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Ein Beitrag von Dr. Steffen Fliegel im "Fallbuch der klinischen Psychologie"

Eßstörungen / Bulimie

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Für viele Menschen bedeutet Essen aber ein Problem, und Probleme mit dem Essen können sich in vielfältiger Art und Weise äußern. Insgesamt haben in den letzen 10 bis 15 Jahren die Essstörungen zugenommen. Oft werden die Grundlagen für eine Essstörung im Familienleben gelegt. Die sich entwickelnde Essstörung ist häufig zu verstehen als der Versuch, innere Spannungen und Ängste abzubauen.

Man unterscheidet im wesentlichen drei Essstörungen: Die Adipositas oder Fettsucht als psychische Störung entwickelt sich und besteht häufig dann, wenn in belastenden Situationen mit übermäßigem Essen reagiert wird, also aus Frust gegessen wird. Das übermäßige Essen verselbstständigt sich und wird zur generellen ”Lösung” von Problemen.

Menschen, die unter Magersucht oder Anorexia nervosa leiden, haben große Angst davor, zu dick zu werden oder zu sein. Sie ekeln sich vor der Nahrung, versuchen das Essen zu vermeiden bzw. immer weiter abzunehmen und weigern sich, das Minimum des für das Alter normale Köpergewicht zu halten. Eng hiermit verwandt ist die Bulimie, auch benannt als ”unbändiger Hunger” oder Ess-Brech-Sucht, ist erst seit ca. 15 Jahren bekannter geworden. Schätzungsweise 3% der Frauen und Mädchen zwischen 15 und 35 Jahren leiden an Bulimie, das heißt: es gibt ungefähr 3 Millionen Betroffene in der BRD, wobei dies auf Grund der häufigen Geheimhaltung der Erkrankung nur eine Schätzung darstellt. Denn: Anders als bei der Magersucht, die ab einem gewissen Stadium offensichtlich ist, können Bulimikerinnen ihre Krankheit oft über Jahre geheim halten. Frauen sind von Bulimie viel häufiger betroffen als Männer. Untersuchungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass auch bei Jungen und jungen Männern zwischen 10 und 25 Jahren diese Form der Essstörungen vermehrt auftritt.

Dass vor allem junge Menschen von Essstörungen betroffen sind, liegt in der dann beginnenden Auseinandersetzung mit ihrem Körper und ihrer Persönlichkeit. Die Frage ”wer bin ich” und ”wie bin ich eigentlich” spielt eine große Rolle. Durch vielfältige körperliche und psychische Veränderungen verunsichert suchen sie nach Maßstäben, was richtig und gut für sie ist. Junge Menschen sind darüber hinaus vielfältig mit einem Schönheitsideal der Schlankheit konfrontiert. Kaum eine Zeitschrift, die nicht die neue erfolgversprechende Diät anpreist. Schlankheit wird in der Gesellschaft gleichgesetzt mit Jugend, Gesundheit und Erfolg. Vor allem Frauen sind in der Gesellschaft mit widersprüchlichen Erwartungen an ihre äußere Erscheinung konfrontiert. So sollen sie extrem schlank, aber auch athletisch und muskulös sowie sexy (mit entsprechenden weiblichen Rundungen) zugleich sein. Zudem ist für Mädchen das Fasten und das Streben nach einem schlanken Körper eine Möglichkeit, sich von einer traditionellen Mutterrolle zu distanzieren.

Was zu dick ist, lässt sich jedoch nicht eindeutig sagen. Mediziner haben davon Abstand genommen, kg-Werte als Normalgewicht auszugeben. Vielmehr wird heute der sogenannte Body Maß Index (BMI) herangezogen. Er errechnet sich folgendermaßen: Gewicht in kg geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat, erst ab einem Wert von 25 sprechen Ärzte von leichtem Übergewicht.

Untersuchungen haben gezeigt, dass in 80% der Fälle die Bulimie mit einer Diät beginnt, und zwar im Alter zwischen 15 und 30 Jahren.

Die Diagnosekriterien einer Bulimie sind:

1. Wiederholte Episoden von Fressanfällen (durchschnittlich mindestens zwei Fressattacken oder Gegenmaßnahmen pro Woche über mindestens drei Monate),
- wobei innerhalb einer bestimmten Zeitspanne deutlich mehr Nahrung aufgenommen wird als das, was die meisten Menschen unter ähnlichen Umständen zu sich nehmen würden und
- es besteht gleichzeitig das Gefühl, das Essverhalten während des Fressanfalls nicht kontrollieren zu können.

2. Wiederholte unangemessene Gegenmaßnahmen zur Verhinderung einer Gewichtszunahme, z.B. absichtliches Erbrechen, Abführmittelmissbrauch, strenge Diäten oder Fasten, übermäßige körperliche Betätigung.

3. Die Selbstwerteinschätzung ist übermäßig beeinflusst und abhängig von Körpergewicht und Körperform.

Bulimie ist gekennzeichnet durch ständige Unzufriedenheit mit der eigenen Figur und der Angst vor Gewichtszunahme. Nach Zeiten der Diäten, des Fastens, des gezügelten Essens, die einen körperlichen und psychischen Mangelzustand bewirken, kommt es zu regelrechten Fressanfällen, die zumeist im Verborgenen ablaufen. Die Betroffenen kaufen große Mengen von Nahrungsmitteln ein, ohne auf den Geschmack zu achten. Im eigenen Zimmer oder in der eigenen Küche werden dann große Mengen Lebensmittel in kurzer Zeit verschlungen, wobei die Betroffenen zwischen 3.000 und 10.000 Kalorien pro Tag zu sich nehmen, in Extremfällen bis 30.000 kcal.. Im Anschluss hieran erleben die Betroffenen Scham, psychische Anspannung und Frustration darüber, den selbstauferlegten, strengen Diätplan durchbrochen zu haben und reagieren mit Erbrechen, der Einnahme von Abführmitteln, Medikamenten zur Entwässerung und erneutem Fasten u.U. unter Zuhilfenahme von Appetitzüglern. Vor allem das Erbrechen bringt den Betroffenen kurzzeitige Erleichterung. Mit dem erneuten Fasten beginnt jedoch der Kreislauf erneut.

Die Phasen des Essens sind für die Betroffenen die einzig ruhigen ”Momente”, ansonsten kreisen die Gedanken ständig ums Essen: ”Wann esse ich? Wann kaufe ich ein? Was kaufe ich ein? Habe ich genug im Hause? Wann bin ich alleine? Reicht mein Geld?”

Bulimie ist eine Sucht, die sich oft schleichend entwickelt, und die Betroffenen haben zunächst keine Idee, wohin ihr Bestreben, makellos schlank zu sein, führen kann. Ist die Bulimie da, wird sie in der Regel verheimlicht, da sich die Betroffenen schämen, aber auch Angst haben, jemand könnte sie in ihrer Sucht stören oder am Kümmern rund um das Essen bzw. Erbrechen hindern. So merken Außenstehende oft nichts von der Sucht, da die Betroffenen häufig kein oder nur geringes Übergewicht haben.

Bleibt die Bulimie lange Zeit unbehandelt, kann es zu schweren körperlichen oder psychischen Folgekrankheiten kommen, daher ist Verharmlosung nicht angesagt. Körperliche Folgen können sein: Schwellung der Speicheldrüsen, Zahnschmelzschädigungen, Karies, Verletzung der Speiseröhre und Magenwand, Magen-Darm-Störungen, Haarausfall, trockene Haut, Müdigkeit, Kopfschmerzen, niedriger Blutdruck, Ödeme, Menstruationsstörungen, Stoffwechselstörungen, Herz-Rhythmusstörungen. Zu den psychischen Störungen gehören Stimmungstiefs und Depressionen, Schuldgefühle, Unsicherheit und Unausgeglichenheit, Rückzug und soziale Isolation, Nachlassen des sexuellen Interesses, Konzentrationstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche, Angst, Selbstwertprobleme, Selbstmordgedanken.
Da gerade häufig junge Menschen betroffen sind, die in der Regel über wenig Geld verfügen, können die Einkäufe für die Heißhungeranfälle sowie das Erstehen der Medikamente (Appetitizügler, Abführmittel, Entwässerungsmittel) zu starken finanziellen Problemen aber auch zu Ladendiebstählen führen.

Zum Abschluss der Beschreibung der Bulimie noch einmal der häufige Kreislauf: Zunächst sind da Konflikte, Passivität, Minderwertigkeitsgefühle, Selbstunzufriedenheit und Unzufriedenheit mit dem Äußeren bis hin zum Schlankheitswahn. Diäten und Gewichtskontrolle setzen ein und werden gefolgt von zunehmend gestörtem Essverhalten sowie fehlender Wahrnehmung von Hunger und Sättigung. Scham- und Schuldgefühle wechseln ab mit der Gier und unbändigem Essen. Aus Angst vor dem Dickwerden wird erbrochen, gefastet, abgeführt. Unzufriedenheit und andere Probleme geraten wieder in den Vordergrund, der Kreislauf setzt sich fort. Allerdings verselbstständigen sich auch die fortwährenden Essrituale mit In-sich-Hineinstopfen und Erbrechen....

Als mögliche Ursachen bzw. Hintergründe von Bulimie sind zu nennen: Häufiges Diätverhalten, gesellschaftliches Schlankheitsideal, einschneidende persönliche Erfahrungen, ungelöste Konflikte, familiäre Bedingungen, besondere Bedeutung der Themen ”Essen” und ”Gewicht” in der Herkunftsfamilie, persönliche einschneidende Erfahrungen (wie der Tod eines geliebten Menschen, der erste Liebeskummer, Trennung vom Partner etc.) können unter bestimmten Voraussetzungen zum Auslöser für einen Bulimie werden.

Nicht jede Diät also führt unweigerlich in die Bulimie, nicht nach jedem Fasten wird das Hungern zur Sucht. Es müssen hierfür noch andere Faktoren in der persönlichen und familiären Entwicklungsgeschichte hinzukommen, die wiederum von den beschriebenen gesellschaftlichen Normen, Werten und Idealen gespeist werden.

Viele BulimikerInnen sind nach äußeren Maßstäben eher schlank, halten sich selber jedoch für zu dick. In der negativen, gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers zeigt sich ein mangelndes Selbstbewusstsein. Ausgeprägte Minderwertigkeitsgefühle erzeugen vielfältige Ängste und Stress in vielen Situationen. Die negativen Emotionen und die psychische Anspannung wird irgendwann unerträglich und die Essanfälle stellen ein Ventil dar. Sie sind als Versuch anzusehen, Ängste, depressive Verstimmungen, Stress und Spannung zu verarbeiten. Da für viele Menschen Nahrungsaufnahme zunächst positiv besetzt ist und Geborgenheit verspricht, erscheint Essen als (kurzfristige) Lösung. Nach der Nahrungsaufnahme jedoch treten Schuldgefühle und mangelndes Selbstwertgefühl verstärkt auf, die innere Leere vergrößert sich ebenso wie die eigene wahrgenommene Hilflosigkeit. Zum Teil besteht aufgrund dieses Teufelskreises akute Suizidgefahr oder die Tendenz zu selbstverletzendem Verhalten.

Auch die Familienstruktur kann eine Bedeutung in der Entstehung und Aufrechterhaltung der Bulimie haben. Dieser Bereich ist noch wenig erforscht, es wird aber Folgendes häufiger beobachtet: Familien, aus denen bulimische PatientInnen stammen, sind häufig relativ wohlhabend, die Eltern sind in der Regel überdurchschnittlich gebildet und achten auf ihre äußere Erscheinung. Unbewusst eifern Kinder dem perfekten Vorbild ihrer Eltern nach. Sie sind häufig erfolgreich in Schule und Beruf und stellen immer noch höhere Anforderungen an sich, auch in Bezug auf ihre äußere Erscheinung. Anerkennung wird dabei in der Regel von außen gesucht, das eigene persönliche Gefühl, mit sich zufrieden zu sein, tritt nicht ein, wurde in der Vergangenheit aber auch in der Regel nicht als wichtiger Maßstab kennengelernt. Familien, aus denen BulimikerInnen stammen, wirken nach außen oft harmonisch. Im Familienleben werden Konflikte und Gefühle oft nicht offen ausgedrückt. Das Kind lernt häufig nicht, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einzufordern. Kinder haben häufig auch nicht gelernt, Konflikt auszutragen und auszuhalten, ebenso wie auf negative Emotionen reagieren sie später hierauf mit Essen, da Essen in der Regel eine positive Bedeutung hat. Dabei greifen sie in der Regel auf Essensmuster der Kindheit, die in der Herkunftsfamilie angelegt werden, zurück.

Diese Informationen sollen keine Schuldzuweisungen beinhalten, sondern auch Anhaltspunkte für die Veränderungen und Problemlösungen anbieten.

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von Micha, 21.04.2012 01:40 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

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