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mit Leuchtturmlicht


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Wir waren bereits 30 Stunden wach, als jemand bemerkte, dass wir eine Begleitung brauchen, die wir uns geistig an die Seite stellen können.

Jemand, der auf uns reagiert, doch uns mit seiner physischen Anwesenheit verschont. Jemand, der zugewandt ist, aber uns nicht anstarrt, um zu finden, was gesucht wird.


So schrieb ich eine Email an jemanden und versuchte das Weinen hinter mir wegzuatmen. “Ich habe jetzt eine Email an die Leuchtturmwärterin geschickt. Jetzt sind wir im Zug nach Potsdam, weil M. dort in 8 Stunden einen Vortrag halten wird. Wir haben ganz viel Zeit, falls die Fahrt schief geht und Kaffee im Rucksack. Falls alles unaushaltbar wird, können wir Menschen anrufen.”, gab ich nach innen und hörte nicht damit auf, bis wir ankamen.


Wir waren fast 60 Stunden wach, als wir uns wie eine Raupe in ihre Puppe, in den Schlafsack kuschelten und an die Person im Leuchtturm schrieben:

“Morgen – Nein, ich denke nicht an Morgen.

Ich hänge meine Gedanken jetzt an den Rahmen des Hochbetts als eine Schnur auf, der ich mich morgen widme”.


Die Vorstellung, dass sie und die Lieben in meiner Twittertimeline jetzt direkt neben mir am Bett säßen, einfach so, ohne Wort und Tat, ohne Anspruch, einfach nur da, bei mir in dem fremden Zimmer, in der fremden Stadt, inmitten der Dinge, die uns ängstigen und immer wieder aufscheuchten, entstand und trug uns in den Schlaf.


Wir wollten früh aufstehen, um uns den Berliner Hauptbahnhof anzuschauen, Zeit und Raum für uns allein zu haben. Als anonymer Körper inmitten eines in den Äther brüllenden Molochs umherzutreiben und diese Kongruenz mit dem Außen eine Zeit lang zu leben.

Der Morgen erhob sich aus einem feuchten Nebel und tauchte den Griebnitzsee, in dessen Nähe wir geschlafen hatten, in ein fast so unwirkliches Licht, wie unser Innen darbot.


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Wir müssen uns schützen, wenn wir raus gehen. Wenn wir unter Menschen sind, die nichts von uns wollen, fällt es uns leicht. Wir tragen In-Ear-Kopfhörer, darüber eine Mütze oder Kappe. Wir brauchen niemanden ansehen und die Kleidungsschichten mindern den Schmerz, dem jedes Angerempelt werden, jede unerwartete Berührung folgt. So können wir uns in zwei Kanälen sammeln und die eigene Existenz vor dem, was um uns herum ist ertragen.


Wir müssen nicht reden, wenn wir unter Menschen sind, die nichts von uns wollen. Auf Dinge deuten, Lächeln, Geld hinhalten reicht.

So geht Basiskommunikation in der Fremde, der Kälte, dem auch-ganz-und-gar-ohne-uns.

Ein Jemand hatte gelesen, dass es ein Modell des Hauptbahnhofes gäbe. Suchte und fand es. Ließ den Wunsch nach Fotos davon in die Uns-Suppe tropfen.

Das Kinderinnen, das fast http://angucken.wordpress.com/"
>alle unsere Fotos macht, fertigte ein paar Aufnahmen an. Strudelte von uns begleitet durch die Menschenmassen, trank den Rest Mate vom Vorabend und traf eine kleine Mopshündin. Es machte ein Foto von dem Hund und beobachtete die Spatzen, die im

Bahnhofsinneren umherhopsten.


Und dann hörte ich die Ansage an dem Innen vorbei.

Ich stand auf und suchte mir einen Punkt, an dem ich zu Stein werden konnte, ohne das Ummichherum zu stören.

”Berlin Hauptbahnhof.

Ich könnte locker ein Ticket nach Hause, nach Früherzuhause, kaufen. Die Züge fahren hier jede Stunde. Es tut weh.

Und die Entfernungen. Dieses ganze Stück zwischen früher und heute. Zwischen Familie* und Rosenblätterleben. Zwischen dort und hier. Zwischen Aushalten und Leben.

Und dann fragt man sich, wo all die Spalten und Risse und Kluften im Selbst herkommen.

Vielleicht geht’s darum, in wessen Hände ich mein Herz legen muss. Kann.

Darf.”,
tippte ich in Richtung Leuchtturm. Das Warten auf eine Antwort würde es mir ermöglichen die Richtung, für die wir uns vor inzwischen vielen Jahren entschieden haben, nicht aus den Augen zu verlieren.


Die Tränen rannen unbeeindruckt vom Steinsein an mir runter und ich hatte Angst mich umzudrehen, um zu sehen, für wen diese nahe und doch nie wieder anzunehmende Option so schwierig war. “Ich weiß, was du dir wünschst. Dein Wunsch ist okay. Aber, wenn du jetzt in so einen Zug einsteigst, wirst du nicht dort ankommen, wo du es jetzt brauchst und wünschst. Leider wird das nicht passieren.”, hörte ich aus dem Inmitten und atmete gegen den Schmerz des weinenden Innens hinter mir an.

Ich stellte mir vor, mit jedem Atemzug dickere Ränder zu bekommen, die mich ein bisschen vom Innen abschirmen. Ich verließ meine Stummheit und bestellte in Lautsprache ein Frühstück. Trank meinen ersten Milchkaffee mit Zimt und setzte mich auf einen Fensterplatz im Zug nach Hause. Das Weinen hörte auf, als der Zug nach Hause anfuhr.


Dort angekommen hatte ich so dicke Ränder und Nebel um mich herum, dass die Antwortemail vom Leuchtturm zu mir, das Warten in der anästhesistischen Ambulanz inmitten von weinenden und greinenden Babys und Kleinkindern, das Narkosevorgespräch selbst, die restliche Fahrt nach Hause, das Willkommen von NakNak* und Gemögter fast gänzlich an mir vorbeigingen.


Kurz bevor ich einschlief, fiel mir auf, dass ich seit 106 Stunden H.’s Gedanken in der Hand hielt. Wie ein Zugticket, das nicht abgeknipst wurde.

Sie wird nicht als selbst erlebt erinnern, was geschehen ist, nachdem sie dachte: “Ich werde also an Herzversagen sterben. Noch ein Versagen, dass ich nicht beeinflussen kann.”.

H. sitzt noch in der Praxis der Hausärztin und hält sich für eine Versagerin vor dem eigenen Am-Leben-sein.

Hält diese Wahrheit für uns, ohne sie tragen zu können.

Und wir konnten noch nicht zu ihr gehen, um sie abzuholen.


Viereinhalb Stunden später klingelte der Wecker, weil wir einen Termin zum kieferchirurgischen Eingriff im Krankenhaus hatten.

Ich ließ ihren Gedanken fallen.


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Quelle dieses Beitrags: http://einblogvonvielen.org/2015/03/15/mit-leuchtturmlicht/



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von EinBlogVonVielen, 15.03.2015 13:32 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

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