Smilies  Color  Logout  Hilfe     

Sexueller Missbrauch im Kindesalter

Sexueller Missbrauch - Präventionsmöglichkeiten

Sexueller Missbrauch im Kindesalter

Sexueller Missbrauch - Präventionsmöglichkeiten

Seitenbild

Diese Webseite ist eine Community, erfahre mehr darüber!


Brauchst Du Hilfe?

Ganz wichtig: Egal, was Dir widerfahren ist - Du bist nicht daran schuld! In akuten Gefahrenlagen für Leib und Leben zögere niemals, direkt den Notruf 110 zu wählen! Ansonsten gebe einfach die Postleitzahl (im Moment nur Deutschland) ein und lasse Dir Beratungs- und Hilfsorganisationen in Deiner Nähe anzeigen:


8.1 Begriffsklärung

Der Begriff der Prävention stammt aus dem lateinischen und bedeutet soviel wie vorbeugend, schützend eingreifen". In der einschlägigen Fachliteratur wird der Begriff der Prävention auf drei Stufen präzisiert. Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention sollten grundsätzlich in ihrer Bedeutung gleichwertig gewichtet werden, denn in der Praxis sind diese drei Instanzen oft nicht zu trennen.

Ziel primärpräventiver Arbeit ist eine Erziehungshaltung, die Mädchen und Jungen stärkt und das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung über ihren Körper fördert. Prävention zielt darauf ab, Kindern die eigene Wahrnehmung ihrer selbst und ihrer Umgebung zu ermöglichen, ihrer Einschätzung zu vertrauen, ihre Selbstbestimmtheit, ihren Eigenwillen und ihre Empfindungen zu respektieren.

Vorbeugen durch Angst?
Die meisten sexuellen Übergriffe gegen Kinder finden in der Familie oder im familiennahen Umfeld statt. Nur wenige Taten geschehen durch vollkommen fremde Menschen, die sich in böser Absicht einem Kind nähern. Ende der siebziger Jahre wurden in den USA die ersten regelrechten Präventionsmaßnahmen gegen sexuelle Gewalt entwickelt. Unabhängig von diesem besteht zum Teil noch bis heute, Prävention von sexueller Gewalt darin, Kinder durch Verbote und angstmachende Hinweise zu schützen. Diese basieren auf der Vorstellung von einem einmaligen gewalttätigen Übergriff durch einen fremden abartig veranlagten Täter.

Wenn Kinder dazu Fragen stellen, wird meist ausgewichen. So wichtig es ist, unsere Kinder auf Gefahren durch fremde Männer hinzuweisen, sollte man sie nicht übermäßig ängstigen.

Zusammengefasst beinhaltet traditionelle Prävention folgende Botschaften:

Es wird von dem unheimlichen, abnormen Fremden gewarnt.

Die Gefahr, die von diesem Fremden ausgeht, wird nicht näher benannt, erläutert oder definiert.

Kinder werden verunsichert und verängstigt

Ihre Handlungsspielräume, ihre Selbstständigkeit und ihre Unabhängigkeit werden durch mannigfaltige Verbote eingeschränkt und behindert.

Sie werden angehalten, bestimmten Personen immer und von vorneherein zu gehorchen und anderen dagegen nie.

Die früheren, traditionellen Präventionsmaßnahmen fördern die stärkere Abhängigkeit zu Erwachsenen und verstärken die Wehr- und Rechtlosigkeit und damit die Verletzbarkeit der Kinder. Verängstigte und abhängige Kinder, die über die hauptsächlichen Gefahrensorte nicht aufgeklärt wurden, haben weniger Chancen, sich gegen sexuellen Missbrauch im sozialen Nahbereich zu wehren ­ sie werden zu Opfern erzogen.

Sicher sollten Kinder folgendes beachten, um sich vor fremden Tätern zu schützen:

Geh nicht zu weit weg von zu Hause!
Steig nie in das Auto eines Fremden ein!
Nimm keine Süßigkeiten von Fremden an!
Geh nicht allein durch dunkle Wege!

Aber es ist wichtig zu sagen: Sollten diese wohlgemeinten Ratschläge überhaupt eine Wirkung haben, dann hauptsächlich im Hinblick auf die Angst, die sie erzeugen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn wir die Kinder schützen wollen.

8.2 Entwicklungen der primären Präventionsarbeit

Wie bereits erwähnt, ist althergebrachte Prävention, die darauf basiert, Kinder vor fremden, bösen Männern zu warnen, wenig erfolgversprechend. Eine Aufklärung über sexuelle Gewalt ist jedoch ein wesentlicher Punkt der Prävention. Kindern soll die Kenntnis vermittelt werden, dass es sexuellen Missbrauch gibt. Sie sollen erfahren, wer die Täter sind, dass nicht nur Fremde, sondern auch Angehörige und Bekannte Täter sein können. Den Kindern fehlt eine klare, kindgerechte Definition um missbräuchliche Situationen überhaupt erkennen zu können.

Darüber hinaus äußern Erwachsene sehr oft die Befürchtung, dass Kinder durch die Aufklärung über sexuelle Gewalt Angst vor Männern bekämen. Die Gedanken sind nachvollziehbar und verständlich, jedoch nicht unbedingt richtig, denn gerade wenn sich Kinder ratlos, hilflos und ohnmächtig fühlen, bekommen sie Angst. Sexueller Missbrauch soll auf der gleichen Ebene wie andere schwierige Erziehungsinhalte behandelt werden. Verschiedene Autoren zum Thema neue Präventivansätze vertreten die altersgemäße und kindgerechte Aufklärung über sexuellen Missbrauch. Hierzu eine mögliche Formulierung: Es kann sein, dass dich jemand anfasst an deinem Po oder an deiner Brust oder an deiner Scheide, an deinem Penis und du willst das nicht. Es gibt Leute, oft Männer, die das machen. Das können Fremde sein, aber auch Freunde, Bekannte und sogar Verwandte. Du darfst das auf jeden Fall ablehnen und musst dich wehren. Dann fragen die Kinder vielleicht: Wieso machen die Männer das? und man kann den Kindern antworten: Ja, die haben Probleme, die brauchen das und sehen überhaupt nicht dabei, wie es den Kindern geht. Wenn direkt über sexuellen Missbrauch gesprochen wird, entwickeln Kinder weniger Angst, als wenn das Thema undurchsichtig bleibt. Kinder erfahren früher oder später so oder so von sexueller Gewalt und wagen dann möglicherweise nicht darüber zu reden oder zu fragen, wenn das Thema bisher ein Tabu war. Inzwischen gibt es gut durchdachte Programme, mit deren Hilfe Kinder lernen können, sich gegen sexuelle Übergriffe klar abzugrenzen. Die Programme der Prävention von sexueller Gewalt stammen zum größten Teil aus Amerika. Sie wurden vor ca. 15 Jahren von einem Teil der Frauenbewegung entwickelt.

Inzwischen gibt es in den USA eine fast unüberschaubare Vielzahl von Präventionsmaßnahmen, die seit ein paar Jahren auch in der BRD diskutiert und in kleinem Umfang ausprobiert werden. Diese Programme wenden sich an Vorschul- und Schulkinder und sie haben zum Ziel

Kinder und Jugendliche zu informieren, dass es sexuelle Gewalt gibt und was sexuelle Gewalt ist,

Kinder und Jugendliche wissen zu lassen, sich im Falle eines Übergriffes zu wehren.

Kurz gesagt liegt diesen Zielen der Gedanke zugrunde, dass Kinder sich vor der Gefahr schützen können, wenn sie von ihr wissen, wenn sie lernen, ihren eigenen Gefühlen zu trauen und sich dadurch wehren zu können: Sag nein, lauf und erzähl. Es werden Medien wie Malbücher, Comics, Geschichten, Filme und Theaterstücke eingesetzt und die Methoden reichen von der Gruppendiskussion bis hin zu Rollenspielen und Selbstverteidigungsübungen.

Wenn man es den Tätern schwer machen will, braucht es starke und selbstbewusste ­ ja, freche ­ Kinder. Solche Kinder, die laut und kräftig nein sagen und sich von keinem Menschen ­ weder von Fremden noch von Freunden gegen ihren Willen anfassen lassen. Kinder sollen sehr genau wissen, was sie wollen, und vor allem was sie nicht wollen. Sie kommen nicht daran vorbei, die Welt schrittweise als eine, die Gefahren birgt, zu erleben. Leider ist sie auch nicht so klar geordnet, wie wir uns das wünschen. Nicht alles, was innerhalb der Familie geschieht, ist gut, und nicht alles, was außerhalb der Familie geschieht, ist schlecht. Die Gefahr kommt mitunter aus allernächster Nähe. Deshalb macht es wenig Sinn, vor den bösen Monstern draußen zu warnen und mögliche Täter im Haus zu übersehen. Selbstbewusstsein, Klarheit, Offenheit und Direktheit ist immer der bessere Weg die Kinder zu schützen.

Eine altersgemäße Sexualerziehung und die Möglichkeit, offen mit Kindern über Sexualität zu sprechen ist Grundlage primärer Prävention. Dabei geht es nicht um einmalige Aufklärung zu einem bestimmten Zeitpunkt, es geht auch nicht um ständige Aufklärungsgespräche und die Vermittlung eines mehr oder weniger gründlichen Wissens, sondern es geht um eine Erziehung, die sich als Verhaltensprägung versteht.

Altersgemäße Sexualerziehung ist primär Aufgabe der Eltern. Kindergarten und Schule unterstützen die Eltern bei dieser Aufgabe, deren Zielsetzung wie folgt definiert werden kann:

Grobziel:
Kindern und Jugendlichen zu einem selbstverantworteten Sexualverhalten zu verhelfen.

Teilziele:
Verhaltensprägung
Entwicklung eines gesunden Schamgefühls
Erwerb von sexuellen Informationen
Erlernen der sexuellen Erlebnisfähigkeit

Zur Umsetzung einer kind- und altersgerechten Sexualerziehung sollten folgende Zielvorstellungen betrachtet werden:

Sexualerziehung, verstanden als Liebeserziehung, muss überall dort geleistet werden, wo erzogen wird, also im Elternhaus bzw. in Ersatzfamilien, im Kindergarten, in der Schule, im Hort, im Jugendhaus. Dennoch kommt der Familie in dieser Hinsicht eine herausragende Position zu. Sexualerziehung ist von Anfang an eingebettet in Zärtlichkeit, gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Verantwortung. Außerdem ist Sexualerziehung Teil der Persönlichkeitserziehung des Kindes. So verstandene Sexualerziehung möchte dem Kind helfen, ein offenes, akzeptierendes und befriedigendes Verhältnis zum eigenen Körper zu bekommen, den Schutz vor Missbrauch zu ermöglichen und zum Aufbau von Selbstbewusstsein und Eigenidentität beizutragen.

Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass bis heute nicht sicher nachgewiesen werden konnte, dass solche Vorbeugungsprogramme die Häufigkeit des sexuellen Missbrauchs senken. Relativ sicher scheint aber zu sein, dass Kinder im Anschluss an solche Programme häufiger über einen sexuellen Missbrauch. 

Die Vorbeugung vor sexuellem Missbrauch von Kindern sollte immer In die von früh auf erfolgende Sexualerziehung des Kindes eingefügt werden, dabei den grundlegenden Erziehungshaltungen in Richtung auf eine gewaltfreie, emanzipatorische sowie Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein fördernde Entwicklung der Kinder entsprechen sowie keine einmalige Aktion darstellen, sondern vielmehr fortlaufend erfolgen, wobei sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder ständig angepasst werden muss und Elternhaus sowie Kindergarten oder Schule zusammen arbeiten sollten.

Denn letztlich liegt die Verantwortung bei den Erwachsenen, für die Sicherheit der Kinder zu sorgen, und dementsprechend sollte auch den Kindern gesagt werden, dass Erwachsene ihnen gegenüber Verantwortung haben!

Der Erziehungswissenschaftler Liegle versuchte mit den folgenden 10 Geboten die Richtung für eine neue erzieherische Verantwortung der Erwachsenen gegenüber den Kindern aufzuzeigen:

1. Du sollst Kinder nicht als Mittel zu irgendeinem Zweck betrachten oder gebrauchen!

2. Du sollst Kinder nicht als Bausteine der Zukunft betrachten oder behandeln, sondern als Baumeister der Erwachsenen, die sei einmal werden wollen!

3. Du sollst dir kein Bildnis machen von dem zukünftigen Erwachsenen im Kind!

4. Beeinflusse das Kind nicht dadurch, dass du das forderst, was du selbst möchtest, dass das Kind es sei, sondern durch den Eindruck dessen, was du selber bist!

5. Ehre die Eigentümlichkeit und die Willkür deiner Kinder, auf das es ihnen wohl ergehe und sie kräftig leben auf Erden!

6. Vertraue auf die moralischen und intellektuellen Fähigkeiten des Kindes und präge dir selbst den Gedanken ein, dass jedes Kind die Wiederholung der Naturkräfte und deshalb unbegrenzt ist wie das Weltall!

7. Du sollst Kinder lieben wie dich selbst, denn sie sind wie du, nämlich eine eigentümliche Persönlichkeit mit eigener Würde!

8. Du sollst Verantwortung übernehmen für dein Leben und Handeln, denn diese sind Wegweiser für die dir anvertrauten Kinder!

9. Du sollst Verantwortung übernehmen für die Welt, in der Kinder eine Zukunft haben sollen!

10. Liebe in deinen Kindern nicht dein Fleisch und Blut, nicht deine Zukunft, nicht dein Eigentum, sondern ihre Gegenwart, ihr Selbstsein und ihr Selbstwerden!

8.3 Das amerikanische Präventionsprojekt -Child Assault Prevention Projekt - CAPP

Das in der Bundesrepublik Deutschland wohl bekannteste Programm ist das Child Assault Prevention Projekt, das als eines der Ersten, Ende der 70er Jahre von Mitarbeiter eines Zentrums für vergewaltigte Frauen in den USA entwickelt wurde. Darin wird sexuelle Gewalt an Kindern nachdem US-Amerikanisch allgemein gültigen Wertesystem interpretiert. Da das CAPP-Programm auch in der Bundesrepublik immer mehr Anwendung findet, wird im folgenden seine Grundform kurz dargestellt.

Die vorhandene Stärke von Kindern soll ausgebaut werden, damit sich die Kinder aus eigener Kraft gegen den sexuellen Missbrauch wehren können. Die Kinder sollen lernen, ihre Gefühle zu erkennen und zu artikulieren, ihre emotionalen Grenzen anderen gegenüber auszusprechen und zu verteidigen sowie die persönlichen Grenzen anderer zu achten und zu respektieren. Grundsätzliches Ziel ist es, nicht Angst zu erzeugen, sondern die Kinder zu stärken, indem sie lernen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen. 

Dementsprechend lautet der Slogan des CAPP-Programms: Safe, strong and free.

Den Kindern soll konkret vermittelt werden, dass sie das Recht haben nein" zu sagen, wenn Erwachsene oder Kinder aktive und passive körperliche Berührungen einfordern. Sie dürfen sich wehren sowie Schutz und Hilfe von Erwachsenen und Kindern einfordern. In Rollenspielen werden den Kindern diese Inhalte vermittelt. Vom Aufbau sind die durchgeführten Präventionsprogramme ähnlich.

Sie werden in Schulen und Kindergärten gemeindeweit durch ein ausgebildetes Trainerteam durchgeführt. Bevor der eigentliche Kinderworkshop, der ein bis zwei Stunden dauert, stattfindet, wird je ein Workshop für Lehrer/Erzieher und Eltern durchgeführt. Es werden Rollenspiele durchgeführt, in denen die Kinder die starken Rollen, die Trainer die schwachen Rollen und die Täter spielen.

Im nächsten Schritt werden die besprochenen Rechte in Form von drei Rollenspielen konkretisiert. In der ersten Szene versucht ein älteres Kind von einem jüngeren Geld zu erpressen. Der ältere Junge erklärt dem jüngeren Mädchen, dass sie ihm jetzt immer ihr Pausengeld geben soll und das das jetzt ihr besonderes Geheimnis sei. Die Trainer spielen das Rollenspiel vor und befragen anschließend die Klasse: Wie hat sich das Mädchen wohl gefühlt? Was hätte das Mädchen tun können? Im Anschluss werden in der Klasse Strategien erarbeitet, wie sich das Mädchen in dieser Situation helfen könnte z.B. es der Lehrerin oder den Eltern sagen. Anschließend üben die Kinder die Szene zweimal als Rollenspiel.

In der zweiten Szene versucht ein Fremder, ein Kind auf dem Spielplatz zu überreden, mit ihm zu kommen. Es werden ebenfalls verschiedene Widerstandstrategien erarbeitet. Die Trainer geben Hilfen: Wenn der Mann euch an den Arm packt, tretet ihn ans Schienbein, schreit laut und rennt weg. Sie üben sogar einen Selbstverteidigungsschrei. Diese Widerstandstrategien spielen die Kinder erneut im Rollenspiel.

In der dritten Szene möchte der Onkel von seiner Nichte einen Kuss erzwingen und setzt sie unter Druck, dies geheim zu halten. Vor dem Rollenspiel wird den Kindern das Thema sensibel nahegebracht. Dann führen sie das Rollenspiel vor. Nachdem wichtige Widerstandsformen erarbeitet wurden (wie z.B. nein sagen, weglaufen, weitererzählen usw.) wird das Rollenspiel wiederholt. Die Trainer spielen den ersten Durchgang jeweils derart vor, dass das Kind sich nicht wehren kann und unterliegt. Im Anschluss werden in der Klasse Strategien erarbeitet, wie sich das Kind in diesen Situationen helfen könnte. Danach üben die Kinder jede Szene zweimal als Rollenspiel. Dadurch sollen die Widerstandsformen gefestigt werden.

Am Ende des Workshops werden den Kindern von den Trainer Einzelgespräche angeboten, um über ihre persönlichen Probleme zu sprechen. Ebenfalls gibt es Faltblätter und weiterführende Literatur für Kinder, Eltern und Lehrer zur Vertiefung des Inhaltes. In den USA sollen Kinder viermal in ihrem Schulleben an einem solchen Training teilnehmen (Kindergarten, Grundschule, Sekundarstufe I und Sekundarstufe II). In der Bundesrepublik Deutschland wird das CAPP-Programm vor allem in Grundschulen angeboten, wobei eine Ausweitung propagiert wird. Jedoch erfährt das CAPP-Programm auch hierzulande Kritik.

Der deutsche Kinderschutzbund hat seine Standpunkte in einer eigenen Broschüre zusammen gefasst. Die Kritik betrifft die Durchführung der Programme, ihre Effektivität und ihre Konzeption. Die Grundlagen der CAPP-Programme haben außerdem ein Präventionsverständnis das den Kindern die Verantwortung für ihren eigenen Schutz überträgt. Der Schwerpunkt der Prävention sollte bei den potentiell ausbeutenden Erwachsenen und bei kulturellen und gesellschaftlichen Werten liegen, die erlauben, dass dieses Problem fortbesteht. Hinzu kommt, dass das CAPP-Programm keinerlei eigene Hilfe für betroffene Kinder und deren Familien beinhaltet.

Die Einordnung sexueller Gewalt an Kindern steht bei den CAPP-Programmen im Zusammenhang mit der Debatte über Vergewaltigung an Frauen, wobei ein Schwerpunkt auf die Macht- und Gewaltkomponenten in sexualisierten Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gelegt wird. Dies hat die Auswirkung, dass sexuelle Gewalterfahrungen von Kindern im sozialen Nahbereich, die vor allem auf Verführung und Überredung durch Erwachsene basiert, nicht differenziert erfasst werden. Darüber hinaus konzentriert sich das CAPP-Programm nicht auf den besonders schwerwiegenden familiären Kontext, sondern bezieht sich auf allen auf familienferne Täter.

Für den deutschen Kinderschutzbund ist das CAPP-Programm ethisch nicht vertretbar. Kinder, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, nehmen an den Workshops teil und machen durch deren Inhalte zwangsläufig die Erfahrung, dass sie an ihrer Situation Schuld tragen, da sie ja die Möglichkeit hätten, sich zu wehren und sicher, stark und frei" zu sein.

Ein weiterer Kritikpunkt am CAPP-Programm bezieht sich auf den Umgang mit Sexualität. Über Sexualität wird nicht offen gesprochen. Geschlechtsteile und sexuelle Handlungen werden nicht konkret beim Namen genannt, stattdessen ist die Rede vom Intimbereich oder von Berührungen unter der Unterhose. Kinder können nicht begreifen, was sexueller Missbrauch ist. Eine solche Ausblendung hat fatale Konsequenzen, es stiftet Verwirrung, verharmlost und verschleiert die Verletzung, die Demütigung, die Beschämung und die Hilflosigkeit, die die Realität von sexuellem Missbrauch ausmacht.

8.4 Primäre Prävention als Aufgabe in der Grundschule

Gerade weil sexueller Missbrauch eine Form der Gewalt darstellt, der Kinder ausgesetzt sein können, sollte die Vorbeugung sowohl im Kindergarten als auch in der Schule stattfinden. Aber ich kann die Kinder doch nicht in den Stuhlkreis setzen und ihnen erzählen, welche schlimmen Sachen manche Papas und Onkels mit Kindern machen!

Nein, so soll in Kindergärten und in Grundschulen sicher nicht vorgegangen werden. Prävention bedeutet viel mehr als Warnungen. Sie ist eine Erziehungshaltung und muss integriert werden in den erzieherischen Alltag. Die Ziele von Prävention, Stärke und Selbstbewusstsein, Durchsetzungsvermögen und körperliche Selbstbestimmung müssen gefordert werden.

Eine angemessene Prävention sollte indes Mut machen und den Kindern Selbstvertrauen geben. Das Kind muss gestärkt werden, sich gegen einen sexuellen Missbrauch ­ auch innerhalb der Familie ­ zu wehren. Dies kann nur erreicht werden, wenn eine Erziehung zur körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung stattfindet. Wie kann ich Mädchen und Jungen im Unterricht über Gefahren sexuellen Missbrauchs aufklären? Ist das Thema Primärprävention von sexuellem Missbrauch Bestandteil des Lehrplans? Hat man im Bildungsplan für die Grundschule von 1984 nach Themen der Sexualerziehung gesucht, musste man leider feststellen, dass dieses Thema im Heimat- und Sachunterricht nicht erwähnt wurde. Da die Voraussetzung für einen Aufklärungsunterricht über sexuellen Missbrauch immer eine Sexualerziehung ist, war zu diesem Zeitpunkt, nach den Vorgaben des Lehrplans zumindest, eine sinnvolle Prävention nicht möglich. Erst 1994 finden sich im Lehrplanheft wichtige Ansatzpunkte der Primärprävention. Im Erziehungs- und Bildungsplan hei t es: Mädchen und Jungen werden darin unterstützt, ihre geschlechtliche Identität zu finden. Dies entspricht einer ganzheitlichen Bildung der Persönlichkeit. Fragen der Kinder aus dem Bereich der Geschlechtlichkeit sollen im Unterricht behutsam und in angemessener Sprache beantwortet werden. Dazu können in besonderen Fällen Lehrplaneinheiten bzw. einzelne Inhalte zur Geschlechtserziehung in Abweichung vom Bildungsplan in früheren oder späteren Schuljahren unterrichtet werden. Zentrale Aufgabe (...) ist es, die Kinder in ihrer Persönlichkeit so zu stärken, dass sie sich gegen Verführungen selbstbewusst behaupten können. Elternhaus und Schule sollen zum Wohle der Kinder dabei vertrauensvoll zusammenwirken".

Im Fach Heimat- und Sachunterricht gibt es einige Themen im Lehrplan der Grundschule, bei denen es sich anbietet, über Sexualität im Allgemeinen und Primärprävention von sexuellem Missbrauch im Besonderen etwas gründlicher einzugehen. Die Richtlinien für die Grundschule geben Lehrer ausreichend Spielraum um im Schulalltag die Problematik anzusprechen und ausführliche und differenzierte Unterrichtseinheiten durchzuführen. Entsprechend den Richtlinien soll die Sexualerziehung als Teil der Gesamterziehung Schüler befähigen, ihr Leben bewusst und in freier Entscheidung selbst zu gestalten. Es soll eine Lebensführung angestrebt werden, in der die Geschlechtlichkeit als ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Daseins anerkannt und bejaht wird, oder das Schwierigkeiten und Konflikte bagatellisiert oder verharmlost werden. Dementsprechend gilt es, Schüler in altersangemessener Weise sachgerecht über die Gefahr sexueller Gewalt aufzuklären und ihnen Möglichkeiten der Hilfe und Gegenwehr aufzuzeigen.

Keinesfalls darf Mädchen und Jungen Angst gemacht werden. Die Sexualerziehung in der Schule soll ein Verantwortungsbewusstsein entwickeln, und stärken, das eine Herabsetzung und Missachtung sowie die körperliche und seelische Schädigung des Partners und dessen sexuelle Ausbeutung ausschließt. Die Richtlinien für die Grundschule (NRW 1985) kennen als primäres Ziel die Achtung vor der Würde des Menschen ­ die Würde des Kindes ist zu achten. Um dieses Ziel zu realisieren, steht die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung (NRW 1985) und damit die Stärkung des Selbstbewusstseins der Schüler im Vordergrund. Mädchen und Jungen brauchen verlässliche Orientierungen, damit sie ihre eigenen Stärken und Grenzen einschätzen lernen und gefährlichen Situationen nicht wehrlos und ohne Hilfe gegenüberstehen. Sprechen Lehrer im Unterricht die Thematik des sexuellen Missbrauchs von Mädchen und Jungen an, so geben sie Kindern ein Stück Sicherheit, den diese erfahren, dass sie mit Klassenkameraden und Lehrer über sexuellen Missbrauch sprechen können und dürfen. Sie kennen damit Menschen, denen sie sich bei sexuellem Missbrauch anvertrauen können, die ihnen helfen.

8.4.1 Primäre Prävention im Unterricht

Der Mediziner Jörg Fergert beschreibt folgende Themenbereiche, die maßgebend sind für eine präventive Erziehung. Dabei sollten die Themen Gefühle", Hilfe holen", Nein sagen", gute und schlechte Geheimnisse", Überwindung geschlechtsspezifischer Sozialisation" und mein Körper/Sexualerziehung" angesprochen werden.

Das Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung ­ Mein Körper gehört mir!

Dein Körper gehört dir. Du bist einzigartig, wichtig und liebenswert. Du kannst stolz auf dich und deinen Körper sein; und du hast das Recht zu bestimmen, was mit deinem Körper geschieht".

Jedes Kind hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Wenn Kinder stolz auf ihren Körper sind, können sie das Prinzip der Kontrolle des Zugangs zum eigenen Körper lernen. Dies kann in vielen Alltagssituationen ausdrücklich betont, geübt und unterstützt werden. Es beinhaltet weit mehr, als das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung zu respektieren und einzuhalten. Verschiedene Beispiele lassen dies deutlich werden: Wenn die Oma der Enkelin über das Haar streicht, hat das Kind das Recht sich zu entziehen. Das Kind hat das Recht, die Umarmung oder den Kuss des Onkels nicht zu mögen, doch aber seine Schokolade oder auch den restlichen Onkel. Das Kind hat auch das Recht den Onkel heute nicht, aber morgen vielleicht doch zu mögen und zu umarmen. In der Vorpubertät entwickeln Kinder sehr oft das Bedürfnis alleine im Badezimmer zu sein. Das Kind entwickelt Schamgefühle und geniert sich, mit anderen das Badezimmer zu teilen. Es hat ein Recht darauf, dass seine Bedürfnisse respektiert werden. Und es hat natürlich das Recht, die Eltern nicht berühren und küssen zu wollen bzw. nicht gestreichelt werden zu wollen.

Es ist für Kinder wichtig, ihre Körper kennen zu lernen sowie Namen und Wörter gerade für Genitalien und andere Körperteile zu finden. Die Kinder sollen erfahren, dass sie eins sind mit ihrem Körper und das niemand das Recht hat, sie in ihrer Integrität zu verletzen. Indem das Kind lernt, den eigenen Körper gegen Grenzüberschreitungen zu schützen, schützt es auch sein Inneres. Dazu zählt es auch, dass es seinen eigenen Körper wahrnimmt, ihn liebt und ihn im Notfall verteidigt. Kinder, die ihren Körper lieben und sich ihres Körpers bewusst sind, sind sich ihrer Persönlichkeit bewusst. Sie sind sich selbst bewusst.

Das Recht auf die eigene Intuition ­ Ich kann mich auf meine Gefühle verlassen! Du kannst dich auf deine Gefühle verlassen und ihnen trauen. Höre und vertraue deinem Gefühl. Wenn sich etwas seltsam, blöd, komisch oder unangenehm anfühlt, hast du das Recht, so zu fühlen. "Du kannst dich immer auf deine Gefühle verlassen, egal was ein anderer sagt".

Wenn Kinder lernen auf ihre Gefühle zu achten, sie als Maßstab für ihr Handeln anzusehen, lassen sie sich nicht so leicht zu sexuellen Handlungen überreden und vor allem lassen sie sich nicht so schnell einreden, sie hätten es doch auch gewollt oder schön gefunden. Wenn Kinder spüren und wissen, dass sie selbst keine Schuld haben, wird die Geheimhaltung wesentlich erschwert. Schon dreijährige können lernen ihre Gefühle genau zu betrachten und ernst zu nehmen, wenn sie die entsprechende Unterstützung und den Raum für die eigene Erfahrung erhalten. Wenn ein Kind die Erfahrungsmöglichkeit zur Gefühlsdifferenzierung hat, erfährt es auch, dass es erlaubt ist, anders zu fühlen als andere und dass seine Gefühle in Ordnung sind, so wie sie sind. Kinder sollen darüber hinaus lernen, komische Gefühle zu beachten und auszudrücken. Solche Gefühle, die sie vielleicht gar nicht ganz einordnen können, nicht verstehen, nicht kennen, die verwirrend sind, weil die Situation neu für sie ist. Durch das darstellende Spiel Gefühlsgedicht" lernen die Kinder verschiedene, gegensätzliche Gefühle kennen und ausdrücken. Es ist aufschlussreich, welche Gefühle sie gut darstellen können, welche nur schwer oder gar nicht. Wo Schwierigkeiten in der Gefühlsäußerung stehen, sollte durch wiederholte, spielerische Übungen gezielt gefördert werden.

Gefühlsgedicht

Angst und Mut

Glück und Wut

Ernst und Scherz

Lachen und Schmerz

Freude und Trauer

Süß und Sauer

hauen und küssen

dürfen und müssen

stark und schwach

müde und wach

wehren und ducken

weinen und mucken

Es werden zwei Gruppen gebildet, die die gegensätzlichen Gefühle darstellen und vorspielen. Durch das darstellende Spiel "Gefühlsgedicht" lernen die Kinder verschiedene, gegensätzliche Gefühle kennen und ausdrücken. Es ist aufschlussreich, welche Gefühle sie gut darstellen können, welche nur schwer oder gar nicht. Wo Schwierigkeiten in der Gefühlsäußerung bestehen, sollte durch wiederholte, spielerische Übung gezielt gefördert werden.


Einige zugenbrecherische Gefühle:

Werner weint wieder wegen Wolfgang, weil Wolfgang wild und wütend wirkt. Tina tobt tierisch trotzig, aber Tanja tröstet Tina trotzdem. Laura lacht lieber lustig und laut als leise und langweilig

Wichtig ist hier wieder: Über Gefühle, wie Angst, mit Kindern zu sprechen, darf allerdings nicht heißen, ihnen Angst zu machen. Sie sollten auch immer Möglichkeiten der Angstbewältigung und der Abwehr kennen lernen, wie im Folgenden kleinen Vers mit dem Titel

"Nachtgespenst":

Kommt ein Gespenst in der Nacht,
das mir Angst macht,
schrei ich es an,
so laut ich kann!
Gespenst kriegt ´n Schreck,
ist nix wie weg.

Hier bietet sich ein guter Anlass, mit Kindern zu sprechen und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten.

Die kleine Geschichte "Melanie und das Gespenst" spricht Angstgefühle und Handlungsmöglichkeiten an. Sie berichtet aber auch in der Form kindlicher Erlebnisweisen von einem sexuellen Übergriff und setzt für betroffene Kinder ein Signal: Ich weiß von solchen Übergriffen, ich glaube dir, wenn du davon erzählen willst. Auch das "Schlafgedicht" motiviert die Kinder, über ihre Gewohnheiten und Ängste zu sprechen. Viele sexuelle Übergriffe spielen sich im Bett des Kindes ab, sodass für Betroffene das Zubettgehen angstbesetzt ist.

Der Mimwürfel ist bestens dazu geeignet, über Gefühle zu sprechen oder zu spielen. Der Mimwürfel, ein großer Holzwürfel, zeigt auf jeder Seite ein Gefühlsgesicht: Der Optimist ist gut dabei ­ der Strahlemann ist sehr gut drauf ­ der Zornige ist sehr wütend ­ der Pessimist ist schlecht drauf ­ der Erstaunte wundert sich nur ­ der Unentschiedene weiß es noch nicht.

Ein Spielvorschlag: Die Kinder sitzen im Kreis. Jedes Kind würfelt und sagt, welchen Ausdruck das Gesicht hat. Das Kind erzählt dann, wie es war, als es selbst einmal ein solches Gefühl hatte.

Projekt Stimmungsecken
Zum Schluss noch ein Projektvorschlag, nachdem die Kinder nun schon viel über ihre Gefühle gelernt haben: Im Spiel ­ oder Klassenraum werden Stimmungsecken eingerichtet, in die das Kind sich zurückziehen kann. Die Ecken werden gekennzeichnet durch Gesichter, die bestimmte Gefühle ausdrücken, z.B. Wut, Traurigkeit, gute Laune. Die Gesichter können aus Zeitschriften ausgeschnitten werden. Die Kinder lernen so, ihre Gefühle zu erkennen und sie auszudrücken. In der Stimmungsecke kann die Erzieherin aber auch ein Gespräch mit dem Kind beginnen über sein Gefühl und die Gründe dafür. Das Kind hat eine Möglichkeit, ohne Worte zu signalisieren, dass es ein Problem hat, z.B. Wenn es immer wieder in die Angstecke geht.

Ein Gefühle-Memory:
Reichling, Ursula / Wolters, Dorothee:
"Hallo, wie geht es Dir?" Gefühle ausdrücken lernen.
Verlag an der Ruhr, Mühlheim an der Ruhr 1994

Berührungen ­ Es gibt gute, schlechte und merkwürdige Berührungen. Es gibt verschiedene Berührungen. Berührungen sind für jeden Mensch wichtig. Liebevolle, angenehme und zärtliche Berührungen fühlen sich gut an. Wir alle brauchen Umarmungen, wollen gestreichelt und gedrückt werden und sind glücklich, wenn wir dies alles bekommen. Aber nicht alle Berührungen sind angenehm. Einige verwirren uns, wie z.B. zu lange und zu feste Umarmungen. Einige sind einfach komisch, und du weißt gar nicht genau warum. Einige Berührungen tun richtig weh. Berührungen, die wehtun, sind nicht in Ordnung. Niemand wird gerne gehauen, geschlagen, getreten oder geschubst. "Gegen Berührungen die für dich unangenehm sind, die wehtun, die du nicht willst, darfst du dich immer wehren".

Der Punkt Berührungen ist eng mit dem Punkt der körperlichen und sexuellen Selbstbestimmung verknüpft, jedoch werden hier verschiedene Qualitäten von Berührungen erklärt. Es sollten gleichberechtigt gute, komische und unangenehme Berührungen angesprochen werden. Der Hauptaspekt liegt in den eigenen Gefühlen: Was für dich unangenehm ist, ist nicht okay, ganz egal, was der andere denkt oder will.

Damit das Kind spüren und ausdrücken kann, was unangenehm ist, ist es wiederum wichtig, die eigenen Gefühle zunächst wahrnehmen und differenzieren zu können.

Das Recht auf Wiederstand und Ungehorsam ­ Nein sagen!
Nein sagen ist erlaubt. Kinder haben das Recht Nein zu sagen. Du hast meine Erlaubnis, Nein zu Erwachsenen zu sagen, die dich auf eine Art berühren, die dir nicht gefällt. Es ist ganz wichtig für Kinder, Nein sagen zu dürfen und das auch zu lernen. Kinder dürfen und müssen in bestimmten Situationen Grenzen ziehen und Nein zu den Anforderungen Erwachsener zu sagen. "Sie haben die Erlaubnis, nicht zu gehorchen und sich zu wehren".

Eltern können bei allen möglichen Gelegenheiten die Kinder anhalten zu spüren, was sie selbst wollen und dem Ausdruck verleihen. Wenn Kinder nicht im Erziehungsalltag die Erfahrung machen können, dass es möglich ist, Nein zu sagen, ohne die Zuwendung und Liebe anderer zu verlieren, wird es ihnen auch schwer fallen Nein zu sagen, wenn sie sexuell missbraucht werden. Kinder müssen erfahren, dass sie keine Angst zu haben brauchen, dass ein Nein Ärger, Trennung oder Ablehnung bedeutet. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Kinder trotz der Erziehung zur Selbstständigkeit in entscheidenden Augenblicken es vielleicht nicht schaffen Nein zu sagen. Kinder müssen erfahren, dass sie dafür keine Schuld trifft. Wenn Kinder sich nicht wehren können, sollen sie wissen, dass sie kommen und davon erzählen können.

Auch wenn es vielen Kindern schwer fällt, sich zu wehren und Nein zu sagen, kann auch diese Fähigkeit den Kindern näher gebracht werden. Schon durch kleine Spielereien wie Abzählreime oder Fingerspiele:

Abzählverse:

Schirm, Stock, Hut,
ich hab Mut,
ich sag Nein
und du fällst rein.

oder:

Ene, mene, muh,
Lass mich in Ruh,
fas mich nicht an,
denn jetzt bist du dran.


Fingerspiel:

Emil und Trine

Emil ist groß,

Trine ist klein,

Emil will schubsen,

Trine sagt Nein.

Trine holt Hilfe,

bei den anderen drei´n,

Emil guckt dumm,

jetzt ist er allein.

Den Daumen hochhalten, den kleinen Finger hochhalten, der Daumen schubst den kleinen Finger, der wackelt hin und her, die mittleren drei Finger bedecken den kleinen Finger, den Daumen hochhalten und dann abknicken. 

 

Tante Kathrein

Die Tante Kathrein
soll ich immer küssen,
dass Kinder so was müssen,
find ich gemein.

Zu Onkel Hein
soll ich auf´n Schoß,
dazu bin ich zu groß,
deshalb sag ich Nein.

Hast Du auch so eine Tante
oder sonstige Verwandte,
die dich nicht in Ruhe lassen,
immer drücken und anfassen?

Wenn mich wer anfasst
und mit das nicht passt,
sag ich laut und deutlich Nein,
ich will das nicht, drum lass es sein.

- Gisela Braun

Das Gedicht bietet eine guten Gesprächsanlass, um über Berührungen zu sprechen, die von Bekannten und vertrauten Personen kommen. Nach der dritten Strophe kann man inne halten und mit den Kindern über ihre Erfahrungen sprechen. Sie wissen bestimmt von ähnlichen Situationen zu erzählen, wie sie in dem Gedicht angesprochen werden. Nun kann besprochen werden, was die Kinder tun können, wenn sie solche Berührungen nicht mögen. Die Erzieherin/Lehrerin sollte ihnen sagen, dass es ihr gutes Recht ist, Berührungen zurück zu weisen, auch wenn diese von einer Person kommen, die sie eigentlich gern haben, auch wenn sie die Berührungen zu einem anderen Zeitpunkt mögen. Oft werden Zärtlichkeiten von Erwachsenen mit materiellen Zuwendungen verknüpft. Die Kinder kommen dann in einen Konflikt, weil sie das Geschenk wollen, aber nicht die Zärtlichkeit. Es ist wichtig für sie zu wissen, dass sie ruhig das Geschenk wollen und annehmen dürfen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Die letzte Strophe des Gedichts bietet den Kindern nun Handlungsmöglichkeiten an und macht ihnen Mut, sich zu wehren. Manche Kinder sagen zwar Nein, wenn ihnen etwas nicht gefällt, aber sie sagen es schüchtern, zögernd und leise und... werden nicht ernst genommen. Kommt dagegen das Nein laut, deutlich uns selbstbewusst, können die Kinder ihre Interessen und vor allem ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung besser durchsetzen. 

Die Spielleiterin kann dies den Kindern vorspielen: Ich zeige euch jetzt zwei Arten, Nein zu sagen. Ihr sollt mir sagen, welches Nein besser ist. Mit welchem Nein könnt ihr euch besser durchsetzen? Sie sagt leise und zurückhaltend Nein, guckt dabei zur Seite, duckt sich ein bisschen. Sie ruft laut und deutlich Nein, richtet sich dabei auf und hebt den Kopf. Die Kinder merken, dass das zweite Nein viel mehr Wirkung hat. Die Gruppe kann es selbst ausprobieren, indem sie einige Male leise und laut Nein sagt.

Kreisspiel ­ Die Burg:
Eine kleinere Kindergruppe spielt Burg. (die Kinder fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis.) Zwei oder drei andere Kinder wollen in die Burg (den Kreis) eingelassen werden. Es gibt aber einen Zauber ­ Türgriff. Der muss gesucht werden, indem die au enstehenden Kinder die im Kreis auf unterschiedliche Weise berühren (streicheln, zwicken, stupsen, küssen und ähnliches). Ist die Berührung unangenehm oder möchte das Kind gar nicht berührt werden, sagt es: Nein, nein, nein, so lass ich dich nicht ein! Der Kreis bleibt geschlossen. War die Berührung angenehm ist die Antwort: Das war fein, du darfst rein! Der Kreis öffnet sich und die beiden Kinder tauschen die Plätze und Aufgaben.

Um verschieden Ausdrucksformen auszuprobieren spielen die Kinder eine Pantomime:

Ich sag Nein mit dem Gesicht.
Ich sag Nein mit meinem Körper.
Ich sag Nein mit meinen Händen.
Ich sag Nein mit meinen Füssen. usw.

Gute und schlechte Geheimnisse ­ niemand kann mir verbieten ein belastendes Geheimnis weiterzuerzählen.
Schöne Geheimnisse sind spannend und machen Freude, z.B. Geburtstagsgeschenke oder Streiche mit Gleichaltrigen. Aber der Witz dabei ist, dass man sie doch irgendwann erzählt. Wenn Heimlichkeiten unheimlich werden, wenn dich jemand zwingen will etwas nicht zu sagen und es sich bedrohlich anfühlt, ist das ein schlechtes Geheimnis, das du erzählen sollst. Wenn dir jemand sagt: Erzähl niemandem davon! Oder dir Angst macht, damit du niemandem davon erzählst, dann möchte ich, dass du es erzählst. Du musst dem anderen nicht gehorchen, selbst wenn du es versprochen hast"

Es gibt immer wieder Gelegenheiten Kindern den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen klarzumachen. Je nachdem, ob man sich gut oder schlecht fühlt, ist auch das Geheimnis gut oder schlecht. Eine Ermutigung schlechte Geheimnisse weiterzuerzählen ist der folgende

Zungenbrecher:
Wenn Du sagst, ich soll nicht fragen,
soll mich nichts zu sagen wagen,
sagt mir mein Gefühl im Magen,
ich wird´s trotzdem weitersagen.
- Gisela Braun

Eine klitzekleine Geschichte:
Ich habe ein kleines Geheimnis,
das ist gar nicht so klein.
Eigentlich ist es groß und schwer,
so schwer wie ein Stein.
Es liegt in meinem Bauch und drückt und zwickt,
ich kriege Bauchweh davon.
Gute Geheimnisse machen kein Bauchweh,
nur schlechte Geheimnisse.
Ich will kein Bauchweh
Und ich will kein schlechtes Geheimnis.
Ich erzähle jemandem davon,
dann geht das Bauchweh weg.
Wenn Du ein Bauchweh ­ Geheimnis hast,
wem erzählst Du davon?
- Gisela Braun

Bei diesen Einheiten geht es immer darum, Kindern Gelegenheit zu geben, Beispiele für Geheimnisse aus ihrem Lebensalltag zu nennen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es hilft den Mädchen und Jungen, wenn im Gespräch herausgearbeitet wird, wem sie ein schlechtes Geheimnis erzählen würden. Viele werden sicher Papa und Mama nennen, aber nicht immer können sich Kinder den Eltern anvertrauen. 

Also sollte diese Helferinnenliste auch weitere vertraute Personen enthalten, z.B. Oma, Tante, Erzieherin, Lehrerin usw.. Die klitzekleine Geschichte und der Zungenbrecher geben betroffenen Kindern ausdrücklich die Erlaubnis und die Bestärkung, sich anzuvertrauen.

Das Recht auf Hilfe und Unterstützung ­ Ich weiß, dass ich mir Hilfe holen darf!
Wenn Du ein Problem hast, wenn dich ein blödes Geheimnis bedrückt oder du nicht mehr weiter weißt, sprich mit jemandem und hol dir Hilfe. Es kann sein, dass der Mensch, dem du dich anvertraust, dir nicht glaubt oder sogar böse wird. Gib nie auf und suche dir einen anderen, der dir zuhört und hilft. "Du hast ein Recht auf Hilfe und Unterstützung".

Kinder, die sexuell missbraucht werden, sind häufig hoffnungslos verstrickt. Die meisten missbrauchten Kinder fühlen sich schuldig oder mitschuldig an ihrer Lage. Sie müssen wissen, dass wir an ihnen interessiert sind, auch wenn sie sich noch so eigenartig verhalten. Kinder müssen bestärkt werden, sich Hilfe zu holen wenn sie Probleme haben. Denn einer ist keiner und zwei sind mehr als einer, wie es in einem Kinderlied aus dem Liederbuch des Grips-Theater heißt. Zu zweit oder mit mehreren lassen sich Schwierigkeiten eben leichter lösen.

Es gibt unzählige Formen von Fangspielen, die leicht abzuwandeln sind, in der Form, dass der Fänger die Kinder nicht abschlagen kann, wenn sie sich aneinander festhalten, sich umarmen, sich gegenseitig helfen. Oft können große Leute mehr als kleine. Sie sind stärker und eben größer. Aber kleine Leute sind auch stark, wenn sie sich Hilfe suchen. Hilfe holen, ist der erste Schritt, sich mitzuteilen. Also: wenn man sich Hilfe holt, kann man viel erreichen!

Jungen und Mädchen
Ich denke, dass es wichtig ist, von der traditionellen geschlechtsspezifischen Erziehung Abstand zu nehmen. Vielmehr sollte es Ziel einer emanzipatorischen und gleichzeitig präventiv wirksamen Erziehung sein, Mädchen in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken und sie zu ermuten, sich auch gegen Jungen durchzusetzen.

Jungen, die geschlechtsspezifische Rollen einnehmen, müssen lernen, dass es Grenzen gibt und zwar dort, wo die Rechte der Mädchen angetastet werden. Zu dieser Thematik gibt es mittlerweile einig sehr schöne Kinderbücher, wie etwas "Das Schweinebuch", "Die Tütenprinzessin", "Kati Knack ­ die ­Nuss", "Prinzessin Pfiffigunde" oder "Marzipan Rosa". Im Liederbuch des Berliner Grips-Theaters finden sich viele Lieder, die sehr gut zur Thematik passen. In Klaus W. Hoffmanns Liederbuch "Wenn der Elefant in die Disco geht" gibt es brauchbare Spiellieder, wie z.B. "Das Lied von den Gefühlen" oder das "Lied von der Angst in der Nacht" die als Anregung für Gespräche und darstellendes Spiel genutzt werden können.

Erwachsene machen Fehler
Eine ganz wichtige Information für Kinder ist, dass Erwachsene auch Fehler machen. Kindern sollte diese Botschaft unbedingt vermittelt werden. Erwachsene machen Fehler. Sie machen Dinge, die dir wehtun und das dürfen sie nicht. "Sie haben kein Recht dazu. Du bist nicht Schuld daran".

Zwei weitere Präventionsregeln werden häufig nicht ausdrücklich benannt oder gar völlig vergessen:

Kein Erwachsener hat das Recht, Kindern Angst zu machen. Gerade wenn jemand zu dir sagt, dass etwas Schreckliches passiert, falls du einem anderen Menschen von den unangenehmen Berührungen oder Gefühlen erzählst, darfst Du andere um Hilfe bitten.

Wer (welches Kind / welcher Erwachsene) kann dir helfen? Kinder können ohne Hilfe sexuelle Gewalt kaum abwehren oder aufdecken. Es ist sinnvoll mit den Kindern zu überlegen, an wen sie sich im Fall des Falles wenden können.

Will man all diese vorbeugenden Konzepte verwirklichen, dann müssen Orte der Prävention wie Familie, der Kindergarten, die Schule und andere Bereiche professionalisierter Pädagogik und Sozialarbeit sein. Eine besondere Bedeutung kommt dem Schulbereich zu, denn alle Kinder sind verpflichtet diese Einrichtungen zu besuchen. Das Problem des sexuellen Missbrauchs sollte fest in den Biologie- und Sexualkundeunterricht integriert werden. Dafür brauchen Lehrer jedoch fachliche Unterstützung und geeignete Materialien. Die Schulbücher müssen für diese Fächer überarbeitet werden, damit sie eine realitätsgerechte Aufklärung liefern. Letztlich liegt die Verantwortung bei den Erwachsenen, für die Sicherheit des Kindes zu sorgen und dementsprechend sollte auch den Kindern gesagt werden, dass Erwachsene ihnen gegenüber Verantwortung haben.

Zentrale Themen der Prävention können, wie gesehen, spielerisch umgesetzt werden. Wahrnehmung und Einordnung von Gefühlen, Unterscheidung von guten und schlechten Berührungen, Nein sagen, Geheimnisse, Hilfe holen. Kinder werden in diesen Bereich gestärkt, ohne das gewaltsame sexuelle Übergriffe direkt angesprochen werden. Damit wird vermieden, dass Kinder aufwachsen in dem Gefühl, Gewalt und Sexualität seien eins und so ein negatives Verständnis von Sexualität erhalten. Trotzdem werden solche Übergriffe angedeutet. Dies hat neben dem präventivem noch einen weiteren Effekt: Betroffene Kinder fühlen sich angesprochen. Vielleicht bekommen sie Mut, sich gegen sexuelle Übergriffe zu wehren, vielleicht erhalten sie Handlungsperspektiven. Zumindest merken sie, dass es hier Erwachsene gibt, die von dem Problem wissen. Anscheinend sind sie nicht die Einzigen, die unter dem komischen" Verhalten mancher Menschen leiden. Die Spiele und Geschichten können Gesprächsanlass sein, sodass eine Atmosphäre der Offenheit entsteht, die betroffene Kinder ermutigt, sich anzuvertrauen und Hilfe zu suchen.

8.5 Sekundäre Präventionsmöglichkeiten von sexuellem Missbrauch

8.5.1 Mögliche Hinweise auf sexuellen Missbrauch im Schulalltag

In den meisten Fällen von Gewalt gegen Kinder gibt es keine sichtbaren körperlichen Zeichen oder Symptome. Dies macht es oft schwierig herauszufinden, dass ein Kind sexuell missbraucht worden ist, insbesondere wenn das Kind nichts über den Missbrauch erzählt. Es gibt jedoch einige allgemeine Merkmale, die bei allen Kindern, die sexuell missbraucht worden sind, gleich sind und die darauf hinweisen, dass etwas nicht stimmt.

Allein schon die Tatsache, dass sie für diese Zeichen und Symptome aufgeschlossen sind, ist hilfreich, insbesondere wenn das Kind sich mut­ und hoffnungslos gibt oder ein furchtsames Verhalten an den Tag legt, also immer vor etwas auf der Hut zu seien scheint. Menschen, die mit missbrauchten Kindern zu tun haben, pflegen ein solches Verhalten als eisige Wachsamkeit zu bezeichnen. Es ist so, als ob das Kind dem Leben gegenüber gleichgültig wäre und argwöhnisch dem, was ihm jetzt wohl noch passieren könnte, gegenübersteht. 

Da es den Kindern schwer fällt, über das, was ihnen angetan worden ist, zu sprechen, können die Anhaltspunkte, die sie durch ihr Verhalten an den Tag legen, die einzigen Hinweise sein, herauszufinden, was sie beunruhigt. Viele solcher Verhaltensmuster könnten jedoch auch nur normale Zeichen dafür sein, dass die Kinder heranwachsen. In diesem Kontext ist es also wichtig, nicht zu vergessen, dass ein und dieselben Verhaltensmuster Zeichen für die beginnende Reife wie auch Hinweise auf sexuellen Missbrauch sein können und deshalb immer untersucht werden sollten. Die Verdichtung von mehreren Auffälligkeiten und eine plötzliche unerklärliche Veränderung des Verhaltens deuten stark auf sexuellen Missbrauch hin.

Verhaltensauffälligkeiten im Grundschulalter 
Für viele Kinder ist es gefährlich, offene Wut auf Erwachsene zu zeigen, da meist Bestrafung folgt. Ihre Wut und Aggression können sie nur dort zeigen, wo es für sie ungefährlich erscheint, wie z.B. in der Schule zur Lehrerin und den Mitschülern. Kinder die sexuell missbraucht wurden zeigen ein.

aggressives Verhalten
herausforderndes Verhalten Erwachsenen gegenüber 
ein betont lautes und "angstloses" Auftreten.

Ihre Selbstachtung ist gestört, sie neigen zu Selbstverletzungen. Ihre Aggression richtet sich gegen sich selbst, indem sie sich Haare und Wimpern rausreißen und die Haut aufkratzen. Wird die Wut unterdrückt, zeige viele Mädchen und Jungen ein betont unauffälliges angepasstes und unterwürfiges Verhalten. Diese Kinder fallen am wenigsten auf, da sie den Unterricht nicht stören. Manche fallen nur durch ihr extrem ängstliches Verhalten auf. Aus Sorge jemand könnte etwas über den sexuellen Missbrauch erfahren, erfolgt häufig ein Abbruch von Beziehungen, der zum totalen Rückzug bis hin zur Isolation führen kann. Gewissen Erwachsenen gegenüber werden sie furchtsam oder weigern sich, mit diesen zu sprechen.

Im Unterricht kann ein scheinbar unmotivierter Leistungsabfall auffallen. Das Gegenteil übereifriger Ergeiz tritt ebenso auf. Währenddessen Schule schwänzen im Grundschulalter als Alarmzeichen gewertet werden kann. Andererseits erfinden sie hundert Ausreden, um nach der Schule nicht heim gehen zu müssen.

Als Folge von Schlafstörungen und Tagträumen treten Konzentrationsstörungen auf, die sich im Unterricht bemerkbar machen. Kinder die sexuell missbraucht werden machen häufig Anspielungen auf Geheimnisse, die sie nicht weitersagen dürfen, sie sagen, ein Freund habe ein Problem und fragen ob sie ein Geheimnis für sich behalten könnten, wenn sie ihnen etwas erzählten. Sie beginnen zu lügen, zu stehlen und ganz offen zu mogeln und zu betrügen, in der Hoffnung erwischt zu werden.

Ein altersunangemessener Kenntnisstand über Sexualität sollte ein Alarmzeichen sein, ebenso wie sexualisiertes (Spiel-) Verhalten und sexuelle Provokation. Häufig wiederholen sie obszöne Worte oder Sätze.

Zu all diesen Aufzählungen möchte ich über ein kurzes Fallbeispiel berichten:

Ein 8jähriges Mädchen zeigte sich plötzlich Verschlossen und unglücklich und weigerte sich, mit irgendeiner ihrer bisherigen Freundinnen zu spielen. Das Mädchen behauptete von sich, dass es hässlich sei und begann, sich die Haare auszureißen und sich selbst zu beißen. Die Lehrerin des Kindes, die immer besorgter um das Mädchen wurde, versuchte mit ihm zu sprechen. Aber das Mädchen weigerte sich zu reden. Danach hatte die Lehrerin ein Gespräch mit seiner Mutter, und es stellte sich heraus, dass sich das Kind zu Hause genauso benahm. Nach langem Hin und Her wurde das Geheimnis aufgedeckt. Während eines Besuchs hatte der Großvater das Kind sexuell missbraucht. Es war das erste und das einzige Mal gewesen, jedoch stellte sich nun heraus, dass der Mann über Jahre hinweg drei andere Enkelkinder missbraucht hatte. Die betroffenen Kinder hatten nie darüber gesprochen, weil ihnen der Großvater gesagt hatte, er müsste, wenn sie redeten ins Gefängnis. Das 8 jährige Mädchen war durch die sexuelle Attacke so sehr angegriffen und geschädigt worden, dass es noch lange Zeit hindurch getröstet, gehegt und gepflegt werden musste.

Verhaltensauffälligkeiten im Jugendalter
Bei jungen Menschen, die dreizehn Jahre alt und älter sind, können folgende Anzeichen, die auf sexuellen Missbrauch schließen lassen vorkommen :

Sie sind chronisch deprimiert;
sie sind suizidgefährdet;
sie nehmen Zuflucht zu Drogen oder betrinken sich;
sie fügen sich Selbstverletzungen zu;
sie werden auf unerklärliche Weise schwanger;
sie werden magersüchtig oder bulimisch;
sie geben sich auf auffällige Weise verführerisch.

Oft laufen sie von zu Hause weg oder erfinden Ausreden, um nicht nach Hause gehen zu müssen. Häufig zeigen sich dieselben Verhaltensauffälligkeiten im Grundschul- und Jugendalter.

Sie haben Alpträume, Anfälle von Wut oder irritierter Gereiztheit;
sie wollen sich beim Turnen- Schwimmunterricht nicht ausziehen;
sie werden verschlossen, kapseln sich ab oder sind scheinbar grundlos übertrieben beunruhigt.

Auch hier möchte ich zur Veranschaulichung ein Fallbeispiel vorstellen:

Die 15 jährige Karin war von ihrem Stiefvater jahrelang sexuell missbraucht worden. Er sagte zu ihr, sie sei für ihn etwas ganz Besonderes, kaufte ihr Geschenke und gab ihr große Geldsummen. Zu Hause hatte Karin die Verantwortung für alles übernommen; nie durfte sie mit Freunden ausgehen. Man hatte ihr beigebracht, dass die Familie auseinanderfallen würde und sie der Anlass dafür wäre, wenn sie je irgendjemandem etwas über den sexuellen Missbrauch sagen würde. Da sich der Missbrauch an ihr über Jahre hinzog, zeigte sie keine plötzlichen Verhaltensänderungen, aber sie entwickelte im Laufe der Jahre verschiedene Symptome. So hatte sie zweimal einen Suizidversuch unternommen, war magersüchtig geworden, konnte sich in der Schule nicht mehr konzentrieren, war oft deprimiert oder hatte ständig irgendwelche Probleme mit ihrer Gesundheit. Eigentlich hätte man den Grund für Karins Qualen aufgrund der Vielzahl von alarmierenden Anzeichen schon vor Jahren entdecken müssen. Dem sexuellen Missbrauch konnte schließlich nur deshalb Einhalt geboten werden, weil eine resolute Gymnastiklehrerin Karins Symptome als Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch interpretierte. Karins Stiefvater gab den Missbrauch allerdings nicht zu, ja sogar ihre Mutter ergriff gegen sie Partei.

Obwohl Karin den Missbrauch selbst aufdeckte, machte sie ihre Aussage später wieder rückgängig. Karin zog schließlich zu ihrer Großmutter, brauchte aber noch lange Zeit Therapie, um mit dem, was ihr wiederfahren war, fertig zu werden.Vielleicht wäre alles besser verlaufen, wenn der Missbrauch schon früher aufgedeckt worden wäre. Wir werden es nie wissen.

Es soll an dieser Stelle noch vermerkt werden, dass manche Kinder und junge Menschen, die sexuell missbraucht werden, sich sehr bemühen, zu verbergen, was mit ihnen geschieht. Irgendwie gelingt es ihnen ein Benehmen an den Tag zu legen, das den Missbrauch so gut wie verschleiert, dass niemand etwas merkt. Es wird schwierig sein, die Vielzahl der Hinweise immer in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch zu bringen. Alle Beschreibungen müssen jedoch als Hilferufe des Kindes an die Umwelt interpretiert werden.

8.5.2 Situation des Lehrers

Die Anforderungen an die Grundschullehrer sind sehr vielfältig, wobei die Arbeitsbedingungen sich zunehmend verschlechtern (Klassengröße, Personalmangel, soziale und/oder ökonomische Probleme der Familien). Die Grundschullehrer haben gerade unter dem Aspekt der sozialen und ökonomischen Probleme der Erziehenden die Chance, sich zu einer weiteren Vertrauensperson für Mädchen und Jungen im Grundschulalter zu entwickeln. Nach der Grundschule ist es durch den häufigen Lehrerwechsel und den steigendem Leistungsdruck noch schwieriger für Lehrer und Schüler ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Die Lehrkraft ist das entscheidende Bindeglied zwischen den Erziehenden, dem Kollegium und vor allem zwischen den Mädchen und Jungen. Aufgrund der Häufigkeit sexuellen Missbrauchs ist die Wahrscheinlichkeit groß, betroffene Kinder in jeder Klasse zu finden. Für diese Kinder ist die Schule oft der einzige Ort, an dem sie aus ihrer Isolation herauskommen. Sie senden Signale, die oftmals übersehen, nicht oder gar falsch verstanden werden. Die Lehrer können für betroffene Kinder als mögliche Vertrauensperson und Ansprechpartner eine große Hoffnung sein. Gerade Mädchen die das 1 bis 6 Schuljahr besuchen, sind auf die Sensibilität und die Hellhörigkeit ihrer Lehrer angewiesen. Wenn Kinder sich durch die Schule Hilfe erhoffen, prüfen sie häufig zunächst einmal die Belastbarkeit und die Zuwendungsbereitschaft der Lehrkräfte. Sie kommen z.B. mit kleinen Wehwechen, mit unnötigen Fragen oder belanglosen Geschichten auf die Lehrer zu, sodass bei diesen oftmals der Eindruck entsteht, dass das Kind eigentlich etwas ganz anderes sagen will oder wollte. Ist die Reaktion der Lehrkraft einfühlsam und geduldig, kann sich das Kind mit größerer Sicherheit weiter öffnen. Manche Kinder erzählen auch eher von harmlosen sexuellen Übergriffen, die entweder ihnen oder völlig anderen wiederfahren sind; andere sprechen Hinweise auf häusliche Situationen nur sehr indirekt aus, z.B. dass Mama so oft weg ist, dass der Papa abends manchmal schöne Geschenke macht oder dass sie nachts nicht gut schlafen können. Die Betroffenen wenden sich jedoch nur an die Lehrer, wenn ein offenes und vertrautes Verhältnis zwischen ihnen besteht und wenn Kinder bestimmte Signale von der Lehrkraft erhalten.

Für das Kind lauten diese: Ich bin für dich da, ich höre dir zu und ich glaube dir; ich weiß, dass es Erwachsene und Jugendliche gibt, die Mädchen und Jungen sexuell missbrauchen. Ich sage nichts ohne dein Einverständnis weiter. Die sanktionsfreie Atmosphäre, die signalisierte Gesprächsbereitschaft der Lehrkraft und ihre Parteilichkeit stellen wesentliche Voraussetzungen für das Vertrauen und Öffnen der Kinder dar. Mädchen und Jungen spüren sehr wohl die Angst und die Unsicherheit des Lehrers.

Betroffene Kinder haben durch den sexuellen Missbrauch gelernt, besonders die Bedürfnisse der Erwachsenen wahrzunehmen und sie vor Unannehmlichkeiten zu schützen. So wird ein betroffenes Kind bei einem unklaren und unsicheren Vorgehen der Lehrkraft alles dafür tun, sie zu entlasten und ihren Verdacht auszuräumen. Der Lehrer hat nur noch die Möglichkeit das Vertrauen der Kinder wiederzugewinnen und zu erhalten, wobei er den Druck aushalten muss, dem Kind nicht sofort helfen zu können. Die Zeit der Vertrauensbildung ist für das Kind notwendig, denn die Vertrauensbildung von dem Schüler zum Lehrer setzt auch immer die Vertrauensbildung des Lehrers zum Schüler voraus und leider führt sie nicht immer zum Ziel der Öffnung. Schule und Unterricht sind nicht darauf angelegt, Vertrauen wachsen zu lassen. Vielmehr ist dies zur Zeit noch abhängig von der Persönlichkeit der Lehrkraft, von ihrem Führungsstil, ihrem pädagogischen Selbstverständnis und ihrem demokratischen emanzipatorischen Verhalten in der Klasse oder auf dem Pausenhof, bei Schulausflügen und Elterngesprächen.

Lehrer sind in der Rolle als Autorität eine notengebende Instanz, über die sie sich als solche im Klaren sein sollten. An dieser Stelle entsteht auch wieder die Frage nach eventuell zusätzlichen außerschulischen Personen, die in die Präventionsarbeit eingebunden werden können. 

Das Problem des sexuellen Missbrauchs erfordert ein Umdenkungsprozess bei Lehrern, denn die herkömmlichen Direktlösungen greifen bei dieser Problematik nicht, sondern können sich ins Gegenteil verkehren.

Das existentielle Problem der Kinder ist ein besonders sensibles Thema, das von ihnen mit aller notwendigen Vorsicht und nach sorgfältiger Planung und Vorbereitung angegangen wird.

Vielleicht können sie sich vorstellen, dass auch in ihrer Schule (Klasse) Kinder sind, die mit sexuellem Missbrauch konfrontiert werden. Eventuell haben sie sogar einen Verdacht, sie fühlen, dass mit diesem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Der Junge oder das Mädchen hat sich verändert, ist plötzlich gar nicht mehr wiederzuerkennen. Die psychische Situation des Lehrers kann folgendermaßen aussehen:

Unglaube ­ Vielleicht stimmt es ja gar nicht. Würde man nicht blöd dastehen, wenn das nicht stimmt und eine Anzeige wegen Verleumdung bekommt?

Verleugnen ­ Es erscheint unvorstellbar, dass so ein netter, respektabler Mann seine Tochter missbraucht. Am besten tue ich so, als ob nichts geschehen ist. Sicher war der Missbrauch eine Ausnahme. Tatsache ist leider, dass ein Kind sexuellen Missbrauch häufig über Wochen, Monate oder sogar Jahre ertragen muss. Besonders wenn es innerhalb der Familie passiert.

Hilflosigkeit ­ Dieser sympathische Mann soll das Kind missbraucht haben. Was wird aus der Familie, wenn ich ihn anzeige? Das kann man der Familie doch nicht antun, was soll ich bloß tun? Wenn das Kind Vertrauen zu ihnen hat, können sie trotz Angst eine große Stütze für das Kind sein, indem sie Partei für das Kind ergreifen. Besprechen sie in Ruhe das Problem, holen sie sich Hilfe!

Sprachlosigkeit ­ Ich sehe rot, das Herz klopft mir vor Wut bis zum Hals, ich bin traurig, sprachlos und hilflos. Wie ist so etwas nur möglich? Ein Gewirr von Gefühlen entsteht meist, wenn klar ist, dass ein Kind sexuell missbraucht wurde und eventuell noch wird.

Delegation ­ Damit komme ich alleine nicht zurecht, da habe ich keine Ahnung, wie man mit so einem Problem umgeht, andere können das sicher besser. Solche Reaktionen sind verständlich, aber für das Kind nicht hilfreich. Geben sie das Kind nicht weg, sondern holen sie sich selbst Hilfe. Seien sie da für das Kind.

Handlungsdruck ­ Es muss schnell etwas geschehen, aber was? Die eigene Sprachlosigkeit führt zum Gefühl, schnell etwas unternehmen zu wollen, bevor sie jedoch etwas unternehmen, informieren sie sich. Besprechen sie jeden Schritt, den das Opfer betrifft zuerst mit dem Opfer. Das Gefühl erneut ausgeliefert zu sein, kann sich schnell bei dem Mädchen und Jungen einstellen, auch wenn sie es gut mit ihm meinen.

8.5.3 Interventionsschritte

Der Umgang mit der Aufdeckung von sexuellem Missbrauch erfordert ein breites, stark differenziertes und einfühlendes Verhalten sowie die Auseinandersetzung mit der Thematik und das daraus resultierende Wissen. Weiterhin ist der Umgang mit der Aufdeckung von der Situation, dem Alter, dem Täterkreis und den Handlungsmöglichkeiten abhängig. Die beste und eindeutigste Möglichkeit, sexuellen Missbrauch festzustellen, ist die Offenlegung durch das Kind. Durch ein gezieltes Gespräch kann der bestehende Verdacht erhärtet werden. Was muss also bei einem solchen Gespräch betrachtet werden?

Ich übernehme hier einige Verhaltensregeln, die zu beachten sind, wenn ein Kind über sexuellen Missbrauch spricht.

Dem Kind glauben!
Glauben sie dem Kind, auch wenn es noch so unglaubwürdig klingt oder das Kind in anderen Dingen nicht immer die Wahrheit sagt. Die Erfahrung hat gezeigt, das Kinder die Wahrheit sprechen, da Berichte über sexuellen Missbrauch nicht der kindlichen Phantasie entspringen.

Sich unbedingt Zeit nehmen!
Nehmen sie sich Zeit, vermitteln sie dem Kind Gesprächsbereitschaft und schaffen sie einen sicheren Ort, an dem sie Ruhe und Zeit haben.

Bleiben sie möglichst ruhig!
Wenn das Kind über den sexuellen Missbrauch spricht, bleiben sie ruhig. Halten sie ihre eigene Betroffenheit, ihre Bestürzung und Panikreaktionen zurück. Erschrecken sie auf keinen Fall das Kind mit ihrer eigenen Wut auf den Täter. Es könnte sonst seine Offenbarung und Geständnisse zurücknehmen und wieder schweigen. Stellen sie den Wunsch nach sofortigem Handeln unbedingt zurück.

Dem Kind versichern, dass es richtig war über den sexuellen Missbrauch zu sprechen!
Dem Kind sollte eine positive Rückmeldung gegeben werden, wie viel Mut und Stärke es erfordert hat, sich Hilfe zu holen. Je nach Situation sollte auf das Geheimhaltungsgebot eingegangen und dem Kind gesagt werden, dass es richtig war solche Geheimnisse nicht für sich zu behalten.

Die Gefühle des Kindes zulassen!
Die Gefühle des Kindes müssen ernst genommen werden und die Empfindungen des Kindes, wie Angst, Scham, Verzweiflung, Verwirrung, Tränen und Sprachlosigkeit müssen ausgehalten werden. Ein ausdrücklicher Fehler wäre in diesem Fall, wenn sie dem Kind seine schmerzhaften Empfindungen wegtrösten wollen, mit Hinweisen wie:

Na, so schlimm ist es ja auch wieder nicht gewesen.

Dein Vater hat es sicher nicht so gemeint.

Jetzt sei mal nicht mehr so traurig, wisch die Tränen weg, wir werden den Mann ins Gefängnis bringen, und dann kannst Du wieder alles vergessen.

Dem Kind versichern, dass es an dem sexuellen Missbrauch keine Schuld trägt!
Die Erwachsenen sollen dem Kind sagen, dass nur der Täter dafür die Verantwortung trägt. Dem Kind kann auch gesagt werden, dass sexueller Missbrauch häufig vorkommt, obwohl das verboten ist und das die Täter genau wissen, dass es nicht richtig ist, auch wenn sie das Gegenteil behaupten.

Das Kind nicht mit drängenden Fragen unter Druck setzen!
Das Kind soll nicht mehr erzählen, als es im Moment verkraften kann. Dabei soll dem Kind die Bereitschaft und Offenheit vermittelt werden. Nur wenn das Kind dazu in der Lage ist, sollten weitere Fragen gestellt werden.

Die Gefühle, die das Kind gegenüber dem Täter empfindet zulassen!
Erwarten sie nicht, dass das Kind den Täter hasst, weil dieser ihm das angetan hat, nur weil sie selber Zorn gegen ihn verspüren. Es ist durchaus möglich, dass das Kind den Täter trotz des Missbrauchs noch liebt. Heftige Reaktionen könnten im Kind Schuldgefühle verstärken und es verstummen lassen.

Setzen sie sich selbst nicht unter Druck, sofort die Lage des Kindes verändern zu müssen!
Erwachsene dürfen sich selbst nicht unter Druck setzen, sofort und im Moment die Lage des Kindes verändern zu müssen. Kopfloses und ungeplantes agieren kann zu noch größerem Schaden führen, da die Erfahrungen zeigen, dass nach unvorsichtig eingeleitetem Aufdeckungskampagnen das Kind häufig über Jahre hinweg mit größerer Gewalt ausgebeutet wird. Wenn z.B. ein Täter von ihren Aktionen erfährt und mit allen Mitteln dafür sorgt, dass ihnen das Kind zur weiteren Ausbeutung und zur Befriedigung seiner Machansprüche erhalten bleibt, könnte er unter anderem das Kind einsperren; er könnte es mit schlimmeren Drohungen zum Schweigen verpflichten; er könnte es aus dem Kindergarten abmelden usw..

Dem Kind keine Versprechungen machen, die hinterher nicht eingehalten werden können!
Machen sie keine Versprechungen, die sie nicht einhalten können, wie z.B. dass die/der Erwachsene niemand davon erzählen wird und das sie für die sofortige Beendigung des sexuellen Missbrauchs sorgen, denn auch dazu sind Erwachsene häufig leider nicht in der Lage.

Dem Kind das Wissen um seine passive Rolle bei sexuellem Missbrauch verdeutlichen!
Es ist ganz wesentlich, darauf zu achten, dass die Erwachsenen bei den Formulierungen um Gewalthandlungen dem Kind keinerlei aktiven Part unterstellen. Fragen sie z.B. am besten:

Wie hat er dir Angst gemacht, damit du nichts erzählst?

Hat er von dir verlangt, seinen Penis in die Hand oder in den Mund zu nehmen?

Hat er dich gezwungen, ...?

Wenn sie versehentlich das Kind fragen würden: Hast du dann seinen Penis in die Hand genommen?, könnte es sofort annehmen, dass sie an seine aktive Beteiligung bei der Missbrauchshandlung und damit auch an seine Schuld glauben.

Ist das Kind dazu in der Lage, können ihm weitere Fragen gestellt werden!

Hast du schon anderen Personen über den Missbrauch erzählt?
Weiß /wissen deine Mutter/Eltern davon?
Kannst du dir vorstellen, wie deine Mutter reagieren würde, wenn sie davon erfährt?
Was wünschst du dir im Moment? Was könnte dir helfen?
Mit wem könntest Du darüber sprechen?

Hier müssen die Beziehungen des Kindes zum Täter berücksichtigt werden, z.B. wenn die Oma die Mutter des Täters ist. Es müssen gezielte Handlungsschritte zusammen mit dem Kind überlegt werden, wie es vor weiteren Missbrauchshandlungen geschützt ist bzw. wie sich ein älteres Kind selbst schützen kann.

Hilfe holen!
Mit dem Kind vorsichtig seine Zustimmung erarbeiten, eine andere Person hinzuziehen zu dürfen. Es ist ganz zentral, dass keine Schritte unternommen werden, ohne das das Kind Bescheid weiß. Dem Kind soll das versichert werden und Erwachsene sollten sich unbedingt daran halten. Holen sie sich fachliche Unterstützung und bleiben sie mit den nun auf sie zukommenden Problemen nun nicht allein. Das Thema sexueller Missbrauch berührt bei Helfern häufig auch eigene Erfahrungen und Ängste. Suchen sie das Gespräch mit anderen. An vielen Orten sind inzwischen Berufsgruppen und spezialisierte Beratungsstellen entstanden, die sich mit dem Thema auseinandersetzen und Erfahrungen gesammelt haben.

Dort können sie unter Umständen nicht nur für sich selber Hilfe bekommen, sondern auch beraten werden, welche Schritte sinnvoll sind, dem Kind zu helfen. Um einer Überforderung entgegenzuwirken ist es wichtig, nicht alles alleine machen zu wollen. Alles, was über den persönlichen Kontakt mit dem Kind hinausgeht, kann an andere abgegeben oder mit anderen zusammen erfolgen. Zur eigenen Entlastung wäre es sinnvoll, mit dem Schulleiter zu verhandeln, dass Termine (z.B. Beratungsstellen) vormittags während der Dienstzeit wahrgenommen werden können.

Hier ein Gesprächsvorschlag dazu, wie sie dem Kind mitteilen können, dass sie professionelle Hilfen hinzuziehen können:

Ich habe dir versprochen, dass ich dich nicht an die Person verraten werde, die dir das angetan und dein Vertrauen so missbraucht hat. Ich habe dir auch versprochen, dass ich dir helfen und dich beschützen möchte. Meine eigenen Möglichkeiten reichen dazu nicht aus. Es gibt aber Einrichtungen, in denen Leute arbeiten, die uns unterstützen können. Auch sie haben die Pflicht, zu schweigen und dürfen deinen Bericht nicht weitererzählen. Aber sie können uns helfen, dass die Person, die das mit dir gemacht hat dich nicht weiter belästigt und auch mit anderen Kindern so etwas nicht machen kann.

Sorgen sie dafür, dass das Kind vom Missbraucher getrennt wird!
Wenn ein jüngeres Kind den Missbrauch angesprochen hat, kann es langfristig nur geschützt werden, wenn der Kontakt zum Täter unterbunden wird. Kommt der Täter aus dem Bekannten- oder weiteren Verwandtenkreis, ist es meist leichter, Besuche zu untersagen. Ist der Täter jedoch der Partner der Mutter, muss diese dafür gewonnen werden, das Kind mit aller Konsequenz zu schützen und sich von ihm zu trennen. Die Mutter sollte in einem solchen Fall selbst Unterstützung, insbesondere durch Fachleute in Anspruch nehmen. Ist sie trotz aller Hilfe nicht bereit, sich von ihrem Partner zu trennen, müssen andere Unterbringungsmöglichkeiten für das Kind gesucht werden, z.B. Verwandte, Wohngruppen. Auch diese Maßnahmen müssen mit dem Kind besprochen werden und es sollte unbedingt von einer Vertrauensperson begleitet werden. In einem solchen Fall wird es notwendig, das Jugendamt einzuschalten.

Wenn das Kind sie als Vertrauensperson ausgesucht hat, ergreifen sie im weiteren Handlungsverlauf immer seine Partei und vermeiden Sie Sekundärschädigungen!
Eine Sekundärschädigung ist es, wenn ein Kind zum zweiten Mal zum Opfer wird. Das kann passieren durch:

erneutem Vertrauensbruch durch das Gefühl, dass ihm nicht geglaubt wird;

erneute Grenzverletzung und erneutes nichternstgenommen werden des Kindes durch Handlungsschritte, die nicht mit ihm abgesprochen wurden;

Wiederholung von Gewalterfahrungen, Ohnmachtgefühlen und Angst, wenn das Kind Opfer von unüberlegten Aktionen wird;

durch aggressive, ungläubige Befragungen;

durch direkte oder unterschwellig geäußerte Schuldzuweisung;

durch nicht vorbereitete und unsensibel durchgeführte gynäkologische Untersuchung.

Tragen sie Sorge, dass das missbrauchte Kind einer vertrauensvollen therapeutischen Behandlung zugeführt wird. Das Kind muss eine Hilfe erhalten sowie das Angebot darüber sprechen zu können, wann immer es das Bedürfnis dazu hat. Viele Erwachsene, die an den Spätfolgen von sexuellem Missbrauch leiden, hatten nie die Gelegenheit über ihre traumatischen Erfahrungen zu sprechen, als sie Kinder oder Jugendliche waren. Oder sie haben darüber gesprochen und schlechte Erfahrungen gemacht. Kinder haben die Fähigkeit, schlimme Erlebnisse in einer vertrauensvollen Beziehung zu bewältigen. Ein Kind muss also unbedingt therapeutische Hilfe erhalten. So erhält es durchaus Chancen, nicht dauerhaft unter der Erfahrung des sexuellen Missbrauchs leiden zu müssen.

Strafanzeige
Wenn es auch generell wünschenswert erscheint, sexuelle Übergriffe anzuzeigen, allein schon um das große Dunkelfeld mehr zu beleuchten und den Tätern das Gefühl zu nehmen, dass es sich bei diesen Vergehen um ein Delikt ohne Opfer handelt, sollte jede Anzeige dennoch mit Rücksicht auf das missbrauchte Kind sorgfältig überlegt werden. Bevor aus Hilflosigkeit und Resignation nach dem Strafrecht gerufen wird, sollten weniger entscheidende Möglichkeiten überlegt und ausgeschöpft werden.

Eine Anzeige ist grundsätzlich dann sinnvoll,

wenn sie der einzige Weg ist, ein Kind vor weiteren Übergriffen zu schützen, wenn das Kind sich dafür entscheidet, nachdem es ausreichend über seine Rechte bei der Aufnahme der Anzeige und beim Gerichtsverfahren informiert wurde. 

Niemals jedoch sollte gegen den Willen des Opfers und ohne dessen Wissen eine Anzeige erstattet werden. Erfährt die Polizei von einer Straftat, muss sie tätig werden und alle tat- und täterrelevanten Fakten objektiv zusammentragen. Ist das Ermittlungsverfahren eingeleitet, werden Bezugspersonen des missbrauchten Kindes Zeugen und das Kind selbst vernommen bzw. angehört werden. Aber auch Sachbeweise am Tatort, beim Täter, am Täter und am Opfer müssen gesucht, gesichert und untersucht werden. Für das missbrauchte Kind ist es wichtig, von einer Vertrauensperson zur Anhörung beglep>itet zu werden. Das Opfer ist der unmittelbarste und wichtigste Zeuge, dessen Aussage auf jeden Fall detailliert aufgenommen werden muss. Die Aussage muss so aufgenommen werden, dass sie sowohl den Anforderungen eines Strafverfahrens genügt als auch dem Kind keine weiteren Schäden zufügt. Kommt es zu einem Gerichtsverfahren, müssen unmittelbar vor Gericht alle Fakten dargelegt werden, was auch eine erneute Vernehmung des Opfers vor Gericht notwendig macht. Nach dem Opferschutz hat jedes Opfer das Recht auf anwaltlichen Beistand. Ein Anwalt hat umfangreiche Möglichkeiten, in das laufende Ermittlungsverfahren einzugreifen und die Rechte des Opfers nachdrücklich geltend zu machen. Er hat die Möglichkeit, darauf hinzuwirken, dass die Belastungen für das Opfer möglichst gering gehalten werden können.

Leider wird es nicht immer gelingen, Kinder in Zukunft vor weiteren sexuellen Übergriffen zu schützen. Deutlich müssen wir uns vor Augen halten, dass es immer Fällte geben wird, wo wir nichts ausrichten können. Die beste Hilfe für das Kind werden sie jedoch sein, wenn sie mit dem Kind Kontakt halten und es wertschätzen. Bei allen Schritten, die wir unternehmen, sollten wir uns immer von dem wichtigsten Punkt leiten lassen:

Der Schutz des Kindes geht vor einer möglichen Strafe des Täters, weil eine Sekundärtraumatisierung nie ausgeschlossen werden kann. Mit sexuellem Missbrauch konfrontiert zu werden erschüttert verständlicherweise und es erfordert viel Kraft mit der Tatsache umzugehen.

Das könnte Dich auch interessieren:

Sexueller Missbrauch - Symptome und Folgen

Sexueller Missbrauch - Ursachen

Sexueller Missbrauch - Fazit und Aussichten

PÄDAGOGIK: Ein Nein für Tante Piesepampel

Tabu: Wenn Frauen Kinder mißbrauchen



von Micha, 31.05.2012 22:06 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · 1 anderen gefällt das

Kommentare zu diesem Artikel:


Gast′s Profilbild







Eine Community-Webseite wie diese lebt vom aktiven Mitmachen! Wurde noch kein Kommentar verfasst? Eröffne - auch als Gast - eine Diskussion zu diesem Thema, indem Du weiter oben auf 'Kommentieren' klickst und dann den ersten Kommentar schreibst!

Warum gibt es hier kein Kommentar-Plugin von Facebook?

Weil wir den Datenschutz als sehr wichtig ansehen und uns an das BDSG halten! Seiten, die ohne besondere Mechanismen direkt Kommentare über das Facebook-Plugin samt Profilbild etc anzeigen, teilen zwangsweise Facebook mit, wo sich die Facebook-Benutzer ausserhalb von FB gerade aufhalten und diese Informationen werden dort gespeichert, ob man es will oder nicht. Besser auf den Datenschutz achten und auf Facebook-Plugins verzichten als unsere Besucher zu gläsernen Menschen im Netz zu machen!


Freunde Online

Feedback zur Seite
Ich möchte etwas zum Inhalt mitteilen
Ich möchte einen Rechtsverstoß anzeigen
Ich möchte eine mißbräuchliche Nutzung melden
Ich möchte etwas anderes mitteilen


Infos zum Regen­bogenwald

Das neue Design:
Eine wirklich kleine Umfrage

regenbogenwald.de ist die seit Sep­tem­ber 1999 bestehende, nicht kom­mer­ziel­le Com­mu­nity für Jeder­mann!

Neben Informationen, aktuellen News, Er­fahrungs­austausch und Unter­haltung im Chat und Foren, findest Du hier zahl­reiche Gedichte, Geschich­ten, Song­texte, Tage­bücher und vieles mehr.

Die gesamte Webseite ist werbefrei und dennoch kostenlos zu nutzen. Ermöglicht wird das durch den vom Finanzamt Essen als mildtätig aner­kannten Verein Regen­bogen­wald - Hilfe zur Selbst­hilfe e.V.

Du kannst Dich jederzeit kostenlos und ohne jegliche Verpflichtungen regis­trieren und ein­loggen, um das gesamte Angebot dieser Webseite nutzen zu können, indem Du oben auf das Symbol klickst.

Natürlich freuen wir uns über jede Spende für die Projekte des Vereins und zum Unterhalt der Webseite. Die Konto­ver­bin­dung dazu findest Du im Impressum.

Viel Freude beim Stöbern auf diesen Seiten wünscht Dir das Regenbogenwald-Team

Das Layout von regenbogenwald.de hat sich gravierend verändert. Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.5)

Und die Bedienbarkeit / Übersichtlichkeit? Bewerte es bitte nach Schulnoten:

(Ø = 2.7)

Möchtest Du uns dazu noch etwas sagen?

Zurück