Gedichtesammlung 20


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Sylvester  

Es ist Sylvester, die letzte Nacht im alten Jahr,
ich geh durch die Straßen, mein Schritt ist fester 
blick in Gedanken zurück ... was alles war. 
Ich schau auf den Jahresanfang des Jahres, 
was gleich ist vergangen. 
Geh die Monate entlang, überleg ... 
wann hat alles angefangen?

Hab auf meinem Weg die Liebe getroffen, 
war sehr glücklich ... doch dann kam zu mir auch die Trauer. 
Ich lebte immer zwischen Ängsten und Hoffen. 
Lernte neue Menschen schätzen und kennen, 
von einigen musste ich mich auch wieder trennen. 
Das Glück war mir nur zeitweise hold, 
ich ging mit Dir durch Höhen und Tiefen. 
Hab nur ein wenig Liebe von Dir gewollt, 
Freude, Sehnsucht und viel Tränen den Weg mit mir liefen.

Der Weg zueinander ist so schwer und so weit, 
ich ging ihn mit Dir ein Stück gemeinsam. 
Zur Versöhnung waren wir immer wieder bereit, 
denn ein Herz allein ist sehr einsam. 
Wir sind in unserer einzigartigen Liebe gefangen, 
können uns von einander nicht trennen ... 
wissen aber auch wir können nicht zusammen leben ... 
wünschen uns wieder zu einander zu gelangen ... 
verfluchen den Chat ...
denn dort lernten wir uns lieben und kennen ... 
doch auch er kann uns den Mut und die Hoffnung nicht wieder geben!! 

Nun steh ich wieder an Jahresanfang und Ende, 
denke was bringt mir das neue Jahr? 
Reichen wir uns zum Abschied die Hände? 
Die Schneeflocken verlieren sich in meinem Haar. 
Tief in Gedanken versunken geh ich durch die verschneite Stadt, bemerke nicht das Leben um mich her, 
es steigen zum Himmel bunte Raketen und verglühen, 
doch meine Seele, sie atmet so schwer. 
Wir haben uns all unsere Fehler verziehen. 
Warum ist dann mein Inneres so leer? 
Frag mich ... ob er wirklich alles verziehen hat?

seeloewin


Rote Tränen ... mit Klopapier verwischt ... 
im Klo runtergespült ... keine Spuren hinterlassen ... 
Rote Tränen mit Desinfektionsmittel ... 
brennen wir Nadelstiche ... 
wie gelähmt .... Tränen überall ... 
Rote und weiße ... vermischt ... 
Schmerz ...


Das Herz rast, der Puls steigt. 
Wie kurz vor dem großen Sprung. 
Doch es ist nur die Liebe, die in meiner Brust hämmert, 
die lauter kleine Schmetterlinge in meinen Bauch sendet, 
die mir wirre Gedanken beschert. 

Jede Sekunde, die ich an sie denke,
ist wie ein Augenblick mit ihr. 
Die schönsten Momente wiederholen sich 
unweigerlich in meinem Kopf. 
Immer wieder mit ihr auf der Couch, 
ihre Haare, ihre Augen, ihr Lachen hören, 
wie es das ganze Zimmer erhellt ...


Ich gehe, ohne zu wissen wohin. 
Ich sehe, ohne zu wissen wen. 
Ich liebe, ohne zu wissen wofür.
Ich renne, ohne zu wissen warum. 
Ich weine, ohne Tränen. 
Ich schreie, ohne dass ein Laut meinen Mund verlässt. 

Ich bete, ohne an etwas zu glauben. 
Ich esse, ohne jegliche Form von Hunger oder Appetit. 
Ich tue, ohne zu wissen was. 
Ich rede, ohne zu wissen warum. 
Ich lese, ohne zu verstehen worum es geht. 
Ich hoffe, ohne ein je erreichbares Ziel. 

Ich lerne, ohne zu wissen wofür ich es brauchen werde.
Ich schlage, ohne zu wissen wen oder was. 
Ich ignoriere, ohne darauf zu achten wen. 
Ich höre Musik, ohne den Text zu verstehen. 
Ich liege da, ohne die Augen zu schließen. 
Ich schlafe, ohne mich zu entspannen. 

Ich stehe auf, ohne es zu wollen. 
Ich sitze in der Schule, ohne irgendetwas zu verstehen. 
Ich tue was man mir sagt, ohne darauf zu achten, 
was dabei raus kommt. 
Ich frage, ohne eine Antwort zu erwarten. 
Ich weine ... Ich liebe ... 

Loewe


Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, 
zwei müde Augen blicken traurig darunter hervor. 
Der Schal reicht bis hin zur Nasenspitze, 
darunter verborgen ein Mund der verzweifelt schreit. 

Doch niemand hört die zaghaften Schreie. 
Die kalten Hände hilflos empor gestreckt - 
suchen jemanden, der sie wärmen kann. 
Niemand beachtet die tiefen Augenringe. 

Die Schmerzen nach außen gekehrt, 
im ganzen Gesicht zu erkennen. 
Die Leute könnten sie sehen, 
wenn sie nur richtig hinsehen würden,
die traurigen Blicke bemerken würden. 

In der Kälte rollt eine Träne die blasse Wange hinunter. Todesmutig stürzt sie zu Boden. 
Für kurze Zeit ist es warm. 
Und auch nur für kurze Zeit sehen die Menschen, 
was sich hinter dem vermummten Gesicht verbirgt.

Loewe


Der Kuss 

Es regnet – doch sie merkt es kaum, 
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert: 
Im Kuss versank die Welt im Traum. 
Ihr Kleid ist nass und ganz zerknittert. 
Und so verächtlich hochgeschoben, 
als wären ihre Knie für alle da. 
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben, 
der hat geseh'n, was niemand sonst noch sah. 
So tief hat sie noch nie gefühlt – 
so sinnlos selig müssen Tiere sein! 
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt – 
Laternen spinnen sich drin ein. 

© Wolfgang Borchert


Sie Sache ist so schlimm, dass sie niemand verkraften könnte. 
So endgültig, dass niemand Hoffnung erkennen könnte. 
So schmerzhaft, dass sie niemand überleben würde. 
So unwirklich, dass sie nicht einmal jemand träumen könnte. 

Sie ist so grausam, dass jeder daran zerbrechen würde. 
Sie zerschneidet meine Seele, meinen Körper, meine Gedanken,
mein Herz - einfach alles, was verwundbar ist. 
Sie zerstört mich. Aber was ist sie? Ich weiß es nicht.


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