Typisch ist hierbei das Hören von Stimmen, die als von innen kommend wahrgenommen werden (Bliss, 1986; Dulz & Lanzoni, 1996). Oft enthalten diese auditiven Halluzinationen Botschaften bzw. sie befehlen dem Patienten, bestimmte Handlungen auszuführen. So kann die vernommene Stimme z.B. die betroffene Person dazu veranlassen, sich selbst Schaden zuzufügen oder u.U. sogar einen Selbstmordversuch zu unternehmen (Orban, 1996; Ross, 1989). Die Halluzinationen können aber auch visueller Natur sein. Es sind Fälle bekannt, bei denen sich die Patienten selbst vor eigenen Augen sehen. Die Gründe für das Auftreten dieser Wahrnehmungseindrücke können verschiedenartig sein. Es ist beispielsweise möglich, daß eine passive Identität Zugang zum Bewußtsein verschaffen möchte, da sie sonst zu wenig Beachtung findet (Saß et al., 1996).

Weiterhin können Multiplen Persönlichkeiten außersensorische Wahrnehmungsphänomene widerfahren. In der Literatur finden sich immer wieder Fälle, bei denen Patienten von Erfahrungen mit Telepathie, Telekinese, Hellseherei, Geistern, Poltergeistern und anderen klassischen paranormalen Erscheinungen berichten (Ross, 1989). So hatte z.B. eine Frau fortgeschrittenen Alters die Identität ihres ehemaligen Geliebten namens Herbert in sich. Die Patientin gab an, sie könne z.B. spüren, wenn der Mann mit einer anderen Frau sexuell aktiv wurde, obwohl er weit von ihr entfernt wohnte (Erkwoh & Saß, 1993). Dieser Fall verdeutlicht, wie die Identität einer anderen Person in sich aufgenommen werden kann und der Eindruck entsteht, man könne mit ihr per Gedankenübertragung kommunizieren. Aktivitäten einer anderen Person werden wahrgenommen, obwohl sie von jener eventuell gar nicht ausgeführt werden.

Auch innerhalb einer Person können die einzelnen Persönlichkeitszustände qualitativ und quantitativ unterschiedlich wahrnehmen. Desöfteren wird von verschiedenen Brillenstärken (Davison & Neale, 1996; Saß et al., 1996) und Schmerztoleranzen (Saß et al., 1996) berichtet. Rosenbaum & Weaver (1980 nach Fiedler & Mundt, 1997) schildern in diesem Zusammenhang einen Fall, bei dem diese Wahrnehmungsunterschiede besonders stark ausgeprägt waren. Es handelt sich hierbei um ihre Patientin Sara K., die zwei Persönlichkeitszustände inne hatte. Der eine hatte den Namen Sara und verfügte über ein vollkommen intaktes sensorisches System. Der andere namens Maud konnte keine Hautempfindung wahrnehmen, lediglich der Tastsinn funktionierte. Dieses Beispiel veranschaulicht, wie durch Dissoziative Störungen Teilbereiche des sensorischen Systems und somit auch der Wahrnehmung gestört oder sogar ausgeschaltet werden können.

6.4 Emotion und emotionale Störungen

Emotion ist die ,,Bezeichnung für psychophysiologische Zustandsveränderungen ausgelöst durch äußere Reize (Sinnesempfindungen), innere Reize (Körperempfindungen) und/oder kognitive Prozesse (Bewertungen, Vorstellungen, Erwartungen) im Situationsbezug" (Fröhlich, 1997, S. 142).

Die Emotionen können beispielsweise im Rahmen einer Zyklothymie oder einer Schizophrenie psychopathologisch gestört sein. Bei der Zyklothymie unterscheidet man zwischen dem manischen und dem depressiven Syndrom. Ersteres äußert sich durch eine krankhaft heitere Stimmung, planloses Vorgehen, keine Krankheitseinsicht und gesteigerten Antrieb. Beim depressiven Syndrom hingegen ist der Betroffene u.a. krankhaft traurig verstimmt, sein Leben scheint von Traurigkeit überschattet, er verspürt eine innere Leere und sein Antrieb ist stark gebremst.

Eine der wichtigsten emotionalen Störung, die bei der Dissoziativen Identitätsstörung auftritt, ist die Depression. Man geht davon aus, daß ca. 88% der Multiplen Persönlichkeiten unter diesem Symptom leiden (Orban, 1996). Die Depressionen können z.T. sehr stark werden und treiben die Betroffenen oftmals zum Drogenmißbrauch und sogar zum Selbstmord bzw. zu Selbstmordversuchen (ca. 72%) (Ross, 1989). Ein Grund dafür ist das mangelnde Kontrollerleben bezüglich der Wechsel der Persönlichkeitszustände. Diese Wechsel haben meist den Charakter der Widerfahrnis und kündigen sich lediglich durch starke Kopfschmerzen an. Die Patienten fühlen sich von fremden Entitäten in Besitz genommen und diesen hilflos ausgeliefert (Crabtree, 1985).

Es wird berichtet, daß Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung verscheidene Typen hysterischer Symptome aufweisen können, darunter ,,Depressivitäts- und Hochstimmungszeichen" (Erkwoh & Saß, 1993).

Es kann sich ebenso die emotionale Balance verändern, da jede Identität ihr eigenes emotionales Empfinden aufweist (Crabtree, 1985). Es findet ein häufiger Stimmungswechsel statt, welche bei ,,normalen" Leuten als vorübergehende abnorme Gefühlsreaktion bezeichnet würden, hier aber bereits chronischen Charakter angenommen haben. Auch die Wahrscheinlichkeit, daß Impulse einfach durchbrechen, erhöht sich (Dulz & Lanzoni, 1996). Weiterhin führen meist die Verschiebungen zwischen den einzelnen Bewußtseinszuständen der Identitäten oder überhaupt das Gewahr werden, daß man eine Multiple Persönlichkeit ist, zu einer emotionalen Überbelastung. So kann z.B. das Bewußtwerden von verdrängten Elementen, beispielsweise die verhaßten Familienstrukturen, die Zukunft leer und dunkel erscheinen lassen. Der Betroffene sieht daraufhin keine Perspektive und keinen Sinn mehr für sein weiteres Leben (Crabtree, 1985). Somit kann eine Depression ausgelöst werden.

Die einzelnen Facetten einer Person sind in einem geschlossenen System verbunden und helfen der Primärpersönlichkeit, den emotionalen Schmerz von traumatischen Erfahrungen zu ertragen bzw. zu verdrängen. Kriege, Liebesaffären und Freundschaften, die innerhalb dieses Systems bestehen, können dabei äußerst hilfreich sein (Ross, 1989). Emotionen und Affekte, die von einer Person geleugnet werden, können in den verschiedenen Identitäten ausgelebt bzw. auf verschiedene Zustände verteilt werden. Das System innerhalb einer Multiplen Persönlichkeit hat damit einen hohen Anpassungswert gegenüber traumatischen Erfahrungen (Fiedler & Mundt, 1997). Die Dissoziative Störung weist also auch positive Elemente auf und kann oftmals verstärkend wirken, da sie ein Aufkommen von traumatischen Erlebnissen verhindert. Die Patienten halten aus diesem Grund an der Existenz eines Persönlichkeitszustandes fest und geben ihn nur mit großer Wehmut auf (Ross, 1989).

Wie es oben schon desöfteren zur Sprache kam, können die allgemeinpsychologischen Funktionen der jeweiligen Persönlichkeitszustände sehr verschiedenartig sein. So sind möglicherweise innerhalb einer Person sowohl passive und friedfertige als auch feindselige und aggressive Identitäten vorhanden. Dies macht sich z.B. schon an deren unterschiedlichen Handschriften bemerkbar: Wenn eine Person wie wild auf einem Papier herum kritzelt und beim Schreiben aggressive Redewendungen verwendet, wird klar, daß jetzt eine aggressive Identität hervorgetreten ist (Ross, 1989). Solche Persönlichkeitszustände können also die Macht über ein Individuum übernehmen und deren Gefühlsleben bestimmen.

Es ist aber auch möglich, daß sich das emotionale Befinden der einen Identität sich auf das der anderen Identität auswirkt. In diesem Zusammenhang kann z.B. eine aggressive bzw. liebevolle Identität zeitweise die Handlungen der anderen unterbrechen und deren Kontrolle über ihr Verhalten beeinträchtigen (Saß et al., 1996). Das oben genannte Beispiel, bei dem eine Frau ihren ehemaligen Geliebten Herbert als weiteren Persönlichkeitszustand in sich trug, veranschaulicht diesen Gesichtspunkt. Die Person gab an, der Mann könne ihren Willen und ihr Gefühl lenken. Bei ihren Schilderungen wirkte sie affektiv lebhaft und ,,durch ihre Erfahrungen bereichert" (Erkwoh, 1996). Hierbei wird deutlich, wie durch die Interaktion zwischen mehreren Identitäten das emotionale Erleben gestört werden kann.

6.5 Denken und intellektuelle Störungen

Denkprozesse sind auf Erkenntnisziele und Problemlösungen gerichtete, vermittelnde Prozesse der Informationsverabeitung und -nutzung (Fröhlich, 1997). Unter intellektuellen Störungen versteht man unter anderem Störungen des Denkablaufs, des Denkzusammenhangs und Zwangsdenken, aber auch Begriffe wie Schwachsinn, Demenz, Defekt, Merkfähigkeit und Amnesie werden unter dieser Kategorie aufgeführt.

Nach Ross (1989) weisen Multiple Persönlichkeiten normalerweise keine Denkstörungen auf. Er argumentiert, daß wenn diese Menschen z.B. Stimmen hören, sie jene nicht als bizarr oder verrückt wahrnehmen. Dennoch existieren Anzeichen leichter intellektueller Störungen bei Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung, die im folgenden näher erläutert werden.

Unter Störungen des Denkablaufs summiert man Verlangsamungen und Beschleunigungen dieses, d.h. die Abweichungen von der Norm sind als quantitativ einzustufen. In diesem Sinne treten Denkhemmungen bei Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung nur in Verbindung mit Trancezuständen auf, d.h. sie verweilen bei einem Gedankeninhalt für die Dauer der Abwesenheit und unmittelbar danach. Konzentrationsstörungen kommen insofern vor, als daß die Patienten durch den Wechsel von einem in einen anderen Persönlichkeitszustand Aufgaben nicht zu Ende bringen können bzw. ihre Konzentration abgelenkt ist durch die Amnesie. Denn hier muß jeder Patient zunächst für sich klären, woher die seltsamen Dinge stammen, an die er sich nicht erinnern kann, sie selbst hervorgebracht zu haben, wie z.B. neue gekaufte Kleider. Diese Dinge des Alltags, die für die Patienten ungeklärt bleiben, absorbieren einen Großteil der Gesamtkonzentration, so daß insgesamt bei der Durchführung anderer Tätigkeiten zu wenig übrig bleibt. Fraglich ist allerdings, ob es sich hierbei um eine tatsächliche intellektuelle Störung handelt oder um sekundäre Erscheinungen, die ihre Ursache im Vorhandensein der vielen Persönlichkeitszustände haben.

Störungen des Denkzusammenhangs treten bei reinen Multiplen Persönlichkeiten nicht auf, denn hierunter versteht man abnorme psychische Erscheinungen qualitativer Art, d.h. sie sind für Außenstehende nicht verstehbar. Dies ist in diesem Falle nicht gegeben, denn das, was die einzelnen Persönlichkeitszustände mitteilen, ist stets verständlich.

Ebenso liegt in der Regel kein Zwangsdenken vor, auch wenn es in seltenen Fällen möglich sein kann, daß ein Persönlichkeitszustand zwanghafte Züge aufweist.

Die intellektuellen Fähigkeiten können bei den verschiedenen Persönlichkeitszuständen z.T. stark differieren (Crabtree, 1985). So ist es möglich, daß die eine Identität über eine überdurchschnittliche Intelligenz verfügt, die andere aber geistig behindert ist, also Kennzeichen der Oligophrenie aufweist - meist charakterisiert durch die Höhe des Intelligenzquotienten (IQ). Im oben beschriebenen Fall von Sara und Maud war genau dies der Fall. Bei Sara, einer depressiven Entität, wurde ein IQ von 128 gemessen. Maud, ein lustig heiterer Typus, erreichte lediglich einen Wert von 43 (Fiedler & Mundt, 1997). Man sieht, daß die Denkfähigkeit, je nachdem welche Persönlichkeitszustände aktiv sind, in der Qualität sehr unterschiedlich ausfallen kann. Im Unterschied zu ,,normalen" Formen des Schwachsinns ist dieser Intelligenzunterschied zwischen den Persönlichkeitszuständen hier allerdings nicht auf eine Mißbildung wie z.B. Chromosomenabberation oder eine Schädigung des Zentralen Nervensystems zurückzuführen. Der niedrige IQ von Maud ist eher durch die Altersstufe, der sie angehört, nämlich der von Kindern, erklärbar.

Begriffe wie Demenz oder Defekt sind für das Störungsbild der Multiplen Persönlichkeitsstörung nicht angebracht, da es sich hier nicht um Intelligenzabbau oder -zerfall handelt, sondern - wie bereits an früherer Stelle erläutert - lediglich um einen Unterschied der Denk-leistung zwischen den einzelnen Persönlichkeitszuständen.

Eine Störung der Merkfähigkeit bzw. des Gedächtnisses ist bei Patienten mit Dissoziativer Identitätsstörung in zweierlei Hinsicht zu betrachten. Zum einen muß jeder Persönlichkeitszustand für sich gesehen werden: Für jeden Zustand isoliert betrachtet liegt keine derartige Störung vor. Zum anderen muß aber ebenso das Gesamtbild der diversen Identitäten beachtet werden: Zwischen diesen treten deutliche Gedächtnisprobleme auf, d.h. die Fähigkeit, sich frühere Ereignisse eines anderen Persönlichkeitszustandes mit Hilfe der Erinnerung zu vergegenwärtigen, ist oft nicht vorhanden. (Erkwoh & Saß, 1993). In häufigen Fällen ist nach einem Übergang von einem Persönlichkeitszustand zu einem anderen die unmittelbar vorangegangene Zeitperiode mit einer Amnesie verbunden (Dulz & Lanzoni, 1996). So wird z.B. von einem Fall berichtet, bei dem eine Identität eines Studenten in eine andere Stadt verreiste. Als er nach zwei Monaten zu einem anderen Persönlichkeitszustand wechselte, fand er sich in einem fremden Zimmer in einer fremden Umgebung wieder. Nachdem er seinen Zimmernachbarn nach dem Ort und nach dem Datum fragte, stellte er fest, daß zwei Monate seines Lebens vollkommen aus seinem Gedächtnis gelöscht waren (Crabtree, 1985). Ein ähnliches Erlebnis hatte eine Frau namens Felida im Jahre 1858. Bei ihr wurden zwei Persönlichkeitszustände diagnostiziert. Der eine war ängstlich und depressiv, der andere lustig und lebhaft aber nur für ein paar Stunden aktiv. Letzterer ließ sich eines Tages mit einem Mann ein und wurde daraufhin schwanger. Erst als ihr Bauch anschwellte, konnte sie feststellen, daß sie einen zweiten Persönlichkeitszustand in sich trug (Bliss, 1986). Nur durch äußere Anzeichen, wie hier z.B. die Schwangerschaft kann das Wissen über die andere Identität rekonstruiert werden.

Es handelt sich hierbei sogar um die stärkste Form des Erinnerungsverlustes: der Amnesie. Darunter wird im Folgenden ein vorübergehender oder dauerhafter Ausfall aller bzw. einiger Erinnerungsinhalte verstanden. Im DSM-IV (Saß et al., 1996) wird darauf hingeweisen, daß ,,eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern" (S. 551)besteht. Bei der Dissoziativen Identitätsstörung ist die Amnesie ein fast immer auftretendes Phänomen (Dulz & Lanzoni, 1996; Orban, 1996). Man geht davon aus, daß 98% aller Betroffenen unter dieser Erscheinung leiden. Genauer gesagt handelt es sich in diesen Fällen fast ausschließlich um psychogene Amnesien (Erkwoh & Saß, 1993), d.h. sie sind auf psychologische Ursachen zurückführbar, also auf stark traumatisierende Ereignisse. Mit Hilfe der amnestischen Barriere werden unangenehme und unerwünschte Erlebnisse zur innerpsychischen Entlastung aus dem Gedächtnis verdrängt. Im Unterschied zur hirnorganischen Amnesie ist es bei der psychogenen möglich, eine restlose Aufhellung der Erinnerungslücken zu erreichen. Dies wird desöfteren bei Therapien der Multiplen Persönlichkeitsstörung versucht, um die Ursachen für die Ausbildung der diversen Persönlichkeitszustände zu analysieren. Zum Therapieerfolg ist es aber nicht zwingend erforderlich, eine ,,historische Rekonstruktion der Dissoziationsentwicklung" (Fiedler, 1997, S. 231) durchzuführen. Es kann sich sogar negativ auswirken, denn mögliche Verzerrungen der verdrängten Erinnerungen können nicht ausgeschlossen werden bzw. durch die traumatische Rekonstruktion dieser kann es zur Abspaltung weiterer Persönlichkeitszustände kommen.

Die Amnesien der verschiedenen Persönlichkeitszustände können je nach Rang des jeweiligen Zustandes diverse Ausmaße annehmen. Häufig verfügen z.B. passive Persönlichkeitszustände lediglich über eine sehr eingeschränkte Erinnerung, während die feindseligen, kontrollierenden und beschützenden Identitäten sich an alles erinnern können. Durch diese Gedächtnisausfälle sind Denkinhalte bei vielen Persönlichkeitszuständen ausgelöscht und können beim Denkablauf nicht eingesetzt werden. Der Denkvorgang wird entsprechend ärmer und führt folglich zu falschen Resultaten. Die einzelnen Identitäten weisen auch häufig unterschiedliches Allgemeinwissen, Alter und Geschlecht auf. Oft entstehen Lücken in der Erinnerung der persönlichen Geschichte, die bei den diversen Persönlichkeitszuständen abweichend sind. Ferner sind viele Patienten unfähig, intellektuell und emotional die verschiedenen Aspekte des Gedächtnisses zu integrieren (Saß et al., 1996). In diesem Sinne ist der Denkzusammenhang beeinträchtigt und das Denken an sich gestört.

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von Micha, 07.06.2012 04:37 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

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