Smilies  Color  Logout  Hilfe     

Das Ziel: Ein Leben führen wie andere auch

Nina F. - Verzweifeltes Ringen

Das Ziel: Ein Leben führen wie andere auch

Nina F. - Verzweifeltes Ringen

Seitenbild

Diese Webseite ist eine Community, erfahre mehr darüber!


Brauchst Du Hilfe?

Ganz wichtig: Egal, was Dir widerfahren ist - Du bist nicht daran schuld! In akuten Gefahrenlagen für Leib und Leben zögere niemals, direkt den Notruf 110 zu wählen! Ansonsten gebe einfach die Postleitzahl (im Moment nur Deutschland) ein und lasse Dir Beratungs- und Hilfsorganisationen in Deiner Nähe anzeigen:


Verzweifeltes Ringen um Normalität

Nina F. ist als Kind von ihren Eltern sexuell missbraucht worden. Die 36- Jährige erzählt in ihren Worten, wie sie um Normaliät ringt und verzweifelt nach einer geeigneten Therapie sucht. Ein Protokoll.

Schweigen über das Erlebte

Nina F. geht es so wie zig Tausenden Missbrauchs-Opfern in Deutschland. In der Dokumentation schildert die 36-jährige anonymisiert ihren Leidensweg. Als Kind von ihren Eltern sexuell missbraucht hat sie trotz intensiven Bemühens bis heute keinen vernünftigen Therapieplatz gefunden. So bestimmt die Erinnerung und deren psychosomatische Folgen bis heute ihren Alltag.

"Als Kind habe ich in der Gegenwart von anderen zeitweise gar nicht geredet, außer wenn mich jemand direkt etwas gefragt hat, dann schon. Ich wollte ja auch nicht als sehr seltsam auffallen. Wer will das schon. Mir war es immer wichtig, dass ich von anderen anerkannt werde und dass ich vor allem nicht auffalle. Also ich habe mich immer ganz gut eingefügt, ich war nie irgendwie völliger Außenseiter, aber ich habe mich schon immer sehr stark kontrolliert und geschaut, was ich wann und wie mache.

Früher war es so, dass ich im Prinzip zwar ein paar Leute hatte, die zumindest ansatzweise über meine Vergangenheit Bescheid wussten, mit denen ich aber selten darüber geredet habe und wenn, dann war ich diejenige, die versucht hat, irgendetwas zu erklären. Im Prinzip wurde es nie richtig verstanden.

Feste Strukturen: Notwendig zum Überleben

Mein Alltag war früher viel mehr davon bestimmt, zu verstecken, zu verdrängen, zu versuchen, bestimmten Situationen aus dem Weg gehen und mir ja nichts anmerken zu lassen. Doch auch jetzt bin ich darauf angewiesen, einen ganz strukturierten Tagesablauf zu haben. Ich kann mir zwischendrin nicht viel leisten, was aus dieser Struktur herausbricht, weil ich sonst entweder meine Arbeit nicht schaffe oder der Haushalt im Chaos versinkt oder es mir anfängt wirklich schlecht zu gehen. Wird ein Abend zu lang, kommt irgendwann unweigerlich in irgendeiner Form ein Absturz. Das ist eben auch der Grund, warum ich es für ganz wichtig halte, rauszugehen, sich zu bewegen. Das sind alles Sachen, die natürlich Spaß machen, die ich gerne mache. Aber eigentlich bin ich nicht nur ein Outdoor-Freak und gehe deshalb ständig raus. Ich mache das auch, um eben diese Struktur aufrecht zu erhalten, um nachts einigermaßen schlafen zu können, damit es mir so gut geht, dass ich gut überleben kann. Leben mit Posttraumatischer Belastungsstörung

Ich bin irgendwann bewusst aus meinem Heimatort weggegangen, in der Hoffnung, mich wirklich freier zu fühlen. Das hat auf jeden Fall auch ganz viel gebracht. Mir war ganz wichtig, in einer Stadt zu wohnen, um eben mehr Auswahl zu haben, was die Therapeuten und Therapieplätze angeht. Ich habe leider gemerkt, dass ich mich da getäuscht habe. Auch in der Stadt gibt es wenig Therapieplätze und die, die es gibt, sind überlaufen. Institutionen, von denen man denkt, die müssten doch eigentlich helfen können, sind nicht wirklich darauf eingerichtet, mit Traumapatienten und einer Posttraumatischen Belastungsstörung umgehen zu können."

Auslöser von Erinnerungsblitzen

"Man ist sicher allgemein ein bisschen empfindlicher, was die Menschen um einen herum angeht, weil man auf ganz vieles reagiert. Man reagiert auf einen Geruch und plötzlich ist eine Erinnerung da, ein Erinnerungsblitz, ein Flashback, irgend so etwas in der Richtung. Es ist bei jedem unterschiedlich. Man nennt das Trigger, das ist eben ein Auslöser für eine Erinnerung, für einen Erinnerungsblitz. Es können auch gewisse Sätze sein oder Wörter, die Sachen antriggern, Sachen auslösen können. Als Trigger wirken manchmal aber auch Situationen, ein bestimmter Ort, oder bestimmte Leute. Auch gewisse Musikstile und Musikrichtungen können ganz große Auslöser sein. Man kann die Ohren ja nicht verschließen. Wenn ich das Radio einschalte, kann es sein, dass eine Musik kommt, die im Zusammenhang mit irgendetwas Blödem steht oder, dass da ein Wort fällt, was vielleicht ganz harmlos ist und dann urplötzlich irgendetwas auslöst. Das ist im Prinzip genauso wie mit Gerüchen: Man kann sich dagegen nicht schützen. Ich kann zwar vermeiden, Fernsehen zu gucken oder irgendwelche Bücher zu lesen und so weiter, aber ich kann nicht vermeiden, Sachen zu hören oder Dinge zu riechen. Außer ich isoliere mich völlig, was bestimmt auch einige mit einer ähnlichen Geschichte tun. Was natürlich auch nicht das ist, was man Leben nennt.

"Urplötzlich steht eine Erinnerung ganz klar vor mir"

Es können bildliche Erinnerungen sein oder kleine Filme, die vor einem ablaufen oder aber auch nur einfach Gefühle, die urplötzlich zurückgebracht werden. Zum Teil ist es wirklich einfach so, wie ein ganz kurzer Film, in dem verschiedene Sachen einfach kurz aufblitzen, die ein unheimliches Gefühlschaos auslösen. Manchmal hat man das Gefühl, irgendwelche Stimmen zu hören. Nicht wie jemand, der krankhaft Stimmen hört, sondern irgendwie hört man was, was in diesen Zusammenhang passt, aber man kann es nicht richtig einordnen. Ab und zu steht urplötzlich eine Erinnerung an eine Begebenheit ganz klar vor mir. Dann weiß ich aber auch wirklich ganz genau, das war in diesem Zimmer, das muss um die Zeit gewesen sein, weil diese Tapete dran war oder die Person sah aus wie auf dem Foto und ich weiß ganz genau, was da passiert ist. Das ist aber alles trotzdem sehr surreal, weil es eben nicht so wie eine normale Erinnerung ist. Dann gibt es auch Dissoziationen, die durch so einen Trigger ausgelöst werden. Man schaltet dann eine Weile lang geistig einfach ab und nimmt nicht mehr richtig wahr, was um einen herum passiert.

Dagegen kämpft man im Prinzip ständig an. Normalerweise baut man um sich herum eine ganz große Mauer auf, damit man solchen Situationen nicht so hilflos ausgeliefert ist, sobald man nach draußen geht. Man kann das selber, aber vor allem mit Hilfe von einem Therapeuten oder Therapeutin, sehr gut trainieren, dass man nicht mehr so anfällig ist. Da gibt es gewisse Techniken, die man erlernen kann. Mir passiert das selten in der Öffentlichkeit, wenn viele Leute dabei sind, weil ich da einfach genug Mauern aufgebaut habe.

Dagegen geschieht es häufiger, wenn ich wirklich in Ruhe zu Hause bin. Einerseits ist das belastend, wenn man so urplötzlich weggebeamt wird und in irgendeinem blöden Flashback drin hängt. Andererseits kann es aber auch sein, dass es einfach eine Erleichterung ist, dass diese ganze starke Konzen-tration auf das Normalsein erst mal weg ist und man einfach mal eine kurze Zeit quasi eine Auszeit hat. Das ist sehr unterschiedlich."

Die eigenen Gefühle kennenlernen

"Ich habe bei einem meiner Therapieversuche erst gelernt, dass das überhaupt Angst ist, was ich habe. Ich wusste das vorher nicht. Das hat sich für mich nicht so angefühlt. Es gehört dazu, zumindest bei mir, dass man seine Gefühle überhaupt nicht kennt, überhaupt nicht einordnen kann, sondern ebenso reagiert, wie man es von anderen wahrnimmt und wie man weiß, dass man reagieren sollte. Aber dass man wirklich eigene Gefühle hat, das merkt man im Prinzip erst, wenn man wirklich therapeutisch daran geht und langsam merkt, welches Gefühl sich wie anfühlt. Welches Wort zu welchem Gefühl passt und überhaupt das erst wahrzunehmen, muss man auch erst lernen.

Ich komme im Alltag klar, ohne mich irgendwie größer selber zu verletzen oder mich umzubringen. Ich brauche wirklich jemanden, der ganz normal mit mir so nach und nach die Folgen dieser Sache aufarbeitet. Einen großen Teil habe ich schon für mich selber, beziehungsweise mit Hilfe dieser ersten Therapie hingekriegt. Aber ganz viele Sachen eben auch noch nicht. Das kann ich auch nicht alleine. Was ich brauche, ist ein Therapeut, der auf das Trauma zentriert arbeiten kann.

Selbsthilfegruppen nicht für jeden geeignet

Ich war zwischendrin bei einem Verein, der sich eben um sexuell missbrauchte Frauen und Mädchen kümmert. Das war ein Riesenschritt für mich. Da habe ich im Endeffekt aber leider auch nur Negatives erlebt. Ich war in einer Selbsthilfegruppe, in der die meisten ganz nett waren. Aber die Art und Weise wie die gearbeitet haben, kam für mich überhaupt nicht in Frage. Da hat mich eigentlich alles angetriggert. Mir ging es hinterher immer viel schlechter. Nach zwei-, dreimal bin nicht mehr hingegangen.

"Zu Missbrauchsgeschichten sagen die Therapeuten nein"

Seit ich hier in der Stadt wohne, habe ich bestimmt 20 bis 25 Therapeuten angefragt. Es gibt viele Therapeuten, die nicht mal mehr eine Warteliste haben, weil sie so überfüllt sind. Ich war bei einer Verhaltenstherapeutin, aber ich brauche keine Verhaltenstherapie. Ich habe mit Therapeuten gesprochen, die das gerne machen würden und die mir auch sympathisch waren, die aber keine Kassenzulassung haben. Das heißt, ich müsste 92,50 Euro die Stunde selber tragen. Das ist einfach wahnsinnig viel Geld. Ich habe mit einer Therapeutin gesprochen, die mir sehr sympathisch war und die alles mitgemacht hätte, die aber leider nur vormittags Therapie macht. Als Lehrerin ist das schwierig. Ich kann mir ja nicht freinehmen einfach.

Mein Hausarzt war so nett, sogar einige Leute anzurufen und hat gesagt, ja, solange man jemanden mit einer Depression unterbringen will, geht das. Aber sobald es an Trauma-Sachen geht, Missbrauchsgeschichten, sagen die Therapeuten ' nein', das wollen sie nicht machen. Ich weiß von einigen anderen, die ich über den Verein "Gegen-Missbrauch" kennengelernt habe, dass sie ähnliche Probleme haben, Therapeuten zu finden. Dass die Therapeuten sagen, nein, das können wir nicht leisten, das wollen wir nicht leisten. Oft ist es wirklich auch so, dass es wohl auch daran liegt, dass die Kassen bei diesem Thema Schwierigkeiten machen.

Ich finde einfach, ehrlich gesagt, dass es schön wäre, jetzt endlich mal eine Therapeutin zu finden, wo ich meine Therapie machen kann, für zwei, drei, meinetwegen auch mehr Jahre. Und dann wirklich sagen könnte, okay, das hat mir was gebracht und jetzt komme ich so klar. Aber bisher braucht es wirklich viel Eigenengagement und es hat nicht funktioniert. Es ist ja auch so, dass man einen Therapeuten wirklich langfristig suchen muss. Also man kann nicht einfach jemanden nehmen und nach einem halben Jahr jemand anders. Das geht nicht."

Angriff vom eigenen Therapeuten

"Mein letzter Therapeut war eigentlich sehr gut. Es war jetzt nicht so, dass ich ihn vorher für unfähig gehalten hätte. Der hat mir sehr geholfen, in ganz vieler Hinsicht. Doch immer, wenn es in diese Richtung ging, hat er total abgeblockt. Ich kann nach wie vor nicht wirklich gut darüber reden - aber immerhin habe ich es so ein bisschen hingekriegt, etwas in die Richtung zu sagen. Da hat er zum Schluss gemeint: "Aber das hat Ihnen doch Spaß gemacht - das haben Sie doch gerne gemacht oder? - Das ist doch Ihr Problem." Na ja, dann habe ich erst mal gar nichts mehr dazu gesagt und bin dann auch erst mal nicht mehr hingegangen. Nach einem halben Jahr bin ich noch mal zu einem Abschlussgespräch gegangen. Das war für mich dann auch der Abschluss dieser Therapie. Aber das hat mich schon erst mal auch sehr umgeworfen, natürlich.

Ein dreiviertel Jahr lang hatte ich so nach und nach Vertrauen geschöpft, da war ich jetzt natürlich auch für so einen Angriff überhaupt nicht gewappnet. Ich habe zwar die Wochen davor schon gemerkt, dass er immer mehr abblockt in der Richtung, aber ich habe halt versucht, ihm das deutlicher zu erklären, so gut ich das konnte, um was es mir jetzt eigentlich geht. Besser habe ich es nicht hingekriegt und das war die Reaktion im Endeffekt. Ich denke, ich konnte damit noch einigermaßen gut umgehen, aber es hätte ja auch durchaus jemanden treffen können, der danach nach Hause geht und sich umbringt oder so etwas.

Das Ziel: Ein Leben führen wie andere auch

Insgesamt fühlt sich mein Leben jetzt schon auf jeden Fall freier an. Aber ich bin an dem Punkt, wo ich weiß, um wirklich mein Leben so leben zu können, wie ich es gerne machen würde, brauche ich therapeutische Unterstützung, um eben diese PTBS-Dinge irgendwann so gut im Griff zu haben, dass ich ein Leben führen kann, wie andere auch."

Das könnte Dich auch interessieren:

Newman - ein Pädophiler berichtet

Trigger als Auslöser psychischer Reaktionen

Buchbesprechung eines klassischen Buchs zu Borderline

Der Anfang vom (Über-)Leben

Dem Missbrauch den Rücken kehren



von Micha, 07.06.2012 12:13 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

Kommentare zu diesem Artikel:


Gast′s Profilbild































Eine Community-Webseite wie diese lebt vom aktiven Mitmachen! Wurde noch kein Kommentar verfasst? Eröffne - auch als Gast - eine Diskussion zu diesem Thema, indem Du weiter oben auf 'Kommentieren' klickst und dann den ersten Kommentar schreibst!

Warum gibt es hier kein Kommentar-Plugin von Facebook?

Weil wir den Datenschutz als sehr wichtig ansehen und uns an das BDSG halten! Seiten, die ohne besondere Mechanismen direkt Kommentare über das Facebook-Plugin samt Profilbild etc anzeigen, teilen zwangsweise Facebook mit, wo sich die Facebook-Benutzer ausserhalb von FB gerade aufhalten und diese Informationen werden dort gespeichert, ob man es will oder nicht. Besser auf den Datenschutz achten und auf Facebook-Plugins verzichten als unsere Besucher zu gläsernen Menschen im Netz zu machen!


Freunde Online

Feedback zur Seite
Ich möchte etwas zum Inhalt mitteilen
Ich möchte einen Rechtsverstoß anzeigen
Ich möchte eine mißbräuchliche Nutzung melden
Ich möchte etwas anderes mitteilen


Infos zum Regen­bogenwald

Das neue Design:
Eine wirklich kleine Umfrage

regenbogenwald.de ist die seit Sep­tem­ber 1999 bestehende, nicht kom­mer­ziel­le Com­mu­nity für Jeder­mann!

Neben Informationen, aktuellen News, Er­fahrungs­austausch und Unter­haltung im Chat und Foren, findest Du hier zahl­reiche Gedichte, Geschich­ten, Song­texte, Tage­bücher und vieles mehr.

Die gesamte Webseite ist werbefrei und dennoch kostenlos zu nutzen. Ermöglicht wird das durch den vom Finanzamt Essen als mildtätig aner­kannten Verein Regen­bogen­wald - Hilfe zur Selbst­hilfe e.V.

Du kannst Dich jederzeit kostenlos und ohne jegliche Verpflichtungen regis­trieren und ein­loggen, um das gesamte Angebot dieser Webseite nutzen zu können, indem Du oben auf das Symbol klickst.

Natürlich freuen wir uns über jede Spende für die Projekte des Vereins und zum Unterhalt der Webseite. Die Konto­ver­bin­dung dazu findest Du im Impressum.

Viel Freude beim Stöbern auf diesen Seiten wünscht Dir das Regenbogenwald-Team

Das Layout von regenbogenwald.de hat sich gravierend verändert. Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.5)

Und die Bedienbarkeit / Übersichtlichkeit? Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.6)

Möchtest Du uns dazu noch etwas sagen?

Zurück