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Warum sollen Schlecker-Frauen nicht alte Menschen pflegen können?

Schlecker-Frauen: Anschlussbeschäftigt als Opfer

27. Juni 2012

Heute schließen die Schlecker-Filialen für immer - und 13.200 Beschäftigte verlieren ihren Job. Aber ist das wirklich so schlimm? Das vielerorts geäußerte Mitleid ist nichts anderes als Verachtung. Traut den Kassiererinnen niemand zu, einen neuen Job zu finden?

Kürzlich kaufte ich Schokolade bei Schlecker. Es war der letzte Tag der trostlosen Filiale. Die Regale waren halbleer, alle Preise waren runtergesetzt. So viel Kundschaft auf einmal hatte der Laden wahrscheinlich noch nie gesehen. An der Kasse saß eine Mitarbeiterin im weißen Kittel und hatte richtig zu tun.

Die Kundin vor mir in der Schlange öffnete ihr Portemonnaie. Sie schaute die Frau an und sagte: "Was für ein schlimmer Tag muss das heute für Sie sein." Darauf die Kassiererin: "Nö, wieso? Dann gehe ich woanders kassieren."

So wurde es ein schlimmer Tag für die Kundin. Sie hatte ihr Mitleid für die Schlecker-Frau bekundet und sich öffentlich auf die Seite der Schwachen gestellt. Die Schlecker-Frau dagegen dachte gar nicht daran, sich bemitleiden zu lassen. Sie wusste, dass sie kassieren kann - und zwar nicht Hartz IV, sondern im Laden. Sie würde sich einen neuen Job suchen: zum Beispiel in einem anderen Drogeriemarkt. Oder bei Kaufhof, bei Rewe, bei Douglas. Und vielleicht wären dort ihre Arbeitsbedingungen sogar besser. Es ist noch nicht lange her, da gab es zornige Proteste gegen Lohndumping, Videoüberwachung und prekäre Beschäftigung bei Schlecker.

Rund 13.000 Schlecker-Mitarbeiter, vor allem Kassiererinnen, werden zum Ende des Monats entlassen. Als "normale Dynamik am Arbeitsmarkt" beschreibt das Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit: "In Deutschland verlieren jeden Tag fast 20.000 Menschen ihre Arbeit, und mehr als 20.000 finden einen neuen Arbeitsplatz. Jeden Tag", sagte er in einem "Zeit"-Interview. "Natürlich werden unprofitable Filialen geschlossen. Aber die Menschen kaufen weiterhin Shampoo oder Zahnseide. Die Nachfrage bleibt - der Umsatz verlagert sich. Dadurch entsteht bei den Konkurrenten Arbeit."

"Die Hölle einfrieren"

Doch es ging weiter mit dem Mitleid: Die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer schnürte ein Hilfspaket, bestehend aus einem Runden Tisch, einer speziellen Task Force und zusätzlichen "Kümmerern" bei der Arbeitsagentur. Offensichtlich hält sie die Verkäuferinnen für zu blöd, sich selbst bei Edeka oder Biocompany zu bewerben. Oder für so unselbständig, dass sie einen zusätzlichen "Kümmerer" bei der Arbeitsagentur brauchen.

Eine Sozialministerin wird naturgemäß von Ver.di-Chef Frank Bsirske unterstützt. Er forderte Angela Merkel und den deutschen Steuerzahler auf, die 25.000 Schlecker-Frauen zu retten. DGB-Chef Michael Sommer zündete ein Feuerwerk der Sprachbilder: Wer den Schlecker-Frauen nicht sofort helfe, zeige "grausige Kälte", mit der man "die Hölle einfrieren" könne. Man lasse die Schlecker-Frauen "über die Klinge springen" und "verweigert ihnen die helfende Hand". So verbanne man die Verkäuferinnen "in das Niedriglohn-Ghetto der Minijobs".

Geht es auch eine Nummer kleiner? Manuela Schwesig (SPD), Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern, forderte, der Bund müsse für die gute Qualifizierung der Schlecker-Frauen sorgen. Ich persönlich würde es mir verbitten, wenn Bund und Öffentlichkeit sich um meine Qualifizierung sorgten. Ich bin ehrlich gesagt heilfroh, dass sich zumindest mein Vater nicht mehr in derlei Angelegenheiten einmischt.

Für eine andere Arbeit zu tumb?

Für die selbsternannten Retter der Schlecker-Frauen aber ist es offenbar unzumutbar, dass die Frauen sich selbst über ihre berufliche Zukunft Gedanken machen. Offensichtlich traut man ihnen keine eigenen Entscheidungen zu. Daraus spricht Verachtung für diese Frauen.

Oder wie sonst ist zu erklären, dass man ihnen jegliche Eignung und jegliches Talent für einen anderen Job abspricht? Zu Erzieherinnen und Altenpflegerinnen dürfe man sie auf keinen Fall umschulen, allein der Vorschlag sei "ein Schlag in die Magengrube", so Ursula Günster-Schöning, Beraterin für pädagogische Einrichtungen, in der "Süddeutschen Zeitung". Erzieherinnen bräuchten nämlich "eine innere Haltung, Empathie, Neugierde, die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Bereitschaft sich weiterzuentwickeln". Kurz: Dazu sind die Schlecker-Frauen zu tumb.

Die ordentliche deutsche Schlecker-Frau soll sich also nicht umschulen lassen und auch keinen neuen Job suchen als Blumenverkäuferin, Zimmermädchen, Barista, Empfangsdame, Taxifahrerin, Callcenter-Agent, Reinigungsfrau, Briefträgerin, Haushälterin, Hausmeisterin oder Schaffnerin. Sie soll sich gefälligst als Opfer zur Verfügung halten, damit andere sich als Retter aufspielen und ihre Endzeitmetaphern in Interviews loswerden können. Denn die Schlecker-Frau steht nicht nur "auf der Straße", sondern auch "vor einem Scherbenhaufen" beziehungsweise einer "ungewissen Zukunft". Sie leidet "stellvertretend für drei Millionen Arbeitslose".

Wäre es von der Schlecker-Frau da nicht ganz und gar herzlos, einfach eine neue Arbeit zu suchen?

Quelle: http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/schlecker-frauen-anschlussbeschaeftigt-als-opfer-a-840500.html

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Letzte Kommentare:

Gast am 17.06.2013
Ist ganz intresan so. Das erklärt auch einiges...

Gast am 14.06.2013
Vorsicht bei Hypnose zur Erinnerungsfindung! Es ist...

Gast am 14.06.2013
gibt es eine Möglichkeit durch bzw. Hypnose herauszufinden,...

Gast am 12.06.2013
Ist ja echt cool das es so etwas gibt.

Joosy am 12.06.2013
das wäre doch mal ein guter Plan finde ich :-)

Micha am 12.06.2013
Die berechtigte Überlegung wird nur an falscher Stelle...


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