Smilies  Color  Logout  Hilfe     

MPS / DIS - Ätiologie


Diese Webseite ist eine Community, erfahre mehr darüber!


Brauchst Du Hilfe?

Ganz wichtig: Egal, was Dir widerfahren ist - Du bist nicht daran schuld! In akuten Gefahrenlagen für Leib und Leben zögere niemals, direkt den Notruf 110 zu wählen! Ansonsten gebe einfach die Postleitzahl (im Moment nur Deutschland) ein und lasse Dir Beratungs- und Hilfsorganisationen in Deiner Nähe anzeigen:


4. Ätiologie

Dieser Abschnitt soll die Suche nach Ursachen für Dissoziative Identitätsstörungen erläutern. Im Laufe der Jahre, in denen man sich mit dem Phänomen der Multiplen Persönlichkeit auseinander gesetzt hat, wurden immer wieder unterschiedliche Vermutungen laut über deren Entstehungsgeschichte. Im folgenden werden sieben Modelle beschrieben, die sich mit den Ursachen von Dissoziative Identitätsstörungen beschäftigt haben. Hierbei wird zum einen davon ausgegangen, frühkindliche traumatische Erlebnisse für das Störungsbild verantwortlich zu machen. Zum anderen gibt es Modelle, die Selbsthypnose in den Vordergrund bei der Ätiologiefrage stellen. Es wurden Hypothesen wie die der Rollen - Fluktuation formuliert, ebenso wie von anderen Forschern behauptet wurde, Dissoziative Identitätsstörungen als iatrogen bedingt zu verstehen. In den beiden zuletzt beschriebenen Punkten zu diesem Thema handelt sich einerseits um ein geschlechtsspezifisches und anderseits um ein klinisches Modell.

4.1 Multiple Persönlichkeit als Folge frühkindlicher traumatischer Ereignisse

Geht man von traumatischen Ereignissen als Ursache von Dissoziativen Identitätsstörungen aus, so sind diesbezüglich zunächst vier Kategorien von Mißbrauch zu unterscheiden :

Der sexuelle Mißbrauch umfaßt Gewalttaten wie Inzest und Vergewaltigung durch gleich- oder gegengeschlechtliche Erziehungsberechtigte.

Bei psychologischen Mißbrauch handelt es sich z.B. um Deprivation von körperlicher Nähe oder auch um eine erzwungene Konfrontation mit toten Bezugspersonen und deren Berührung. Physischer Mißbrauch beinhaltet die tötungsnahe Gefährdung wie z.B. bei lebendigem Leibe begraben zu werden oder Folterung.

Verbaler Mißbrauch ist dann gegeben, sobald Elternteile in einem Sorgerechtsstreit versuchen, das Kind auf ihre Seite zu ziehen.

In einer Studie von Putnam et al. (1986), um nur eine herauszugreifen, wurden 100 Fälle von Dissoziativen Identitätsstörurgen hinsichtlich frühkindlicher traumatischer Ereignisse untersucht. Es stellte sich heraus, daß 96% der Versuchspersonen (Vpn) ein traumatisches Kindheitserlebnis aufweisen, wovon 83% einem sexuellen Mißbrauch zum Opfer gefallen sind, 75% körperliche Züchtigung ertragen mußten und an 68% sowohl körperlicher als auch sexueller Mißbrauch verübt wurde. Kommentiert man derartige Ergebnisse, so läßt sich wohl kaum eine Verbindung zwischen frühkindlichen traumatischen Erfahrungen und Dissoziativer Identitätsstörung zurückweisen.

Dieser Zusammenhang bestätigt sich darüber hinaus in den feststehenden Fakten, daß im Alter von bereits sechs Jahren sich die erste Alternativpersönlichkeit bei Multiplen Persönlichkeiten herausbildet, in 89% der Fälle die erste Abspaltung von Persönlichkeiten bereits vor dem 12. Lebensjahr geschieht und daß 85% der Betroffenen eine kindliche Persönlichkeit im Alter von 12 Jahren oder jünger aufweisen. Je größer dabei die Anzahl und die Unterschiedlichkeit der einzelnen traumatischen Ereignisse, desto früher werden erste Alternativpersonen gebildet und desto mehr Identitäten werden insgesamt abgespalten. (Erkwoh & Saß, 1993). Ebenso ist die Konkretheit der Mißbrauchssituation und das Alter des Opfers entscheidend dafür, inwieweit es zu einer Abspaltung von Persönlichkeiten kommt.(Dulz & Lanzoni, 1996).

Kritisch anzumerken bleibt jedoch zum einen eine mangelnde Überprüfung der Richtigkeit der berichteten traumatischen Erlebnisse durch Angehörige und zum anderen die Tatsache, daß frühkindliche traumatische Erfahrungen auch bei anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen auftreten können. Ebenso ist ungeklärt, inwieweit sich Patienten und Therapeuten vorschnell zu einer Akzeptanz von Mißbrauch als Ursache von Dissoziativen Identitätsstörungen hinreißen lassen. Eine weitere Schwierigkeit stellt die häufig auftretende Amnesie der Patienten bzgl. der traumatischen Geschehnisse dar, die oftmals erst im therapeutischen Gespräch aufgedeckt werden und damit der Gefahr der Verzerrung ausgesetzt sind.

Als Fazit läßt sich ziehen, daß keine eindeutige Überprüfung möglich ist, ob psychischer, physischer oder sexueller Mißbrauch die wesentliche bzw. ausschließliche Ursache von Dissoziativen Identitätsstörungen ist (Fiedler, 1997).

4.2 Persönlichkeitsabspaltung durch Selbsthypnose

Insbesondere Bliss (1986) geht von Selbsthypnose als Ursache von Dissoziativen Identitätsstörungen aus. Zentrale Begründung für diese Hypothese stellt die gute Hypnotisierbarkeit von Patienten mit einem derartigen Störungsbild dar (Ross, 1989). In einem eigens von Bliss durchgeführten Experiment sollten sowohl Personen mit Dissoziativen Identitätsstörungen (28 Vpn) als auch starke Zigarettenraucher (89 Vpn) den Hypnotic Susceptibility Scale zur Messung der Hypnotisierbarkeit bearbeiten. Die Ergebnisse bestätigten signifikant Bliss´s Annahme einer besseren Hypnotisierbarkeit der Multiplen Persönlichkeiten (Bliss, 1986). Ebenso Schneider (1994) konnte zeigen, daß Opfer nachweislich psychologischer Verletzung, eine mitunter angenommene Grundvoraussetzung von Dissoziativen Identitätsstörungen, statistisch wie qualitativ besser als der Durchschnitt hypnotisierbar sind.

Die guten Behandlungserfolge, die mittels Hypnose bei Betroffen von Dissoziativen Identitätsstörungen erzielt werden können, bekräftigen ebenfalls die Vermutung, Selbsthypnose als Ursache von Identitätsspaltung zu sehen (Ross, 1989). Oftmals ist es dem Therapeuten möglich, mittels eines künstlich induzierten Trancezustandes die verschiedenen Persönlichkeiten zum Vorschein zu bringen und diese in einem anschließenden Gespräch genauer zu analysieren (Bliss, 1986).

Ebenso Bestätigung für eine derartige Hypothese sind die Trancezuständen, in die die betroffene Person verfällt, sobald sie mit schmerzvollen Situationen konfrontiert wird. So zeigte beispielsweise ein Patient einen entsprechenden Zustand in dem Moment, wie er mit einem Arztkittel in Berührung kam, da ihn dieser an die grausamen "Doktorspiele" des Vaters in seiner Kindheit erinnerte (Bliss, 1986).

Abschließende Punkte, die für den Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Selbsthypnose und Dissoziativer Identitätsstörungen stehen, sind zum einen das analoge Verhalten von "normalen" Personen im Hypnosezustand und Multiplen Persönlichkeiten, die nicht hypnotisiert sind. Zum anderen gibt es Verbindungen von Dissoziativen Identitätsstörungen zu weiteren autohypnotischen Störungen ( Ross, 1989).

Bliss (1986) geht davon aus, daß Personen, die leicht zu hypnotisieren sind, sich schon früher selbst spontan hypnotisiert haben. Diese von ihm als primitiv bezeichnete Technik wenden Personen insbesondere dann an, wenn sie mit schrecklichen Geschehnissen wie Mißbrauch konfrontiert werden. Die hypnotischen Fähigkeiten ermöglichen es ihnen, den Grausamkeiten des Mißbrauchs zu entfliehen und Erinnerungen zu verdrängen. Die Crux einer solchen Vorgehensweise besteht darin, daß Personen im frühen Kindesalter diesen Abwehrmechanismus in Streßsituationen meist unbewußt einsetzen. Unerfreuliche und schreckliche Erfahrungen werden vergessen bzw. verdrängt und einer anderen Persönlichkeit unterstellt. Im Fall der Dissoziativen Identitätsstörung wird Selbsthypnose mißbraucht, um Amnesie und andere Identitäten zu erzeugen.

Problematisch an diesem Ansatz ist der ihm zugrunde liegende tautologische Schluß. Man geht davon aus, daß alle Personen mit Dissoziativen Identitätsstörungen leicht hypnotisierbar sind und häufig Anzeichen von hypnotischen Zuständen zeigen. Dementsprechend werden alle Personen mit Dissoziativen Identitätsstörungen als autohypnotisch bezeichnet. Als Folge dessen wurde schließlich Selbsthypnose zur Ursache von Dissoziativen Identitätsstörungen gemacht. Es ist jedoch falsch, ein Phänomen einer Störung als dessen Ursache zu verstehen. Es handelt sich hierbei um einen Ansatz aus der Phänomenologie, der keine zugrunde liegende Theorie aufweist. Ein Modell, das aber Dissoziative Identitätsstörungen begründen will, muß mehr Erklärung liefern als nur ein Phänomen wie Autohypnose. Insgesamt hat man sich in diesem Fallzu sehr auf intrapsychische Prozesse beschränkt (Ross,1989).

Ähnlich wie Bliss gehen Spiegel und Cordena (1990, nach Fiedler, 1997) davon aus, daß sich Dissoziation aus einer "aufmerksamkeitsabsorbierenden Fokusbildung auf das traumatische Geschehen" (S. 222) ergibt. Die betroffene Person hat ihrer Meinung nach keine andere Möglichkeiten, das bedrohliche Ereignis kognitiv oder affektiv zu verarbeiten. Ein Weglaufen im herkömmlichen Sinne, meistens bedingt durch das geringe Alter des Opfers, ist nicht möglich. Die Person ist im Bann des Geschehens, das sie alles um sich herum vergessen läßt. Nach und nach, wie sich die Erinnerung an das traumatische Ereignis wieder einstellt, ist es der Person möglich, die Vorkommnisse zu verarbeiten. Tritt jedoch wiederholt eine derartige Traumatisierung auf, so bleibt eine Amnesie bestehen, und es kommt zur Abspaltung von Persönlichkeiten. In diesem Ansatz wird immer wieder betont, daß die Menschen prädispositionell über einen derartigen Selbstregulationsmechanismus verfügen, der ihnen die Möglichkeit einer zeitweiligen Dissoziation bietet. Im Sinne der Autoregulationshypothese hat die Dissoziation einen hohen Anpassungswert. Extreme Affekte werden auf verschiedenen Identitäten verteilt und jeweils partiell ausgegrenzt. Ursprüngliche Affekte ebenso wie ursprüngliche traumatische Erfahrungen werden aus der bewußten Wahrnehmung verdrängt, können sich jedoch in Dissoziationserlebnissen in Form von Partialerfahrungen wieder einstellen. Die Wahrnehmung der Person als Ganzes wird unterbunden aufgrund mangelnder kognitiver, ebenso wie affektiver Verarbeitung und Strukturierung (Fiedler, 1997).

Umstritten bleibt jedoch, inwieweit Menschen tatsächlich genetisch zu derartigen Fähigkeiten prädestiniert sind oder inwieweit Übung dieses "Talent" fördern bzw. hervorbringen kann. Eine Untersuchung von Morgan an eineiigen (EZ) und zweieiigen Zwillingen (ZZ) ebenso wie an Geschwistern liefert mit Korrelationen von r = 0.52 bei EZ, r= 0.17 bei ZZ und r = 0.19 bei Geschwistern Ergebnisse, die genetische Vererbung vermuten lassen (Bliss, 1986).

4.3 Rollen-Fluktationshypothese

Vertreter der Rollen-Fluktationshypothese sind überzeugt, daß es sich bei Dissoziation nicht um einen Autoregulationsprozeß handelt, der bei den Menschen prädispositionell unterschiedlich stark ausgebildet ist, sondern sie gehen vielmehr davon aus, daß die Betroffenen bewußt ihre Aufmerksamkeit von den Geschehnissen ablenken können, um somit einer Verarbeitung von Ereignisse zu entgehen. Genauer gesagt, Dissoziation läßt eine "nichtgewollte" Verarbeitung traumatischer Ereignisse außen vor. Bei der Bewältigung von traumatischen Kindheitserlebnissen handelt es sich demzufolge um einen steuerbar - intentionalen Prozeß. Das traumatische Erlebnis gilt nicht mehr als notwendig für die Ausbildung von Dissoziativen Identitätsstörungen. Der Vorteil dieses Modells besteht darin, daß es auch andere Faktoren wie z.B. extreme Vernachlässigung der Kinder durch ihre Eltern bei der Suche nach Ursachen für ein derartiges Störungsbild berücksichtigt (Fiedler, 1997).

4.4 Iatrogenese der Dissoziativen Identitätsstörung

Der im folgenden beschriebene Abschnitt bezieht sich im wesentlichen auf Äußerungen von Ross (1989). Aus iatrogener Sicht werden Dissoziative Identitätsstörungen provokativ als "Artefakt" bezeichnet. Vertreter gehen davon aus, daß das Störungsbild der Multiplen Persönlichkeit allein durch die Doktor-Patient-Beziehung hervorgerufen wird. Man glaubt, Wesenszüge von Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen im Rahmen von Experimenten nachstellen zu können. Es wird sogar als "leicht" beschrieben, Studenten so zu beeinflussen, daß sie sich verhalten, als ob sich mehrere Identitäten in ihnen verbergen würden. Unter entsprechender Befragung eines Versuchsleiters ist es also möglich, daß studentische Vpn ohne Probleme analoge Züge zu Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen annehmen. Die Ergebnisse haben gezeigt, daß "normale" Versuchspersonen tatsächlich andere Persönlichkeiten generieren können, falls das experimentelle Umfeld genau organisiert und strukturiert wird. Jedoch bleibt anzumerken, daß es sich beim Bilden anderer Identitäten um eine "normale" Fähigkeit handelt, die jedem bekannt sein dürfte, der einmal in einem Buch vertieft war oder Kinder beobachtet hat, wie sie mit ihrem imaginären Spielgefährten kommunizierten. Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen hingegen benutzen die Methode der Dissoziation, um mit traumatischen Geschehnissen fertig zu werden. Es ist falsch, Dissoziative Identitätsstörungen als eine phantastische Besonderheit abzutun, ohne das Mißbrauchsopfer zu sehen, das andere Persönlichkeiten als Zuflucht geschaffen hat, um zu überleben. Die Leidensgeschichte ebenso wie andere psychische Symptome müssen mitberücksichtigt und nicht außen vor gelassen werden. "Normale" Versuchspersonen, wie eine Stichprobe von Studenten, weisen nicht eine derartige Vorgeschichte auf und können deshalb in einem Experiment dem Verhalten von Betroffenen nie genau entsprechen.

Häufig werden Dissoziative Identitätsstörungen auch wegen der verstärkt auftretenden Symptome während einer Therapiesitzung als iatrogen bezeichnet. Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen werden im Rahmen einer Therapie oftmals mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert, die bislang hinter einer amnestischen Barriere verborgen waren. Es kommt zur Dissoziation des Patienten, um dem internen phobischen Stimulus, d.h. der Erinnerung an den Mißbrauch, zu entgehen, wodurch sich dem Therapeuten mehrere Persönlichkeiten offenbaren. Es bleibt jedoch fraglich, warum für ein derartiges Verhalten ausschließlich das Therapeut-Patienten-Gespräch verantwortlich gemacht werden sollte.

Es gibt keinen Anlaß Dissoziative Identitätsstörungen eher als iatrogen zu bezeichnen als andere psychische Störungen. In einem Vergleich von Dissoziativen Identitätsstörungen mit Angststörungen ergibt sich ein berechtigter Zweifel an der Iatrogenese von Persönlichkeitsspaltung. Eine Angststörung ist gekennzeichnet durch eine Vermeidung bestimmter externer Stimuli wie z.B. die Angst vor Menschenmengen. In der Therapie eines Angstpatienten werden dessen Ängste zunächst offen dargelegt, wodurch der Patient häufig mehr Angst empfindet als gewöhnlich. Die Angst kann sich sogar auf die Besuche beim Therapeuten ausweiten und dennoch kommt kein Zweifel an der Validität von Angststörungen auf. Analog wie bei Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen werden zunächst die Symptome in der Therapie verstärkt mit der einen Ausnahme die Störung trotzdem nicht als Artefakt zu verstehen. Es liegen also keine triftigen Gründe dafür vor, Dissoziative Identitätsstörungen eher als iatrogen zu bezeichnen als eine andere psychische Störung wie die Angststörung. Das Ansteigen der Symptome zu Beginn der Behandlung beruht vielmehr darauf, daß andere Persönlichkeiten aufgedeckt als daß neue gebildet werden. Dennoch muß Vorsicht geboten sein, wenn innerhalb einer Therapie Symptome von Dissoziation hervorgerufen werden, ebenso wie man sich bewußt sein muß, daß sich die Störung durch die Behandlung zunächst verschlimmern kann. Eine Therapie von Betroffenen muß genau strukturiert sein, um eine iatrogene Förderung zu minimieren. Insgesamt jedoch kann durch den Vergleich von Dissoziativen Identitätsstörungen mit anderen psychischen Störungen nicht unbedingt zurückgewiesen werden, daß Dissoziative Identitätsstörungen in gewisser Weise künstlich hergestellt werden können.

Ebenso gegen Iatrogenese bei Dissoziativen Identitätsstörungen spricht ein Experiment von Ross (1989). In diesem sollten sowohl 44 amerikanische Spezialisten für Dissoziative Identitätsstörungen, als auch 40 kanadische Allgemeinpsychologen 236 Patienten diagnostizieren. Die Speziallisten haben wider aller Erwartungen weniger Patienten mit Dissoziativen Identitätsstörungen identifiziert. Derartige Ergebnisse sind nicht mit der iatrogenen Sicht zu vereinbaren. Laut dieser Vorstellung hätten die Speziallisten weitaus mehr Betroffene diagnostizieren müssen, da sie eher Symptome von Dissoziation auslösen müßten als die nicht speziell geschulten Kanadier.

Trotz aller Argumente, die gegen eine iatrogene Sichtweise sprechen, bleiben entsprechende Experimente erforderlich, um Effekte von Behandlungen ebenso wie die Wichtigkeit einer guten Diagnose herausstellen zu können.

4.5 Geschlechtsspezifische Verteilung durch soziokulturelle Rollenprägung

Eine Studie in Nordamerika hat gezeigt, daß sich fünf bis zehn mal mehr Frauen aufgrund von Dissoziativen Identitätsstörungen in psychologischer Behandlung befinden. Es wird davon ausgegangen, daß Frauen häufiger Opfer von Mißbrauch sind als dies bei Männern der Fall ist. Diese Argumentation bleibt jedoch äußerst fraglich, denn sowohl Jungen wie Mädchen sind gleichermaßen der Gefahr von Mißbrauch ausgesetzt. Eine weitere Begründung für die weitaus höhere Prävalenzrate unter der weiblichen Bevölkerung liegt in der Annahme, daß Frauen eher als Männer Dissoziation mit ihrem Selbstbild in Einklang bringen können. Es wird behauptet, daß Jungen aufgrund ihrer höheren autonomen Statuserwartung sich weniger zu Dissoziation hinreißen lassen als dies womöglich Mädchen tun. Diese geschlechtsspezifische Rollenverteilung liegt bereits im Alter von drei bis vier Jahren vor, also in dem Alter, in dem oftmals der erste Mißbrauch verübt wird. Mädchen scheinen autoplastisch mit Mißbrauch umzugehen, indem sie Erdulden als Abwehrstrategie wählen. Sie verwenden Operationen, die sich weniger gegen den Angreifer als vielmehr gegen sie selbst richten. Jungen hingegen entscheiden sich eher für eine alloplastische Verteidigungsform, die sich in einem Zurückschlagen gegen den Angreifer äußert. Dieses metapsychologische Modell wird von Befunden von Bliss gestützt: ,,Female MPD patients tend to be more likely to present with symptoms more referrable to anxiety, phobias, conversion reactions and obsessional fears, whereas male MPD patients tend to have significantly more sociopathy and alcohol abuse." (Schneider, 1994, zitiert nach Bliss, 1986, S.146).
Die herausgestellte ungleiche Verteilung der Störung unter Männern und Frauen liefert Anlaß, Überlegungen über die angestellte Rollenprägung hinaus anzustellen. Die Anthropologie könnte einen weiteren Erklärungsansatz bieten. Könnte entsprechend gezeigt werden, daß Frauen mit einem anderen Verteidigungs- und Aggressionspotential ausgestattet sind als dies bei Männern der Fall ist, so wäre die Genese von Dissoziativen Identitätsstörungen unter biologischen Gesichtspunkten zu betrachten (Schneider, 1994).

4.6 Neuronale Ursachen von Multipler Persönlichkeit

Bereits seit dem 19. Jahrhundert kam immer wieder die Frage auf, inwieweit es sich bei Dissoziativen Identitätsstörungen um eine neurologische Fehlentwicklung handelt. Es wurde vermutet, daß die Dissoziative Identitätsstörung sowohl die psychologische wie auch die verhaltensmäßige Manifestation von Fehlsteuerungen im Temporallappen ist. In entsprechend durchgeführten Studien in den 80er Jahren fand sich eine Reihe von Patienten, die neben Dissoziativen Identitätsstörungen, Anfälle von Epilepsie aufgrund einer Dysfunktion im Temporallappen erlitten. Es wurde die Annahme laut, Dissoziative Identitätsstörungen als Nebenerscheinung einer bestimmten Form von Epilepsie zu verstehen (Benson, 1986 nach Ross, 1989).

Eine weitere neuronale Ursache wurde in einer Fehlverbindungen zwischen der rechten und linken Hemisphäre vermutet (Brenner & Evans, 1984 nach Ross, 1989). Sidtis (1986, nach Ross, 1989) ist dieser Theorie genauer auf den Grund gegangen, wobei er feststellte, daß auf diese Weise nur zwei Persönlichkeiten entsprechend der beiden Gehirnhälften erklärt werden können und demnach komplexere Störungsbilder nur unzureichend beschreibbar sind. Ebenso bemerkte er, daß bei einer neuronalen Ursache die Erfolge von Psychotherapie bei Betroffen, die nicht von der Hand zu weisen sind, unerklärbar bleiben.

Insgesamt läßt sich trotz vieler Untersuchungen in diesem Bereich kein eindeutiger Beweis finden, der für neuronale Ursachen bei Multiplen Persönlichkeiten spricht (Ross, 1989).

4.7 Ein klinisches Modell zur Multiplen Persönlichkeit

Das von Kluft entwickelte Modell setzt sich aus vier Faktoren zusammen, die Dissoziative Identitätsstörungen begründen sollen. Er bezeichnet Betroffene als übermäßig gut im Dissozieren (1), wobei sie diese Fähigkeit insbesondere in Mißbrauchssituationen einsetzten (2). Er geht davon, daß die Art und Struktur von Multiplen Persönlichkeiten abhängig von deren Temperament und Erfahrungen ist (3), womit Kluft sowohl soziale als auch kulturelle Faktoren in seine Theorie miteinbezieht. Entscheidend für seine Theorie ist die Annahme, daß ein Mißbrauch mehrmals verübt wurde und daß das Opfer zu wenig Liebe und Fürsorge erhielt, um die Wunden des Mißbrauchs zu heilen (4). In diesem Punkt legt er insbesondere auf die Anzahl der verübten Gewalttaten wert, denen eine Person zum Opfer fiel.

Alles in allem ist dieses Modell zur Genese von Dissoziativen Identitätsstörungen sehr einfach, wobei es jedoch alle Wesenszüge zur Multiplen Persönlichkeit einschließt. Es gibt Anweisungen zur Behandlung und stimmt mit Reaktionen von Patienten auf Behandlungen überein. Seine vier Punkte zur Entstehungsgeschichte bestätigen sich in offenen Fragen des Therapeuten an die einzelnen Persönlichkeiten, die z.B. danach fragen, warum sie geschaffen wurden bzw. welche Funktionen sie zu erfüllen haben. Es handelt sich um ein Modell, dem in der heutigen Zeit viel Bedeutung zugeschrieben werden muß, da hier viele Theorien und Erfahrungen eingebracht wurden (Ross, 1989).

Das könnte Dich auch interessieren:

MPS / DIS - Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

MPS / DIS - Literaturverzeichnis

MPS / DIS - Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen

MPS / DIS - Mögliche Facetten multipler Persönlichkeiten

MPS / DIS - Begriffsklärung und Symptomatologie



von Micha, 07.06.2012 04:31 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

Kommentare zu diesem Artikel:


Gast′s Profilbild







Eine Community-Webseite wie diese lebt vom aktiven Mitmachen! Wurde noch kein Kommentar verfasst? Eröffne - auch als Gast - eine Diskussion zu diesem Thema, indem Du weiter oben auf 'Kommentieren' klickst und dann den ersten Kommentar schreibst!

Warum gibt es hier kein Kommentar-Plugin von Facebook?

Weil wir den Datenschutz als sehr wichtig ansehen und uns an das BDSG halten! Seiten, die ohne besondere Mechanismen direkt Kommentare über das Facebook-Plugin samt Profilbild etc anzeigen, teilen zwangsweise Facebook mit, wo sich die Facebook-Benutzer ausserhalb von FB gerade aufhalten und diese Informationen werden dort gespeichert, ob man es will oder nicht. Besser auf den Datenschutz achten und auf Facebook-Plugins verzichten als unsere Besucher zu gläsernen Menschen im Netz zu machen!


Freunde Online

Feedback zur Seite
Ich möchte etwas zum Inhalt mitteilen
Ich möchte einen Rechtsverstoß anzeigen
Ich möchte eine mißbräuchliche Nutzung melden
Ich möchte etwas anderes mitteilen


Infos zum Regen­bogenwald

Das neue Design:
Eine wirklich kleine Umfrage

regenbogenwald.de ist die seit Sep­tem­ber 1999 bestehende, nicht kom­mer­ziel­le Com­mu­nity für Jeder­mann!

Neben Informationen, aktuellen News, Er­fahrungs­austausch und Unter­haltung im Chat und Foren, findest Du hier zahl­reiche Gedichte, Geschich­ten, Song­texte, Tage­bücher und vieles mehr.

Die gesamte Webseite ist werbefrei und dennoch kostenlos zu nutzen. Ermöglicht wird das durch den vom Finanzamt Essen als mildtätig aner­kannten Verein Regen­bogen­wald - Hilfe zur Selbst­hilfe e.V.

Du kannst Dich jederzeit kostenlos und ohne jegliche Verpflichtungen regis­trieren und ein­loggen, um das gesamte Angebot dieser Webseite nutzen zu können, indem Du oben auf das Symbol klickst.

Natürlich freuen wir uns über jede Spende für die Projekte des Vereins und zum Unterhalt der Webseite. Die Konto­ver­bin­dung dazu findest Du im Impressum.

Viel Freude beim Stöbern auf diesen Seiten wünscht Dir das Regenbogenwald-Team

Das Layout von regenbogenwald.de hat sich gravierend verändert. Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.6)

Und die Bedienbarkeit / Übersichtlichkeit? Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.6)

Möchtest Du uns dazu noch etwas sagen?

Zurück