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Herzensangelegenheiten #4

Herzensangelegenheiten #4

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Ein Herz und viele Seelen fliegen dort herum und eigentlich ist es wie das Warten am Bahnhof.


“Ist alles bereit? Kann ich jetzt gut gehen?”.

Ich verlasse meine Wohnhöhle nicht ohne den Gedanken “Kann ich jetzt gut gehen?” und genauso öffne ich die Türen und Chatfenster zu meiner Wohnhöhle nicht ohne den Gedanken “Ist alles bereit?”.

Hier ist es sicher.

Außer es gibt Gewitter. Aber ein Blitz plant seinen Einschlag nicht. Hoffe ich.


Und jetzt ist alles der Bahnhof.

Manchmal.

Auf der Informationstafel steht nur ein Datum. Der Rest ist irrelevante Spekulation.

Wir warten auf den Herzschlag.


Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich dieses Datum für den Zeitpunkt des Herzschlags halte. Und dann denke ich darüber nach, was ich bis dahin wohl noch alles schaffen kann.

Ich habe neue Listen und gehe mit meinem Geld um, als gäbe es so etwas wie ein

“nach dem 16. 6. 2015” nicht. Oft halte ich den Atem an, als könnte ich damit die Zeit, die mir noch bleibt, damit auch anhalten. Und halte die Tränen als eine trübende Schicht zwischen Licht und Bild über dem Augapfel, wenn ich wieder einatmen muss. Obwohl ich nicht weiß wieso.


Ich sollte darüber nachdenken, was nach dem Datum passiert.

Ich sollte viel öfter darüber nachdenken, was dann kommt.


Ich habe nie darüber nachgedacht, was nach der Bulimie kommt. Was nach der Anorexie kommt. Nach dem müde, hungrig, taub, aufgeputscht, dumpf sein. Kaputte Zähne, verdaute Muskeln – das haben alles die echten Essgestörten. Ich hab ja nur Traumata reinszeniert. Das war ja nicht echt. Und so richtig ein Skelett war ich auch nie. Ich habe immer gehofft, dass mein Körper die Muskeln in den Armen zuerst verdaut, damit sich diese eine spezielle Falte am Ärmelrand bildet und absteht. Diese Falte, die man hat, wenn die Kleidung richtig gut sitzt und passt. Was sie bei mir nie getan hat und auch nie tun wird.

An mein Herz habe ich nie gedacht.


An mein Herz denke ich immer, wenn ich Angst habe. Angst vor Hunger, Durst, Kälte, Ausscheidebedürfnissen. Manchmal auch mir selbst.

Dann denke ich daran und erinnere mich an all die Menschen, die mir sagen, dass ich mich nur beruhigen muss.

Wenn ich Angst habe, ist die Lösung immer, dass ich mich nur beruhigen muss. Denn offensichtlich sind meine Ängste nichts als Bullshit. Posttraumatischer Schluckauf mit Grüßen von der Nebennierenrinde. Nichts, was für meine Umwelt bedeutet, dass ich Grund zur Beruhigung brauche.


Nach 32 Tagen mit dem Wissen um die Dysfunktionalität meines Herzens denke ich daran, dass meine Angst vor der Zukunft vielleicht noch am wenigsten der Bullshit war, für den ich sie immer wieder zu halten hatte und habe.

Wir halten am Leben fest, wissen aber seit inzwischen 8 Jahren nicht wozu eigentlich wirklich.

Aber wir tuns und damit wir nicht ständig darüber nachdenken, dass das so ist und wie das für die schrillscharfen Giftecken in uns ist, tun wir die Dinge, die wir tun, weil wir sie tun können.


Am Ende aller Zukünfte steht für uns der Gedanke: “Und dann kann ich gut gehen.”.

Es gibt kein Bild vom Dazwischen, in dem es uns auch gibt und ich halte das nicht für einen Fehler, sondern für ein Ergebnis. Für das “und dann” eines Geistes, der dieses “und dann” in michuns reingewaltet hat, ohne es zu wissen oder zu bedenken.

Ich glaube, wir sollten einfach nur nie da sein, für diesen Geist. Wir sollten einfach weg sein.

Still sein. Vielleicht: tot sein.


Vielleicht sollte mein Herz nicht aufhören zu schlagen, aber die Seelen sollten es. Ganz sicher.

Wenn man so durch die Luft fliegt und keiner der Schläge eine Charakteristik mehr hat, dann ist es der Hass, der Seelen aufspaltet, während die physische Energie sie bersten lässt. Am Ende bleibt nur ein “jetzt” und ein “und dann”. Zwei drei vier … hunderte Seelen, Anteile, Persönlichkeiten, Innens, Gedanken und Seins, in denen es einfach kein Konzept von “gleich”, “sofort”, “bald”, einem “und dann”, das unmerklich, unschmerzhaft, unzerstörerisch ist, gibt.

Woher denn auch?


In den letzten 8 Tagen hatte ich 9 Krampfanfälle und immer wieder motorische Aussetzer.

Und denke folgerichtig darüber nach, dass mein Herz jeden Moment aussetzen könnte.

So macht man das, wenn man nicht darüber nachdenken will, ob man den Gehirntumor, den man sich bereits mit 14 selbst diagnostiziert hat, heute wohl noch rausoperieren kann, oder ob er vielleicht gestreut hat.

Bis ins kleinste geheimste Herzkämmerlein hinein.


Aber ach – alles Bullshit. Ich schlafe zu wenig, esse das Falsche und habe seit … November? Oktober? – nee- Dezember? nichts wirklich therapeutisch Sinniges mehr gemacht.

Ich hab ja auch zu tun. Ich habe ja seit Neustem die Mission endlich mal selbst diejenige zu sein, die anderen Menschen sagt, dass sie keine Zeit hat irgendwas zu erklären, zu machen, zu ermöglichen, miteinander zu tun.

Autarkie Rosenblatt – irgendwann designe ich mir mal ein selbstgewebtes, nachhaltiges, tierqual- gluten- und konservierungsstoffreies Weltenrettungs – T – Shirt, wo das drauf steht.


Also bald – am Besten: morgen.

Wenn mein Herz bis dahin nicht stehen bleibt.


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Quelle dieses Beitrags: http://einblogvonvielen.org/2015/04/07/herzensangelegenheiten-4/


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