Smilies  Color  Logout  Hilfe     

MPS / DIS - Begriffsklärung und Symptomatologie

MPS / DIS - Begriffsklärung und Symptomatologie

Seitenbild

Diese Webseite ist eine Community, erfahre mehr darüber!


Brauchst Du Hilfe?

Ganz wichtig: Egal, was Dir widerfahren ist - Du bist nicht daran schuld! In akuten Gefahrenlagen für Leib und Leben zögere niemals, direkt den Notruf 110 zu wählen! Ansonsten gebe einfach die Postleitzahl (im Moment nur Deutschland) ein und lasse Dir Beratungs- und Hilfsorganisationen in Deiner Nähe anzeigen:


2. Begriffsklärung und Symptomatologie

Im Rahmen dieser Hausarbeit über Multiple Persönlichkeitsstörung ist es nötig, sich über diverse Bgrifflichkeiten zu verständigen. So gibt es z.B. neben der Bezeichnung Multiple Persönlichkeitsstörung noch die andere der Dissoziativen Identitätsstörung . Im Folgenden soll erläutert werden, wie dieses Störungsbild aus unterschiedlichen Perspektiven verstanden wird, nämlich der des Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen in 4. Revision (DSM-IV), der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) und aus psychiatrischer Sichtweise.

2.1 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema DSM - IV

Das Phänomen der Multiplen Persönlichkeitsstörung wird im DSM-IV den Dissoziativen Störungen auf der Achse I zugerechnet (300.14). Die Entwicklung von der Revision der dritten Auflage des Diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM-III-R) hin zum DSM-IV brachte gerade für dieses Störungsbild einige Neuheiten bezüglich seiner Umbenennung und der Erweiterung bzw. Modifizierung der diagnostischen Kriterien. Begründet wird die Umbenennung der Störung von Multiple Persönlichkeitsstörung im DSM-III-R hin zu Dissoziative Identitätsstörung im DSM-IV von Fiedler und Mundt (1997) durch die Tatsache, daß es sich bei den wechselnden Persönlichkeitszuständen der Betroffenen dennoch immer um ein und dieselbe Person handele, auch wenn die zeitweilig dissoziierten Eigenarten wie scheinbar voneinander unabhängige Persönlichkeiten wirken. An anderer Stelle begründet Fiedler (1997) diesen Namenswechsel damit, daß ,,mit der Entwicklung einer Dissoziativen Identitätsstörung nicht in jedem Fall zugleich die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung verbunden ist" (S. 218), somit also der Terminus Multiple Persönlichkeitsstörung unpassend erscheint. In diesem Sinne kann ebenfalls erwähnt werden, daß es einige Autoren ablehnen, im Rahmen dieser Störung vom Vorhandensein mehrerer Persönlichkeiten zu sprechen, ,,da die Persönlichkeitszustände jedenfalls identische frühkindliche Erfahrungen aufweisen und demselben Organismus innewohnen." (Dulz & Lanzoni, 1996, S. 23).

Um die Dissoziative Identitätsstörung in einen allgemeineren Rahmen einordnen zu können, werden nun zunächst Merkmale von Dissoziativen Störungen allgemein erläutert, danach erst die der speziellen Klasse der Dissoziativen Identitätsstörung. ,,Das Hauptmerkmal der Dissoziativen Störungen ist eine Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktionen des Bewußtseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt." (Saß et al., 1996 , S. 543). Speziell spiegelt die Dissoziative Identitätsstörung ,,die Unfähigkeit wider, verschiedene Aspekte der Identität, des Gedächtnisses und des Bewußtseins zu integrieren" (Saß et al., 1996 , S. 551), woraufhin verschiedene Persönlichkeitszustände voneinander dissoziiert werden und getrennte Einheiten darstellen mit unterschiedlichen persönlichen Geschichten, Altersstufen, Namen u.v.m..

Im folgenden werden die diagnostischen Kriterien der Dissoziativen Identitätsstörung nach dem DSM-IV (Saß et al., 1996) aufgelistet:

A. Die Anwesenheit von zwei oder mehr unterscheidbaren Identitäten oder Persönlichkeitszuständen (jeweils mit einem eigenen, relativ überdauernden Muster der Wahrnehmung von, der Beziehung zur und dem Denken über die Umgebung und das Selbst).
B. Mindestens zwei dieser Identitäten oder Persönlichkeitszustände übernehmen wiederholt die Kontrolle über das Verhalten der Person.
C. Eine Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Informationen zu erinnern, die zu umfassend ist, um durch gewöhnliche Vergeßlichkeit erklärt zu werden.
D. Die Störung geht nicht auf die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z.B. blackouts oder ungeordnetes Verhalten während einer Alkoholintoxikation) oder eines medizinischen Krankheitsfaktors zurück (z.B. komplex-partielle Anfälle). (S. 554-555)

Modifizierungen gegenüber den diagnostische Kriterien des DSM-III-R finden sich zum einen in Kriterium B. Hier wurde im DSM-III-R verlangt, daß eine ,,volle" Kontrolle über das Verhalten des Individuums durch eine der Persönlichkeitszustände vorliegt, während dies im DSM-IV gelockert wurde, um z.B. auch dem Phänomen akustischer Halluzinationen in der Form Rechnung zu tragen, daß Instruktionen oder Kommentare ,,einer anderen, aktuell dissoziierten Persönlichkeit" (Fiedler & Mundt, 1997, S.378) durchaus einen gewissen Einfluß auf den derzeitig dominierenden Persönlichkeitszustand ausüben. Eine weitere Änderung besteht in der Einführung der C- und D-Kriterien, also dem Einschluß einer Gedächtnisstörung und dem Ausschluß einer organischen Ursache (Stübner, Völkl & Soyka, 1998).

Im DSM-IV wird ebenfalls auf die Problematik der Differentialdiagnostik hingewiesen, welche in einem späteren Teil dieser Arbeit für die Abgrenzung der Dissoziativen Identitätsstörung gegenüber der Schizophrenie und der Borderline Persönlichkeitsstörung erläutert wird.

2.2 Multiple Persönlichkeit nach dem Klassifikationsschema ICD - 10

Das uns interessierende Störungsbild findet sich in diesem Klassifikationssystem unter der Kategorie F4: Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen. Die Multiple Persönlichkeitsstörung (F44.81) wird unter die Dissoziativen Störungen (F44) eingeordnet, allerdings bildet sie dort keine eigene Subkategorie. Die Multiple Persönlichkeitsstörung befindet sich in der Restkategorie ,,Sonstige Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) (F44.8)" (Dilling et al., 1992, S. 182), gemeinsam mit dem Ganser-Syndrom (F44.80), den vorübergehenden Dissoziativen Störungen im Kindes- und Jugendalter (F44.82) und den sonstigen näher bezeichneten Dissoziativen Störungen (F44.88).

Zur genaueren Beschreibung der Multiplen Persönlichkeitsstörung findet sich im ICD-10 (Dilling et al., 1992) Folgendes: 

,,Diese Störung ist selten, und es wird kontrovers diskutiert, in welchem Ausmaß sie iatrogen oder kulturspezifisch ist. Das grundlegende Merkmal ist das offensichtliche Vorhandensein von zwei oder mehr verschiedenen Persönlichkeiten bei einem Individuum. Dabei ist zu einem Zeitpunkt jeweils nur eine sichtbar. Jede Persönlichkeit ist vollständig, mit ihren eigenen Erinnerungen, Verhaltensweisen und Vorlieben. Diese können in deutlichem Kontrast zu der prämorbiden Persönlichkeit stehen. Bei der häufigsten Form mit zwei Persönlichkeiten ist meist eine von beiden dominant, keine hat Zugang zu den Erinnerungen der anderen, und die eine ist sich der Existenz der anderen fast niemals bewußt. Der Wechsel von der einen Persönlichkeit zur anderen vollzieht sich beim ersten Mal gewöhnlich plötzlich und ist eng mit traumatischen Ereignissen verbunden. Spätere Wechsel sind oft begrenzt auf dramatische oder belastende Ereignisse oder treten in Therapiesitzungen auf, in denen der Therapeut Hypnose oder Techniken zur Entspannung oder zum Abreagieren verwendet." (S.182)

In früheren Ausgaben dieses Klassifikationssystems wurde dieses Störungsbild noch als hysterisch vom dissoziativen oder Konversionstyp bezeichnet. Da jedoch der Begriff ,,hysterisch" sowohl eine weitreichende Tradition, als auch eine Vielzahl an Phänomenen umfaßt, wird er in der gegenwärtigen Psychopathologie weitgehend vernachlässigt. Eine andere Begründung für die Ablehnung dieses Begriffes liegt eventuell darin, daß er mittlerweile einen diskriminierenden Status erreicht hat (Dulz & Lanzoni, 1996).

2.3 Multiple Persönlichkeitsstörung nach psychiatrischer Auffassung

Huber (1999) stützt sich weitgehend auf das ICD-10 und wählt zur Klassifizierung psychiatrischer Krankheiten und Störungen eine triadische Einteilung: die körperlich begründbaren Psychosen, die endogenen Psychosen und die abnormen Variationen des seelischen Wesens. Die Multiple Persönlichkeitsstörung fällt unter die dritte Kategorie, welche dadurch gekennzeichnet ist, daß es ,,sich dabei um Extremvarianten hinsichtlich
· der Persönlichkeit: abnorme Persönlichkeiten,
· des situations- und erlebnisbedingten, mehr oder weniger persönlichkeitsabhängigen Verhalten und Reagierens: abnorme Erlebnisreaktionen und Neurosen,
· der Intelligenz: Oligophrenie,
· der sexuellen Triebanlage: sexuelle Verhaltensabweichungen." (Huber, 1999, S. 40) handelt.

Die Multiple Persönlichkeitsstörung wird der Subkategorie geltungsbedürftige (geltungssüchtige, ,,hysterische") Persönlichkeiten unter den abnormen Persönlichkeiten zugeordnet und als eine Variante hiervon betrachtet. Unter abnormen Persönlichkeiten versteht Huber (1999) ,,Extremvarianten einer bestimmten seelischen Wesensart, Extremausprägungen von bestimmten Persönlichkeitszügen. Die Abnormität liegt also in der Ausprägung und Dominanz eines bestimmten Persönlichkeitsmerkmals, das an sich mehr oder weniger allgemeinmenschlich ist." (S. 399). Im ICD-10 finden sich die Merkmale einer Hysterischen Persönlichkeit - so wie die Multiple Persönlichkeitsstörung bei Huber (1999) verstanden wird - unter der Histrionischen Persönlichkeitsstörung (F60.4), welche früher hysterische Persönlichkeitsstörung genannt wurde. Hier wird eine Diskrepanz zur Einordnung der Multiplen Persönlichkeitsstörung im ICD-10 ersichtlich, in welcher sie unter den Dissoziativen Störungen (F44.88) zu finden ist, die stark von Persönlichkeitsstörungen zu trennen sind.

Andererseits erwähnt Huber (1999) die Dissoziative Identitätsstörung zusätzlich bei den Abnormen Erlebnisreaktionen unter den Begriffen Konversionsneurose bzw. Konversionshysterie. Der Wechsel zwischen den Persönlichkeitszuständen wird als hysterische Störung bezeichnet. Diese Form der Neurose wird in die Neurosenformen mit vorwiegend somatischen Symptomen eingeordnet. Die Tatsache, daß die Multiple Persönlichkeitsstörung sowohl unter den Abnormen Persönlichkeiten wie auch unter den Abnormen Erlebnisreaktionen zu finden ist, läßt sich folgendermaßen aufklären: Die Erlebnisreaktionen sind daher als abnorm zu betrachten, da sie sich aufgrund der abnormen Persönlichkeit und der sich daraus seelisch entstandenen körperlichen Funktionsstörungen entwickelt haben.

2.4 Fazit

Es bleibt also insgesamt festzuhalten, daß über das Störungsbild der Multiplen Persönlichkeit keine wirkliche Einigkeit bezüglich der Einordnung in ein übergeordnetes Klassifikationssystem besteht. Denn während sie im DSM-IV eine eigenständige Achse I Störung innerhalb der Gruppe der Dissoziativen Störungen bildet, findet sie sich im ICD-10 unter den Neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen in der Restkategorie Sonstige dissoziative Störungen der Dissoziativen Störungen. Die Multiple Persönlichkeitsstörung scheint also im ICD-10 einen geringeren Stellenwert einzunehmen als im DSM-IV, da im ICD-10 noch das tatsächliche Vorhandensein dieser Störung kontrovers diskutiert wird (Erkwoh & Saß, 1993).

Eine andere Sicht konnten wir aus dem psychiatrischen Blickwinkel auf dieses Störungsbild werfen. Hier wird die Dissoziative Identitätsstörung unter den abnormen Variationen Seelischen Wesens eingeordnet und zwar sowohl unter den Abnormen Persönlichkeiten, als auch unter den Abnormen Erlebnisreaktionen. Im Unterschied zu den vorherigen Klassifikationssystemen wird in dieser Sichtweise stärker an der traditionellen Sicht der Konversionsneurose bzw. der Hysterielehre festgehalten.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden sich die meisten Ausführungen auf die diagnostischen Kriterien des DSM-IV beziehen, weil sie hier am differenziertesten erscheinen. Auf die Gefahren der Verwendung des Begriffes Persönlichkeitsstörung im Rahmen der Multiplen Persönlichkeitsstörung wurde bereits an früherer Stelle hingewiesen, daher werden die Termini Multiple Persönlichkeitsstörung und Dissoziative Identitätsstörung im Folgenden gleichwertig verwendet. Ebenso wurde bereits gesagt, daß es sich bei den einzelnen dissoziierten Persönlichkeitszuständen einer Multiplen Persönlichkeit im engeren Sinne nicht um Persönlichkeiten an sich handelt. Dennoch werden im weiteren Text die Begriffe Persönlichkeitszustände, Persönlichkeiten und Identitäten synonym verwendet. Unter der Primärpersönlichkeit wird in der gesamten Arbeit der Teil der Persönlichkeit verstanden, aus dem sich die anderen Persönlichkeitszustände dissoziiert haben.

Das könnte Dich auch interessieren:

MPS / DIS - Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen

MPS / DIS - Bezug zu allgemeinpsychologischen Funktionen - Fallbeispiele

MPS / DIS - Literaturverzeichnis

Buchbesprechung eines klassischen Buchs zu Borderline

MPS / DIS - Ätiologie



von Micha, 07.06.2012 04:23 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

Kommentare zu diesem Artikel:


Gast′s Profilbild

























Eine Community-Webseite wie diese lebt vom aktiven Mitmachen! Wurde noch kein Kommentar verfasst? Eröffne - auch als Gast - eine Diskussion zu diesem Thema, indem Du weiter oben auf 'Kommentieren' klickst und dann den ersten Kommentar schreibst!

Warum gibt es hier kein Kommentar-Plugin von Facebook?

Weil wir den Datenschutz als sehr wichtig ansehen und uns an das BDSG halten! Seiten, die ohne besondere Mechanismen direkt Kommentare über das Facebook-Plugin samt Profilbild etc anzeigen, teilen zwangsweise Facebook mit, wo sich die Facebook-Benutzer ausserhalb von FB gerade aufhalten und diese Informationen werden dort gespeichert, ob man es will oder nicht. Besser auf den Datenschutz achten und auf Facebook-Plugins verzichten als unsere Besucher zu gläsernen Menschen im Netz zu machen!


Freunde Online

Feedback zur Seite
Ich möchte etwas zum Inhalt mitteilen
Ich möchte einen Rechtsverstoß anzeigen
Ich möchte eine mißbräuchliche Nutzung melden
Ich möchte etwas anderes mitteilen


Infos zum Regen­bogenwald

Das neue Design:
Eine wirklich kleine Umfrage

regenbogenwald.de ist die seit Sep­tem­ber 1999 bestehende, nicht kom­mer­ziel­le Com­mu­nity für Jeder­mann!

Neben Informationen, aktuellen News, Er­fahrungs­austausch und Unter­haltung im Chat und Foren, findest Du hier zahl­reiche Gedichte, Geschich­ten, Song­texte, Tage­bücher und vieles mehr.

Die gesamte Webseite ist werbefrei und dennoch kostenlos zu nutzen. Ermöglicht wird das durch den vom Finanzamt Essen als mildtätig aner­kannten Verein Regen­bogen­wald - Hilfe zur Selbst­hilfe e.V.

Du kannst Dich jederzeit kostenlos und ohne jegliche Verpflichtungen regis­trieren und ein­loggen, um das gesamte Angebot dieser Webseite nutzen zu können, indem Du oben auf das Symbol klickst.

Natürlich freuen wir uns über jede Spende für die Projekte des Vereins und zum Unterhalt der Webseite. Die Konto­ver­bin­dung dazu findest Du im Impressum.

Viel Freude beim Stöbern auf diesen Seiten wünscht Dir das Regenbogenwald-Team

Das Layout von regenbogenwald.de hat sich gravierend verändert. Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.5)

Und die Bedienbarkeit / Übersichtlichkeit? Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.6)

Möchtest Du uns dazu noch etwas sagen?

Zurück