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Sprang das Sorgerecht von der Rombachtalbrücke in den Tod?

Sprang das Sorgerecht von der Rombachtalbrücke in den Tod?

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Es ist in aller Munde: Der 37-jährige Familienvater aus Parchim (Mecklenburg-Vorpommern), der auf der ICE-Brücke über dem Rombachtal zunächst seine neun und zehn Jahre alten Kinder niederstach und mit ihnen dann 95 Meter in die Tiefe stürzte. Der Mann lebte von der Mutter der Kinder getrennt und es gab einen Sorgerechtstreit zwischen den Eltern.

Natürlich entbrennen die Diskussionen in den Medien und den Social-Networks, ob und in wieweit das Sorgerecht für Väter ausreichend sei, da dies als das alleinige Motiv des erweiterten Suizids des 37-Jährigen angesehen wird. Problematisch ist dabei, dass auch nicht wirklich mehr über die Umstände und die Familie bekannt ist. Das läßt viel Raum für Spekulationen und allzu voreilige Rückschlüsse, welche nur auf Halbwissen und Vermutungen basieren können.

Und so werden auch die Rufe nach einer Verbesserung des Sorgerechts für Väter laut, obwohl sich die Situation für sie in den letzten Jahren schon erheblich verbessert hat. Genau deswegen müssten auch die historischen Wandel der Gesetze und insbesondere der Gesellschaft betrachtet werden, sonst sind fatale Irrtümer vorprogrammiert.

Die Familie im vergangenen Jahrhundert


Noch in den 50er Jahren war es durchaus üblich, wenn eine durchschnittliche Familie aus den beiden Eltern und 2-3 Kindern bestand. Selbst Familien mit fünf oder mehr Kindern wurden eher hoch angesehen, denn es war mitunter ein Zeichen von Wohlstand, wenn der meist alleinverdienende Familienvater genügend sicheres Einkommen hatte, um so vielen hungrigen Mäulern genug zu Essen und ein Dach über dem Kopf zu bieten. Nur sehr selten entstand das Problem von Arbeitslosigkeit oder zu geringem Verdienst, dessen Folgen wegen guter sozialer Absicherung eher harmlos blieben. Schnell war ein neuer Arbeitsplatz gefunden und die ganze Familie konnte sorgenfrei in die Zukunft schauen.

Meistens entwickelten sich die Familien klassisch nach demselben Muster: Mann und Frau hatten eine gute Schulbildung und Berufsausbildung und während der Mann dann mit einer sicheren Anstellung den Erfolg in der Arbeit fand und nachgehen konnte, entwickelte sich die Frau zum berüchtigten "Heimchen am Herd", sorgte sich um den Haushalt und versorgte Mann und Kinder. Waren die Kinder später Flügge und verliessen das Elternhaus, griff die Frau häufig ihren erlernten Beruf wieder auf und beide trugen dann gemeinsam zu einem luxuriösem Wohlstand bei, indem sie sich sämtliche Konsumgüter und Reisen leisteten, auf die sie im Familienleben freiwillig verzichteten.

Oh nein, das ist jetzt keine Hymne auf die Familien der 50er Jahre! In vielen Dingen war insbesondere die Frau gesellschaftlich, wirtschaftlich und rechtlich sehr stark benachteiligt und das ist nie akzeptabel gewesen. Deswegen waren vor allem die 70-90er Jahre von der Emanzipation der Frau geprägt, womit die Frau letztlich zumindest vom Gesetz her gleichberechtigt wurde.

Die Familie zur Jahrtausendwende


Die klassische Familie ist ausgestorben. Verkürzt beschrieben entstehen Familien nur allzu oft nach einem neuen Muster: Jungen und Mädchen beginnen (gewzungener Massen) eine gute Schulausbildung, welche durch eine immer massiveren Komprimierung eher einem Wissen eintrichtern gleich kommt und dort werden die ersten Weichen zwischen Erfolgreiche und Versager gestellt. Erfolgreiche Männer und Frauen bereiten sich auf eine Karriere vor und wenn die biologische Uhr kurz vorm letzten Kuckucksschrei ist, wird schnell noch eine Familie gegründet, wenn einem danach ist. Währenddessen quälen sich die anderen durch die Schule und der möglichen Berufsausbildung für einen Arbeitsplatz, den es nach drei bis fünf Jahren schon nicht mehr gibt. Arbeitsplätze gibt es nur noch auf wenige Monate bis maximal 2 Jahre Dauer und wer das satt hat oder einfach mal auf eine Familienplanung durch Verhütung verzichtete, wird zwischen Schule und Jobs eine Familie gründen, ohne sie zuvor geplant, geschweige denn abgesichert zu haben.

Die Wirtschaft zeigt allen gemeinsam auf, dass jemand, der sich nicht das neueste Handy, den größten Smart-TV oder das schnellste Auto kauft, nicht Bestandteil der erfolgreichen deutschen Gesellschaft ist. Selbst wer willentlich bisher der Familie die höhere Priorität einräumte, wird mit Konsumwerbung überschüttet und wenn das Kind plötzlich einen Schulausflug ins ferne Ausland mitmachen _muss_, dann bricht das geplante Gartenhäuschen zusammen oder die Familie überschuldet sich mit Krediten.

Wen also wundert es, dass Familien kaum noch eine Größe über Eltern und ein Kind erreichen und die Eltern sich unter diesem Druck kaum noch imstande sehen, Partnerprobleme anzugehen und die Lösung von Familienproblemen im Lösen der Familie sehen? Immer mehr Single-Haushalte und alleinerziehende Elternteile sind die Folge. Seitdem die Zahl der Scheidung- bzw. Trennungsskinder steigt, stellt sich immer mehr die Frage nach Unterhaltszahlungen und Sorgerechtstreits, bei dem eben häufig die Männer die doppelt Leidtragenden sind.

Diskussionsgrundlagen


Nochmal die bisher einzig bekannten Faktoren zu dem erweiterten Suizid des 37-jährigen Vaters durch den Sprung von der Rombachtalbrücke: Es lag ein Sorgerechtstreit vor. Mehr wissen wir alle derzeit nicht! Wie es zu der Trennung von der Mutter der Kinder kam, ob dieser Mann nicht zu denjenigen gehörte, die schon unter dem Druck einer ständigen Jobsuche von Zeitarbeitsvertrag zu Zeitarbeitsvertrag hangelte oder der wirtschaftliche Gesellschaftsdruck nach immer mehr Konsumverlangen dazu beitrug, ja sogar ob nicht psychische Vorerkrankungen oder Belastungen u.a. z.B. Burnout ursächlich waren: Auch das weiß derzeit niemand!

Die Unterhaltszahlungen und ein Sorgerechtstreit sind eigentlich nicht mehr und nicht weniger als die Abwicklung einer Kapitulationserklärung, fast schon vergleichbar wie die zum Ende eines Krieges. Derjenige mit den besseren Argumenten und wer als der Stärkere aus dem vorangegangen Ehekrieg hervor gegangen ist, hat gute Chancen, auch hier als Sieger heraus zu gehen. Doch die eigentlichen Verlierer sind immer die Kinder: Sie verlieren meist nicht nur einen Elternteil, sondern wie hier an der Rombachtalbrücke nicht selten auch ihr Leben.

Wer also meint, dass jetzt unbedingt das Sorgerecht reformiert werden müsse, der sollte bitte nicht die auslösenden Faktoren vergessen. Es muss leichter werden, einen guten Schulabschluss und eine gute Berufsausbildung  zu bekommen. Es muss möglich werden, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden und nicht nur solche für wenige Monate. Für Durststrecken der Familie muss eine effektive und unbürokratische soziale Absicherung her und der wirtschaftliche Druck zu immer mehr "Konsum - sonst bist Du nichts!" muss in die Schranken gewiesen werden.

Genau das ist der Staat und die Gesellschaft jeder Familie und insbesondere den Kindern gegenüber schuldig! Darüber muss diskutiert werden.

Anfangen muss dies mit einem herzlichen Beileid an die Hinterbliebenden des Vaters und der beiden Kinder. Darauf ist noch niemand gekommen...
Kategorie: Familie · Gesetze
Tags: Brücke · Erweiterter Suizid · Familie · Kinder · Rombachtal · Sorgerecht · Suizid · Vater
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Über Micha:
Jahrgang 1961 arbeite ich über 35 Jahre lang in der Softwareentwicklung mit dem Schwerpunkt Datenbanken und Problemanalysen. Ende 1999 wurde die Webseite des Regenbogenwalds von mir erschaffen und bin seit der Vereinsgründung 2012 auch dessen ehrenamtlicher Vorstand.
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von Micha, 04.08.2015 09:05 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · 1 anderen gefällt das

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