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Genitalverstümmelung: Sie nennen es „das Gefühl“

Genitalverstümmelung: Sie nennen es „das Gefühl“

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Werkzeug: Eine Sammlung alter Messer, die für Genitalverstümmelungen verwendet wurden; die Messer hat eine Frauenschutzorganisation in Ghana gesammelt. http://media1.faz.net/polopoly_fs/1.2697269!/image/2686128583.jpg_gen/derivatives/article_teaser/2686128583.jpg"/
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Eine brutale Erfahrung: Anusha ist beschnitten. Doch mit einer neu entwickelten Operation hat ein Arzt ihr Genital rekonstruiert. Eine Hoffnung treibt die Frau besonders an.

Abgelehnt. Die Operation wird nicht bezahlt. Eingriffe im Bereich der plastischen Chirurgie gehören leider nicht zu ihren Leistungen. Mehr will die Krankenkasse nicht dazu sagen. Für Anusha, 19, bricht eine Welt zusammen. Lange hat sie auf den Bescheid der Kostenübernahme gewartet. Sogar einen OP-Termin hatte sie schon. Sie weint: „Ich wollte mit der Vergangenheit abschließen.“ Doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein. Häufig hat sie Unterleibsschmerzen.

Auch heute, an dem Tag, an dem der Brief der Krankenkasse angekommen ist. Es ist unser zweites Treffen. Anusha, die ihren richtigen Namen lieber nicht gedruckt sehen möchte, sitzt am Ufer des Rheins und schaut auf die Wellen. Ein schlankes Mädchen mit schwarzen Rastazöpfen und großen braunen Augen, die einen immer nur kurz anschauen und dann sofort zu Boden blicken. Sie zieht die dunkle Lederjacke enger um ihren schmalen Körper und erzählt: „Man hat uns gesagt, es gebe ein großes Fest. Da war ich acht Jahre alt. Alle Mädchen in meinem Alter sind mit ihren Müttern und den anderen Frauen in den Wald gegangen. Wir haben gesungen und getanzt und gelacht. Wir haben uns alle furchtbar gefreut.“

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Ihre schmalen Hände fahren mit schnellen Bewegungen über die Wiese. Hier und da reißt sie einzelne Grashalme aus der Erde. „Dann haben sie mich gepackt. Meine Arme und Beine festgehalten. Mein Höschen war weg. Und dann waren da nur noch Schmerzen. Ich hab’ so laut geschrien. Und so geweint. Ich weiß sonst nichts mehr. Ich glaube, es war ein Messer.“ Aus den Grashalmen sind ganze Büschel geworden.

Wenn Anusha von der Vergangenheit erzählt, wird ihre Stimme schneller, aber nie verliert sie ihren weichen Klang, nie wird sie zornig. „Ich bin nicht wütend auf meine Eltern. Auch nicht auf meine Mutter. Sie wusste es ja nicht besser. Sie ist nicht hier in Deutschland und weiß nicht, dass es auch ohne Beschneidung geht.“

Typ II, die mittlere Stufe der weiblichen Genitalbeschneidung, wird Gynäkologe Christoph Zerm später in Düsseldorf feststellen. Von einer Klitorisdektomie und einer Exzision sprechen die Experten. Vereinfacht gesagt, wurden Anushas Klitoris und ihre inneren Schamlippen weggeschnitten. Bereits eine Beschneidung nach Typ I, die Klitorisentfernung, sei mit einer Penisamputation gleichzusetzen, erklärt Zerm nüchtern. „Werden die Schamlippen einer Frau zusätzlich entfernt, so würde das für den Mann die Entfernung des Hodensacks bedeuten.“

Als Anusha von den Operationstechniken erfuhr, wollte sie sofort mitmachen. Die 19-Jährige sitzt einige Wochen vor der Absage der Krankenkasse auf der Couch im Beratungszentrum von Jawahir Cumar, die beschnittene Frauen und Mädchen berät. Auch Anusha kommt regelmäßig vorbei: „Ich weiß, dass mir etwas fehlt. Dass ich keine vollständige Frau bin. Es ist so ein Gefühl in mir, und das macht mich traurig.“ Sie betrachtet das Bild an der gegenüberliegenden Wand. Darauf ist ein zusammengenähter Pfirsich abgebildet. Während ihrer Periode will sie sich wegen der starken Unterleibsschmerzen am liebsten nur im Bett verkriechen, erzählt sie. Doch wenn sie dort zu lange ist, fühlt sie sich noch einsamer. Einen Freund zu haben, kann sie sich nicht vorstellen: „Ich habe nichts mit Sex oder so zu tun. Ich kann doch keine Gefühle haben.“

Zwei Monate nach dieser Absage sitzt Anusha bei einem dritten Treffen in einem Café in Düsseldorf. Sie bestellt Kakao und erzählt von ihren Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz. Dabei berührt sie immer wieder den Arm ihres Gegenübers. Als wolle sie sichergehen, dass sie Gehör findet. Sie redet schnell, beinahe hastig. Unruhig rutscht sie dabei auf dem Holzstuhl hin und her, während ihre Augen immer wieder durch das Café wandern. Dann platzt es aus ihr heraus: „Die Krankenkasse hat den Antrag doch angenommen.“ Sie strahlt.

Gemeinsam mit Beraterin Cumar sei sie noch mal zu ihrem Sachbearbeiter gefahren. Doch der Mann habe wieder abgelehnt. „Da habe ich angefangen zu weinen. Ich war so traurig“, erzählt sie. Der Mann beschwichtigte sie, ging weg, um sich mit einem Kollegen zu beraten. „Der war eine Ewigkeit weg“, sagt Anusha. Dann die gute Nachricht: Man habe es sich anders überlegt. Die Operationskosten würden übernommen, da es sich nicht wie bisher angenommen, um eine ästhetische, sondern eine rekonstruktive Operation handle.

„Jetzt wird alles anders“, Anusha wickelt eine schwarze Haarsträhne um ihren Finger. „Ich werde mich wie eine richtige Frau fühlen.“ Es ist besonders dieser Wunsch, der sie antreibt. Dabei kann sie das Frausein nicht in Worte fassen. „Es ist, als würde etwas fehlen, etwas Wichtiges.“

Am nächsten Tag ist es endlich so weit. Flüssigkeit tropft langsam und gleichmäßig vom Beutel in den Schlauch. Im fast gleichen Rhythmus hebt und senkt sich das Mundstück, über das Anusha beatmet wird. Ihre Augen sind geschlossen. Manchmal flimmert es hinter den Lidern ein wenig. Ihr schmaler Körper wirkt winzig zwischen den großen Geräten. O’Dey setzt sich auf einen kleinen schwarzen Hocker, gibt den OP-Schwestern kurze Anweisungen und rollt zwischen Anushas gespreizte Beine. Die Operation beginnt.

O’Dey legt vorsichtig das verbliebene Stück der Klitoris frei. Dieser Klitorisstumpf bleibt in der Regel übrig, da die Beschneider nicht wissen, dass zu der Klitoris ein längerer Schenkel gehört, dessen Ende bis weit in den weiblichen Körper hineinreicht. Um den Klitorisstumpf formt O’Dey einen Hautlappen, der die neue Vorhaut der Klitoris bilden soll. O’Dey atmet tief durch. Knapp zwei Stunden dauert die Operation. Dann wird das neue Geschlecht unter einem speziellen Verband verborgen. Der Heilungsprozess kann beginnen.

Anusha dreht langsam den Kopf in Richtung Tür. Sie ist vom Narkosemittel noch ganz benommen. O’Dey sagt, die OP sei sehr gut verlaufen. Nur ob „das Gefühl“, wie hier alle die klitorale Empfindung nennen, wiederkommt, könne er noch nicht sagen. Die Voraussetzungen seien aber geschaffen. Anusha zuckt müde mit den Schultern. Sie hat es geschafft. Morgen wollen Cumar und Zerm zu Besuch kommen. „Morgen“, murmelt Anusha. Dann streicht sie vorsichtig mit der Hand über ihren Unterleib, entspannt sich und streckt die Beine aus.

Knapp zehn Monate später lacht Anusha fröhlich ins Telefon. Sie macht gerade Urlaub in den Niederlanden. Doch nicht nur das gute Wetter, auch die Ergebnisse ihrer Nachuntersuchungen heben ihre Laune: Die Operation war erfolgreich. Anusha verspürt keine Schmerzen mehr, nicht während ihrer Periode und auch nicht, wenn sie mit ihrem Freund zusammen ist. Bald möchte sie zu ihm ziehen. Ja, sie sei glücklich, sagt sie und wird plötzlich ernst. Eine neue Herausforderung steht an: Sie wird ein Baby zur Welt bringen. Ein Mädchen. Das erste in ihrer Familie, das nicht beschnitten werden wird. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/genitalverstuemmelung-sie-nennen-es-das-gefuehl-12688948.html"
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Quelle dieses Beitrags: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/genitalverstuemmelung-sie-nennen-es-das-gefuehl-12688948.html



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Eine brutale Erfahrung: Anusha ist beschnitten. Doch mit einer neu entwickelten Operation hat ein Arzt ihr Genital rekonstruiert. Eine Hoffnung treibt die Frau besonders an.

Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH


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Kategorie: Panorama
Tags: Deutschland · FGM · Genitalverstümmelung · Ghana · Rekonstruktion
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von Newsfeed, 13.12.2013 11:51 Uhr · Teilen · Kommentieren · Gefällt mir · sei der Erste, dem das gefällt!

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